Hitzewelle in der Stadt
/ 2. August 2021

Um nachhaltig zu leben, dürfen wir einen ökologischen Fußabdruck von 1,6 Hektar haben. In Österreich liegt der Verbrauch viel höher. Auch, wenn man "perfekt" lebt. Ein Auszug aus Katharina Rogenhofers neuem Buch "Ändert sich nichts, ändert sich alles":
 

Mit all den Maßnahmen, die ich persönlich setze, beträgt mein Fußabdruck noch immer 2,3 Hektar. Selbst wenn ich perfekt wäre – und das bin ich nicht –, immer saisonale, regionale Veganerin wäre, nie flöge und Auto führe, ausschließlich Leitungswasser tränke, keine Verpackungen verwendete und keinen Abfall verursachte, selbst dann schösse ich über die akzeptable Grenze von 1,6 Hektar hinaus. Wie kommt das?

Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass wir in Österreich einen Startnachteil haben. Jede und jeder von uns beginnt bereits mit 1,5 Hektar. Wohnen, Mobilität und Ernährung sind hier noch gar nicht eingerechnet. Dieser Startnachteil heißt "grauer Fußabdruck". Er beziffert jene Ressourcen, die wir nicht als Individuen verbrauchen, sondern für die wir alle als Kollektiv verantwortlich sind. Jedes Museum, Gemeindeamt und Krankenhaus, jede Autobahn, Schule und Brücke fließen anteilsmäßig in meinen Fußabdruck ein.

Rogenhofer: "Für den Startwert sind ausschließlich Politik und Wirtschaft verantwortlich"

Zwei Drittel meines Verbrauchs ergeben sich bei mir also aus der Tatsache, dass ich Teil der Republik Österreich bin. Ich kann den grauen Fußabdruck nicht beeinflussen. Als Individuen können wir große Teile unseres Fußabdrucks reduzieren; für den Startwert von 1,5 Hektar aber sind ausschließlich Politik und Wirtschaft verantwortlich. Entscheidungen und Maßnahmen für diesen Anteil liegen nicht im Supermarktregal, sondern auf den Verhandlungstischen von UnternehmerInnen und PolitikerInnen.

Auch ein großer Teil der weiteren Hektar, die ich für Wohnen, Mobilität und Konsum brauche, werden von diesen Ebenen beeinflusst. Ich entscheide als Konsumentin nicht, wohin Züge fahren, wo Flughäfen gebaut werden und welche Inlandsflüge die ManagerInnen nehmen können. Ich entscheide nicht über die Lieferketten der heimischen Unternehmen oder wie lange die OMV noch vorhat, Öl zu fördern. Über die Milliarden an klimaschädigenden Förderungen und die umweltverschmutzenden Technologien in Konzernen entscheide nicht ich.

Rogenhofer: "Mit winzigen freiwilligen Beiträgen stoppen wir die Klimakrise nicht"

Die 80,4 Millionen Tonnen österreichische Treibhausgas-Emissionen (2019) stoppe ich nicht, indem ich zum Frühstück österreichischen Bio-Apfelsaft trinke. Ja, jede vermiedene Plastikfolie ist ein winziger positiver Beitrag. Aber eben nur ein winziger. Mit winzigen freiwilligen Beiträgen stoppen wir die Klimakrise nicht. Seit Jahrzehnten wird uns eingebläut, wir hätten täglich die Macht, die Menschheit bei unserem Einkauf zu retten. Wenn wir uns für die richtigen Produkte entschieden, für die teureren Produkte, dann werde alles wieder gut.

Wir überschreiten als Menschheit die planetaren Grenzen, stehen vor dem schwierigsten Problem der Menschheitsgeschichte und benötigen koordinierte, weitreichende Maßnahmen, um unser Überleben zu sichern. Dennoch werden wir damit abgefertigt, dass wir das im Supermarkt selbst erledigen sollen. Hört man sich zur Klimakrise um, sind es konsumbasierte Maßnahmen, die uns meist als Erstes einfallen.

Das können Sie gerne einmal austesten: Fragen Sie jemanden aus Ihrer Familie nach Maßnahmen gegen die Klimakrise. Es werden Konsumlösungen sein, geprägt vom Wort "Verzicht".

Und dann fragen Sie nach den wirkungsvollsten Maßnahmen gegen eine Wirtschaftskrise, gegen ein schlechtes Bildungssystem, gegen ein marodes Gesundheitssystem oder gegen Terrorismus. Dort scheint es uns ganz offensichtlich, dass die Politik das zu regeln hat, und nicht wir beim Frühstück. Man stelle sich diese Logik einmal analog in diesen Bereichen vor. Müssen wir uns selbst um die Bildung unserer Kinder kümmern, weil der Staat keine Schulen baut? Oder verzichten wir auf Sozialversicherungen und Krankenhäuser, weil die Ministerinnen und Minister uns auffordern, wir sollen selbst auf unsere Gesundheit schauen? Privat bezahlte Kurse für Selbstverteidigung ersetzen doch auch nicht die Polizei!

Bambus-Zahnbürste statt echt Veränderung

Die Individualisierung der Verantwortung wird häufig zur Ablenkung genutzt. Nicht umsonst stammt der ökologische Fußabdruck ursprünglich aus der Marketingabteilung des Ölriesen BP. Er verschleiert nämlich, wer systemisch etwas ändern könnte. Statt aufzuhören, Öl, Kohle und Gas zu fördern, rät man uns zu einer nachhaltigen Bambus-Zahnbürste.

Ja, wir haben als Individuen eine Verantwortung, aber unsere Handlungen bewegen sich im Rahmen gewisser Möglichkeiten. Die großen Hebel liegen dort, wo die großen Emissionen entschieden werden.

Wo sind nun die Schaltzentralen mit diesen Hebeln? Bedenkt man, dass nur hundert Unternehmen für 71 Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich sind, lohnt wohl ein Blick auf die Verantwortung der Wirtschaft.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus "Ändert sich nichts, ändert sich alles" von Katharina Rogenhofer. Sie schreibt darin über die Klimakrise und erklärt, wieso wir jetzt handeln müssen.

Cover: Gelber Hintergrund, darauf ein dickes Rufzeichen, darüber der Schriftzug: "Ändert sich nichts, ändert sich alles. Warum wir jetzt für unseren Planeten kämpfen müssen." Von Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer, erschienen im Zsolnay Verlag

"Ändert sich nichts, ändert sich alles" von Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer ist im Zsolnay Verlag erschienen.

Katharina Rogenhofer, geboren 1994 in Wien, studierte Zoologie an der Universität Wien und Nachhaltigkeits- und Umweltmanagement in Oxford. 2018 holte sie mit weiteren Aktivistinnen und Aktivisten die „Fridays-for-Future“-Bewegung nach Österreich, 2019 übernahm sie die Leitung des Klimavolksbegehrens und verfolgt damit das Ziel, politischen Druck für eine klimafreundliche Zukunft aufzubauen.

Für MOMENT berichtet Rogenhofer über die wichtigsten Entwicklungen der Klimapolitik.

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