Ein verzweifelter Mann rauft sich die Haare
Die Krise führt auch zu mehr psychischen Erkrankungen. Doch die Versorgung seelischer Leiden ist in Österreich schlecht. Credit: Pexels.com/Nathan Cowley
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/ 8. Juni 2020

Jobverlust, Familienstreit, Angststörungen und Einsamkeit - die psychischen Belastungen durch die aktuelle Situation haben enorm zugenommen. ExpertInnen erwarten einen gewaltigen Anstieg an Menschen, die psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe brauchen. Doch die Versorgung war schon vor dem Lockdown lückenhaft - das könnte sich nun enorm rächen.

 

Andreas K. (Name von der Redaktion geändert) hatte gerade eine Scheidung hinter sich, als die Corona-Krise sein Catering-Unternehmen in die Krise stürzte. Die Angestellten musste er kündigen, vom Härtefallfonds bekam er gerade einmal 500 Euro. Viele Klein- und EinzelunternehmerInnen und ExpertInnen klagen darüber, dass sie viel zu wenig an staatlicher Hilfe bekommen. Diese Existenzängste haben Andreas K. in ein seelisches Tief gestürzt: “Da war ich plötzlich: Ein erwachsener Mann, ohne Familie, der wieder zu seiner Mutter gezogen ist und das jahrelang aufgebaute Geschäft war am Ende. Erbärmlicher ging es in meinen Augen nicht,” erzählt Andreas K. Er wollte seinem Leben nur noch ein Ende setzen, doch seine Mutter brachte ihn rechtzeitig auf die Psychiatrie. Nach fünf Wochen im Krankenhaus hat er seinen Lebenswillen wieder gefunden.

Kaum Krankenkassenplätze für Gesprächstherapie

Eine Gesprächstherapie bekam Andreas K. im Krankenhaus nicht. Aufgrund der Corona-Krise wurde die Psychiatrie auf Notbetrieb heruntergefahren. Es ging nur darum, ihn gut auf Antidepressiva einzustellen. “Nun muss ich mich selbst um einen Kassentherapieplatz kümmern, privat kann ich mir in meiner Situation einfach keine derartige Hilfe leisten,” so der Caterer. In manchen Bundesländern warten Betroffene auf einen solchen Platz ein halbes Jahr. In dieser Zeit kann sich der psychische Gesundheitszustand wesentlich verschlechtern oder manifestieren.

Dieses Einzelschicksal zeigt, wie fahrlässig in Österreich mit psychisch kranken Menschen umgegangen wird. 

Schlechte Versorgung für psychisch kranke Menschen

Bereits im vergangenen Jahr wurde eine Petition gestartet, um auf dieses Dilemma aufmerksam zu machen. In Österreich leiden rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung unter einer schweren psychischen Erkrankung. Das sind rund 440.000 Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich 1,2 Millionen Menschen psychisch krank sind. Zwei Drittel aller Frühpensionen resultieren aus psychischen Erkrankungen. Wer ein schweres seelisches Leiden entwickelt, ist durchschnittlich 40 Tage im Krankenstand oder gar berufsunfähig. Psychische Erkrankungen kosten dem Staat bis zu 12 Milliarden Euro jährlich - und ein großer Teil dieser Kosten könnte durch eine bessere Prävention und Versorgung eingespart werden.

Krise bedingt mehr psychische Erkrankungen

Andreas K. ist nicht der einzige Mensch, den die Corona-Krise in ein tiefes Loch gerissen hat. Bei der psychologischen Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen haben seit Beginn der Krise zwei bis vier Menschen wöchentlich angerufen, die Suizidgedanken hatten. Dass durch die aktuelle Ausnahmesituation die psychischen Belastungsfaktoren zugenommen haben, steht außer Zweifel, erklärt die klinische Psychologin Marion Kronberger: “Eine Krise kann ein Mensch in der Regel noch halbwegs verarbeiten. Aber wenn dann plötzlich mehrere Katastrophen gleichzeitig passieren, dann kommt es schnell einmal zu einem Zusammenbruch.” Genau so war es bei Andreas K. der Fall.

