Mutter und Tochter it Maske umarmen sich.

Auch der zweite Corona-Lockdown war nicht für alle Eltern gleich hart.

Foto von pikwizard.

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/ 14. Dezember 2020

Eltern sind in der Corona-Krise immer noch stark belastet. Das zeigt die zweite große Elternumfrage im Auftrag des Momentum Instituts. Das Betreuungsangebot in den Schulen konnte die Mehrbelastung nicht ausreichend abfedern. Die Regierung bekommt von Eltern ein schlechtes Zeugnis.

Nur sechs bis zehn Prozent der arbeitenden Eltern waren im zweiten Lockdown in Kurzarbeit. Im Frühling waren es noch doppelt so viele. Während also der Unterricht an den Schulen wieder auf Home-Schooling umgestellt war, mussten die Eltern diesmal mehr arbeiten.

Mit Folgen: 51 Prozent der befragten Männer und 64 Prozent der Frauen gaben in einer vom Momentum Institut beauftragten Studie an, dass sie die aktuelle Situation sehr belastet. Grund dafür ist die Kombination aus erhöhtem Arbeitsdruck und die Mehrfachbelastung durch Home-Schooling. Außerdem konnten sich Eltern in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Lockdown kaum erholen.

Insgesamt wurden die Betreuungsangebote im zweiten Lockdown mehr genutzt. Trotzdem ist der Großteil der Kinder zu Hause geblieben.

Kinderbetreuung im ersten und zweiten Lockdown. Der Anteil der Eltern, die ihre Kinder zuhause betreuuen, ist im zweiten Locdown geringer. Angebote von Schule, Kindergarten und Hort werden mehr genutzt.

Auch die 10- und 12-jährigen Töchter von Ela waren die vergangenen drei Wochen zu Hause. Sie ist alleinerziehend und arbeitet in einem Kindergarten. Die Arbeit ist für sie im Gespräch mit MOMENT der größte Unterschied zum ersten Lockdown im Frühling. Damals war sie noch in Bildungskarenz und konnte ihre Kinder zu Hause selbst betreuen. Das war jetzt plötzlich anders, denn als Systemerhalterin muss sie auch im Lockdown weiter arbeiten. Außerdem hat sie noch nicht viel Urlaub angespart, die Arbeitszeiten waren also fix.

Verständnis der ArbeitgeberInnen für Corona-Kinderbetreuung

Da wurde der digitale Elternsprechtag um 13 Uhr genauso zu einer Herausforderung wie das wöchentliche Abholen der Lernunterlagen aus der Volksschule. Viel Flexibilität in der Arbeitszeit oder Verständnis für Kinderbetreuung gäbe es laut Ela in ihrer Arbeit es nicht: “alle Mütter haben jongliert”. Aber direkt um Urlaub angefragt habe sie auch nie. Sie ist sich bewusst, dass sie Rechtsanspruch auf Sonderbetreuung hat, wenn eines ihrer Kinder in Quarantäne muss. Das war zum Glück nie der Fall.

Das ginge auch anders: ArbeitgeberInnen können auch ohne rechtlichen Zwang flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten. Oder in Bezug auf Urlaub oder Zeitausgleich eine passende Lösung finden. In der Praxis gab es laut der SORA-Umfrage beim Verständnis der ArbeitgeberInnen für Kinderbetreuung große Unterschiede. Die ArbeitgeberInnen von Eltern aus der ArbeiterInnenschicht waren deutlich weniger entgegenkommend als jene von Eltern, die sich selbst Mittel- und Oberschicht zuordneten. 

Kinder sind selten bei Oma und Opa

Auch wenn es schwierig ist, Arbeit und Betreuungspflichten unter einen Hut zu bekommen und Unterstützung erwünscht wäre: Die Omas und Opas der Kinder werden während der Krise selten um Hilfe gefragt. Die meisten Eltern betreuen ihre Kinder selbst.

Während vor der Krise für fast 30 Prozent der Familien die nun viel gefährdeteren Großeltern da waren, sind es jetzt nur noch 8 Prozent. Und: Wer auf die Unterstützung der Omas und Opas verzichten kann, tut das seit Beginn der Krise. Wer sie braucht, bleibt in Kontakt - unabhängig von dem Infektionsgeschehen.

Auch Ela hat es ohne Unterstützung ihrer Mutter versucht. Die 40-Jährige merkte aber schnell, dass es ohne zusätzlicher Hilfe nicht ging. Ihre jüngere Tochter geht noch in die vierte Klasse Volksschule und hat Lernschwierigkeiten. Deshalb musste dann doch die Oma kommen und bei den Arbeitsaufträgen helfen. Und das regelmäßig.

Ansonsten konnte Ela ihre zwei Töchter gut beim Arbeiten unterstützen: Vor allem bei der Organisation der Dinge und dem Zusammensuchen der Unterrichtsmaterialien. Das war sehr anstrengend, sagt sie eine Woche nach dem Ende des zweiten Lockdowns.

