Symbolfoto Agrarwirtschaft: Die Massentierhaltung für zur Pandemien wie Corona: Die nächste folgt bestimmt

Symbolfoto: Die nächste Pandemie nach Corona kommt bestimmt. Die Massentierhaltung und unsere Landwirtschaft helfen den Infektionskrankheiten nach Kräften.

Foto: Antonio Grosz/Unsplash

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Michael Bonvalot

/ 5. Februar 2021

Das Coronavirus verursacht eine ungewöhnlich heftige Pandemie. Aber die Verbreitung ansteckender Krankheiten wird immer mehr zur permanenten Gefahr.  Der unbequeme US-Wissenschaftler Rob Wallace warnt seit langem, dass die Abholzung der Wälder, die Massentierhaltung und der Kapitalismus das Risiko und die Gefahren verschärfen. 

Noch hält die Corona-Pandemie die Welt in Atem. Mit den nun anlaufenden Impfungen gibt es zumindest einen Hoffnungsschimmer. Doch viele warnen, dass die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit wäre. Und beim nächsten Mal könnte es noch schlimmer werden. 

Einer der MahnerInnen ist Rob Wallace. Der US-Amerikaner ist Evolutionsbiologe und Epidemiologe. Über viele Jahre hat sich Wallace mit der Erforschung von Pandemien auseinandergesetzt, er hat unter anderem die UNO und die US-Gesundheitsbehörde CDC beraten. Im Jänner 2020, als sich Corona (SARS-CoV 2) gerade ankündigte, klingt er frustriert. Er hat das lange kommen sehen, jetzt wollen plötzlich immer mehr Menschen von ihm wissen, was sie tun sollen. In einem Artikel schreibt er. "Was um Himmels Willen wollt ihr von mir hören? Was soll ich machen?"

Warnung bereits im Jänner 2020

Bereits im Jänner 2020 prophezeit Wissenschaftler Wallace: "Die Infektion wird sich wahrscheinlich über den gesamten Globus ausbreiten." Bereits damals beschreibt er auch die Geschwindigkeit: "SARS-CoV-2 eroberte innerhalb eines Monats von einem einzigen Lebensmittelmarkt aus die Weltbühne. Fallzahlen können so schnell und so massiv steigen, dass alle Bemühungen der Epidemiologen, die Entwicklung vorherzusagen (…), durch die tatsächlichen Entwicklungen brutal zunichte gemacht werden."

Der Artikel von Wallace erscheint am 29. Jänner 2020. Genau an diesem Tag tritt in Österreich nach einer Klausur die Regierungsspitze an die Öffentlichkeit. Die türkis-grüne Regierung ist da noch keinen Monat im Amt. Eine Aussage zur Pandemie von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) ist im Bericht des Bundeskanzleramts nicht vermerkt. Nur Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sagt etwas dazu: Die Lage sei "kein Grund zur Panik". Weitaus gefährlicher als COVID-19 sei "derzeit jedoch die Grippewelle". Doch warum kann Wallace die Lage bereits zu diesem Zeitpunkt wesentlich besser und klarer einschätzen als die österreichischen Gesundheitsbehörden?

Warum konnte Rob Wallace Corona früh einschätzen?

Wallace ist kein "bequemer" Wissenschaftler, der sich in vorgegebenen Bahnen bewegt. Er beobachtet und kritisiert stattdessen seit Jahren die Massentierhaltung, die Ausbeutung der Natur, den Kapitalismus. Auf dieser Basis warnt er bereits seit langem vor der kommenden Pandemie. In der Rückschau lesen sich viele seiner Kommentare fast prophetisch.

Im Jahr 2009 etwa notiert Wallace: "Das Establishment scheint bereit zu sein, einen Großteil der weltweiten Produktivität aufs Spiel zu setzen, die katastrophal einbrechen wird, wenn zum Beispiel in Südchina eine tödliche Pandemie ausbricht – von Millionen Menschenleben einmal abgesehen." Verschiedene seiner Artikel der letzten Jahre sind unter dem Titel "Was COVID-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat" jüngst als Buch (Verlag Papyrossa) erschienen. 

Gesellschaftliche Gründe für Pandemien

Als Wallace 1997 die Vogelgrippe-Epidemie untersucht, findet er einfach keine Erklärung, warum die Vogelgrippe (wissenschaftlich H5N1) "an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt” entstand, wie er schreibt. Wallace sucht danach verstärkt gesellschaftspolitische Erklärungen für den Ausbruch von Pandemien. Und er wird rasch fündig.

Die gesellschaftlichen Umwälzungen in China, wo der Ausbruch der Vogelgrippe begann, drängen sich ihm als Erklärung auf. Dort seien "seit der Jahrtausendwende Reisanbau, Entenhaltung und industrielle Produktion von Geflügel und Schweinen in einer katastrophalen Weise" zusammengekommen.

