Morgenmoment
/ 16. März 2021

Guten Morgen!

Wir vermissen Partys schon so sehr, dass wir mehr als 200 Jahre dafür zurückreisen. In Zukunft reicht hoffentlich ein Rad statt eine Zeitmaschine. Dein Morgenmoment wurde dir heute von Sebastian Panny zusammengestellt.

#1 Möchtest du das teilen?

Erinnerst du dich noch an Festivals? Ungezügelte Parties, viele Menschen auf einem Fleck, tanzen bis zum Morgengrauen - und das alles mit dem Ziel, die politische Landschaft neu zu ordnen. Du hast richtig gelesen, die Gebrüder Moped nehmen uns heute auf das letzte große Fest vor der Pandemie mit: dem Wiener Kongress von 1815. Als Recherche empfehlen die Beiden dazu übrigens einen Blockbuster des verstorbenen Regisseurs Franz Antel...aber Details dazu sollen sie dir doch lieber selbst in ihrem aktuellen Podcast des Jahres erzählen.

#2 Zahl des Tages

Finanziell schwache Menschen bekommen die Krise am stärksten zu spüren. Das zeigt sich auch auf globaler Ebene. Die Menschen, die unsere Kleidung nähen, machen dies schon jetzt häufig für einen Hungerlohn. Durch die Pandemie ist ihre Situation jedoch noch schwieriger geworden. Laut einer Studie des “Center for Global Workers’ Rights” haben zehn Prozent aller Beschäftigten - das sind geschätzte 3,5 Millionen Menschen -  ihren Job bereits verloren. Wenn keine Maßnahmen gesetzt werden, könnten sogar weitere 35 Prozent folgen. Und jene, die ihre Arbeit nicht verloren haben, bekamen in der Krise oft ihren Lohn nicht ausbezahlt. Gleichzeitig zählen vor allem Online-Händler im Bekleidungssektor zu den Gewinnern der Krise.

Um dem etwas entgegenzuhalten haben mehr als 200 internationale Organisationen die Allianz “PayYourWorkers” ins Leben gerufen. Sie fordern darin unter anderem eine Lohn- und Abfindungsgarantie für die ArbeiterInnen. Eine Petition zur Unterstützung kann online unterzeichnet werden.
 

#3 HerStory

Wir machen den März zum „Women’s History Month“ und feiern bedeutende Österreicherinnen. Heute stellen wir euch die Sozialpsychologin und empirische Sozialforscherin Marie Jahoda näher vor.

Jahoda wurde 1907 in Wien geboren und wuchs in einem liberalen jüdischen Elternhaus auf. 1932 promovierte sie an der Universität Wien zur Doktorin der Philosophie. Den meisten von uns ist sie heute vor allem wegen ihrer bekanntesten Arbeit, “Die Arbeitslosen von Marienthal”, ein Begriff. 

In dem Werk, das sie 1933 mit Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel veröffentlichte und von dem sie den Hauptteil verfasste, beschreibt Jahoda die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit auf die Betroffenen. Das Ergebnis der Studie war, sehr einfach gesagt: Langzeitarbeitslosigkeit führt nicht zu einem Aufbäumen sondern zu Resignation. Die Studie gilt bis heute wegen ihrer Nähe zu den untersuchten Personen und der Kombination von unterschiedlichsten Methoden als eines der Standardwerke der Sozialforschung. So befanden sich die insgesamt 15 ForscherInnen vor Ort und beteiligten sich am Leben der EinwohnerInnen sowie an unterschiedlichsten Hilfsaktionen. Das sollte der Förderung des Kontakts dienen, war den ForscherInnen aber auch ein persönliches Anliegen. So kehrte Marie Jahoda zwei Jahre nach Veröffentlichung der Studie nach Marienthal zurück, um ein Selbsthilfeprojekt zu leiten. 

Der große Erfolg der Studie sollte sich aber erst später einstellen. Sie wurde zwar positiv aufgenommen, aber erschien kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in einem Frankfurter Verlag. In der Originalausgabe wurde sogar auf eine Nennung der AutorInnen verzichtet, da die Namen zu jüdisch waren. Erst in den 60er-Jahren erlangte das Werk die bis heute anhaltende Berühmtheit.

