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/ 24. August 2021

Bin ich reich oder bin ich arm? Was ist Vermögen und wer in Österreich besitzt wie viel davon? Warum sind Vermögen so ungleich verteilt? Wieso ist das ein Problem und was können wir dagegen tun, dass die einen so viel haben und ganz viele sehr wenig? Alles was du zur Vermögensverteilung in Österreich wissen musst, erklären wir dir hier.

Was ist Vermögen und was gehört dazu?

Dein Vermögen ist nicht nur das Geld, das du im Geldbörserl hast oder am Konto. Vermögen besteht auch aus Aktien, also Anteilen an Unternehmen, die du möglicherweise besitzt. Ansprüche aus einer Lebensversicherung zählen ebenso dazu wie Sparpläne. Das kann ein Fonds sein, in den du regelmäßig Geld einzahlst.

Besitzt du eine Wohnung, ein Haus oder Anteile daran? Das gehört zu deinem Vermögen dazu - und zwar auch dann, wenn sie mithilfe eines Kredits bezahlt wurden und als Sicherheit dienen. Das gilt ebenso für ein auf Pump gekauftes Auto. Um das Vermögen zu berechnen, zählt immer der aktuelle Wert der Aktien, Anlagen, Immobilien oder Gegenstände. Was du dafür ausgegeben hast, spielt hingegen keine Rolle.

Auch dein Hausrat ist Vermögen - sofern sich die Sachen zu Geld machen lassen. Eine klare Grenze dafür, welche Gegenstände Teil des Vermögens sind, gibt es nicht. Als Orientierung: Ein Gemälde, ein Fahrrad oder besondere Möbelstücke kannst du zu deinem Vermögen zählen. Ein Malpinsel, Ersatzreifen für den Drahtesel oder die Bügel im Kleiderkasten gehören eher nicht dazu.

Was ist Nettovermögen?

Das kreditfinanzierte Haus, das Auto, das du in monatlichen Raten abzahlst: Sie gehören rechtlich zu deinem Vermögen. Um aber zu bestimmen, wie hoch dein wirtschaftliches Vermögen ist, müssen die offenen Kredite, also Schulden, wieder abgezogen werden. Was dann wortwörtlich unter dem Strich herauskommt, ist dein Nettovermögen. Um festzustellen, wie die Vermögen von Personen und Haushalten in Österreich, der EU oder weltweit verteilt sind, ist dieser Wert entscheidend.

Sind Ansprüche auf Pension Teil des Vermögens?

Über die Jahre erwirbt jede arbeitende Person Anspruch auf eine staatliche Pensionsleistung. Und auch wenn dieser Pensionsanspruch garantiert ist und im Fall des Todes an Hinterbliebene vererbt wird, zählt er nicht zum Vermögen. Auch die betriebliche Abfertigung, die du über die Arbeitsjahre auf einem oder mehreren Abfertigungskonten aufbaust, zählt nicht dazu.

Ein Grund dafür: Um die Vermögen der privaten Haushalten verschiedener Länder sinnvoll miteinander vergleichen zu können, werden staatliche und betriebliche Pensionen in Studien und Untersuchungen nicht berücksichtigt. Denn jedes Land hat sein eigenes System, wie Pensionen aufgebaut und ausgezahlt werden. Das sogenannte Umlageverfahren wie in Österreich ist nur eines davon.

Anders ist es bei einer privaten Altersvorsorge, die du selbst abgeschlossen hast. Ähnlich wie bei einer Lebensversicherung und anderen Anlagen zählt deren aktueller Wert zum Vermögen dazu.

Was ist Vermögensverteilung?

Die Vermögensverteilung stellt dar, wie viel Vermögen bestimmte Gruppen innerhalb einer Region, eines Landes, europaweit oder global besitzen. Um zu zeigen, wie das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich verteilt ist, ordnet man diese beginnend bei den ärmsten und endend bei den reichsten Haushalte. Jetzt wird geschaut, wie viel beispielsweise das ärmste Prozent der Haushalte in Österreich besitzt oder das reichste Prozent, und wie groß ihr Anteil am gesamten Vermögen aller Haushalte ist.

Man kann aber auch schauen, wie viel die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzen und wie viel die obersten 5 Prozent. Hierbei gilt: Je größer der Unterschied beim Besitz zwischen den weniger vermögenden und den reichen Klassen ist, desto ungleicher ist das Vermögen verteilt.