Wallace kritisiert dabei die chinesische Regierung durchgehend scharf, etwa für ihre Politik der Vertuschung von Krankheitsausbrüchen. Doch der Wissenschaftler warnt gleichzeitig vor rassistischer und antichinesischer Propaganda. Er sieht das Problem nicht in der chinesischen Kultur, sondern in der auch dort damals zunehmend kapitalistischen Form der Fleisch- und Landwirtschaft. Auch Europa und die USA seien Ausgangspunkt für neue Influenza-Stämme gewesen. Und, so Wallace: "Ihre transnationalen Konzerne und neokolonialen Stellvertreter haben die Ausbreitung von Ebola in Westafrika und von Zika in Brasilien zugelassen."

"Die Natur wird ausgeschlachtet"

Bei den meisten neuen Infektionen handelt es sich um sogenannte Zoonosen. Das sind Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. Als Ort des ersten Ausbruchs von COVID-19 gilt ein Wildtiermarkt in Südchina. In seinem Vorwort zum Buch von Wallace erklärt der deutsche Wissenschaftsjournalist Matthias Martin Becker: "Wildfleischmarkt bedeutet aber nicht, dass ein Jäger das eine oder andere Gürteltier aus dem Wald mitbringt."

"Lebendmärkte gehören in China zum Alltag, ebenso wie die industrielle Lebensmittelproduktion", schreibt wiederum Wallace. Wildfleischhändler seien "zu professionellen und kapitalkräftigen Unternehmen geworden". Dazu werden immer neue Arten in die Wertschöpfungsketten der Agrarindustrie eingespannt. Darunter sind etwa Strauße, Stachelschweine, Krokodile oder Flughunde. Manche Gattungen landen, so Wallace, auf dem Tisch, bevor sie überhaupt wissenschaftlich klassifiziert wurden. Er berichtet etwa von einer neuen Haiart, die auf einem taiwanesischen Markt entdeckt wurde. Sein Befund: "Die Natur wird ausgeschlachtet."

Das Wirtschaftssystem fördert neue Infektionskrankheiten 

Doch die Jagd nach Wildtieren bedeutet gleichzeitig, dass der Mensch immer tiefer in den Wald eindringt – und gleichzeitig die Rückzugsräume für Wildtiere durch die Abholzung der Wälder immer kleiner werden. "So steigt die Wahrscheinlichkeit, auf neue Krankheitserreger zu stoßen, während gleichzeitig die ökologische Komplexität sinkt, mit denen die Wälder die Übertragungsketten unterbrechen", erklärt Wallace. Die zwangsläufige Folge: Mehr Krankheiten werden von Wildtieren auf Menschen übertragen. 

Eine Tierart, die solche Zoonosen überträgt, sind Flughunde beziehungsweise Fledermäuse. Eigentlich recht scheue Tiere. Doch ihnen fehlen zunehmend die Rückzugsräume.Um die Dimensionen zu begreifen: Laut einer in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Studie haben 60 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten einen zoonotischen Ursprung. Die Mehrheit dieser Zoonosen, nämlich über 70 Prozent, kommen von Wildtieren. "Wir fördern nach Kräften neue Zoonosen, indem wir die Lebensräume von Wildtieren zerstören", schreibt Becker.

Massentierhaltung als tödliche Gefahr

Industrielle Viehzucht bedeutet heute gleichzeitig Virenzucht, legt Wallace dar. Immer neue Erreger entstehen in der Massentierhaltung. Becker erklärt das so: "Die industrielle Fleisch- und Eierproduktion drängt Nutztiere auf engem Raum zusammen und schwächt ihr Immunsystem auf vielfältige Weise. Sie schaltet die natürliche Auslese aus und verhindert eine Anpassung der Fortpflanzung vor Ort."

Gleichzeitig würden die großen transnationalen Fleischproduzenten bei Tierseuchen kleinere Hersteller aus dem Markt drängen. Diese könnten sich beispielsweise Massenschlachtungen nach dem Ausbruch von Krankheiten nicht leisten. Parallel dazu gibt es das Problem, dass die Züchtung genetischer Monokulturen in der Massentierhaltung Pandemien begünstigt. Sie beseitige, so Becker, natürliche Immunschranken, die Übertragungen andernfalls verlangsamen würden. Die Influenza und große Lebensmittelkonzerne gingen so eine “strategische Partnerschaft” ein, schreibt Wallace.

Die Folge: Die Player im Agrarbusiness müssen immer mehr Impfungen und antibiotische Mittel einsetzen. Aber immer neue antibiotische Mittel führen zu immer neuen Resistenzen. Damit ist also nichts gewonnen. Und Wallace warnt vor einem weiteren Problem: "Medikamentenrückstände können mittlerweile in der Umwelt nachgewiesen werden, sogar in biologisch wirksamen Konzentrationen."

Scharfe Kritik am Kapitalismus

Wissenschaftler Wallace versucht den breiten Blick auf sein Fach. Er beobachtet nicht nur Viren durch das Mikroskop, sondern auch die politischen Entstehungsbedingungen von Krankheiten.

