Von Arbeit schmutzige Hände: Haben sich Reiche ihr Vermögen hart erarbeitet?

Reichtum als Lohn harter Arbeit? Große Vermögen lassen sich nicht nur durch Leistung erklären. // Foto: Jesse Orrico/Unsplash

/ 1. Februar 2022

Österreichs reichstes Prozent der Bevölkerung besitzt bis zu 50 Prozent des Vermögens. Aber ist diese Ungleichheit auch gleich ungerecht? Millionär:innen und Milliardär:innen haben ihren Besitz schließlich hart erarbeitet. Drei Argumente, warum das nicht stimmt.


Der neueste Reichenbericht der Österreichischen Nationalbank (OeNB) zeigt: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in Österreich unterschätzt. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt zwischen 30 und 50 Prozent des gesamten Vermögens in Österreich. Die reichsten 10 Prozent haben 70 bis 75 Prozent des Vermögens.

Heißt: Die restlichen 90 Prozent der Menschen in Österreich verfügen nur über ein Viertel bis allenfalls 30 Prozent des privaten Besitzes. Die ärmste Hälfte besitzt sogar nur knapp drei Prozent. (Was Vermögen eigentlich ist, erklären wir hier.)

Das ist eine gewaltige Schieflage und Ungleichheit. Aber ist es auch gleich ungerecht, dass so wenige so viel besitzen und so viele kaum etwas? Schließlich haben Österreichs Millionär:innen und Milliardär:innen doch hart gearbeitet dafür, so reich zu sein. Ihr Vermögen ist also verdient.

So lautet zumindest immer wieder das Argument in der Debatte darum, wie ungleich Besitz verteilt ist. Wer nicht oben ist, hat sich einfach nicht genug angestrengt. Jetzt bloß kein Neid! Oder gar fordern, dass die Reichen etwas von ihrem Vermögen abgeben, etwa in Form von Vermögens- und Erbschaftssteuern. Die betragen In Österreich genau 0 Prozent. Aber haben Reiche ihr Vermögen wirklich hart erarbeitet? Hier sind 3 Argumente dagegen.

#1 Viele Vermögen kommen aus Erben und Spekulation

Davon zu profitieren, dass Kurse an den Börsen steigen – und selbst in der Coronakrise stiegen sie, obwohl die Wirtschaft einbrach –, ist kein selbst erarbeitetes Einkommen. Wer Immobilien kauft und damit spekuliert, hat nicht hart für diese Einnahmen gearbeitet. Und wer kein Geld hat, das er investieren kann, kann auf diese Weise gar nicht profitieren. Da hilft auch der sprichwörtliche „gute Riecher“ für lohnende Investments nichts.

Wer erbt, profitiert von der harten Arbeit seiner Verwandten. Es ist keine Leistung, in eine reiche Familie geboren zu sein. Das reichste Prozent der Bevölkerung vererbt im Schnitt 3,4 Millionen – nicht berücksichtigt sind hier Schenkungen zu Lebzeiten. Die Nachkommen der Reichsten sind also praktisch automatisch Millionär:innen, und das steuerfrei. Dieser “Startbonus” übersteigt das komplette Lebenseinkommen durchschnittlicher Österreicher:innen bei weitem.

Für den sozialen Aufstieg ist in Österreich nichts so wichtig wie Erben. Erbschaften und Schenkungen verursachen 40 Prozent der Vermögensungleichheit in Österreich. Einkommen verursachen dagegen nur 20 Prozent der Vermögensunterschiede.

#2 Wer 57-Mal mehr erhält als der Durchschnitt, arbeitet nicht 57-Mal härter

Lange Arbeitszeiten und den Job über Freizeit und Familie zu stellen. Es stimmt: Viele Top-Manager:innen und Firmengründer:innen arbeiten mehr als der Durchschnitt. Das steht jedoch in keinem Verhältnis zu dem, was sie mehr verdienen. Manager:innen in ATX-Unternehmen verdienen im Schnitt 57-Mal mehr als der Durchschnitt. Haben sie sich also 57-Mal mehr angestrengt?

Um das Vermögen von Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz zu verdienen, müssten Durchschnittsverdiener:innen 700.000 Jahre arbeiten – vorausgesetzt sie geben in der Zeit nichts aus für Miete, Essen, Kleidung. Hat Mateschitz also 700.000-Mal härter gearbeitet als alle anderen? Hat er nicht.

Selbst in den Fällen, in denen Leistung erklärt, warum jemand reich ist und andere nicht, erklärt die Leistung bei weitem nicht die enormen Unterschiede. Zumindest ab einer gewissen Vermögenshöhe scheint Leistung sogar überhaupt nichts mehr zu erklären.

#3 Profite kommen aus der Leistung derer, die für Unternehmen arbeiten.

Umsätze und Gewinne der Unternehmen, aus denen die Einkommen und Vermögen reicher Menschen kommen, stammen nicht nur aus deren eigener Leistung. Sondern auch aus der Arbeit ihrer Beschäftigten. Gute Management-Entscheidungen, die mit hohen Boni belohnt werden, können ohne Mitarbeiter:innen nicht umgesetzt werden. Jedoch: Kaum ein Unternehmen beteiligt seine Beschäftigten am Gewinn.

Auf der anderen Seite sind es als Erstes die Arbeitnehmer:innen, die ausbaden müssen, wenn Vorstände falsche Entscheidungen treffen – durch Entlassungen, Kurzarbeit und Gehaltskürzungen. Kommt es ganz schlimm, muss sogar der Staat rettend eingreifen: mit Geld, dass vor allem Arbeitnehmer:innen erwirtschaftet haben. Fast 30 Milliarden Euro kommen in Österreich aus der Lohnsteuer. Das ist ein Drittel der gesamten Steuereinnahmen.

Diese finanzieren übrigens auch die Infrastruktur: Straßen, Bildungseinrichtungen, ein funktionierendes Rechtssystem. All das ermöglicht es überhaupt erst, erfolgreiche Geschäfte zu machen. Der Anteil der Reichen daran: Nur etwas mehr als ein Prozent der Steuereinnahmen kommen von Steuern aus Vermögen.

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