Zeitungscover von Heute, Österreich und der Kronen Zeitung vom 23. Juli 2020. Reisserische Überschriften zu Corona-SünderInnen zieren alle drei Blätter.
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/ 23. Juli 2020

Am Mittwoch veröffentlichte das Umweltbundesamt Zahlen zur Klimabilanz in Österreich. Die Bilanz ist katastrophal: 2019 stieg der CO2-Ausstoß erneut an, statt zu schrumpfen. Das wäre schon einmal ein paar größere Schlagzeilen wert. Nicht so für Österreichs Boulevard-Zeitungen. Weder auf den Titelseiten noch als Kurzmeldungen taucht das Klima-Desaster auf. Dafür skurrile andere, "wichtige" Meldungen.


Es war lange bekannt, dass in diesen Tagen neue Schätzungen kommen. Darüber, wie viel Treibhausgase in Österreich im vergangenen Jahr ausgestoßen worden sind. Ebenso war zu erwarten, dass die Bilanz schlecht ausfallen würde. Ein Plus bei den Treibhausgasemissionen von 1,4 Millionen Tonnen bedeuten, dass Österreich seine Klimaziele erneut verfehlt.

Das wäre einige Schlagzeilen wert. Einen solchen Aufreger sollten Medien schon aus Eigeninteresse aufgreifen. Die Klimakrise beschäftigt die ÖsterreicherInnen: Mehr als 380.000 Menschen unterschrieben jüngst das Klimavolksbegehren. OrganisatorInnen von Fridays for Future zählten 160.000 Menschen, die im September vergangenen Jahres für Klimaschutz auf die Straße gingen.

Klimakrise? Faßmann und ein Wolf sind wichtiger

In den Redaktionen der Boulevard-Zeitungen Kronen Zeitung, Heute und Oe24 sieht man das ganz anders: Wer heute zu den Blättern greift, wird schlicht nicht darüber informiert, dass Österreich beim Klima einen "Höhepunkt der negativen Entwicklung" erreichte, wie es Vizekanzler Werner Kogler formulierte. Das kritische Urteil fällt Kogler wohl nicht schwer, die Bilanz haben noch frühere Regierungen zu verantworten.

Auf den Titelseiten findet das nicht statt. Darüber könnte man noch hinwegsehen angesichts der großen Aufreger, die Krone und Co. in große Schlagzeilen gießen: Von einem sogenannten Wut-Lehrer und Bildungsminister Heinz Faßmann mit einem Wolf (Heute) darüber, wen Dominic Thiem so trifft und was eine "Corona-Sünderin" sagt (Oe24) bis hin dazu, dass Prinz "Charming" George am Tag zuvor den 7. Geburtstag hatte (Krone).

Aber auch auf den nächsten Seiten halten es die Zeitungen nicht für notwendig, etwas zu Österreichs Klimabilanz zu vermelden: weder in großen Berichten noch in kurzen Meldungen. Dabei war es nicht allzu schwer, auf das Thema zu stoßen: Das Umweltbundesamt veröffentlichte die Studie am Vormittag. Die Austria Presse Agentur berichtete zum Mittag darüber, servierte mundgerecht alle relevanten Daten dazu Zitate von Vizekanzler, Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, kritische Worte der Opposition (Julia Herr, SPÖ) und von NGOs, denen Klimaschutz wichtig ist: namentlich Greenpeace, Global 2000 und Verkehrsclub Österreich (VCÖ).

Regierung hilft Boulevard mit Extra-Millionen

Das hätten die RedakteuerInnen nur ein wenig kürzen, vielleicht noch etwas boulevard-tauglich aufbauschen und ansonsten 1:1 so in die Druckerei geben können. Angesichts der wegen der Corona-Krise ach so schwierigen wirtschaftlichen Lage der genannten Medienhäuser mit immer weniger RedakteuerInnen, die für immer mehr zuständig sein sollen und jetzt teilweise auch noch in Kurzarbeit geschickt worden sind, eigentlich sehr willkommen. Sollte man meinen, ist aber nicht so.

Die Regierung griff jüngst übrigens der Kronen Zeitung mit 2,7 Millionen Euro, Heute mit 2 Millionen Euro und Oe24 immerhin noch mit 1,7 Millionen Euro unter die Arme. Berichte darüber, dass Österreichs Klimabilanz Jahr für Jahr verheerend ausfällt, könnten ein negatives Licht auf die zuständigen MinisterInnen werfen. Verantwortlich für Umwelt und Klima und damit für Weichenstellungen in Richtung Klimabilanz des vergangenen Jahres war von Ende 2017 bis Anfang 2019 Elisabeth Köstinger (ÖVP). Beides, die Förderungen und das nicht geworfene schlechte Licht auf die Regierung, haben natürlich nichts miteinander zu tun.

CO2-Bilanz: Österreich noch schlechter als vor 30 Jahren

Eigentlich sollten wir schleunigst viel weniger CO2 verursachen. Um 40 Prozent bis 2030 wollen die EU-Länder weniger Treibhausgase ausstoßen als noch im Jahr 1990. Österreich bläst heute aber sogar deutlich mehr CO2 in die Luft als damals. Das ist im europäischen Vergleich beschämend. Im Durchschnitt aller EU-Länder sank der Treibhausgas-Ausstoß in der gleichen Zeit immerhin um 20 Prozent.

Österreichs BürgerInnen haben ein Recht darauf, darüber informiert zu werden.

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