Oe24 Flüchtlingsspiel

/ Sebastian Panny
/ 3. Februar

Zwei Berichte von oe24 und der Krone veranlassten Bildungsminister Heinz Faßmann, ein Schulprojekt in einer AHS über die Erfahrungen von Flüchtlingen einzustellen. In den Artikeln wird von traumatisiert zurückgelassenen Schülerinnen und Schülern geschrieben, die stundenlang festgehalten wurden ohne zu wissen, was vor sich geht. Wie wenig in diesen Berichten der Wahrheit entspricht, erzählt ein beteiligter Schüler gegenüber MOMENT.

Bildungsministerium und Bildungsdirektion hatten das Projekt nach Veröffentlichung der Berichte gestoppt und eine Untersuchung angekündigt. “Schülerinnen und Schüler zu verängstigen ist kein pädagogisches Konzept”, wurde Faßmann in einer Aussendung zitiert. Seine Parteikollegin, Kanzleramtsministerin Susanne Raab, bekräftigte ihn dabei. Es sei unverantwortlich, dass mit so einem Spiel “Ängste bei Kindern ausgelöst werden.”

Überprüft hatten sie die Ausführungen beider Medien offenbar nicht. Denn Ängste oder gar Traumata verursachte das Spiel unter den SchülerInnen in den Augen des beteiligten Schülers keine. “Für ein populistisches Medium wie oe24 macht es Sinn, dass sie etwas daraus machen. Das bringt halt Schlagzeilen”, sagt Lorenz (Name geändert). Er war von Beginn an in das Projekt involviert. Im Interview erklärt er, wie das Rollenspiel genau ablief und wie die Reaktionen der SchülerInnen dazu tatsächlich ausfielen.  

MOMENT: Wie hast du die Berichterstattung zu dem Rollenspiel erlebt?

Es hat mit einem Bericht auf oe24 begonnen. In dem Artikel standen viele falsche Angaben. Zum Beispiel, dass nur 12 bis 14-Jährige daran teilgenommen hätten. Es war aber die ganze Schule bis auf die ersten Klassen dabei. Am Anfang hat man gemerkt, dass alle nur von dem Artikel abschreiben, ohne selbst recherchiert zu haben. Unsere Schule hat sich dann dagegen gewehrt, die Schülervertretung hat etwa eine Pressemeldung abgegeben. Dann haben sich die Berichte langsam gebessert. oe24 waren halt die schnellsten und die falschesten. 

Speziell in den ersten Medienberichten hat es so gewirkt, als wäre das Rollenspiel emotional extrem aufwühlend gewesen. Wie haben das die Schülerinnen und Schüler empfunden?

Also es war sicher nicht so emotional, dass Schüler psychisch belastet oder schikaniert wurden. Das einzige negative Feedback war, dass man zweieinhalb Stunden nichts essen konnte und dass das viele Stufensteigen anstrengend war. Es wurde auch gelacht und viele waren froh, keinen Unterricht zu haben. Dennoch ist die Message durchgekommen - es war jetzt kein reiner Spaß. Sie haben schon verstanden, worum es geht.

Wie lief das Rollenspiel denn genau ab?

Alle am Spiel beteiligten, also 50 Lehrer, 26 Schüler und drei Personen von der Theatergruppe, kamen früher zur Schule. Wir hatten Buttons mit dem Wappen unseres “Landes” angesteckt und rosa Stirnbänder an. Das war unsere Kennzeichnung. Dann sind nach und nach die Schüler gekommen. Natürlich haben die nicht gewusst was los ist. Sie wurden dann in Gruppen zu je 22 Personen eingeteilt, gaben ihre Jacken in Klassenräumen ab und erhielten dort einen Pass.

Manche Medien berichteten, dass die Schülerinnen und Schüler direkt am Anfang mit Bändern als Flüchtlinge gekennzeichnet wurden. Stimmt das?

Die Bänder hatten nur wir Eingeweihten, alle anderen bekamen diese Pässe. Darin mussten sie ihre Gruppennummer und ihren Namen eintragen. Und sie mussten hineinschreiben, warum sie in unser Land einreisen und wie sie es bereichern können. Danach wurden sie zu den Stationen geschickt, nicht jede Gruppe hat aber alle durchgemacht. Das ganze Spiel dauerte etwa zweieinhalb Stunden.

Welche Stationen gab es denn?