Nicht alle Eltern können Kinder gut beim Lernen unterstützen  

Das können nicht alle. Der Heimunterricht machte soziale Ungleichheiten zwischen den SchülerInnen besonders deutlich. Das zeigt auch die aktuelle Befragung: Wie auch schon im ersten Lockdown sehen sich Eltern mit Matura oder Akademikerhaushalte besser in der Lage, ihre Kinder beim Lernen gut zu unterstützen.

Auch Lukas, mit dem MOMENT den Herbst über immer wieder gesprochen hat, gehört in diese Gruppe. Er ist Arzt und seine Frau Krankenschwester. Weil er selbständig ist, konnte er sich die Zeit gut einteilen. Und tatsächlich konnte er seinem Sohn gut bei den Aufgaben und Übungen helfen, die er in der Volksschule bekommen hat, erzählte er uns. 

Eltern mit höheren Bildungsabschlüssen gaben eher an, im zweiten Lockdown mehr Zeit für Kinderbetreuung zu verwenden als davor.

Laut den StudienautorInnen sei es ist noch nicht gelungen, die sozial ungleiche Betroffenheit von Eltern und Kindern im Bereich Bildung abzufedern. Weiterhin schädigt die Krise die Zukunftsaussichten von Kindern aus bildungsferneren Haushalten besonders stark.

Ela's ältere Tochter geht auf ein Gymnasium und ist eine sehr gute Schülerin, trotzdem wird sie von ihrer Latein-Lehrerin mit unmöglichen Arbeitsaufträgen überhäuft. Das führe sogar bei ihrer leistungsstarken Tochter zu Überforderung, sagt sie im Gespräch. Eine weitere Schülerin erzählt MOMENT von ähnlichen Problemen: Kaum Feedback, kein richtiger Unterricht, dafür viele Projekte - sie fühlt sich von ihren LehrerInnen alleine gelassen. Während des Lockdowns hatte sie auch schon 13-stündige Schultage zu Hause.

Und wie denken eigentlich LehrerInnen selbst über die Herausforderungen im Home-Schooling? 12 NMS-LehrerInnen erzählen: Viel hängt von dem Einsatz einzelner Lehrkräfte und Schulleitungen ab, strukturelle Unterstützung "von oben" gibt es nach wie vor kaum. Das sehen die befragten Eltern ähnlich. Sie stellen der Regierung ein schlechtes Zeugnis aus - im Gegensatz zu KindergartenpädagogInnen und Lehrerinnen

"Ich schätze das, was die Lehrerinnen machen"

Eine sehr gute Erfahrung mit dem Home-Schooling hat Karolina gemacht. Sie selbst hat keinen hohen Bildungsabschluss, arbeitet als Putzkraft in einer Schule und hat fünf Kinder. Die sind zwischen acht und 14 Jahre alt. Durch den Lockdown ist die Familie sehr gut gekommen, erzählt sie. So gut, dass es sie selbst überrascht hat.

Was ist passiert? Schon vor dem ersten Tag zu Hause haben sich die unterschiedlichen LehrerInnen bei Karolina gemeldet. Sie wollten das Home-Schooling testen. Funktioniert es nicht, gehen die Kinder wieder zur Betreuung in die Schule. Das war der Deal - und das wussten auch die Kinder.

Schlussendlich waren alle vier während des gesamten Lockdowns zu Hause. Hausübungen, Kommunikation und sogar die Online-Sessions haben gut geklappt. "Ich schätze das, was die Lehrerinnen machen", sagt Karolina im Gespräch mit MOMENT.at. Und auch auf ihre Kinder sei sie sehr stolz. Sie sind füreinander da und halten zusammen. Schlussendlich gab es nur positive Rückmeldungen der Lehrerinnen, der Schulerfolg war sogar besser als sonst.

Die Krise trifft nicht alle gleich

Gerade im Bildungsbereich gibt es nicht eine Lösung für alle. Bei manchen Kindern hat der Unterricht zu Haus gut funktioniert, andere sind zurückgefallen. Der Einsatz einzelner Lehrkräfte und Schulen kann dabei viel bewirken. Es gibt aber immer noch eine strukturelle Ungleichheit, die sich in der Schule und in Krisen besonders zeigt. Das gilt auch für "normale" Zeiten. In der Coronakrise wurde diese Ungerechtigkeit nur noch dramatischer und offensichtlicher.

Insgesamt hat die Krise nicht alle Familien gleich getroffen: Viele Eltern mussten im zweiten Lockdown wieder mehr und auch außerhalb von zu Hause arbeiten. Das ist besonders für AlleinerzieherInnen belastend, weil sie sich nicht mit ihrem PartnerInnen die Betreuungszeiten aufteilen können. Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss und geringem Einkommen sind ebenfalls besonders betroffen.

Auch der zweite Lockdown war also nicht für alle gleich.

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