Psychische Mehrbelastung zieht sich durch gesamte Gesellschaft

Kronberger vergleicht die aktuelle Situation mit dem Basiscamp auf einem Berg: “Wir haben uns jetzt alle in ein halbwegs sicheres Lager gerettet, doch manche sind bereits jetzt völlig erschöpft. Und wir haben ja den Gipfel noch nicht erreicht. Diese Unsicherheit ist daher für viele Menschen eine enorme Belastung. Wenn wir ein konkretes Datum vor Augen hätten, an dem das alles vorbei ist, könnten viele nochmals ihre Kräfte mobilisieren.” Doch noch ist unklar, ob das Gröbste überstanden ist oder die gefürchtete zweite Welle kommt und es einen erneuten Shutdown gibt. 

Genaue Daten darüber, was Corona mit unserer psychischen Gesundheit macht oder gemacht hat, gibt es noch nicht. Dieser Frage geht aktuell die Ludwig Boltzmann Gesellschaft nach, Menschen ab 18 Jahren können via Online-Fragebogen daran teilnehmen. 

Doch sicher ist: Die psychischen Belastungen ziehen sich durch die ganze Gesellschaft. Von den direkten Folgen des Lockdowns wie Einsamkeit und Angst abgesehen, haben sich zahlreiche Problemfelder aufgetan. Viele Menschen sind arbeitslos geworden, damit steigt das Risiko für Existenzängste, Alkoholismus und Depressionen. Der Berufsverband der PsychologInnen hat ein Informationsblatt erstellt, das Hilfe und Tipps für alle in dieser Situation gibt. Auch Frauen sind in der Krise enorm belastet, die Kinderbetreuung mussten größtenteils sie übernehmen, auch wenn sie daneben im Home-Office arbeiten mussten. Durch das Homeschooling werden sozial benachteiligte Kinder weiters abgehängt. Auch werden mehr Konflikte von häuslicher Gewalt erwartet, weshalb sogar eine spezielle Hotline für gewaltbereite Männer eingerichtet wurde. Und in Altersheimen wurde beobachtet, dass sich das Krankheitsbild bei dementen PatientInnen enorm verschlechtert hat.

Auch psychiatrische Versorgung lückenhaft

Auch der Sozialpsychiater Johannes Wancata erwartet einen Anstieg an psychischen Erkrankungen. Doch noch ist der Ansturm auf die Psychiatrien ausgeblieben: “Wir kehren langsam wieder zum Normalbetrieb zurück und sind noch nicht ganz ausgelastet. Aber das kann sich schnell ändern.” Er gibt zu bedenken, dass eine psychische Erkrankung jeden treffen kann: “Niemand soll sich in falscher Sicherheit wiegen, jeder kann einfach aus der Bahn geworfen werden.” 

Auch er beklagt, dass die psychiatrische Versorgung in Österreich nicht ausreichend ist. Laut Ärztekammer können derzeit 3 Kassenstellen für Psychiatrie in ganz Österreich nicht nachbesetzt werden. Da es aber insgesamt nur rund 130 PsychiaterInnen mit Kassenvertrag gibt, liegt der tatsächliche Bedarf weitaus höher.

Mehr Geld für psychische Gesundheit

Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen wünscht sich nicht nur mehr Geld für Therapieplätze auf Kassa, sondern spricht sich dafür aus, dass neben PsychiaterInnen und PsychotherapeutInnen auch klinische PsychologInnen endlich Kassenverträge bekommen - damit könnten auch schlagartig viel mehr Menschen durch das öffentliche System versorgt werden. Denn der Bedarf wird steigen. Und Menschen, die nun durch die Krise in ein seelisches Tief geraten sind, müssen rasch und effizient aufgefangen werden. 

 

Leidest du unter Depressionen oder hast Suizidgedanken? Bitte wende dich an die Telefonseelsorge, kostenlos stehen dir Experten rund um die Uhr unter 142 zur Verfügung. Es gibt auch Beratungen über Chat und Mail.

Auch die Experten des Kriseninterventionsteams stehen für eine Beratung von Montag bis Freitag unter +43 1/ 406 95 95 zur Verfügung. Auch hier ist eine anonyme E-Mail Beratung möglich.

Die psychologischen Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen ist Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr unter +43 1 /504 8000 erreichbar.

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