Einsamkeit ist ein Problem: wegen Corona sind viele allein ins Homeoffice gezwungen. Eine Frau sitzt alleine an einem überladenen Schreibtisch, der nur von einer einsamen Schreibtischlampe erleuchtet wird.

Einsamkeit ist ein Problem: wegen Corona sind viele allein ins Homeoffice gezwungen - Foto: RAMSHA ASAD/Unsplash

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/ 19. Oktober 2020

PsychologInnen hören seit Beginn der Coronakrise von Menschen, die vereinsamen. Auch das Homeoffice verschärft die Situation. Nun steht die kalte Jahreszeit vor der Tür. Um der Isolation vorzubeugen, müssen ArbeitgeberInnen und Beschäftigte an einem Strang ziehen. 

Für gewöhnlich bringt der Herbst vor allem eines mit sich: kürzere, kältere Tage und gelegentlich etwas Nebel. Statt dem Ausflug zum Badesee kuschelt man sich lieber auf die Couch. In diesem Jahr wird die kalte Jahreszeit noch um eine Facette ergänzt: aufgrund der steigenden Corona-Infektionen arbeiten wieder mehr Menschen von Zuhause aus. Wenn es draußen kalt und ungemütlich wird, spielt sich für Menschen im Homeoffice Privates wie Berufliches überwiegend in den eigenen vier Wänden ab. 

Bereits im April, nach wenigen Wochen Lockdown und Homeoffice-Verordnung, wandten sich zunehmend mehr Beschäftigte an die Arbeitspsychologin Natascha Klinser. Die Arbeit von Zuhause aus, die fehlende Trennung zwischen Privatem und Beruflichen, der fehlende Austausch mit KollegInnen setzte vielen ihrer KlientInnen zu. Das war vor rund sieben Monaten. Und „von Gewöhnung kann keine Rede sein“. Im Gegenteil. Vielfach mache sich „Desillusionierung“ breit, erklärt Klinser. 

Im Büro bedeutet Pause einfach Pause

Zu anfangs hätten viele ihrer KlientInnen noch „gehofft oder verdrängt, abgewehrt“, so schlimm werde es schon nicht werden. Aber der Umstand, dass niemand genau sagen kann, wann alles wieder "normal" werde, mache die Situation oftmals unerträglich. "Ich habe das Gefühl, die Emotionen werden heftiger", weil ein Ende der Pandemie, "das Licht am Ende des Tunnels" nicht absehbar ist. Besonders unter der Situation leiden würden laut Klinser jene, die ihre sozialen Kontakte überwiegend am Arbeitsplatz hatten. Vor allem für Alleinstehende ohne familiäre Beziehungen beschränkt sich dann nahezu das ganze Leben auf den eigenen Wohnsitz. 

Doch trifft die Corona-Krise nicht alle Beschäftigungsgruppen gleich, laut Arbeiterkammer arbeiteten rund ein Viertel der Beschäftigten zwischen März und April fast ausschließlich von Zuhause aus, elf Prozent zumindest teilweise. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten ging weiter an den gewohnten Arbeitsplatz, vor allem Menschen in sogenannten „systemrelevanten“ Berufen. Aus Zahlen, die das SORA-Institut im Auftrag des Momentum Instituts erhob, geht deutlich hervor: es sind vor allem Beschäftigte mit formal höherem Bildungsabschluss, die häufiger ins Homeoffice wechseln (dürfen). 

Corona & Homeoffice: Doppelbelastung wird sichtbar

Dabei zeigt sich auch, dass nun deutlich mehr Männer als früher die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung tragen. Es sind nun 23 Prozent im Vergleich zu zwei Prozent vor Corona. Vielen Männern werde gerade bewusst, was es heißt, Familie und Beruf unter einen Hut bringen zu müssen, beobachtet Klinser. War im Büro die Pause eine Pause, soll Zuhause während der eigentlichen Schonzeit nun gewaschen und gekocht werden. Und auch Kinder brauchen ihre Aufmerksamkeit. "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie", erklärt Klinser, „ist eine große Herausforderung“ – und scheint nun im Homeoffice von mehr Männern erstmals auch aktiv als solche wahrgenommen zu werden. Vormals vermeintlich unsichtbare Arbeit wird während der Corona-Krise für viele plötzlich sichtbar und auch spürbar. 

Eine Frage von Erfahrung und Einkommen

Der Spagat zwischen Familie, Arbeit und Privatem sei für sozial besser gestellte MitarbeiterInnen tendenziell leichter, erklärt Arbeitspsychologin Veronika Jakl. Man müsse hier einen Unterschied machen, "zwischen jenen, die notgedrungen vom Küchentisch aus arbeiten und jenen, die im Haus mit Garten und einem geräumigen Arbeitszimmer arbeiten". Beschäftigte, die bereits vor dem Corona-Lockdown regelmäßig im Homeoffice tätig waren, seien "sowohl räumlich als auch organisatorisch besser auf eine solche Situation vorbereitet gewesen", so Jakl. Typische Homeoffice-Branchen, wie etwa die Kreativbranche, oder Führungskräfte können mit den veränderten Rahmenbedingunge ihrer Erfahrung nach weitaus besser umgehen als jene, die das erste Mal längere Zeit von Zuhause aus arbeiten. 

Somit sei auch die Doppelbelastung aus Betreuungspflichten und Beruf bei Beschäftigten mit hohem Einkommen im Schnitt besser auszutarieren als für Geringverdiener. Denn wenn Kindergärten geschlossen haben, bleibe für Erstere immer noch der Babysitter oder die Babysitterin. Jakl warnt jedoch davor, "generelle Aussagen treffen zu wollen". Homeoffice werde, auch unabhängig von Einkommen und Branche, individuell sehr unterschiedlich erfahren. Belastbare Studien gebe es zum Thema noch kaum. 

