Klaus Hubacek von der Universität Groningen vor grünen Bäumen als Hintergrund.

Klaus Hubacek (Universität Groningen) hat an Kapitel 2 des Weltklimaberichts mitgeschrieben. Darin geht es um verhaltens- und verbrauchsbedingte Emissionen und wie die Klimakrise abgeschwächt werden kann.

Foto: Klaus Hubacek (privat)

/ 7. April 2022

Wie wir Klimapolitik betreiben, sei bereits ein globales Experiment, kritisiert IPCC-Autor Klaus Hubacek. Wir dürfen nicht nur auf technologische Neuerungen setzen, durch die unsere Wirtschaft wie bisher unverändert weiterwachsen soll. Stattdessen braucht es auch eine Debatte über alternative Wirtschaftskonzepte und eine Änderung unseres Konsumverhaltens. So ganz ohne technologische Neuerungen wird es dann aber doch nicht gehen - und auch Geoengineering werde eine Rolle spielen.

Am Montag ist der dritte Teil des aktuellen Weltklimaberichts erschienen. Sie haben an Kapitel 2 als einer der Hauptautoren mitgeschrieben. Was war Ihre Aufgabe?

Klaus Hubacek: Wir haben uns vor allem konsumbasierte Emissionen angeschaut. Dabei werden die Emissionen den Ländern zugerechnet, die auch wirklich dafür verantwortlich sind. Das ist wichtig. Ebenfalls Teil des Kapitels ist ‚grünes Wachstum‘ oder die Entkoppelung des Wirtschaftswachstums von Emissionen, und die Rolle des Welthandels. Zudem haben wir uns die weltweite Ungleichheit angeschaut: Die obersten zehn Prozent der Weltbevölkerung stoßen beispielsweise gleich viele Treibhausgase aus wie die anderen 90 Prozent zusammen.

Zum Vergleich: Eine Studie von uns zeigt, dass wenn wir alle Menschen aus der extremen Armut holen würden, die Emissionen trotzdem um nur 1-2 Prozent steigen würden. Die Studie ist im IPCC-Bericht aber nicht berücksichtigt, da sie erst kürzlich erschienen ist.

Ihr Kapitel ist über 130 Seiten lang. Was sind die Kernaussagen?

Hubacek: Auf den ersten Blick haben es bereits 24 Länder geschafft haben, ihre CO2-Emissionen vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln. Während die Emissionen also jährlich sinken, steigt das Bruttoinlandsprodukt weiter. Schaut man aber genauer hin, sind das viele reiche Länder wie Großbritannien oder Schweden. Deren CO2-Emissionen sind weiterhin viel zu hoch, auch wenn sie mittlerweile sinken - speziell auch die pro-Kopf Emissionen. Auch einige ehemalige Sowjet-Staaten sind dabei. Die verdanken es der Umstrukturierung ihrer Wirtschaft nach dem Zusammenfall der Sowjetunion. Übrig bleiben noch Staaten wie Jamaika oder Kuba, in denen die Wirtschaft in einer Rezession steckt oder die einen großen erzwungenen Einschnitt hatten. Nichts also, was für die ganze Welt funktionieren würde oder wünschenswert wäre. Trotzdem träumen alle von dieser Entkoppelung.

Können wir überhaupt immer weiter wachsen? Wenn die Weltwirtschaft etwa wie bisher um etwa 3 Prozent pro Jahr wächst, hätten wir Ende des Jahrhunderts ein Bruttoinlandsprodukt, das ungefähr achtmal so groß wäre wie heute. Wie ist das mit den Pariser Klimazielen und den begrenzten Ressourcen vereinbar?

Hubacek: Eher nicht. Vielleicht wird es irgendwann beim CO2-Ausstoß möglich sein, sobald wir überall auf erneuerbare Energien umgestiegen sind. Aber eine Entkopplung von Landnutzung und Ressourcennutzung wird nicht möglich sein. Wir stoßen bereits an mehrere planetare Grenzen. Wenn wir mehr Land für Windräder und Sonnenkraftwerke nutzen, haben wir weniger für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung. So einfach ist das.

