Fünf Personen sitzen dicht beieinander vor weißen Hintergrund

Obwohl HPV die meisten Menschen betrifft, gibt es kaum Aufklärung.

Foto: Gemma Chua-Tran für Unsplash

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/ 7. Januar 2021

8 von 10 Erwachsenen in Österreich stecken sich beim Sex mit HPV an. Dabei gäbe es seit 15 Jahren eine Impfung für Frauen und Männer. Das Virus kann Krebs vor allem an Gebärmutter, aber auch Kehlkopf oder Penis verursachen. Warum zögert Österreich?

Nach einer Routineuntersuchung bei der Frauenärztin bekommt Theresa* (33) einen Anruf, der die nächsten sechs Jahre ihres Lebens bestimmen wird. "Meine Ärztin hat gesagt, ich habe einen auffälligen Abstrich", erzählt sie. Eine Probe aus dem Gebärmutterhals könnte auf Krebs hinweisen. Der erste Schreck ist schnell vorbei. Drei Monate später ist das Ergebnis der Kontrolle wieder unauffällig.

Aber Theresa lässt das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmt. Jahrelang wechselt sie immer wieder die Ärztin, fühlt sich nie ganz ernst genommen. Sechs Jahre dauert es, bis sie an ihre aktuelle Ärztin gerät. Die macht endlich nicht nur einen Abstrich, sondern auch einen HPV-Test. Der Test ist positiv, und das ist schlecht.

HPV kann Krebs auslösen

Bei einem weiteren Kontrolltermin wurde Theresa Gewebe aus dem Gebärmutterhals entnommen. "Meine Ärztin hat mich dann eine Woche später angerufen. Ich musste sofort operiert werden", erzählt Theresa. Ihre Zellen haben sich stark verändert. Ein Hinweis darauf, dass Theresa Gebärmutterhalskrebs haben könnte.

Das HP-Virus wird durch sehr engen Kontakt und vor allem beim Sex übertragen. Die meisten Infektionen sind harmlos, verursachen allenfalls Genitalwarzen. Deshalb wird eine Ansteckung oft auch nicht bemerkt. In weniger als 1 Prozent der Fälle führt das Virus allerdings auch zu schweren Erkrankungen wie Gebärmutterhalskrebs und dessen Vorstufen. Daran erkranken jedes Jahr etwa 400 Frauen, bis zu 180 sterben. Seltenere Krebsarten können auch bei Männer auftreten, wie Krebs am Penis oder im Kehlkopf.

8 von 10 Menschen stecken sich im Laufe des Lebens an

HPV-Infektionen sind extrem häufig. Im Laufe ihres Lebens stecken sich 8 von 10 Menschen in Österreich an. Dabei gibt es seit rund 15 Jahren eine Impfung gegen das Virus, die zu 90 Prozent schützt. Für Kinder bis zum 12. Lebensjahr ist die Impfung sogar gratis. Schätzungen zufolge - genaue Daten werden in Österreich nicht erhoben - ist aber nicht einmal jedeR Zweite gegen HPV geimpft. Wie kann das sein?
 
"Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, hat es diese Impfung zwar schon gegeben, aber meine Eltern haben sich dagegen entschieden", erinnert sich Theresa. Zu dieser Zeit kursierte in den Medien der Fall eines österreichischen Mädchens, das Wochen nach einer HPV-Impfung gestorben war. Das habe Theresas Eltern abgeschreckt.

"Keine schweren Nebenwirkungen"

"Ihr Tod wurde medial mit der Impfung in Zusammenhang gebracht", sagt der Gynäkologe und Präsident der Österreichischen Krebshilfe Paul Sevelda. Ein Zusammenhang mit der Impfung sei jedoch weder erklärbar gewesen, noch wurde er je bewiesen. "Sogar noch heute machen sich Eltern Sorgen deswegen", sagt Sevelda. "Dabei ist die Impfung sehr sicher. Es gibt keinerlei schwere Nebenwirkungen."

