Das Logo von Drehmoment mit Lisa Wölfl, im Hintergrund ein Stapel Zeitungen
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/ 23. November 2020

Vergangene Woche habe ich einen Artikel über anti-muslimischen Rassismus recherchiert. Dafür habe ich eine Frau auf Instagram angeschrieben, der ich schon länger folge. Sie postet vor allem Buchempfehlungen, aber auch immer wieder dazu, wie es ihr und anderen muslimischen Frauen in Österreich geht. Am Telefon erzählt sie mir, wie ihr Kopftuch sie zum Feindbild macht. Ziemlich schnell kommen wir auf Repräsentation zu sprechen.

Sie sagt: Frauen mit Kopftuch, sichtbar muslimische Frauen, tauchen nur in den Medien auf, wenn es um ihren Glauben geht. Oder eben um Rassismus. Oder Extremismus. Als  gesichtslose Symbolbilder, wenn es wieder einmal um die "Kopftuchfrage" geht. Oder um den "politischen Islam". Wir sehen in den Medien muslimische Menschen als Täter und als Betroffene. Fertig.

Ich zähle nach

In dem Moment verstehe ich, dass ich genau das mache, was sie - zurecht - kritisiert. Ich zähle nach, wie viele meiner Gesprächspersonen (vermutlich) Migrationshintergrund haben und wie viele davon als unabhängige ExpertInnen vorkommen. Es sind verschwindend wenige. Wenn ich jetzt noch jene wegrechne, die über Themen wie Rassismus sprechen, bleiben etwa fünf Menschen übrig.

Um diese Zahl ins Verhältnis zu setzen: Ich habe über hundert Artikel für MOMENT geschrieben. In Österreich haben rund ein Viertel aller Menschen Migrationshintergrund, in Wien sind es über 40 Prozent. Die Kategorie des Migrationshintergrunds ist unscharf, zeigt aber eine Tendenz.

Sichtfeld eingeschränkt

In meinem privaten Umfeld sind es jedenfalls weit weniger. Auch im österreichischen Journalismus arbeiten mit überwältigender Mehrheit Menschen ohne Migrationshintergrund.

Und bei uns in der MOMENT-Redaktion? Keine Migras. Null. Gut, wir sind klein, an-einer-Hand-abzählbar-klein. Aber auch die Menschen, die frei für uns arbeiten, Kolumnen schreiben und Reportagen sind mit überwältigender Mehrheit Menschen ohne Migrationserfahrung. Ich kann mir ausmalen, wie viele wichtige Geschichten uns entgehen, weil unser Sichtfeld eingeschränkt ist.

Es fällt niemandem auf

Vor kurzem hat die Journalistin Jelena Pantić-Panić ein Video auf Instagram gepostet. Darin sagt sie, wie angepisst sie ist. Wieso? Ein Branchenmagazin hat 44 KollegInnen vor den Vorhang geholt, die sonst zu wenig beachtet werden. Darunter war keine einzige Person mit erkennbarem Migrationshintergrund.

Jelena Pantić-Panić glaubt nicht, dass das Branchenmagazin absichtlich JournalistInnen mit Migrationshintergrund ausgespart hat. Stattdessen meint sie: "Es fällt einfach niemandem auf. Und das ist ein Problem." Ich glaube, sie hat recht. Es sollte uns auffallen, wenn ein großer Teil der Bevölkerung kaum vorkommt, weder in den Medienberichten noch in den Redaktionen. Es hätte mir auffallen müssen.

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