In Österreich ist die Ungleichheit besonders groß: Die reichsten 10 Prozent der Haushalte besitzen 56 Prozent des Vermögens. Die untere Hälfte verfügt dagegen nur über 4 Prozent des gesamten Besitzes. Zu diesen Ergebnissen kommt die jüngste Analyse der Nettovermögen der österreichischen Haushalte im Rahmen des Household Finance and Consumption Survey (HFCS). Das ist eine Befragung privater Haushalte der Euroländer nach ihrem Finanz- und Konsumverhalten. (Link zum pdf)

Mit wie viel Vermögen bin ich reich?

Wann jemand reich ist? Das kommt vor allem darauf an, wen du fragst. So sagen die einkommensschwächsten Haushalte in Österreich, dass Menschen ab einem Vermögen von 320.000 Euro reich sind. Die obersten zehn Prozent sagen hingegen: Erst ab einem Vermögen von 1,6 Millionen Euro kann man sich als reich bezeichnen. Interessant dabei: Menschen, die besonders reich sind, schätzen sich selbst als gar nicht so reich ein. Von den reichsten 10 Prozent der Menschen in Österreich, glaubt so gut wie niemand, zu dieser Vermögenselite zu gehören. Reich sind immer nur die anderen. Eine klare Definition darüber, ab welchem Vermögen Reichtum beginnt, gibt es übrigens nicht.

Zu welcher Vermögensschicht gehöre ich?

Wenn du selber wissen möchtest, wie hoch dein Vermögen im Vergleich zu anderen Haushalten in Österreich ist und ob du damit zu den “oberen Zehntausend” oder doch zur unteren Hälfte der ärmeren Haushalte gehörst, sieh dir unsere Grafik an. Hier wird von den ärmsten 10 Prozent bis zum reichsten einen Prozent dargestellt, ab welchem Vermögen du in welcher Gruppe bist. Wer weniger als rund 2.000 Euro besitzt, gehört zu den unteren 10 Prozent. Die unteren 20 Prozent haben nicht mehr als 8.000 Euro. Millionär:innen finden sich übrigens erst in den obersten 5 Prozent der Bevölkerung. 

Was ist Medianvermögen?

Wie in der Grafik abzulesen ist: Im Median besitzen Österreichs Haushalte knapp 83.000 Euro. Aber was heißt Medianvermögen überhaupt? Es ist das Vermögen des Haushaltes, der genau in der MItte der Vermögensverteilung steht. Bei rund 4 Millionen Haushalten in Österreich bedeutet das: Zwei Millionen von diesen besitzen weniger als 83.000 Euro Vermögen, zwei Millionen besitzen mehr. Deshalb wird es auch das mittlere Vermögen genannt.

Wie kann ich ein Vermögen aufbauen?

Wie kommst du zu einem beachtlichen Vermögen? Etwa indem du fleißig arbeitest und von deinem Einkommen Schritt für Schritt etwas sparst? So läuft es heute in der Regel nicht. Wer ein großes Vermögen aufbauen will, muss vor allem: erben. “Hohe Vermögen werden vor allem durch Erbschaften aufgebaut”, schreibt die Schweizer Neue Zürcher Zeitung.

Zahlen bestätigen das: Haushalte in europäischen Ländern, die Erbschaften erhalten, haben im Mittel 210.000 Euro an Vermögen. Haushalte, die nicht erben, verfügen lediglich über 100.000 Euro Medianvermögen. Wer in Österreich das Glück hat zu erben, macht einen besonders großen Sprung nach vorn in seiner Position in der Rangliste der Vermögen: Um allein mit Einkommen dorthin zu kommen, müsstest du eine Gehaltserhöhung bekommen, mit dem du die Hälfte der übrigen Bevölkerung beim Verdienst überholst. Das ist schwer zu schaffen.

Warum sind die Vermögen in Österreich so ungleich verteilt?

Wer viel hat, bekommt noch mehr. So erben vor allem die Haushalte, die eh schon viel haben. Die unteren 90 Prozent erben in Österreich im Schnitt 124.000 Euro. Die obersten 10 Prozent der Haushalte bekommen schon durchschnittlich 828.000 Euro aus Erbschaften. Das reichste eine Prozent der Haushalte erbt sogar 3.4 Millionen Euro im Schnitt. Und: 7 von 10 Österreicher:innen erben überhaupt nichts. Das steigert die Ungleichheit bei den Vermögen.

