Hermann Knoflacher im MOMENT-Gespräch. Er sitzt an einem Tisch, vor sich ein Smartphone und lacht in die Kamera.

Verkehrsplaner Hermann Knoflacher

Foto: Sara Mohammadi

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/ 19. April 2021

Der Wiener Gemeinderat hat 460 Millionen Euro für den Bau der "Stadtstraße Aspern" bewilligt. Die vierspurige Fahrbahn soll zwischen Aspern und der Südosttangente verlaufen.

So soll laut BefürworterInnen der Durchgangsverkehr aus dem Stadtgebiet ausgelagert und der Verkehr innerhalb der Stadt entlastet werden.

Der Bau ist allerdings sehr umstritten. VertreterInnen aus Umwelt, Wissenschaft und Politik stellen sich gegen das Projekt. Einer von ihnen ist der ehemalige TU-Professor Hermann Knoflacher. Wir haben dem Experten fünf Fragen zur Stadtstraße Aspern gestellt.


MOMENT: Eine vierspurige Stadtstraße für Wien: Gibt es irgendwas, das dafür spricht?

Hermann Knoflacher: Die ist gut für Baukonzerne, Banken und alle die da mit verdienen, nicht aber für die Stadt und ihre Menschen. Ich mache seit sechzig Jahren verantwortliche (Verkehrs-)Planung. Ich kann bei diesem Projekt keinen rationalen Grund finden, außer dass man eben eine Straße bauen will, die anderswo schon abgerissen werden. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung.


MOMENT: Kann eine Straße überhaupt ökologisch sein? 

Knoflacher: Niemals. Das ist vollkommen absurd. Überhaupt heute, wo wir ganz andere Sorgen haben und die Zukunft ganz anders aussieht, als sie noch vor 60, 70 Jahren geplant war. Fachlich ist das nicht zu verantworten, dass man solche Projekte heute noch finanziert. Das Geld fehlt ja anderswo. 


MOMENT: Was wäre stattdessen mit den 460 Mio. zu tun?

Knoflacher: Straßenbahnen, Radwege und Verbesserung der Lebensbedingungen für FußgängerInnen. Das ist das Gebot der Stunde. Das macht die Stadt Wien auch am rechten Donauufer, dank der Arbeiten die wir in den 70er Jahren gemacht haben, mit großem Erfolg und internationaler Zustimmung. Warum nicht auf der anderen Seite?  

Für diese 460 Mio. Euro kann man gut 20-30 Kilometer Straßenbahnen bauen. Dann hätte man ein gutes Straßenbahnnetz in der Donaustadt. Die bräuchte das ganz dringend. Und dann hätten sie nämlich genau das, was das Projekt verspricht, aber nicht halten kann: Eine Entlastung des Autoverkehrs.   


MOMENT: Wie kann man das Problem des Durchgangsverkehrs anders lösen?

Knoflacher: Der Durchgangsverkehr ist im bestehenden Straßennetz nicht das Hauptproblem. Es sind die kurzen Fahrten, die durch Straßenbahnausbau, Fußgänger- und Radverkehr wegfallen würden. Wenn ich den Durchgangsverkehr wegschaffen will, darf ich ihm nicht zusätzliche Angebote machen.   


MOMENT: Was bedeutet die Stadtstraße für das Klima und den Verkehr in Wien?

Knoflacher: Das Klima wird es zusätzlich anheizen, weil wir auf jeden Fall mehr Autoverkehr haben. Auch wenn man das Tempo mit 50 km/h begrenzt. Eine halbe Milliarde in den Autoverkehr zu investieren und glauben, dass die Autos jetzt auf einmal Eau de Cologne aus dem Auspuff ausstoßen ist Irrsinn.

Mehr Straßen bringen mehr Autoverkehr, das ist nachweisbar. Das hat man auch vor einigen Jahren im Süden gesehen. Es wurde gesagt, man braucht die A23 um die Schlachthausgasse zu entlasten. 10 Jahre Später hatte die Schlachthausgasse 20 % mehr Verkehr und zusätzlich waren noch 80.000 auf der Südosttangente unterwegs. Die Verkehrsanlage macht sich ja dann ihren Verkehr selber und verändert auch die Stadt in diese Richtung.

Weiterlesen:

Wenn dich ein längeres Gespräch mit Hermann Knoflacher zur Verkehrsplanung in Städten interessiert, haben wir vor einiger Zeit dieses Interview veröffentlicht: "Wir sollten überhaupt keine Straßen mehr bauen"

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