Hans-Peter Hutter

/ Andreas Bachmann
/ 17. Oktober

Die Zahl der Hitzetoten infolge der Klimakrise werde weiter steigen, wenn wir nichts ändern, warnt der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. Hitze werde in Städten zum Riesenproblem. Stadtplanung und Architektur müssten endlich die Klimakrise mitbedenken.

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Moment: Spüren wir die Auswirkungen des Klimawandels schon am eigenen Leib?

Hans-Peter Hutter: Definitiv! In der Stadt sind es Hitzewellen und Luftschadstoffbelastungen, die die Gesundheit gefährden. Am Land macht Land- und Forstwirten Trockenheit und Dürre zu schaffen. Da geht es um die Frage, ob die Ernte verdorrt und ob man das noch verkraften kann. Dann sind auch extreme Wetterereignisse zu nennen, die lebensbedrohlich sein können, wie Hochwasser und Vermurungen. Oder etwa der extreme Schneefall im letzten Winter.

 
Moment: Es gibt in Österreich bereits heute jährlich mehr Klimatote als Todesopfer im Straßenverkehr. Wo führt das hin?

Hutter: Es hängt davon ab, ob wir reagieren. Kühlt man die Städte dort, wo es Hitzeinseln gibt? Und zwar nicht so, dass jeder eine Klimaanlage in seine Wohnung stellt. Das ist keine klimaverträgliche Lösung. Werden sich die Menschen besser vor Hitze und Extremwettern schützen oder ignorieren wir die Entwicklungen? Passiert nichts, dann werden die Todeszahlen weiter steigen, nicht nur wegen der demografischen Entwicklung mit immer mehr älteren Menschen.


Moment: Unterschätzen wir die Gefahren der Klimakrise für die eigene Gesundheit?

Hutter: Ja, besonders was Hitze anbelangt. Selbst junge Leute merken, dass es nicht mehr lustig ist, wenn das ein paar Tage so anhält. Die leidende Mehrheit, die allein in ihren Wohnungen sitzt, bekommt die breite Öffentlichkeit nicht mit: Das sind vor allem sozial isolierte und ältere Menschen. Vielen denken sich auch: Jaja, das ist schon schlimm, aber es sind die anderen, die drankommen. Aber das entspricht nicht den Fakten, denn wir alle sind mehr oder weniger betroffen. Das heißt ja nicht, dass jeder um dein Leben bangen musst. Es geht ja auch um die eigene Leistungsfähigkeit, die beeinträchtigt ist.

Klimatisch wird es in Afrika desaströs. Natürlich wird die Umweltmigration zunehmen. Ob uns das jetzt passt oder nicht.

Moment: Sie warnen auch vor mehr psychischen Problemen durch die zunehmende Erwärmung: Wie lässt sich denn herausbekommen, ob jemand wegen des Klimas gestresst oder deprimiert ist? Wie wäre dem damit geholfen?

Hutter: Dass es psychische Belastungen gibt, ist keine Frage. Stärker betroffen sind Personen, die gesundheitlich schon beeinträchtigt sind oder an psychischen Erkrankungen leiden. Zum Beispiel wenn jemand bereits einen Herzinfarkt hatte und bei Hitze die Belastung seines Herzens spürt. Dann kommen Befürchtungen auf, dass es einen wieder treffen kann. Das ist auch bei jüngeren Patienten zu beobachten. Ältere Menschen spüren hingegen ihre Hilflosigkeit und dass sie sich schwer helfen können. Das führt zu Ängsten und belastet enorm.
 

Moment: Was sind denn Wege, den Klimawandel gesundheitlich besser zu ertragen?

Hutter: Es geht natürlich darum, wie man sich während der Hitzewellen verhält. Wir können bei Hochwasser mit den Hilfsorganisationen rechnen. Wir können Anpassungsmaßnahmen setzen. Im Vergleich mit den Ländern des globalen Südens sind wir super aufgestellt. Immerhin haben wir eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Aber selbst wir werden in der Zukunft schwer mit diesen Aufgaben zurechtkommen. Der Anpassung an den Klimawandel sind Grenzen gesetzt. Ohne Klimaschutz wird es nicht gehen.


