Einfahrt zum MAN-Werk in Steyr

Einfahrtstor zum MAN-Werk in Steyr im Juni 2021. Inzwischen firmiert das Werk als Steyr Automotive. Gebaut werden aber bis Mitte 2023 weiterhin Lkw von MAN. // Foto: Andreas Bachmann

/ 3. März 2022

Die Produktion im MAN-Werk in Steyr steht ab heute still. Wegen des Kriegs in der Ukraine fehlen Teile, die von dort geliefert werden. Die Steyr Automotive von Investor Siegfried Wolf könnte es noch härter treffen. Bleiben die Russland-Sanktionen, werden die zukünftig geplanten Nutzfahrzeuge nicht vom Band rollen können. „Das wäre der Worst Case“, sagt der Betriebsrat.

Ab heute geht nichts mehr im Lastwagen-Werk in Steyr. „Ab Donnerstag müssen wir die Produktion stoppen“, sagt Helmut Emler, Chef des Arbeiter:innen-Betriebsrats, zu MOMENT. Der Krieg in der Ukraine trifft auch die Lkw-Fabrik. Investor Siegfried Wolf hatte sie im vergangenen Jahr nach monatelangem Tauziehen von MAN übernommen – MOMENT berichtete. Inzwischen firmiert das Werk unter dem Namen Steyr Automotive, produziert aber bis Mitte 2023 weiter für MAN.

Eigentlich. Es ist eine Woche nach Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine, der bereits Tausende Opfer forderte und annähernd eine Million Menschen zur Flucht zwang. In Steyr fehlen jetzt Kabelbäume, die in den Lkw verbaut werden sollen.

MAN-Werk steht still, weil ein Bauteil fehlt

Die kommen aus zwei Werken in der Westukraine, die wegen des Krieges nun geschlossen sind. Der gesamte VW-Konzern, zu dem MAN gehört, ist betroffen. Auch im nur einen Steinwurf entfernten Werk von BMW in Steyr stehen deshalb ab Freitag die Bänder still.
Es zeigt sich, wie fragil die sogenannte Just-in-Time-Produktion ist. Kaum mehr Teile werden auf Lager gehalten, sondern frisch angeliefert. Fällt nur ein Baustein um, kippt die ganze Produktion.

Folge: Beschäftigte können nicht arbeiten und werden – im besten Fall – in Kurzarbeit geschickt, Kund:innen müssen warten. „Wir hier und alle anderen müssen jetzt andere Lieferanten für die Kabelbäume finden“, sagt Emler. Klappt das nicht, geht auch für längere Zeit nichts mehr in Steyr.

Russland-Sanktionen machen Wolfs Plan zunichte

Es könnte ein Vorgeschmack darauf sein, was dem Werk blüht. Die Sanktionen gegen Russland würden die Pläne von Siegfried Wolf für das Werk in Steyr zunichte machen. Denn der hat sich eng an den russischen Nutzfahrzeugbauer GAZ gekettet. Im von Oligarch Oleg Deripaska kontrollierten Konzern ist Wolf seit 2013 Chef des Aufsichtsrats und hält 10 Prozent der Anteile daran.

Ab 2023 sollen hier leichte Lkw zusammengeschraubt werden, deren Einzelteile zu einem großen Teil von GAZ kommen sollen. Verkauft würden sie dann als Steyr-Trucks made in Austria.

Aber: Stand jetzt „wäre dann kein Teileaustausch mit GAZ möglich“, sagt Emler. „Das wäre der Worst Case.“ Man müsse dann „andere Zulieferer finden oder selber fertigen“. Wie das gehen soll und von wo die Teile dann kommen sollen, sei noch „zu früh zu sagen“, so Emler.

