Kundgebung für Erhalt des MAN-Werk in Steyr.
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/ 8. April 2021

Fast zwei Drittel der Belegschaft vom MAN-Werk in Steyr sagt Nein zu den Übernahmeplänen von Investor Siegfried Wolf. Der will Hunderte Jobs streichen und Gehälter massiv kürzen. Trotz der Drohung von MAN, das Werk sonst zu schließen, lehnen die MitarbeiterInnen diesen Kahlschlag ab. Denn Alternativen gibt es.


Die MitarbeiterInnen des MAN-Werk in Steyr haben ein Zeichen gesetzt: Fast zwei Drittel der Belegschaft, 63,9 Prozent, stimmen gegen den Plan von Investor Siegfried Wolf, die Fabrik zu übernehmen. Rund 2.300 Personen aus Stammbelegschaft sowie LeiharbeiterInnen waren zur Urabstimmung aufgerufen, 94 Prozent von ihnen nahmen teil – und verpassten Wolf und seiner WSA Beteiligungs GmbH eine schallende Ohrfeige.

Der hatte gemeinsam mit dem jetzigen Eigentümer MAN der Belegschaft zuvor die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder sie akzeptieren eine Übernahme, bei der Hunderte MitarbeiterInnen ihren Job verlieren und die übrigen um 15 Prozent weniger verdienen, oder MAN macht das Werk mit 2023 dicht. Es war eine Wahl, die keine ist – MOMENT berichtete darüber.

Investor plante bereits Zukunft des MAN-Werk

Für Wolf und MAN schien die Sache offenbar schon ausgemacht, die Abstimmung nur Formsache: Er plane bereits seit Wochen mit den MAN-Managern die Zukunft des Werkes, sagte Wolf vorher. Denn welcher Arbeitnehmer sollte schon dagegen stimmen, wenn die scheinbar einzige Alternative lautet: das Werk schließt, alle verlieren ihren Job? Wolf sprach davon, sich zwei Drittel Zustimmung zu wünschen.

Die Einschnitte wären zu gravierend gewesen. Das sah offenbar auch die Belegschaft so.
Helmut Emler, stellvertretender Betriebsratschef

Bekommen hat er das Gegenteil: zwei Drittel Ablehnung. Die Belegschaft habe das Konzept klar abgelehnt, sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Helmut Emler am Donnerstag. Die geplanten Einschnitte wären „zu gravierend gewesen. Das sah offenbar auch die Belegschaft so.“

MAN droht: Nehmen Pläne zur Schließung wieder auf

MAN reagierte umgehend auf das für sie „enttäuschende“ Ergebnis: „MAN nimmt jetzt als Konsequenz die Pläne zur Schließung des Werks in Steyr wieder auf“, ließ der Konzern aus München per Aussendung wissen. Und baute damit die Drohkulisse wieder auf, die er im vergangenen Herbst schon aufgestellt hatte. Damals kündigte die Geschäftsführung von MAN einseitig einen mit der Belegschaft unterschriebenen Vertrag, der den Standort bis 2030 sicherte.

Stattdessen will MAN das Werk in Steyr, das dem Konzern laut Geschäftsbericht im Jahr 2019 noch mehr als 20 Millionen Euro Gewinn brachte, Ende des Jahres 2023 schließen. Das ist ein Vertragsbruch gegenüber den MitarbeiterInnen. Doch: MAN betrachtet die bereits 2016 abgeschlossenen Vereinbarung plötzlich als nicht mehr rechtlich bindend.

Eine Schließung werden wir nicht akzeptieren.
Helmut Emler, stellvertretender Betriebsratschef

Ob das zutrifft, müssen Gerichte entscheiden. Doch rechtliche Schritte dorthin können erst eingeleitet werden, wenn es betriebsbedingte Kündigungen gibt und jemand dagegen klagt. Das sei aber „derzeit nicht das Thema“, sagte Betriebsrat Emler am Donnerstag, denn "wir haben Vollauslastung“. Eine Schließung "werden wir aber nicht akzeptieren", so Emler.

MAN-Werk an Wolf oder Schließung? Es gibt Alternativen

„Als Betriebsrat werden wir morgen beginnen, mit MAN das Gespräch zu suchen“. Für ihn und seine KollegInnen ist das Ende des Werks noch lange nicht durch - auch wenn die scheinbar alternativlose Übernahme durch Wolf nicht kommen sollte. Emler verweist auf Deutschland, wo ursprüngliche Sparpläne von MAN inzwischen entschärft worden sind.

MAN kauft nicht einmal Bürotische, ohne zwei Angebote einzuholen. Und hier holt man überhaupt kein zweites Angebot ein, verweigert sogar das Gespräch.
Gerald Ganzger, Sprecher von Interessent Karl Egger

Und er betont, dass es noch andere Interessenten gibt, etwa ein Konsortium um den Linzer Industriellen Karl Egger. MAN zog deren Angebot allerdings gar nicht in Erwägung. Gerald Ganzger, den Sprecher des Konsortiums um Egger, hat das sehr verwundert: "MAN kauft nicht einmal Bürotische, ohne zwei Angebote einzuholen", sagt er zu MOMENT. "Und hier holt man überhaupt kein zweites Angebot ein, verweigert sogar das Gespräch. Das ist sehr ungewöhnlich, das habe ich noch nie erlebt", sagt Ganzger. “Das kann nur sein, wenn ich um Gottes Willen kein zweites Angebot haben möchte.”

Als börsennotiertes Unternehmen sei MAN den AktionärInnen und Belegschaft gegenüber aber verpflichtet, das Beste für sie herauszuholen. “Da spreche ich mit allen Interessenten und nicht nur mit einem.” Das Egger Konsortium sei weiter interessiert und für Gespräche offen, versichert Ganzger.

Für die MAN ist das nicht das Beste und für die Beschäftigten schon gar nicht, wenn die Hälfte gehen muss.
Erich Schwarz, Betriebsratschef

Dass MAN mit niemand sonst außer mit Wolf bisher gesprochen hat, “ist für mich unverständlich”, sagt auch Betriebsratschef Schwarz. “Für die MAN ist das nicht das Beste und für die Beschäftigten schon gar nicht, wenn die Hälfte gehen muss.”

MitarbeiterInnen müssen nicht jedes Angebot annehmen

So machtlos, wie es bisher scheint und oft dargestellt wird, sind die MitarbeiterInnen in Steyr nicht. Das Werk rennt, der Profit im Jahr 2019 lag im Schnitt des Gesamtkonzerns. Die MitarbeiterInnen müssten nicht jedes Übernahmeangebot annehmen, so Betriebsratschef Schwarz. „Wenn die Hälfte der Belegschaft nicht bei Wolf unterschreibt, dann hat er niemanden, der ihm die Arbeit verrichtet.“

Denn bis Ende 2023 sei das Werk voll ausgelastet für die derzeit 2.300 MitarbeiterInnen. „Wenn ein Drittel von denen zu Wolf sagt, ich arbeite bei Dir nicht, muss er die ersetzen“, sagte Schwarz am Tag vor der Abstimmung. Jetzt sind es sogar zwei Drittel, die sagen, für Wolf wollen sie nicht arbeiten.


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