Wir sollten deshalb das Bruttoinlandsprodukt einfach “ignorieren”, wie der niederländische Umweltökonom Jeroen van den Bergh schreibt. Wichtiger ist, dass wir Umweltindikatoren wie den Ressourcenverbrauch messen. Soziale Indikatoren wie Vollbeschäftigung und Bildung sind zudem viel besser als das BIP geeignet, unser Wohlergehen zu messen.

Es werden auch viele alternative Wirtschaftskonzepte diskutiert. Etwa eine “Steady-State”-Ökonomie (Anm. d. Redaktion: Eine Wirtschaftsform, in der das BIP konstant auf einem “optimalen” Niveau bleibt) oder Degrowth-Ansätze. Aber das sind derzeit keine mehrheitsfähigen Konzepte und sie stehen auch nicht in der “Zusammenfassung für Politikfindung”.

Woran liegt das?

Hubacek: Weil man noch immer glaubt und hofft, dass man es mit dem jetzigen System schafft. Man möchte keine radikalen Veränderungen. Deshalb ist die Idee der Negativ-Emissionen so herrlich. Damit kann man die jetzige Infrastruktur einfach beibehalten. Kohle einfach weiter verbrennen, dafür aber das CO2 im Boden speichern. Das soll dann neue Jobs bringen und die alten bleiben trotzdem erhalten. Ob das wirklich funktionieren kann, ist mehr als fraglich.

Die Politik will den Klimawandel besiegen, ohne den Konsum einschränken zu müssen. Es werden keine Wahlen mit einem autofreier Sonntag oder einem Tempolimit gewonnen. Deshalb redet niemand darüber. Vor kurzem gab es eine wichtige Studie der eher konservativ-vorsichtigen Internationalen Energieagentur (IEA): Alleine durch Verhaltensänderungen könnten wir so viel Energie einsparen, wie wir derzeit von Russland importieren. Stattdessen machen sich aber gerade alle auf die Suche nach fossilen Alternativen vom nächsten Diktator. Öl aus Saudi-Arabien und Venezuela oder grauer Wasserstoff aus Katar sind auch nicht viel besser.

Wir haben vor wenigen Tagen mit Professor Arnulf Grübler vom IIASA Institut über den IPCC-Bericht gesprochen. Er meint, dass Europa bereits 2030 klimaneutral sein müsste. Ist das realistisch? Welche Möglichkeiten hat Europa hier?

Hubacek: Ich wünsche es mir - aber eher wohl nicht. Dafür müsste sich das Verhalten der Menschen drastisch ändern. Gleichzeitig müsste die Politik Haushalte beispielsweise beim Heizungstausch, der Gebäudeisolierung oder bei der Installation von Photovoltaik-Anlagen massiv fördern. Aber schon jetzt gibt es da massive Engpässe und zu wenig Fachkräfte.

Selbst wenn wir nun Unmengen an Photovoltaik-Anlagen installieren, würden wir dabei viel CO2 emittieren. Denn die meisten Anlagen kommen aus China und dort wird mehr als 60 Prozent der Energie aus Kohle produziert. Ein weiteres Problem sind die seltenen Erden, die dafür nötig sind. Der Abbau von Lithium und Kobalt ist enorm schädlich für Mensch und Umwelt. Einige hoffen deshalb auf Geoengineering und spekulieren, dass wir das zu viel an CO2 einfach irgendwann wieder aus der Luft saugen können. Das ist aber auch riskant, denn wenn Gletscher, Polkappen oder der Ozean kippen, ist das unumkehrbar.

Welche Arten von Geoengineering gibt es denn und wie realistisch sind sie?

Hubacek: Unsere Klimapolitik ist bereits ein globales Experiment. Dann noch irgendwelche Sonnenschirme im Weltall zu installieren, die das Sonnenlicht zurückschicken, scheint mir fast gefährlich. Andere Arten von Geoengineering sind aber durchaus denkbar.