Gibt es Alternativen? Siegfried Wolf schweigt

Auch Josef Kalina gibt sich entspannt. Der frühere SPÖ-Politiker ist jetzt Sprecher von Siegfried Wolf. Der Investor war wegen mutmaßlicher Steuerdeals mit dem ÖVP-geführten Finanzministerium jüngst gehörig unter Beschuss geraten. Wolf wurden dabei offenbar 630.000 Euro Steuerschulden unter fragwürdigen Umständen nachgesehen.

Und das dank kräftiger Hilfe von Thomas Schmid, damals Generalsekretär im Finanzministerium und ein Vertrauter von Ex-Kanzler Sebastian Kurz. Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt wegen Korruption. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Kalina sagt: „Die Pläne mit der GAZ werden ganz normal vorangetrieben.“ Sollte es wegen der Russland-Sanktionen zu Lieferproblemen kommen, „wird man sich zeitgerecht nach Alternativen umsehen“, so Kalina. „Derzeit kann ich aber noch nichts sagen.“

Drohende Sanktionen waren Grund für Nein zu Wolf

Dass sich die Wolf-Pläne in Luft auflösen, käme nicht allzu überraschend. Der „Worst Case“ ist genau das, wovor die Belegschaftsvertreter schon im vergangenen Jahr warnten. „Wenn EU-Sanktionen kommen, dann gibt es hier gar nichts davon“, sagte Erich Schwarz, bis April vergangenen Jahres Chef des Arbeiterbetriebsrats, vor der Übernahme zu MOMENT.

„Dann dürfen wir nicht nach Russland liefern und die Russen nicht zu uns“, so Schwarz damals. Die drohenden Sanktionen waren ein Grund, warum die Belegschaft in einer Urabstimmung gegen Wolf stimmte. Der übernahm das Werk dann doch, und forderte dafür von den Mitarbeiter:innen, auf Lohn zu verzichten.

Inzwischen einigte sich Wolf mit ihnen. Laut Unternehmen unterschrieben 75 Prozent der 1.900 Beschäftigten Arbeitsverträge zu neuen, schlechteren Konditionen. Auf 15 Prozent Lohn müssen die Arbeiter:innen verzichten, Angestellten werden 10 Prozent Gehalt gekürzt und die Überstundenpauschale gestrichen. Ein Viertel der Stammbelegschaft akzeptierte stattdessen den Sozialplan und verlässt das Werk.

Stammbelegschaft geht, Leiharbeiter:innen kommen

Was jetzt bei Steyr Automotive passiert: Die Stammbelegschaft im Werk wird Mensch für Mensch weniger. „Jeder, der geht, wird durch einen Leiharbeiter ersetzt“, sagt Emler. Dass die noch weniger Lohn bekommen, ist klar. Dabei „suchen wir derzeit eigentlich Mitarbeiter“, sagt Betriebsrat Emler.

„Die Auftragsbücher wären voll“, sagt er – wenn denn produziert werden könnte. Derzeit schrauben 2.100 Mitarbeiter:innen im Werk an den MAN-Trucks, davon sind 200 Leihbeschäftigte.

Was Emler trotz der aktuellen Ereignisse hoffen lässt für die Zukunft, drehte am Mittwoch dieser Woche seine ersten Runden im Werk in Steyr: Ein Elektro-Truck des schwedischen Start-up-Unternehmens Volta. „Der Prototyp wird hier gerade den Leuten vorgestellt“, sagt Emler. Ende vergangenen Jahres entschied Volta, seine elektrisch angetriebenen Lkw bei Steyr Automotive fertigen lassen zu wollen.

Volta: Elektro-Truck aus Steyr noch ohne Praxistest

Ab 2023 soll es richtig losgehen. „Das Konzept ist sehr gut. Das kann ein Produkt werden, das funktioniert“, sagt der Betriebsrat. Im ersten Jahr sollen 5.000 der emissionsfreien Laster in Steyr vom Band rollen. Aber: Sie sind noch nicht einmal in der Praxis getestet worden. Das soll erst im Sommer passieren. Der Plan ist mindestens eines: ambitioniert.

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