Der IPCC erklärt, wie sich das Klima entwickeln wird. Doch wie genau arbeitet die Behörde eigentlich?

Der IPCC erklärt, wie sich das Klima entwickeln wird. Doch wie genau arbeitet die Behörde eigentlich?

Sebastian Kühle/ortederklimakrise.at/CC BY-NC-SA 4.0

/ 25. Februar 2022

Am 28. Februar 2022 wird der zweite Teil des sechsten Sachstandberichts des Weltklimarat IPCC veröffentlicht. Der erste Teil erschien im Herbst 2021. Doch was genau ist der IPCC und wie entstehen die Berichte? Wir haben die wichtigsten Fragen für dich beantwortet.

Was ist der Weltklimarat IPCC?

IPCC steht für “Intergovernmental Panel on Climate Change”. Das bedeutet übersetzt so etwas wie “Zwischenstaatliches Fachgremium zum Klimawandel”. In der Regel sagt man auf Deutsch einfach “Weltklimarat”. Er wurde 1988 als Teil der UNO von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und dem UN-Welternährungsprogramm (UNEP) gegründet. 195 Länder sind heute Teil dieses Weltklimarates. Sein Ziel ist es zu klären, welche Gefahren von der Erderhitzung ausgehen und wie man dagegen vorgehen kann. Dazu werden die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse herangezogen und in Berichten gesammelt.

Bisher hat der IPCC fünf sogenannte Sachstandsberichte über den Klimawandel erstellt. Am 9. August 2021 wurde der erste Teil des sechsten Sachstandberichts veröffentlicht. Teil 2 folgt im Februar 2022 und Teil 3 im April. Der Abschlussbericht (englisch “Synthesis Report”) wird Ende September 2022 erwartet.

Wie arbeitet der IPCC?

Alle 195 Mitgliedsländer des IPCC können eigene Wissenschaftler:innen entsenden, die ehrenamtlich für den Weltklimarat arbeiten wollen. Diese sind zwar Fachleute in ihrem Feld, führen aber keine eigenen Studien für den Bericht durch. Die Expert:innen sammeln die aktuellsten Forschungsergebnisse und führen diese zusammen. So sollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus aller Welt zur Klimakrise umfassend abgebildet werden. Im Bericht der Arbeitsgruppe 1 werden über 14.000 solcher Arbeiten zitiert.

Der Bericht des IPCC veröffentlicht keine neuen Daten, sondern führt bereits bekanntes Wissen zusammen. Er kann der Politik nicht vorschreiben, wie sie damit umgehen soll. Aber er kann Datengrundlagen schaffen, die als Basis für die Politik dienen können.

Wie finanziert sich der IPCC?

Der IPCC finanziert sich durch freiwillige Beiträge der einzelnen Länder, wobei 80 Prozent nichts beitragen. Sein Jahresbudget beträgt aktuell etwa fünf bis zehn Millionen Euro. Die Vorstände und die Expert:innen, die an den Berichten mitarbeiten, erhalten kein Geld für ihre Arbeit. Ihre Reisekosten und sonstigen Spesen werden von den Mitgliedstaaten finanziert. Expert:innen, die nach UN-Definition einem Entwicklungsstaat angehören, kann auch das IPCC selbst Mittel zur Verfügung stellen.

Woran arbeitet der Weltklimarat?

Inhaltlich gibt es drei Arbeitsgruppen: Die Arbeitsgruppe 1 behandelt das aktuellste Wissen über die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Die Arbeitsgruppe 2 beschreibt die Folgen der Klimakrise und geht der Frage nach, wie sich die Menschheit an diese anpassen kann. Arbeitsgruppe 3 behandelt schließlich Strategien, mit denen man den Klimawandel eindämmen kann. Der bereits veröffentlichte Teil des aktuellen Berichts wurde von der Arbeitsgruppe 1 erstellt und Ende Februar folgt der Bericht der Arbeitsgruppe 2.

Ist der IPCC parteiisch?