Wenn du viel hast, dann kannst du auch mehr aus deinem Vermögen machen. Die Reichsten besitzen Anteile an Unternehmen, die Dividenden und Gewinne ausschütten. Sie haben Zinshäuser und Grundstücke, mit denen sie Mieten und Pacht einnehmen können. Kurz: Sie erzielen aus ihrem Vermögen ein Einkommen. Ihr Geld arbeitet für sie.

Personen, die nur ein Auto und etwas Geld am Sparbuch haben, können das nicht. Die unteren 90 Prozent der Haushalte erhalten zusammen nur 10 Prozent der Einkommen aus Vermögenswerten. Die reichsten 10 Prozent der Haushalte kassieren dagegen den großen Rest ein: 90 Prozent der Einkommen aus Vermögen bekommen sie.

Wer sind die Überreichen und wie viel haben sie?

Kurz gesagt: Wir wissen es nicht! Auch wenn die Zahlen der Vermögenserhebung in den Euroländern es suggerieren: Wie groß die Vermögen der sogenannten Überreichen - also derjenigen, die besonders viel haben - sind, ist weitgehend unbekannt. Das Problem: Alle Zahlen zum Reichtum in Österreich gehen auf Befragungen und freiwillige Angaben der Personen zurück, die daran teilgenommen haben.

Die Überreichen sind nur eine sehr kleine Gruppe an Menschen. In einer zufällig ausgewählten Stichprobe sind sie kaum vertreten. Und: Sie können auch schwer dazu gezwungen werden, wahre Angaben zu machen. Viel vom privaten Reichtum in Österreich gedeiht versteckt. Hier haben wir aber einmal geschaut, wie stark das geschätzte Vermögen des reichsten Österreichers Dietrich Mateschitz seit 2004 gewachsen ist - und wie er allein mit seinem Vermögen das gesamte untere Drittel aller Haushalte in Österreich zusammengenommen immer weiter abgehängt hat.

 

Welche Folgen hat eine ungleiche Vermögensverteilung?

Geld allein macht auch nicht glücklich. Den Satz hörst du sicher oft und viele würden ihn auch unterschreiben. Aber wer große Vermögen hat, hat noch mehr: nämlich Einfluss und Macht. Hast du viel Geld, kannst du an Parteien spenden, die deine Interessen vertreten. Du kannst Gruppen bezahlen, die Einfluss nehmen auf die Gesetzgebung, sogenannte Lobbyist:innen. „Die politischen Gestaltungsmöglichkeiten reicher Menschen sind viel größer als jene der Ärmeren“, sagte der Autor und Vermögensforscher Martin Schürz im MOMENT-Interview.

Besitzt du ein großes Unternehmen, kannst du Druck auf die Politik machen, Regelungen in deinem Sinne zu beschließen. Also etwa fordern, die Unternehmenssteuern zu senken, und dabei zu drohen, den Standort und damit die Arbeitsplätze in ein anderes Land zu verlagern. Problem: Diese Elite ist nur ein Bruchteil der Bevölkerung, nimmt aber starken Einfluss auf Sozialstaat und Steuergesetze, die alle in diesem Land betreffen. Umgekehrt können die Vielen, die mit Ihren Einkommen und Vermögen lediglich über die Runden kommen, politisch wenig beeinflussen.

Was kann gegen wachsende Ungleichheit getan werden?

Selbst die EU-Kommission rügte Österreich bereits: Hierzulande herrsche eine „bemerkenswerte Ungleichverteilung der Vermögen“. Sie rät dazu, Erbschaften und Vermögen endlich stärker zu besteuern. Auch viele derjenigen, die davon betroffen wären, fordern inzwischen: Besteuert uns endlich! Sie fordern, dass sie auf ihre Vermögen und Erbschaften Steuern zahlen sollen. Die angehende Millionenerbin Marlene Engelhorn kündigte an, 90 Prozent davon zu spenden. In einer OECD-Umfrage sprachen sich 70 Prozent der Menschen in Österreich für Vermögenssteuern aus. (Studie als pdf) In einer Umfrage des Instituts für empirische Sozialforschung sagten rund zwei Drittel Ja dazu, Vermögen und Erbschaften zu besteuern.

Ab wann muss ich Steuern auf Vermögen zahlen?

