Spitalsbeschäftigte protestieren für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld in Pflege und Gesundheitswesen vor der Klinik Ottakring.

Spitalsbeschäftigte protestieren für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld in Pflege und Gesundheitswesen vor der Klinik Ottakring. // Foto: A. Bachmann

/ 24. Februar 2022

Sie arbeiten am Limit und darüber hinaus. Am Donnerstag protestierten österreichweit Beschäftigte in der Pflege, in Spitälern und Gesundheitseinrichtungen für mehr Geld und Personal - auch in der Klinik Ottakring in Wien. "Es ist geredet und geredet worden, aber es ist alles gleich geblieben", sagt eine Pflegerin vor Ort.


Es ist kurz vor 12 Uhr. Milica Redzic hat ihr Megaphon schon in der Hand. Sie ist die Vorsitzende der Personalvertretung der Klinik Ottakring in Wien. Redzic steht neben dem Hauptgebäude des Spitals, das bis vor kurzem Wilheminenspital hieß. Rund 1.000 Betten für Patient:innen gibt es hier. Die kleine aber resche Frau orchestriert mit ihren Kolleg:innen die Protestaktion „Achtung Gesundheit!“.

Sie fordern: faire Bezahlung und ein Ende von unzumutbaren Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Als Zeichen des Protests unterbrachen an diesem Donnerstag österreichweit Beschäftigte in Spitälern und Gesundheitseinrichtungen um 5 Minuten nach 12 Uhr für wenige Minuten ihre Arbeit.

Auch im Protest geht das Wohl der Patient:innen vor

Redzic hält eine kurze Ansprache durch das Megaphon, die Beschäftigten halten Schilder mit ihren Forderungen. Es wird applaudiert und nach wenigen Minuten gehen alle wieder in ihre Stationen. Es ist eine Art des Protests, die den Betrieb geringstmöglich stört. Das Wohl der Patient:innen steht für alle hier an erster Stelle.

„Hut ab vor allen Kolleg:innen, die hier arbeiten, oder überhaupt im Gesundheitssystem“, sagt Redzic zu MOMENT. „Denn es bröselt ja nicht nur hier, sondern österreichweit.“ Während sie das sagt, sammeln sich um sie herum immer mehr Kolleg:innen. Sie grüßen Redzic und Redzic grüßt zurück. Sie weiß, wie viele hier am Limit arbeiten.

„Bei uns gibt es immer wieder Gefährdungsanzeigen“, sagt Redzic. Gefährdungsanzeigen sind die Alarmsirenen im Spital. Mitarbeiter:innen geben sie bei der Leitung ab, wenn sie aufgrund von Arbeitsüberlastung, fehlendem Personal und struktureller Mängel fürchten, dass Patient:innen zu Schaden kommen könnten.

Dann müsste eigentlich etwas passieren. Obwohl die noch immer anhaltende COVID-19-Pandemie die Mitarbeiter:innen Spitäler, Praxen und Pflegeeinrichtungen an ihre Grenzen gebracht und über alle Maßen belastet hat: Geändert hat sich im Grunde nichts. „Es ist geredet und geredet worden, aber es ist alles gleich geblieben“, sagt Pflegerin Halina.

Pflegekräfte: Viel Arbeit, wenig Geld, geringe Anerkennung

Die 55-Jährige steht mitten unter den rund 100 Beschäftigten, die hier an diesem Donnerstag - und nicht zum ersten Mal - protestieren. „Dass die Menschen geklatscht haben und gesagt haben: Ihr seid Helden, dafür können wir uns nichts kaufen, ganz ehrlich“, sagt sie zu MOMENT. Was die Pflegerin erlebe sei: „Viel Arbeit, geringe Bezahlung und wenig Anerkennung.“

Weil so lange nichts passiert ist, das zu ändern, startet mit der Protestaktion auch die parlamentarische Bürgerinitiative „Achtung Gesundheit! Es ist 5 nach 12!“. Ihre Hauptforderungen: Mehr Geld fürs Gesundheitswesen und die Langzeitpflege. Die sofortige Nachbesetzung offener Stellen und mehr Personal. Mehr und besser entlohnte Ausbildungsplätze und Möglichkeiten, sich weiterzubilden. Pflegearbeit soll als Schwerarbeit anerkannt werden.

Interessierte können die Bürgerinitiative mit ihrer Unterschrift unterstützen. Der Nationalrat wird dabei aufgefordert, Maßnahmen zu beschließen, „um die akute Krise im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege endlich zu beheben“, heißt es von der Initiative. Ihr gehören Ärztekammer und Arbeiterkammer ebenso an wie zahlreiche Gewerkschaften.