Nein. Die Berichte des Weltklimarats sollen möglichst neutral sein. Dazu tragen mehrere Faktoren bei: Jedes Mitgliedsland kann eigene Wissenschaftler:innen für die Teilnahme nominieren. Diese werden für ihre Mitarbeit nicht bezahlt und müssen sich für drei Jahre verpflichten. Für jeden Bericht werden zudem neue Teams einberufen. Außerdem können die Ergebnisse vor ihrer Veröffentlichung in zwei Runden öffentlich begutachtet werden. Alle interessierten Menschen können dazu ihre Kommentare abgeben. Zum ersten Bericht im Herbst 2021 gingen mehr als 80.000 Kommentare ein. Die Autor:innen müssen alle davon beantworten.
Bei der sogenannten “Zusammenfassung für Politikschaffende” (englisch “Summary for Policymakers”) müssen auch alle teilnehmenden Staaten müssen vor der Veröffentlichung zustimmen. Zeile für Zeile wird um jede Formulierung auf den rund 30 Seiten gerungen. Das ist insgesamt also ein sehr vorsichtiger und vernetzter Vorgang.

Die “Technische Zusammenfassung” (englisch “Technical Summary") ist dagegen mehrere tausend Seiten lang. Regierungsbeamte können hierauf keinen Einfluss nehmen. Wenn du also genauer wissen möchtest, was hinter einem bestimmten Absatz steckt, solltest du einen Blick in das entsprechende Kapitel der “Technischen Zusammenfassung” werfen.

Warum ist der Klimabericht des IPCC wichtig?

Darüber, dass sich die Erde erhitzt und dass Menschen dafür verantwortlich sind, herrscht in der Wissenschaft kein Zweifel mehr. Die Auswirkungen können wir immer stärker beobachten. Ob Waldbrände, Hitzewellen oder schwere Stürme: Extreme Wetterereignisse werden auf der ganzen Welt häufiger und verheerender.

Doch wie genau soll die Menschheit dagegen vorgehen? Dafür benötigt es genaue Daten. Und die liefern diese Berichte in gebündelter Form. Sonst wäre es kaum noch möglich, den Überblick über die Forschungsergebnisse zu bewahren. Denn diese werden nicht nur immer mehr, sondern auch immer genauer und detaillierter. Seit dem letzten Sachstandsbericht  vor acht Jahren sind mehr als 350.000 neue Publikationen erschienen. Der IPCC bietet den Menschen - und auch der Politik - mit dem Bericht einen einfachen Einblick in den momentanen Stand der Klimakrise und ihrer Entwicklung.

Was steht im Bericht der Arbeitsgruppe 1?

Wer von diesem Bericht erfreuliche Erkenntnisse erwartet hat, wurde enttäuscht: Noch nie hat der IPCC so eindrücklich vor den Folgen der Klimakrise gewarnt. Der Bericht bestätigt, dass der Klimawandel kein natürliches Ereignis ist:  “Es ist eindeutig, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, die Meere und die Erde erwärmt hat.”

Und diese Erwärmung hat Folgen, die bereits jetzt laut dem Bericht nicht mehr umkehrbar sind: Der Meeresspiegel wird weiter steigen und die Gletscher weiter schmelzen und oft verschwinden, auch wenn der Ausstoß von Treibhausgasen drastisch gesenkt wird.

Im Pariser Klimaabkommen von 2015 wurde nach langer Untätigkeit endlich das 1,5-Grad-Limit festgelegt: Die Durchschnittstemperatur der Erde sollte sich, verglichen zu vorindustrieller Zeit um 1850, bis 2100 um höchstens 1,5 Grad erhöhen und auf dem Wert stabilisiert werden. Der aktuelle Bericht rechnet jedoch damit, dass dieser Anstieg bereits in den nächsten zwei Jahrzehnten erreicht wird. Das wird zu mehr extremen Wetterereignissen auf der ganzen Welt führen. Außerdem werden wir bald weitere Kipppunkte erreichen, die die Erderhitzung noch beschleunigen werden.