Moment: Die Menschen im globalen Süden sind besonders betroffen von der Klimaerwärmung. In manchen Gegenden Afrikas wird es bald nicht mehr erträglich sein, zu leben. Wo sollen die Leute dann hin? Sie werden wohl zu uns kommen.

Hutter: Klimatisch gesehen wird es dort desaströs. Schon vor mehr als zehn Jahren haben wir darauf hingewiesen, dass die Umweltmigration global ein Problem wird. Das wurde dann aber bei den Anpassungsszenarien kaum bis gar nicht beachtet. Da haben wohl einige nicht wirklich mitgedacht. Natürlich wird die Umweltmigration zunehmen. Ob uns das jetzt passt oder nicht. Es gibt zwar viele Gründe, aber letztendlich wird oft der Klimawandel der entscheidende Grund sein, der dazu führt, dass jemand seine Heimat verlassen muss.

Einige kompensieren ihr verantwortungsloses Verhalten mit Klimageräten, die die Luft zusätzlich aufheizen.

Moment: Durch Extremwetter und höhere Temperaturen gibt es mehr medizinische Notfälle. Dazu kommen Arbeitsausfälle durch unsere verminderte Belastbarkeit. Was kostet das alles?

Hutter: Das wurde in einem Projekt abgeschätzt. Abhängig vom Szenarium und dem Zeithorizont wird es zwischen 2 und 5 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Das ist wahrscheinlich noch unterschätzt. Man denke nur an die Einbußen der Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz. Auch das kostet.


Moment: Jetzt behilft man sich vor allem damit, Klimaanlagen in Häuser und Autos aufzudrehen, um die Temperatur erträglich zu halten. Die begünstigen aber fatalerweise den Klimawandel noch. Müssen wir das nicht anders lösen?

Hutter: Leider verhalten sich etliche nicht hitzeklug, sondern hitzedumm. Es gibt eine Gruppe, die kompensiert ihr verantwortungsloses Verhalten beispielsweise mit Klimageräten, die die Luft zusätzlich aufheizen und als Stromfresser den Klimawandel noch anheizen. Oft werden simple Maßnahmen ignoriert. Bevor überhaupt an eine Klimaanlage zu denken ist, ist ein Ventilator das Mittel der Wahl. Man kann die Räume verdunkeln. Und dass es nicht gescheit ist, etwa um 12 Uhr mittags die Fenster sperrangelweit offen stehen zu lassen, wissen viele scheinbar noch immer nicht.
 

Moment: Es scheint auch eine Ignoranz zu geben: Klimaschutz spielt beim Bau von Gebäuden noch immer kaum eine Rolle.

Hutter: Ich möchte nicht alle Architektinnen und Architekten in einen Topf werfen, denn es gibt etliche, die auch Klimaschutz bei ihren Projekten mitbedenken. Aber beim Gros der Bauherren und Architekten ist dies scheinbar noch immer nicht angekommen: Sie errichten hier Gebäude, die die nächsten 100, 200 Jahre Bestand haben und müssen Umweltfreundlichkeit berücksichtigen.
 

Moment: Wo müssen wir da ansetzen?

Hutter: Im Außenraumschutz muss es uns gelingen, lokale Hitzeinseln in Städten aufzubrechen. Dafür gibt es reichlich Konzepte, da muss man nix erfinden - Stichwort: begrünte Fassaden oder Frischluftschneisen.

 Österreich tut sich schwer, wenn es darum geht vorzupreschen. Da fehlt es oft am Mut.

Moment: In Wien wurden in diesem Sommer an einigen Plätzen Sprinkler installiert. Helfen die was oder ist das nur Wasser- und damit wieder Ressourcenverschwendung?

Hutter: Das hilft auf jeden Fall! Das sind punktuelle Lösungen, wo sich die Stadt bemüht, rasch etwas zu tun. Man merkt daran aber auch, dass die Stadt in Zugzwang ist. Eine ausgefeilte Begrünung von Fassaden oder die Schaffung von Grünräumen sind nicht rasch zu bewerkstelligen. In ausgearbeitete Strategieplänen für Wien finden sich etliche Möglichkeiten, wie man die Stadt an Hot Spots abkühlen kann. Nur sind hier auch Nutzungskonflikte auszuhalten, wie etwa: Mehr Bäume im Straßenraum "vernichten" Parkplätze.