Er kritisiert etwa die Ausblutung der Gesundheitssysteme, die Ausbeutung der Länder des Südens sowie die – vom Westen verordneten – sogenannten Strukturanpassungsprogramme mit ihren brutalen sozialen Folgen und Putsch-Regierungen. Und er plädiert dafür, die "Nahrungsmittelproduktion dem politischen und praktischen Einfluss des Kapitals" zu entziehen. Den Kapitalismus als unhinterfragbares Naturgesetz zu akzeptieren, das würde laut Wallace "den Rahmen schaffen, der das Agrobusiness begünstigt".

Rob Wallace warnt nicht allein

Wallace ist als marxistischer Wissenschaftler ein Außenseiter. Doch immer mehr WissenschaftlerInnen gehen an die Öffentlichkeit und kommen zu ähnlichen Erkenntnissen. Sie mögen nicht die antikapitalistischen Schlussfolgerungen von Wallace teilen, doch sie sehen in vielen Bereichen ähnliche Probleme.

"Ich bin nicht überrascht, denn die Pandemien wurden vorausgesagt. Ebenso wie die Antibiotikaresistenzen durch den Einsatz in der Massentierhaltung", sagt etwa der österreichische Lebensmittelwissenschaftler Kurt Schmidinger gegenüber dem ORF. Die Massentierhaltung würde Pandemien provozieren. Und auch Naturforscherin Jane Goodall, berühmt geworden durch ihre Erkenntnisse über Menschenaffen, warnt im Guardian: "Wir haben uns das selbst zuzuschreiben, weil wir Tiere und Umwelt absolut nicht respektieren". Sie sagt: "Unsere Respektlosigkeit gegenüber wilden Tieren und unsere Respektlosigkeit gegenüber Nutztieren hat dazu geführt, dass Krankheiten auf den Menschen übergreifen und ihn infizieren können."

70% der Betriebe mit hohem Pandemie-Risiko

Die Verbindung von intensiver Landwirtschaft und Seuchenausbrüchen beleuchtete unlängst auch das globale Investorennetzwerk FAIRR – antikapitalistischer Überzeugungen eher unverdächtig. Die Studie von FAIRR kam zum Schluss, dass mehr als 70 Prozent der größten Fleisch-, Fisch- und Milchproduzenten ein "hohes Risiko" im Pandemie-Ranking hätten. Kein einziger der 60 größten Konzerne hätte ein "niedriges Risiko".

Die Sicherheitsstandards für die Beschäftigten seien ebenso zu niedrig wie die Sicherheit der Lebensmittel. Dazu kämen die Abholzung der Wälder, das fehlende Wohlergehen der Tiere und der Einsatz von Antibiotika. "Die Massentierhaltung ist sowohl anfällig für Pandemien als auch schuld daran", sagt FAIRR-Gründer Jeremy Coller.

Das beste System, um Krankheiten zu züchten

Immer mehr neue Erkrankungen tauchen auf. Wallace nennt allein seit dem Jahr 2000 eine Vielzahl neuer Viren, darunter etwa neue Stämme der afrikanischen Schweinepest, Ebola, die Vogelgrippe, Hepatitis E oder Zika-Viren – die Liste im Buch von Wallace ist weit länger. "Und fast nichts wurde gegen irgendeinen dieser Erreger unternommen", kritisiert der Wissenschaftler. Wallace nennt das ein "epidemiologisches Glücksspiel".

"Der Planet Erde ist heute weitgehend eine einzige große industrielle Agrarfabrik, sowohl in Bezug auf die Biomasse, als auch die Landnutzung", sagt Wallace jüngst auch in einem Interview. Die nach kapitalistischen Bedürfnissen organisierte Landwirtschaft, die an die Stelle der natürlichen Ökologie tritt, biete "genau die Mittel, durch die ein Krankheitserreger die gefährlichste und ansteckendste Erscheinungsform entwickeln kann. Ein besseres System zur Züchtung tödlicher Krankheiten lässt sich kaum entwickeln."

Pandemien als akzeptables Risiko für Gewinne?

Der Befund des Epidemiologen: "Die Agrarindustrie ist so auf Gewinn ausgerichtet, dass die Entscheidung für ein Virus, das eine Milliarde Menschen töten könnte, das Risiko wert zu sein scheint." Die nächste Pandemie kommt bestimmt. Davon sind Wallace und viele andere überzeugt.

Über SARS-CoV-2 schreibt Wallace bereits im Jänner 2020: "Uns bleibt nur, unsere Gesundheitssysteme sturmbereit zu machen, und darauf zu hoffen, dass das Virus einen kleinen Teil der Weltbevölkerung umbringt statt 90 Prozent". Und Wallace spricht Klartext: "Es liegt auf der Hand, dass die Menschheit nicht erst dann auf eine Pandemie reagieren sollte, wenn sie bereits im Gange ist."

 

Michael Bonvalot ist auf Twitter und Facebook zu finden.

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