Das IPCC warnt, dass der 6. Sachstandsbericht der letzte Bericht sein wird, nach dem noch eine Chance besteht, unter dem 1,5-Grad-Limit zu bleiben. Es sei aber immer noch möglich, dass sich die Durchschnittstemperatur bei diesem Wert stabilisiert. Dazu müsse der Ausstoß von Treibhausgasen aber extrem eingeschränkt werden. Reinhard Steurer, Klimapolitikexperte der BOKU Wien, warnte nach der letzten Weltklimakonferenz in Glasgow: “Die Regierungen haben den Klimanotstand nicht kapiert”.

Was steht im Bericht der Arbeitsgruppe 2?

Der Bericht der Arbeitsgruppe 2 wird am 28. Februar 2022 veröffentlicht. Er behandelt die Folgen der Erderhitzung, die Risiken der verschiedenen Weltregionen und Möglichkeiten zur Anpassung (Adaptation).

Jeder Arbeitsgruppe sitzen zwei Wissenschaftler:innen vor. Debra Roberts aus Südafrika repräsentiert in der zweiten Arbeitsgruppe alle Entwicklungsstaaten. Der deutsche Klimaforscher Hans-Otto Pörtner stellt für die Industrienationen den Vorsitz. Insgesamt haben 270 Wissenschaftler:innen aus 67 Ländern an diesem Bericht mitgewirkt, darunter drei Österreicher:innen: die Umweltökonomin Birgit Bednar-Friedl vom Wegener Center der Universität Graz, der Systemwissenschaftler Reinhard Mechler vom IIASA in Laxenburg und der Gletscherforscher Georg Kaser von der Universität Innsbruck.

“Der Bericht wird besonders auf Fragen sozialer Gerechtigkeit eingehen”, eklärt Inger Andersen, Generalsekretärin des UN-Welternährungsprogramms (UNEP). “Er wird den Zusammenhang zwischen der Klimakrise und Verlusten für Menschen, Natur und Tiere noch deutlicher hervorheben.”

Entwicklungsstaaten versuchen seit Jahren, die reichere Welt dazu zu bewegen, auf die Frage der "Verluste und Schäden" einzugehen. Der Begriff umschreibt Klimaauswirkungen, die unumkehrbar sind. Es geht vor allem um Zahlungen an betroffene Staaten. Expert:innen gehen jedoch davon aus, dass der Begriff auch diesmal in der “Zusammenfassung für Politikschaffende” fehlen wird, weil sich unter anderem die USA dagegen sträuben.

Was steht im Bericht der Arbeitsgruppe 3?

Der Bericht der dritten Arbeitsgruppe wurde Anfang April 2022 veröffentlicht. Darin geht es um die Möglichkeiten zur Abschwächung der Klimakrise. Die Kernaussage: Wir müssen die Emissionen bis 2030 zumindest halbieren, um das 1,5-Grad-Limit noch in Reichweite zu halten.

Das wird eine immense Herausforderungen. In den vergangenen zehn Jahren wurden mehr Treibhausgase emittiert als je zuvor. Laut Bericht des Weltklimarat ist zumindest ein temporäres Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze "fast unvermeidbar". Um langfristig das Pariser Klimaziel nicht aus den Augen zu verlieren, muss deshalb umgehend gehandelt werden. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Windenergie ist in den vergangenen zehn Jahren um 55 Prozent und Sonnenenergie um 85 Prozent günstiger geworden.

Wer jetzt aber hofft, dass uns Innovation und Technik schon retten werden, hofft vergebens. IPCC-Mitautor Klaus Hubacek (Universität Groningen) erklärt etwa im Interview mit MOMENT, dass wir auch über alternative Wirtschaftskonzepte und eine Änderung unseres Konsumverhaltens nachdenken müssen.

Trotz allem dürfen wir aber nicht nur die Klimakatastrophe an die Wand malen, mahnt Systemwissenschafter Arnulf Grübler (IIASA), der ebenfalls am Bericht mitgeschrieben hat. Im Gespräch mit MOMENT erklärt er, dass viele Maßnahmen schnell umzusetzen und gut leistbar wären - und sogar positive Nebeneffekte hätten.

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