AR.SOS Projekt des SOS Kinderdorfs - zwei Jugendliche arbeiten in einem Lager und sortieren Spenden.

Zwei Jugendliche arbeiten im Lager des Jugendarbeitprojektes AR.SOS des SOS Kinderdorfes. Vor zwei Jahren hat das AMS die Fördergelder gestrichen. Credit: Christian Fischer

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/ 22. September 2020

Für junge Menschen ist der Berufseinstieg aufgrund der Corona-Krise besonders hart - viele Lehrplätze und Jobs fallen weg. Weiters rächen sich nun ohnehin umstrittene Einsparungen der Vergangenheit: Da viele Fördergelder für schwer vermittelbare Jugendliche gestrichen wurden, haben viele von ihnen nun kaum Chancen am Arbeitsmarkt.

 

Der 15-jährige Fabian (Name von der Redaktion geändert) kann sich schwer konzentrieren. Alle fünfzehn Minuten verliert er die Motivation und fragt, ob er nach Hause gehen darf. Doch seine Arbeitstrainerin gibt ihm viele kleine Aufgaben, die er bewältigen kann. So hält sie ihn bei Laune - seine Aufmerksamkeitsspanne soll so langsam ausgedehnt werden.

 

Fabian ist einer von rund zwanzig schwer vermittelbaren Jugendlichen, die jährlich im Arbeitsprojekt AR.SOS in Guntramsdorf auf den Berufseinstieg vorbereitet werden. Die Einrichtung wird vom SOS-Kinderdorf betrieben: Hier gibt es einen Shop, in dem gespendete Kleidung und Gegenstände verkauft werden. Die Jugendlichen üben sich nicht nur im Verkauf, sie helfen bei Hausräumungen und pflegen Gärten von Verlassenschaften. Zusätzlich gibt es Trainings und Unterricht.

Benachteiligte Jugendliche brauchen viel Betreuung

Bei den wenigsten Jugendlichen, die im SOS-Kinderdorf aufgewachsen sind, handelt es sich um Waisenkinder. Es sind Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei den eigenen Eltern leben können: psychische Krankheiten, Drogensucht, soziale Verwahrlosung oder Gewalt. Sie haben aufgrund dieser schwierigen Lebensbedingungen oft soziale Defizite. Viele haben bereits in mehreren Betreuungseinrichtungen gelebt. Es fällt ihnen mitunter schwer, Vertrauen zu anderen aufzubauen. Dass sie mit diesen Vorbelastungen Schwierigkeiten in der Schule, mit Autoritätspersonen und Pflichten haben, ist verständlich.

 

AR.SOS-Leiterin Andrea Schritter erklärt, wie behutsam ihre Jugendlichen auf die Arbeitswelt vorbereitet werden: “Es kann schon vorkommen, dass wir manche zwar vermitteln können, sie aber bald wieder vor unserer Tür stehen. Weil sie den Druck in der normalen Arbeitswelt nicht gewohnt sind oder sie mit weniger einfühlsamen MitarbeiterInnen zu tun haben.” Manchmal braucht es eben ein paar Anläufe. Der Betreuungsaufwand ist hoch: Ein Trainer kümmert sich um zwei oder maximal drei Jugendliche. Manchmal müssen sie sogar die Jugendlichen persönlich aus dem Bett holen und mit ihnen zu Bewerbungsgesprächen fahren, damit sie pünktlich sind, oder weil sie sich einfach zu wenig zutrauen und kalte Füße bekommen.

 

Berufseinstieg für schwer vermittelbare Jugendliche bereits vor Corona schwierig

Von der Gründung im Jahr 1998 bis 2014 konnte AR.SOS rund 60 Prozent der betreuten Jugendlichen auf den Arbeitsmarkt vermitteln. Dann ging es bergab. Denn die Bedingungen am Arbeitsmarkt sind härter geworden, so Schritter: “Viele Familienbetriebe, die früher unsere Jugendlichen aufgenommen haben und ihnen ein gutes Umfeld bieten konnten, haben einstweilen zugesperrt.” Große Betriebe würden vor allem aufs Zeugnis schauen. Viele machen sogar Aufnahmeprüfungen oder nehmen überhaupt ausschließlich AbbrecherInnen von höheren Schulen, also hätten bereits oft BerufsschulabgängerInnen das Nachsehen. 

 

Kein AMS-Geld mehr für das Jugendarbeitsprojekt des SOS-Kinderdorfs

2018 wurde die AMS-Förderung von 250.000 Euro für AR.SOS gestrichen, da es eben die geforderte Erfolgsquote nicht mehr erfüllen konnte. Das Projekt wurde in Folge verkleinert und wird nun ausschließlich mit Geldern des SOS-Kinderdorfs finanziert, externe Jugendliche werden nicht mehr aufgenommen. 

 

AR.SOS war nicht das einzige Projekt in Niederösterreich, dem in den vergangenen Jahren AMS-Förderungen gestrichen wurden. Auch dem Projekt “Kassandra” in Mödling, dass sich auf Frauen und Mädchen spezialisiert hat, wurde die AMS-Finanzierung gestrichen. 