Jahoda war schon früh politisch interessiert und trat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. Dort war sie in verschiedenen Funktionen auch politisch tätig. 1937 wurde sie wegen ihrer Tätigkeit bei den von den Austrofaschisten verbotenen Revolutionären Sozialisten zu drei Monaten Haft verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon als Forscherin etabliert und kam durch Interventionen aus dem In- und Ausland wieder frei. Doch sie musste innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen, die österreichische Staatsbürgerschaft wurde ihr ebenfalls aberkannt. Sie verbrachte ihr restliches Leben in New York und Großbritannien, wo sie das erste “Department of Social Psychology” des Landes aufbaute.

Marie Jahoda war lebensnahe Forschung und eine tiefe Auseinandersetzung mit den betroffenen Personen immer ein zentrales Anliegen. Nur so könne man das von ihr formulierte Problem ihres Forschungszweiges lösen: “Das Problem der Sozialwissenschaften ist es, unsichtbare Dinge sichtbar zu machen.” Ihre Forschungsfelder beinhalteten Fragen zu Arbeit, Antisemitismus, psychische Gesundheit und Familie. 
 

#4 Gegengelesen

Wenn Medien über Gewalt und Belästigung berichten, müssen sie klare Worte finden. Zu oft werden falsche oder verharmlosende Begriffe verwendet, um einen Sachverhalt zu umschreiben - und das hat Auswirkungen darauf, wie wir solche Taten wahrnehmen und mit ihnen umgehen. 

Bei der Gratiszeitung "Heute" hat es so ein Fall auf das Titelblatt geschafft. Eigentlich besagt die darauf zitierte Statistik, dass fast die Hälfte aller Frauen unerwünschte körperliche Übergriffe erleben. Die "Heute" verharmlost sie zu “Grapsch-Opfern”. Nun ist "grapschen" kein direkt positiver Begriff. Er wird aber im Sprachgebrauch häufig mit einem Kavaliersdelikt gleichgesetzt, das ja eigentlich eh nicht so schlimm sei. Doch in diesem Fall handelt es sich um körperliche Übergriffe, die einfach sexuelle Belästigung darstellen. Es freut uns, dass sich die "Heute" dem Thema widmet, auch der dazugehörige Artikel kommt fast ohne Verharmlosungen aus. Doch das reißerische Titelblatt trübt diese Freude leider.

 

#5 Besser geht doch

Laut den Zahlen des Europäischen Radfahr-Verbands führt die Corona-Krise dazu, dass Städte in ganz Europa in nachhaltige Rad-Infrastruktur investieren. Über eine Milliarde Euro wurde laut dem Verband seit dem Beginn der Pandemie bereits für unterschiedliche Maßnahmen aufgebracht. Die Zahl der Radwege ist bereits um über 1.400km gestiegen, über 2.500km wurden angekündigt.

Häufig investierten Städte gerade zu Beginn der Krise mehr Geld, um den EinwohnerInnen das Social Distancing einfacher zu machen. So entstanden kurzfristig Pop-up-Radwege, von denen jetzt viele langfristig bestehen sollen. Doch die Pandemie hat auch eine Entwicklung beschleunigt, die in vielen Städten bereits vorher begonnen hat. Und die Investitionen sind nicht vorrangig in Ländern wie Dänemark oder die Niederlande erfolgt, die ohnehin für ihr ihre gute Infrastruktur bekannt sind. So sind etwa in Paris, wo Radfahren früher eher als gefährliches Abenteuer galt, seit dem Frühling 2020 um 70% mehr RadfahrerInnen unterwegs als vorher. Ähnliche Werte vermelden auch andere europäische Städten wie London, Madrid und Brüssel.

Auch wenn es nach den EinwohnerInnen geht, soll sich dieser Trend fortsetzen. Fast zwei Drittel der Befragten wollen laut einer Umfrage in 21 Städten nicht, dass sich die Luftverschmutzung wieder auf dem prä-Corona-Niveau einpendelt. Um das zu erreichen waren sogar drei Viertel dafür, öffentlichen Raum für andere Transportmöglichkeiten als Autofahren zur Verfügung zu stellen. 
 

#6 Eine Sache wär da noch

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Ich wünsch dir einen schönen Dienstag!

Sebastian

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