Auch hier gibt es eine kurze Antwort: gar nicht! Die Steuer auf Vermögen wurde im Jahr 1993 abgeschafft. Und auch wer große Vermögen erbt, muss nichts zahlen. Die Erbschaftssteuer ist seit dem Jahr 2007 ausgesetzt. Seitdem gibt es nur noch die sogenannte Grundsteuer auf Landbesitz. Deren Höhe liegt allerdings heute bei gerade einmal 0,2 Prozent. Die Folge: In kaum einem Land sind die Steuern auf Vermögen so gering wie in Österreich. Sie betragen nur 0,5 Prozent des gesamten BIP des Landes. Seit den 1960er Jahren nimmt Österreich zudem immer weniger Geld aus Vermögenssteuern ein. Damals kamen immerhin noch 4 Prozent der insgesamt gezahlten Steuern aus Abgaben auf Vermögen und Erbschaften. Im Jahr 2017 waren es nur noch 1,3 Prozent.

Was sind Vermögenssteuern und wie viel bringen sie?

Nur eine Minderheit wäre von Steuern auf Vermögen betroffen: Schätzungsweise 150.000 Menschen in Österreich haben mehr als eine Million Euro Vermögen, das sind 1,7 Prozent der Bevölkerung. Dennoch könnten damit zwischen 2,7 und 6,3 Milliarden Euro pro Jahr eingenommen werden, so die EU. Sie beruft sich dabei auf eine Studie der Johannes Kepler Universität Linz. (Studie als pdf) Danach reiche schon ein Satz von 0,3 Prozent ab einer Million Euro Vermögen aus. Ab zwei Millionen Euro wären 0,7 Prozent Steuern fällig.

Und: Vermögende bräuchten sich auch nicht sorgen, etwas zu verlieren: Die Sätze seien zu gering, „um die Konzentration des Vermögens aufzuhalten, das sich ganz oben ballt“, sagte Jakob Kapeller, Sozioökonom und Mitautor der Studie, im Interview mit MOMENT. „Vermögen wächst auch mit Vermögenssteuer weiter“, so Kapeller

Wie viel Vermögenssteuern müsste ich zahlen?

Besitzt du eine Villa oder ein Zinshaus im Wert von 1,5 Millionen Euro? Dann lautet die Rechnung so: Versteuern müsstest du davon 500.000 Euro, denn erst ab dem Wert, der eine Million Euro übersteigt, würden überhaupt Steuern fällig. Bei einem Steuersatz von 0,3 Prozent wären das lediglich 1.500 Euro Vermögenssteuer. Mit der Erbschaftssteuer könnte es ähnlich laufen. Eine weitere Studie kam dabei zu dem Schluss: Mit einem Freibetrag von einer Million Euro, wären 98 Prozent der Erbschaften weiterhin steuerfrei. Beträgt der Freibetrag 500.000 Euro, müssten noch immer 95 Prozent der Erbschaften nicht versteuert werden. (Studie als pdf)

Warum gibt es keine Vermögenssteuern?

Eine große Mehrheit der Bevölkerung ist für Vermögenssteuern. In Österreich werden Vermögen so gut wie nicht besteuert. Steuern auf Vermögen könnten aber selbst bei sehr niedrigen Sätzen hohe Einnahmen bringen. Nur wenige, nur wirklich reiche Menschen wären davon betroffen. Dennoch passiert politisch praktisch nichts. Arbeitsminister Martin Kocher bügelte zuletzt Fragen danach ab. „Es gibt Vermögenssteuern“, sagte er und deshalb brauche es nicht mehr davon. Allerdings verschwieg er, wie niedrig diese Steuern sind und wie wenig Österreich damit einnimmt. Und übrigens: Als Kocher noch nicht Minister auf einem Ticket der ÖVP war, sagte er im Gespräch mit MOMENT, er könne die Kritik verstehen, "dass Reiche zu wenig zahlen".

Eine Sondersteuer für Reiche sehe er zwar skeptisch, aber: „Wenn Vermögen besteuert werden soll, dann bietet sich Grund und Boden dafür an“, plädierte Kocher im Oktober 2019 dafür, die Grundsteuer zu erhöhen. Denn: „Das ist alles schon fertig. Wir müssen nur die Sätze erhöhen und hätten so höhere Steuern auf Vermögen."

Ein weiter Grund, warum Vermögenssteuern nur zaghaft eingefordert werden: Wer Zeitung liest, liest von Vermögenssteuern eher nichts. Und wenn, dann überwiegend Kommentare, die Steuern auf Vermögen ablehnen. Wir haben uns im Momentum Institut die Kommentarspalten mal genauer angesehen und über 1.000 Kommentare in 5 Tageszeitungen in den letzten 15 Jahren ausgewertet. Das Ergebnis: 70 Prozent der Kommentare sagen: Vermögenssteuern sind eine richtig schlechte Idee. (Studie als pdf)

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