Moment: Dass der motorisierte Individualverkehr nicht günstig fürs Klima in den Städten ist, ist ja schon eine Binsenweisheit. Wie radikal muss man beim individuellen Verkehr sein, damit die Gesundheitsbelastung minimiert wird?

Hutter: Man hätte man schon vor Jahrzehnten anfangen müssen, hier vernünftigen Mobilitäts-Konzepten mit wissenschaftlicher Basis mehr glauben zu schenken als den üblichen Lobbys. Ich weiß, dass sich Österreich schwer tut, wenn es darum geht vorzusprechen. Da fehlt es oft am Mut. Aber weltweit existieren sowieso Best Practice Beispiele, die Verbesserungen bringen und gut funktionieren. Denken Sie nur an Skandinavische Städte und ihren Radverkehr. Wir brauchen nichts erfinden, wir müssen umsetzen, was da und erprobt ist.


Moment: Warum passiert hierzulande dann so wenig?

Hutter: Weil sich in Teilen der Bevölkerung gleich einmal ein enormer Widerstand aufbaut, sobald es um Entzug von Terrain für den motorisierten Straßenverkehr geht. Selbst wenn es aus Sicht einer zukunftsfähigen Mobilität vernünftig ist. Für mich ist schwer nachzuvollziehen, wenn etwa monatelang um ein paar hundert Meter Fußgängerzone diskutiert wird. AutofahrerInnen stellen bekanntlich eine Minderheit in Wien dar, zumindest was ihr Anteil an zurückgelegten Wegen betrifft. Die überwiegende Mehrheit bewegt sich öffentlich, zu Fuß oder mit dem Rad. Das vermuten viele nicht, denn wenn du Zeitung liest und fernschaust würdest du denken, es sei umgekehrt.
 

Moment: Also es ist eher ein Informationsproblem? Die Menschen sind ja nicht per se unvernünftig.

Hutter: Nein, sind sie nicht, aber bequem sind sie schon. Und wenn die Verhältnisse nicht stimmen – na dann kannst du auch nicht anders.

Dem motorisierten Verkehr stand die ganze Straße zur Verfügung. Jetzt wird ihm was weggenommen und das tut weh.

Moment: Warum wird trotz dieser Mehrheit nicht stärker in deren Sinne klimafreundlicher gehandelt?

Hutter: Eine von vielen Erklärungen ist etwa der mächtige Einfluss der Automobillobbys. Sie sitzen näher an den „Hebeln der Macht“. Leider hört die Politik deutlich öfter auf diese Gruppen als auf die Wissenschaft. Die Entscheidungsträger sollten sich daher mehr auf die Seite jener stellen, deren Bedürfnisse jahrzehntelang benachteiligt wurden. Dem motorisierten Verkehr stand mehr oder minder die ganze Straße zur Verfügung. Jetzt wird ihm was weggenommen und das tut weh.


Moment: Zumindest im diesjährigen Wahlkampf wurde der Klimaschutz von beinahe allen Parteien ganz oben gereiht. Tut sich also was?

Hutter: Zumindest haben sich alle als die Klimaschützer positioniert. Aus meiner langjährigen Beobachtung empfand ich dies, von Ausnahmen abgesehen, klar als Wahltaktik. Ohne die Jugend wäre dies nicht denkbar. Ich möchte daran erinnern, dass noch 2017 angestrengt wurde, Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort als Staatsziel in der Verfassung festzuschreiben. Unter anderem weil man mit Umweltverträglichkeitsprüfungen wenig Freude hat.

Ob der Enthusiasmus für Klimaschutz sich auch nach der Wahl fortsetzen wird, wird man sehen. So richtig gut sieht es ja nicht aus. Als Sebastian Kurz den Auftrag zur Regierungsbildung übernommen hat, sagte er auch gleich: Das Thema kommt für ihn erst an vierter Stelle. Aber dennoch: Ich sehe jetzt ein offenes Fenster, dass sich etwas tut. Es gibt einen gewissen Druck auf die Politik, der vorher praktisch nicht in dieser Dimension vorhanden war.

 

Zur Person: Hans-Peter Hutter ist Umweltmediziner und stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin des Zentrums für Public Health der Med-Uni Wien. Er forscht und publiziert unter anderem zu den gesundheitlichen Folgen der Klimakrise auf den Menschen.

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