Foto von Paul Sevelda, er trägt eine pinke Schleife am Anzug und lächelt in die Kamera

Gynäkologe und Präsident der Österreichischen Krebshilfe Paul Sevelda kritisiert fehlende Aufklärung bei HPV.

Foto: Paul Sevelda

Die Angst vor angeblichen Nebenwirkungen dürfte einer der Gründe sein, warum die Impfrate in Österreich gering ist, sagt Sevelda. Im Idealfall sollen Kinder geimpft werden, bevor sie sexuell aktiv werden. Dann wirkt die Impfung am besten.

Informationsmangel ist die größte Hürde

Zwar ist die HPV-Impfung Teil des Impfprogramms an Schulen, aber die Aufklärung wurde den Schulen selbst überlassen. Engagierte LehrerInnen und SchulärztInnen hätten diese Aufgabe bereitwillig übernommen, von offizieller Seite oder vonseiten der Schulbehörden hätte es jedoch "keinerlei Initiativen" gegeben, die Bereitschaft zur Impfung zu steigern, sagt Sevelda. "In Wahrheit weiß niemand, wie viele dieser Impfungen im Rahmen des Impfprogramms an den Schulen tatsächlich gegeben werden", sagt Sevelda. Laut ihm ist dieser Informationsmangel an Schulen das größte Problem bei der Bekämpfung von HPV.
 
Bei Theresa hat das HP-Virus die höchstmögliche Zellveränderung im Gewebe herbeigeführt. Wenn das festgestellt wird, sollte es schnell gehen. Theresa wird deshalb sogar noch im ersten Corona-Lockdown operiert. Das veränderte Gewebe wird entfernt, die Analyse zeigt: kein Krebs. Glück gehabt. Ihre Ärztin rät ihr, sich auch nachträglich noch gegen HPV zu impfen. Theresa zahlt für die drei Impfungen insgesamt 650 Euro aus eigener Tasche. Die Krankenkasse übernimmt keinen Cent.

Die Impfung wirkt

Denn die HPV-Impfung muss ab dem 16. Lebensjahr selbst bezahlt werden. Und das, obwohl die HPV-Impfung allen Männern und Frauen bis zum vollendeten 30. Lebensjahr im "Impfplan Österreich" vom Gesundheitsministerium "unbedingt empfohlen" wird. Auch das ist eine weitere Hürde, die vor allem erwachsene Menschen trifft.

All diese größeren und kleineren Hürden führen dazu, dass Österreich beim Kampf gegen HPV hinterherhinkt. Dass es anders geht, zeigt Australien. Dort ist bis zu 80 Prozent der Bevölkerung geimpft. Seit der Einführung eines nationalen HPV-Impfprogramms im Jahr 2007 sind vor allem junge Menschen weniger oft von Genitalwarzen betroffen. Auch das Risiko für Gebärmutterhalskrebs hat die Impfung reduziert.

Um eine solche Quote auch in Österreich zu erreichen, bräuchte es umfassende politische Maßnahmen. „Es müssten hier alle zusammenarbeiten, auf politischer und gesundheitspolitischer, sowie wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene“, sagt Paul Sevelda. Klarzumachen, dass die Impfung notwendig ist, dürfe nicht an einzelnen LehrerInnen oder ÄrztInnen hängenbleiben.

Tabuthema HPV

Theresas erster auffälliger Abstrich ist fast sechs Jahre her. Zwischen dem positiven HPV-Test und der Operation lagen rund sechs Monate der Ungewissheit. "Mich hat in all den Jahren nie eine Ärztin gefragt, ob ich mich vielleicht noch impfen lassen will." Ein Versäumnis, das für sie Konsequenzen hatte. Theresa erzählt ihre Geschichte so oft sie kann. "Ich finde es so wichtig, dass wir darüber reden”, sagt sie. Denn “das Thema HPV ist auch noch immer einem Tabu behaftet." Und ein Virus lässt sich nicht wegschweigen.

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