Das sogenannte BECCS etwa. Dabei wird CO2 künstlich aus der Luft geholt und tief im Boden eingelagert oder von Pflanzen gespeichert, die wir als Bioenergie wiederverwenden können. Wichtig ist, dass dabei genügend Pflanzen nachwachsen, die das wieder freigewordene CO2 erneut einfangen. Aber dafür sind geschätzt zwischen 25 und 80 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nötig, was wiederum auf Kosten der Ernährungssicherheit geschehen würde.

Eine weitere Möglichkeit ist die Renaturierung von Auen, Fechtgebieten und Torfböden. Alleine in England ist so viel CO2 im Torf gespeichert, wie in allen Wäldern Frankreichs und Deutschland gemeinsam. Daher wäre es sinnvoll, Feuchtgebiete zu erweitern. Wir werden für das 1,5-Grad-Limit ohnehin so ziemlich alle Maßnahmen brauchen, die uns zur Verfügung stehen. Es wäre gefährlich, nur auf eine einzige Lösung zu setzen.

Technologien, die CO2 aus der Luft saugen, werden aber manchmal als Ausrede für raschere Klimaschutzmaßnahmen verwendet. Man hört immer wieder, dass Technologie und Innovation uns schon retten werden. Was ist davon zu halten?

Hubacek: Das Argument hat in der Vergangenheit schon nicht gehalten. Trotz aller technischen Innovationen sind wir genau am jetzigen Problem gelandet. Aber für die Politik ist das natürlich praktisch, denn dann muss sie nicht schwierige Themen wie Bevölkerungswachstum, Höchststeuersatz, die Einkommensungleichheit oder eine Änderung unseres Lebensstils diskutieren.

Wie wichtig werden Technologie und Innovation letztlich sein?

Hubacek: John Kerry, Klima-Sonderbeauftragter der USA, hat im vergangenen Jahr damit aufhorchen lassen, dass wir für die Energiewende hauptsächlich Technologien brauchen, die es heute noch gar nicht gibt. Andererseits haben wir aber bereits das meiste, das wir brauchen. Windkraft ist in den letzten 10 Jahren um 55 Prozent und Sonnenenergie sogar um 85 Prozent günstiger geworden. Schwieriger ist es mit der Speicherung, um auch Schwankungen gut überbrücken können. Da brauchen wir effizientere Möglichkeiten, aber auch Batterien und andere Speicher werden immer günstiger.

Was braucht es in energieintensiven Sektoren wie der Stahlindustrie, die besonders schwer zu dekarbonisieren ist?

Hubacek: Dort wird es vermutlich tatsächlich Technologien brauchen, die CO2 aus der Luft saugen oder gleich direkt speichern können. Wichtig ist natürlich der Umstieg auf grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Dort sind wir aber noch eher im Anfangsstudium und die Kosten sind noch zu hoch.

Werden erneuerbare Energien in den nächsten Jahren weiter günstiger werden?

Hubacek: Ziemlich sicher. Kleinere Technologien müssen zwar öfter getauscht werden, aber das ist ihr großer Vorteil. Sie können schneller angepasst und erneuert werden. Zudem sind sie weniger riskant. Je mehr von ihnen produziert werden, desto günstiger werden sie.

Zur Person: Klaus Hubacek ist Professor für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft an der Universität Groningen in den Niederlanden. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Konzeptualisierung und Modellierung der Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Er hat mehr als 200 Forschungsartikel in Fachzeitschriften zu Themen wie Anpassung an den Klimawandel, Management von Ökosystemleistungen und Landnutzungsänderung veröffentlicht. Zudem hat er Studien für eine Reihe von nationalen Behörden in Österreich, China, Japan, Spanien, Großbritannien und den USA sowie für internationale Institutionen wie die Weltbank durchgeführt und war leitender Autor des Kapitels über verhaltens- und verbrauchsbedingte Emissionen des 6. Sachstandberichts des Weltklimarat IPCC.

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