Es gab einen Einbürgerungstest, bei dem mussten Fragen zu unserem Land beantwortet werden, wie etwa: Wie heißt der höchste Berg? Ein paar einfache Fakten eben. Dann gab es eine Sprach-Station, bei der mussten die Leute ein paar einfache Sätze auswendig lernen. Bei einer Station musste man unsere Nationalhymne lernen, die von uns vorher komponiert wurde. Bei der beliebtesten Station mussten die Schüler aus verschiedenen modernen Tänzen unseren Nationaltanz kombinieren. Und schließlich gab es im Turnsaal eine Station mit unserem Nationalsport: Bottle Flip.

Es gab auch noch ein mobiles Gericht. Die haben diejenigen, die zum Beispiel beim Tanzen oder Singen nicht wirklich mitgemacht haben, in das “Rückhaltezentrum” gebracht. Die einen haben dort länger, die anderen kürzer gewartet. Das Ganze war auch von Willkür gekennzeichnet, die sollte es ja auch darstellen. Auch die, die bei dem Spiel nicht teilnehmen wollten, haben dort gewartet. Die schlimmste Strafe war, dass sie “Last Christmas” auf Dauerschleife hören mussten.

Wie viele wollten denn gar nicht mitmachen?

Wirklich ganz wenige. Es sind eigentlich fast alle in ihren Gruppen geblieben und wollten dabei sein.

In einem Bericht war zu lesen, dass die Schüler “stundenlang ausharren mussten, ohne zu wissen, was eigentlich passiert”.

Das stimmt nicht. Das ganze Rollenspiel hat ja wie gesagt nur die zweieinhalb Stunden gedauert.

Wie wurde das Spiel dann beendet?

Um etwa 10:30 Uhr sind alle im Turnsaal zusammengekommen. Dort haben wir gemeinsam die Nationalhymne gesungen und den Nationaltanz getanzt. Dann haben die 26 eingeweihten Schüler je einen Fakt zum Thema präsentiert. Etwa dass mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit unter 18 Jahren ist. Aber das wirklich Wichtige fand danach in den Klassen statt. Wir haben gemeinsam mit jeder Klasse das Projekt durchgearbeitet. Wir haben es Revue passieren lassen und gefragt, was das eigentlich alles bedeutet. Das Feedback war übrigens wirklich gut.

Was sagst du zu dem Vorwurf, dass man Schülerinnen und Schüler auf das Spiel vorbereiten hätte sollen?

Dann hätte es ja nicht den Effekt gehabt, den es haben sollte! Dass man in ein Land kommt und sich von Station zu Station durchkämpfen muss. Mit der Unsicherheit, ob man warten muss und wie es überhaupt abläuft. Es ging ja darum zu erfahren wie es ist, ein Mal ein Flüchtling zu sein. Und es nicht nur von Lehrerinnen und Lehrern erzählt zu bekommen - das Thema war ja “Migration erleben”. Es gab auch kein negatives Feedback zur fehlenden Vorbereitung.

Du warst in die Planungen zu dem Rollenspiel eingebunden. Wie liefen die ab?

Wir wussten seit Anfang Dezember von dem Projekt. Dazu wurden in manchen Klassen zwei Schüler ausgewählt, um gemeinsam mit der Theatergruppe und den Lehrern das Rollenspiel zu planen und durchzuführen. Uns wurde gesagt, dass wir bei einem größeren Projekt beteiligt sein können, wenn wir möchten. Dabei müssten wir aber Verantwortung tragen und zwei Monate mit niemanden darüber sprechen. Alle haben zugestimmt. Insgesamt haben wir uns danach fünf oder sechs mal getroffen. Die Ideen kamen dann eigentlich alle von uns.

Warum glaubst du, dass das ganze medial so große Wellen geschlagen hat?

Es ist halt ein schönes Thema für Populisten. Zu sagen: “Die Schule wird instrumentalisiert und die Schüler tyrannisiert! Jetzt wird schon Parteipolitik in der Schule gemacht!” Es wurde aber nie gesagt, dass eine Partei etwas richtig oder falsch macht. Das Spiel sollte zum kritischen Denken aufrufen. Aber für ein populistisches Medium wie oe24 macht es Sinn, dass sie etwas daraus machen. Das bringt halt Schlagzeilen. Aber wir haben nichts falsch gemacht und wollten uns wehren. Und wir waren auch dagegen, dass die Direktorin bestraft wird, wenn sie sich etwas traut. Weil dann werden solche Projekte immer weniger und es wird nur mehr stumpf gelehrt.

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