 

Lehrwerkstätten unter türkis-blau finanziell ausgehungert

Tatsächlich dünnte die türkis-blaue Vorgängerregierung, solche sozialökonomischen Projekte aus. Folglich gab es weniger Plätze in Lehrwerkstätten, die im Fachjargon überbetriebliche Ausbildungsstätten (ÜBA) genannt werden. Damit sind alle Ausbildungsplätze oder Arbeitstrainings für Jugendliche gemeint, die einfach keinen Lehrplatz oder Job in einem herkömmlichen Betrieb finden. Im vergangenen Ausbildungsjahr befanden sich insgesamt 12.598 junge Menschen in einer solchen ÜBA in Ausbildung. Im Jahr davor waren es noch 700 mehr. 

 

Die Sparmaßnahmen sollten die betroffenenen Jugendlichen drängen, sich schnell einen gewöhnlichen Lehrplatz oder Job zu suchen. Doch dieser Ansatz ignoriert die Lebensrealität dieser Jugendlichen völlig.

 

Am Arbeitsmarkt ist es nun auch trotz Lehrabschluss schwer

Im November 2019 hat MOMENT Lehrlinge bei “Wien Work” besucht, die hier eine überbetriebliche Ausbildung absolvieren. Wir haben nun nachgefragt, welche Auswirkungen die Corona-Krise hier hatte. Tatsächlich haben sich der Lockdown und das Homeschooling negativ ausgewirkt: Die Durchfallrate bei den Lehrabschlussprüfungen ist im Vergleich zu 2019 um 20 Prozent gestiegen. 

 

Vergangenes Jahr konnten rund 80 Prozent direkt nach Ausbildungsende auf eine Stelle am ersten, regulären Arbeitsmarkt vermittelt werden, heuer werden es wohl nur 50 Prozent werden. “Und manche davon, die etwa von Gärtnereibetrieben übernommen wurden, könnten vielleicht im November saisonbedingt ihren Arbeitsplatz gleich wieder verlieren, andere, weil der Betrieb schließt oder wegen Corona Personal abbaut,” befürchtet Wien Work- Ausbildungsleiterin Marlene Mayrhofer.

 

Jugendarbeitslosigkeit muss sofort bekämpft werden

Die Corona-Krise wird noch anhalten und die Arbeitslosenzahlen werden in der kalten Jahreszeit wieder ansteigen. Es werden im Jänner sogar wieder mehr als 500.000 Jobsuchende befürchtet. Derzeit sind rund 75.000 der 15- bis 24-Jährigen in Österreich auf Arbeits- beziehungsweise Lehrstellensuche oder in Schulungen des AMS. Heuer wird es laut einer Market-Umfrage rund 10.000 Lehrstellen weniger geben als im Vorjahr. Kein Wunder, dass es die rund 44.000 Jugendlichen, die vor der Corona-Krise als schwer vermittelbar galten, nun am Lehrlings- und Arbeitsmarkt kaum mehr Chancen haben.

 

Diese Jugendarbeitslosigkeit muss dringend bekämpft werden, warnt der Soziologe Johann Bacher von der Universität Linz: “Wer schon am Beginn des Erwerbslebens arbeitslos ist, ist auch später einem hohen Risiko ausgesetzt, es zu werden. Als Folge sinkt das Wohlbefinden, die Gesundheit ist beeinträchtigt und das längerfristig.” 

 

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit kostet den Staat auch viel Geld: Vor Corona lagen die Einnahmeverluste wegen entgangener Lohnsteuer und Umsatzsteuer (weil arbeitslose Jugendliche auch weniger konsumieren) bei 400 Millionen Euro. Pro jungem Arbeitslosen nimmt der Staat 9.000 Euro weniger ein. Bachers schätzt, dass wegen der Corona-Krise zusätzlich 7.000 Jugendliche langfristig vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt werden. Das sind dann nochmals 63 Millionen Euro an Einkommensverlust für den Staat jährlich.

 

Bacher plädiert für ein umfassendes Maßnahmenpaket: Unter anderem sieht er es als besonders wichtig an, die überbetriebliche Lehre auszubauen, vor allem außerhalb der Großstädte. Die Stadt Wien hat das bereits angekündigt und möchte ein entsprechendes Ausbildungspaket mit 17 Millionen Euro finanzieren.

 

Überbetriebliche Lehrausbildung wird wieder forciert

Der Ernst der Lage wurde bereits verstanden: Auch das Arbeitsmarktservice will die überbetriebliche Lehrausbildung wieder fördern, im Rahmen der neuen “Covid-Arbeitsstiftung” wird aktuell ein umfassendes Maßnahmenpaket gegen Jugendarbeitslosigkeit geplant.

Der Weg ist richtig: Nur muss jetzt oft erst wieder mühsam aufgebaut werden, was vor zwei Jahren unter Türkis-Blau schnell abgerissen wurde. Die Kürzungen bei sozioökonomischen Projekten und überbetrieblichen Lehrausbildungen in der Vergangenheit rächen sich nun umso mehr.

 

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