Vor dem Spital Ottakring steht auch Anna. Sie arbeitet seit knapp über einem Jahr in der Ambulanz. Vorher war sie 27 Jahre auf einer Station mit überwiegend älteren Patient:innen. Sie wechselte, weil es nicht mehr anders ging. „Es wurde immer schlimmer. Wir hatten Zusatzdienste, kaum Freizeit, gesundheitlich ging es mir schlechter.“ Die 49-Jährige verließ die Station, „obwohl ich viel lieber mit den Patient:innen arbeite“.

Das Personal bekommt den Frust der Patient:innen ab

In der Ambulanz startete sie mit Beginn der zweiten Coronawelle in Österreich. Die Zugangsbeschränkungen und die Schutzmaßnahmen für Patient:innen und Mitarbeiter:innen zu organisieren und zu kontrollieren „ist extrem viel Arbeit“, sagt sie. Und: „Die immer wieder geänderten Regeln sind verwirrend für die Patient:innen. Manche sind frustriert und werden aggressiv“, sagt sie. Das bekämen sie und ihre Kolleg:innen dann ab.In voller Besetzung könnten sie schon lange nicht mehr arbeiten, „weil immer wieder Kolleg:innen angesteckt werden“, sagt Anna.

Theresa arbeitet im Neugeborenenzimmer. „Auch bei uns sind zu wenig Leute“, sagt sie zu MOMENT. Selbst wenn Mitarbeiter:innen dort länger ausfielen, „werden die nicht nachbesetzt.“ Anna ist 55 Jahre alt und arbeitet seit 30 Jahren in der Klinik Ottakring.  „Wir sind überlastet. Wir gehen krank arbeiten, mit Fieber und mit Schmerzen“, sagt sie.

 Mit Corona habe sich die schon vorher herrschende Überlastung verschlimmert, auch für sie selbst. „Ich habe das oft: Ich bin überlastet, ich habe Schmerzen, ich gehe aber trotzdem in die Arbeit“, sagt sie. Was sie sich wünscht? „Mehr Personal, mehr Geld, mehr Anerkennung und für mich bessere Vereinbarkeit von Job und Familie.“ Theresa hat ein 8 Jahre altes Pflegekind, erzieht es allein. Wenn sie Nachtschicht hat, bekommt sie ein großes Problem. Ich muss viel Geld für Kinderbetreuung ausgeben“, sagt sie.

Auch Ärzt:innen haben sich an diesem Tag dem Protest angeschlossen. „Man sieht ja, dass es auf breiter Ebene getragen wird und von allen hier unterstützt wird“, sagt ein älterer Arzt zu MOMENT. Neben ihm steht ein jüngerer Kollege. Er sagt: „Das betrifft natürlich auch uns Ärzte. Aber vorrangig die pflegenden Kolleg:innen. Es ist ein Pflegemangel.“

Nie genug Leute da: Überstunden abbauen ist nicht drin

Und den bekämen alle hier zu spüren. Etwas abseits vom Pflegepersonal hat sich eine Gruppe von Mitarbeitern der Haustechnik dazugestellt. Erkennbar sind sie an ihren blauen Jacken. Einer von ihnen ist Martin. „Das betrifft uns alle“, sagt der Schlosser zu MOMENT. Auch sie müssten in die Stationen gehen mit an COVID-19 Erkrankten. „Wir sind auch überlastet und werden immer weniger statt mehr“, sagt er.

„Mit dem Protest sind nicht nur Menschen gemeint, die Pflegearbeit machen“, sagt Personalvertreterin Redzic. Denn zum Spital gehörten viel mehr Menschen: „die Putzdame, die Mitarbeiter:innen, die das Essen bringen, das Personal der Apotheke“. Sie alle seien seit Ausbruch der Pandemie am Limit.

Den nach langem Gezerre von der Regierung im vergangenen Jahr dann doch beschlossenen Corona-Bonus habe es nicht für alle von ihnen gegeben. „Da haben wir aufgeschrien und gesagt: Es muss für alle etwas geben“, sagt Redzic. Die Personalvertreter:innen hätten durchgesetzt, dass alle einen Bonus aus dem hauseigenen Budget erhielten.

Wobei Geld auch nicht alles ist und nicht alles an Problemen löst. „Der Schrei ist nach mehr Freizeit. Geld ist sehr wichtig, keine Frage. Aber die Kolleg:innen brauchen auch Erholung“, sagt Redzic. Pflegerin Theresa von der Neugeborenenstation hätte gern mehr Zeit für sich und ihr Pflegekind. Aber: „Ich habe die Überstunden stehen. Ich kann sie aber gar nicht nehmen, weil nie genug Leute da sind.“

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