Fertigung im MAN-Werk

Lkw-Fertigung im MAN-Werk. // Foto: MAN

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/ 21. April 2021

Die Belegschaft im MAN-Werk Steyr stimmte gegen den Übernahme-Plan von Investor Siegfried Wolf. Ein Grund für ihr Nein: Das Werk würde in Zukunft praktisch an den russischen Autoriesen GAZ gekettet. Die drohenden Sanktionen gegen Russland könnten auch Steyr treffen - und das nicht zum ersten Mal.


Zwischen der EU und Russland stehen die Zeichen auf Sturm. Russlands Armee fährt mehr Truppen an den Grenzen zur umkämpften Ostukraine und der Krim auf. Neue Sanktionen gegen Russland seien zwar nicht geplant. Aber: Das gelte vorerst, so die EU. Kommen diese doch, könnte das zu einem Problem werden für das MAN-Werk in Steyr - oder vielmehr: zu einem weiteren Problem für das von der Schließung bedrohte Werk. Dort stimmte die Belegschaft vor zwei Wochen gegen den Plan des Unternehmers Siegfried Wolf, das Werk von MAN zu übernehmen.

Vom Tisch sind seine Pläne damit aber nicht. MAN will das Werk Ende 2022 schließen, hat bereits Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter vor die Tür gesetzt und begonnen, mit der verbliebenen Belegschaft über einen Sozialplan zu verhandeln. Wolfs Angebot ist bisher die einzige konkrete Alternative, zumindest einen Teil der Arbeitsplätze und den Bestand des MAN-Werks über 2022 hinaus zu retten. Mit anderen Interessenten wollte MAN bisher allerdings nicht einmal reden, MOMENT berichtete darüber.

MAN-Werk baut für Russland, GAZ liefert Komponenten

„Siegfried Wolf steht zu seinem Angebot“, sagte sein Sprecher Josef Kalina zu MOMENT. Und das sieht vor, das Werk aufs Engste mit dem russischen GAZ-Konzern zu verbinden. Wolf trimmte den Nutzfahrzeugbauer in den vergangenen Jahren auf Gewinn, sitzt dort heute im Aufsichtsrat. In Steyr will er einerseits an Fahrerkabinen für GAZ-Laster schrauben lassen und diese nach Russland liefern. Andererseits sollen Teile wie Fahrerkabinen und Rahmen für die GAZ-Lizenzbauten aus Russland kommen, die dann in Steyr vom Band rollen sollen.

Wenn EU-Sanktionen kommen, dann gibt es hier gar nichts davon.
Erich Schwarz, ehemaliger Betriebsratschef MAN Steyr

„Wenn EU-Sanktionen kommen, dann gibt es hier gar nichts davon“, sagt der Ex-Betriebsrat Erich Schwarz zu MOMENT. „Dann dürfen wir nicht nach Russland liefern und die Russen nicht zu uns“, so Schwarz, der nach der Abstimmung vor zwei Wochen in den schon vorher geplanten Ruhestand ging.

Bei Sanktionen stehen Bänder still - in Steyr gab's das schon

Das hieße dann: In Steyr stehen die Bänder still. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im MAN-Werk kennen das schon. Als Russland im Jahr 2014 die Krim besetzte, verhängte die EU Sanktionen gegen Russland. Darunter litt auch MAN Steyr. „Damals mussten wir 500 bestellte Lkw aus dem Programm nehmen, weil wir nicht mehr nach Russland liefern konnten“, sagt Schwarz. Das war schlecht, aber nicht existenzbedrohend für das MAN-Werk. Denn das liefert nicht nur nach Russland.

Mit Wolfs Einstieg würde sich das komplett ändern. Das Werk wäre praktisch an Russlands Autoriesen GAZ gekettet. „Das hat für Unsicherheit gesorgt und war auch ein Grund für das Nein“, sagt Schwarz. Wolf-Sprecher Josef Kalina sieht dagegen keine Gefahr neuer Sanktionen, die das MAN-Werk in Steyr treffen. „Wenn sie Autotüren mit Sanktionen belegen würden, dann wären Import und Export unmöglich. Dann hätten sie einen Handelskrieg“, sagt er.

Wie viel Substanz steckt in Siegfried Wolfs Firma?

Doch wie unabhängig ist Siegfried Wolfs Unternehmen von russischen Firmen? Die WSA Beteiligungs GmbH ist offizieller Interessent für das MAN-Werk. Was sich dahinter verbirgt, ist nicht so ganz klar. Eine auffindbare Website hat die in Graz angesiedelte Firma nicht. Unter der angegebenen Telefonnummer hebt zu üblichen Bürozeiten niemand ab. Zu 100 Prozent Gesellschafter der WSA ist laut Firmen ABC eine ASW Privatstiftung mit Sitz an der gleichen Adresse.