Psychologische Folgen auch abseits des Homeoffice 

Die Corona-Krise bringt auch abseits des Homeoffice für bestimmte Beschäftigungsgruppen negative psychologische Folgen mit sich. Laut Arbeiterkammer fühlen sich geringfügig Beschäftigte, LeiharbeiterInnen und Menschen mit Migrationshintergrund besonders unter Druck gesetzt. „Die Kombination aus niedrigem Bildungsabschluss, Migrationshintergrund und atypischer Beschäftigung, die mit erhöhtem Arbeitsplatzrisiko und zumeist schlechter Bezahlung einhergeht, sorgt dafür, dass sich manche Beschäftigtengruppen deutlich stärker von der Corona-Krise betroffen sehen als andere“, heißt es im Arbeitsklimaindex vom Juni 2020. 

Das geht jetzt bei vielen Betroffenen schon über ein halbes Jahr so. Prekär Beschäftigte fühlen sich daher in vielerlei Hinsicht „noch mehr verunsichert, denn die Unsicherheit ist in diesem Kontext real, wir haben es mit einer gravierenden Wirtschaftskrise zu tun“, erklärt Paulino Jiménez, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Graz. Betroffene hätten aber kaum Alternativen, sie versuchten "irgendwie" über die Zeit zu kommen. Je länger dieser Zustand andauere, desto prekärer werde auch deren psychische Situation.  

Kurzfristige Lösungen gebe es hier kaum, betont Jiménez. Langfristig müsse es aber darum gehen, "gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu ändern", sich die Frage zu stellen, "ob es wirklich sein muss, dass ein Unternehmen statt eine Vollzeitkraft lieber vier Geringfügige beschäftigt". 

Mit dem Arbeiten ist es wie mit dem Essen

Für jene, die im Homeoffice arbeiten, gibt es laut Klinser einige Stellschrauben, an denen es zu drehen gilt, um durch die Wintermonate zu kommen. Für Beschäftigte im Homeoffice empfiehlt die Arbeitspsychologin eine strikte Trennung zwischen Beruflichem und Privatem. Wichtig sei es, klare Arbeitszeiten festzulegen, bereits im Vorhinein Arbeitsbeginn, Pausen und Feierabend zu definieren. „Ansonsten ist das wie mit dem Essen – wenn ich keine geregelten Mahlzeiten zu mir nehme, sondern nur zwischendurch immer, immer wieder esse, schaffe ich Unmengen an Kalorien – und habe am Abend das Gefühl, nichts gegessen zu haben“, erklärt Klinser. 

Um Arbeitsbeginn und Feierabend auch psychologisch besser nachvollziehen zu können, empfehle sich eine klare räumliche Trennung. Wer diese nicht herstellen kann, sondern notgedrungen vom Küchentisch aus arbeiten muss, soll zumindest versuchen, nach Feierabend Berufliches vom Tisch zu nehmen und irgendwo zu verstauen. Dasselbe gilt fürs eigene Outfit. Sich zu stylen, als würde man ins Büro gehen, erleichtert es, ins Tun zu kommen, konzentriert mit der Arbeit zu beginnen. Das Tragen von Arbeitskleidung definiere klare Grenzen, „mit dem Wechsel der Kleidung, wird der Wechsel zwischen Arbeits- und Freizeit vollzogen“. 

Gegen Einsamkeit: Soziale Kontakte intensivieren

ArbeitgeberInnen rät Klinser davon ab, virtuell einfach da weiter zu machen, wo sie vor Corona aufgehört hatten. "Virtuelles Arbeiten muss angepasst werden an die Technik und an den Menschen", findet Klinser. Das bedeutet, lieber kürzere, dafür mehrere und regelmäßigere Meetings. Klinser empfiehlt beispielsweise eine 15-minütige Videokonferenz jeden Morgen, in der ein/e ChefIn auch mal nachfragen soll, wie es den KollegInnen denn so geht. 

Gleichzeitig sollten sich Führungskräfte bewusst sein, dass selbst bei Videokonferenzen einiges an "Non-Verbalem" verloren gehe. Eine Konversation via Bildschirm bleibt eine Zweidimensionale, Körpersprache und Mimik sind für TeilnehmerInnen schwieriger wahrzunehmen und zu interpretieren. Das Zugehörigkeitsgefühl, die Kollegialität, die in einer gemeinsamen Kaffeepause oder auch nur bei einem Gespräch zwischendurch am Gang oder beim Kopierer entsteht, könne auch eine Videokonferenz nicht ersetzen.

Um trotz Homeoffice gut durch die kalte, finstere Jahreszeit zu kommen ist es laut Klinser "besonders wichtig, die sozialen Kontakte, die ich ohnehin schon habe zu pflegen, zu intensivieren – und zwar nicht nur virtuell". Auch wenn das Wetter mal nicht gerade dazu einlädt, "gehen Sie raus ins Grüne, wohin auch immer, Hauptsache ans Tageslicht!". 

Bloß nicht "zurück"

Letztlich will Klinser die Herausforderungen, die seit Corona auf Beschäftigte zukommen, auch als "Chance" verstanden wissen. Das Ziel könne nicht sein "zurück zum Alten" zu steuern. Die aktuelle Krise rücke Probleme ins Licht der Öffentlichkeit, die so schon lange vor Corona bestanden haben. Fragen neuartiger Vertragsverhältnisse, flexibler Arbeitszeiten und Maximalarbeitszeiten müssten unter einem neuen Blickwinkel betrachtet werden. Es geht darum, "aus diesem Erkenntnisgewinn zu lernen, zu reifen, sich weiterzuentwickeln und nicht darum, zurück zum business as usual zu kommen". 

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