Bild zeigt Beschäftigte einer Bar bei der Arbeit. In der Gastronomie ist die "Kündigung auf Zeit" allzu verbreitet.

In der Gastronomie ist die "Kündigung auf Zeit" allzu verbreitet. Unternehmen wälzen so Personalkosten auf die Allgemeinheit ab. // Foto: Taylor Davidson on Unsplash

/ 10. März 2022

Bis zu einer halben Milliarde Euro kostet es uns jährlich, weil Unternehmen ihren Beschäftigen kündigen, um sie kurze Zeit später wieder einzustellen. Beschäftigte verlieren Einkommen und Pensionsansprüche. "Wer das nicht akzeptiert, wird nicht wiedereingestellt", sagt ein Betroffener. Nur Unternehmen sparen sich viel Geld, indem sie Mitarbeiter:innen gezielt beim AMS zwischenparken. Was dagegen getan werden muss.


Seit Anfang März gelten die meisten Corona-Ausgangsbeschränkungen nicht mehr. Nachtlokale sind wieder geöffnet. Für Daniel (Name geändert) heißt das: Er hat seinen Job wieder. Er mixt Cocktails in einem teuren Innenstadt-Lokal in Wien. Als die Nachtgastronomie im November vergangenen Jahres coronabedingt in den Lockdown ging, hieß es für seine 13 Kolleg:innen und ihn: ab zum AMS, und zwar sofort.

„Wir wurden gekündigt - mit Wiedereinstellungszusage“, sagt Daniel zu MOMENT. „Das Gehalt für den letzten Teil des Novembers wurde uns schon nicht mehr ausgezahlt.“ Rechtlich hätte ihnen das zugestanden. „Aber uns wurde gesagt: Wenn wir das nicht akzeptieren, können wir uns die Wiedereinstellung in die Haare schmieren.“

Kündigung auf Zeit: Von der Gehaltsliste runter, sofort wieder verfügbar

Zur Kurzarbeit anmelden wollte die Betreiberfirma ihn und seine Kolleg:innen nicht. „Nur die Betriebsleiter wurden in Kurzarbeit genommen“, sagt Daniel. Alle anderen sollten möglichst schnell runter von der Gehaltsliste. Allerdings so, dass sie schnell bereitstehen, wenn der Laden wieder brummt. Dazwischen mussten die Mitarbeiter:innen der Bar mit dem Arbeitslosengeld in Höhe von nur 55 Prozent des Letztgehalts leben.

Die für Unternehmen elegante Lösung dafür heißt: „Kündigung auf Zeit“, oder Aussetzungsvertrag. Mitarbeiter:innen werden sofort vor die Tür gesetzt, wenn der Betrieb weniger stark ausgelastet ist. Wenige Monate, Wochen oder gar Tage später werden sie wieder zurückgerufen. Firmen hängen damit einen Teil ihrer Personalkosten der Allgemeinheit um. Sie nutzen gezielt aus, dass arbeitslos gewordene Beschäftigte staatlich unterstützt werden.

Temporäre Kündigungen kosten eine halbe Milliarde Euro

Es ist eine teure Praxis: „Kündigungen auf Zeit“ kosten jährlich bis zu eine halbe Milliarde Euro, berechnete das Momentum Institut jetzt. Betroffen sind auch außerhalb von Corona-Zeiten jährlich 220.000 Beschäftigte. Sie verlieren, wie Daniel, nicht nur viel von ihrem Einkommen. Auch die Pensionsansprüche sinken und die Löcher im Lebenslauf erschweren die zukünftige Jobsuche.

Immer zwischen Job und Arbeitslosigkeit hin und her pendeln zu müssen, macht unsicher: Wer vom Unternehmen wiedereingestellt werden will, akzeptiert mitunter Härten. So wie Daniel, der dafür auf das ihm zustehende Gehalt für die letzten Novembertage verzichtete. Ein Achtel der gesamten Arbeitslosigkeit in Österreich sind Kündigungen auf Zeit.

Eines von vier Unternehmen in Österreich kündigt Beschäftigte und stellt sie kurze Zeit später wieder ein. Im Bergbau, bei Baufirmen, in Gastronomie und Hotellerie sowie bei Leiharbeitsfirmen ist es besonders beliebt, Beschäftigte streng nach Bedarf anzustellen. Im Bau ist jede dritte Einstellung eine Wiedereinstellung innerhalb eines Jahres, in der Gastronomie jede fünfte.

In manchen Betrieben hat Kündigung auf Zeit System

„Manche Unternehmen schieben ihre Beschäftigten regelmäßig in die Arbeitslosigkeit ab, nur um sie wenig später wieder einzustellen“, schreiben die Autor:innen des Momentum Instituts in ihrer Analyse. „Das verursacht der Allgemeinheit hohe Kosten in der Arbeitslosenversicherung.“

Dagegen gibt es Firmen, die Arbeitsplätze auch in weniger geschäftigen Zeiten erhalten. Etwa, indem dann Überstunden und Mehrstunden abgebaut werden. Sie erleiden durch die Praxis einen „unfairen Nachteil“, so das Momentum Institut. Mit der Einstellungszusage „reservieren“ sich Firmen, die „Kündigungen auf Zeit“ aussprechen, schon das Personal für die Zeit nach der Flaute. Das AMS sieht dann davon ab, die gekündigten Personen in andere Jobs zu vermitteln.

Der Vorschlag des Momentum Instituts: Unternehmen, die der Arbeitslosenversicherung durch zeitweise Kündigungen hohe Mehrkosten verursachen, sollten dafür zahlen. Wer häufig Beschäftigte temporär kündigt und damit stärker zur Arbeitslosigkeit beiträgt, muss dann höhere Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zahlen. Unternehmen, die auf stabile Beschäftigung setzen, würden weniger zahlen oder auch mehr Förderungen erhalten.

Vorschlag: Wer öfter Beschäftigte kündigt, zahlt mehr Beiträge

Das „Zwischenparken“ seines Personals in der Arbeitslosenversicherung würde für Unternehmen damit teurer. Ein System-Vorbild dazu gibt es in den USA. Betriebe, die dort ausgiebig „hire and fire“ praktizieren, zahlen in manchen Bundesstaaten enorm hohe Beiträge in die Arbeitslosenversicherung.

Das Momentum Institut will dagegen Firmen, die nicht auf „Kündigungen auf Zeit“ setzen, stärker unterstützen. So könnten Beherbergungsbetriebe mehr Tourismusförderung erhalten, wenn sie ihr Personal das ganze Jahr halten. Unternehmen mit Wintersaison könnten zusammen mit Firmen, bei denen im Sommer besonders viel zu tun ist, statt zwei Saisonjobs eine ganzjährige Beschäftigung schaffen. Und werden Bauprojekte von der öffentlichen Hand ausgeschrieben, könnte ein Kriterium bei der Vergabe sein: Firmen, die ihre Mitarbeiter:innen ganzjährig anstellen, kommen eher zum Zug.

Firmen könnten, so das Momentum Institut, auch verpflichtet werden, ihren gekündigten Mitarbeiter:innen für die erste Zeit das Arbeitslosengeld zu zahlen. Das würde dem entsprechen, was von Arbeitnehmer:innen schon heute verlangt wird: Kündigen die nämlich selbst, erhalten sie in den ersten vier Wochen keinen Cent an staatlicher Unterstützung.

Den gesamten Policy Brief zu "Kündigung auf Zeit" findest du hier zum Download:

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