Auf die Frage, wie dieses Unternehmen das MAN-Werk in Steyr mit derzeit noch mehr als 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernehmen soll, antwortet Kalina: „Es ist ein Share Deal“ – also ein Anteilskauf. „Die WSA übernimmt, aber ob das ein Tochterunternehmen wird, ist noch nicht klar“, so Kalina. Wer möglicherweise noch einsteigt, dazu schweigt er.

Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Spekulation und Gerüchte im Markt nicht kommentieren.
Rej Husetovic, Firmensprecher Magna International

Im deutschen Manager Magazin war im Jänner dieses Jahres zu lesen, als mögliche Käufer für das MAN-Werk „gelten unter anderem ein russisches Unternehmen und der österreichische Zulieferer Magna.“ Siegfried Wolf war früher Vorstandschef bei Magna, das auch in Steyr einen Standort hat. MOMENT fragte bei Magna International nach, was dahintersteckt. Von deren Sprecher Rej Husetovic heißt es: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Spekulation und Gerüchte im Markt nicht kommentieren“.

Ein Problem fürs MAN-Werk heißt Oleg Deripaska

„Sigi Wolf ist Österreicher und sein Unternehmen ist eine österreichische Firma“, versichert Josef Kalina. „Mehr wollen wir darüber gar nicht reden.“ Die starke Bindung zu Russland ist nicht nur wegen der weiter eskalierenden militärischen Lage in der Ost-Ukraine gefährlich, sondern auch wegen eines Oligarchen mit gutem Draht zu Russlands Präsident Wladimir Putin: Oleg Deripaska kontrolliert über seine Firmen den GAZ-Konzern.

Im Frühjahr 2018 verhängten die USA scharfe Sanktionen gegen ihn. Betroffen davon war auch GAZ. Wegen der Sanktionen nahm damals der VW-Konzern Abstand davon, ins Unternehmen einzusteigen. Laut Deripaska trieben die US-Sanktionen den Nutzfahrzeughersteller mit rund 40.000 Beschäftigten an den Rand der Pleite.

USA lockern Sanktion am Tag vor Treffen Trumps mit Putin

Damit die Sanktionen wieder aufgehoben werden, wollte er seine Anteile an GAZ verringern. In welchem Ausmaß das geschehen ist, war für MOMENT nicht zweifelsfrei festzustellen. Jedenfalls lockerten die USA im vergangenen Jahr die Sanktionen gegen GAZ. Die US-Denkfabrik Atlantic Council wunderte sich darüber und nannte den Schritt in einer Analyse „besonders merkwürdig“. Auffällig sei gewesen, dass die Sanktionen gegen GAZ genau einen Tag vor einem Treffen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump mit Putin erleichtert wurden.

Schärfere Sanktionen seien „ein Damoklesschwert, das über GAZ hängt“, sagt Gerald Ganzger zu MOMENT. Er ist Sprecher eines Konsortiums um den Linzer Unternehmer Karl Egger, das ebenfalls interessiert ist, das MAN-Werk zu übernehmen. Doch MAN lehnte rundweg ab, lud die Egger-Gruppe nicht einmal zu Gesprächen. „Zu unserer großen Verwunderung“, wie Ganzger sagt.

Sanktionen von Start weg Thema bei Gesprächen im MAN-Werk

„Wenn US-Sanktionen ein Werk betreffen, dann heißt das Stillstand. Dagegen vorzugehen ist mühsam“, sagt Ganzger. Ob die neue US-Regierung unter Joe Biden die Daumenschrauben gegen Russlands Oligarchen anziehen wird, ist offen. „Die bisherigen Äußerungen waren nicht sehr Russland-freundlich“, so Ganzger.

Spin und Propaganda, die von Mitbewerbern verwendet wird.
Josef Kalina, Sprecher von Siegfried Wolf

Siegfried Wolfs Sprecher Kalina nennt diese Spekulationen einen „Spin und Propaganda, die von Mitbewerbern verwendet wird“. Dass das MAN-Werk von Sanktionen gegen Deripaska betroffen sein könnte, „ist sachlich unzutreffend. Deripaska ist von der GAZ weit weg“, sagt Kalina. Dennoch: Bei den Gesprächen mit der MAN-Belegschaft in Steyr wurde darüber diskutiert. „Klar war das Thema“, sagt Kalina. Laut Ex-Betriebsratschef Erich Schwarz nicht nur einmal: „Die Sanktionen sind vom ersten Tag bei den Gesprächen mit Wolf von uns immer wieder hinterfragt worden“, sagt er.

Zu frisch ist bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern offensichtlich noch die Erinnerung an den Produktionsausfall wegen der Russland-Sanktionen vor sechs Jahren. Passiere so etwas noch einmal, „sind wir wieder die Geschnapsten und erleben ein Déjà-vu“, sagt Schwarz.
 

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