Josh Ryan-Collins lächelt in die Kamera. Er trägt ein kariertes Hemd und ein dunkelblaues Jackett. Der Hintergrund ist grau.

Josh Ryan-Collins hat zwar selbst ein Haus, sagt aber, dass Eigentum gesamtgesellschaftlich schaden kann.

/ Lisa Wölfl
/ 29. Oktober

Viele Menschen träumen vom Eigenheim, das wird aber immer teurer. Der Trend gilt in ganz Europa. Woran liegt das und was können wir dagegen tun? Josh Ryan-Collins erklärt im MOMENT-Interview, wieso Eigentum für die einzelne Person super ist, für die Gesellschaft aber schlecht und wie wir die Preise in den Griff bekommen können.

Hier kannst du die Rezension zu seinem Buch „Why Can’t You Afford a Home?“ nachlesen.


MOMENT: Du lebst in London. Mietest du?
Josh Ryan-Collins: Nein, ich habe ein Haus im Süden Londons, das ich vor zehn Jahren gekauft habe. Ich hatte Glück und habe Geld geerbt. Der Mietmarkt in London ist wirklich hart, wenn du nicht jährlich 50.000 Pfund verdienst. Viele Bekannte, die gemietet haben, mussten London verlassen.


Der Traum vom eigenen Haus mit Garten ist in der englischen Kultur tief verankert. Wieso ist das so?
Das Eigenheim ist hier eng mit der eigenen Identität und der Stellung in der Gesellschaft verstrickt. Das Versprechen lautet: Wenn du ein Haus mit Garten hast, hast du es geschafft.


Immer noch?
Ja. Margaret Thatcher hat das Konzept der Hausbesitz-Demokratie (auf Englisch: “homeowner democracy”) in die Mitte der Gesellschaft gebracht. In ihrer Zeit wurden reihenweise soziale Wohnungen verkauft. Thatcher hat den ArbeiterInnen die Möglichkeit gegeben, ihre Sozialwohnung zu kaufen. So wurde das Eigentum als überlegene Form des Wohnens etabliert. Zu mieten, besonders eine Sozialwohnung, wurde als Wohnen zweiter Klasse dargestellt. Durch die Privatisierungswelle gibt es kaum noch Sozialbauten. Die Mieten sind für die meisten Menschen viel zu hoch, sie werden verdrängt.


Ganz einfach betrachtet ist Eigentum ja super: Ich spare die Miete, am Ende habe ich etwas, das ich meinen Kindern vererben kann und mich kann niemand hinausschmeißen.
Du könntest auch anders investieren, in Aktien zum Beispiel. Teil des Problems ist der niedrige Zinssatz seit der großen Finanzkrise 2008. Das heißt, das Geld auf der Bank verliert an Wert. Da macht es Sinn, die Ersparnisse in Eigentum zu investieren. Für die einzelne Person ist das eine gute Strategie, wenn es alle machen, wird es aber gefährlich.


Wieso?
Wenn ich einen Kredit aufnehme, um ein Haus zu kaufen, das es schon gibt, dann trage ich nichts zur Wirtschaft bei. Ich habe dann ein Haus, aber die Produktivität steigt nicht. Alles, was ich tue, ist den Wert, beziehungsweise den Preis, von Eigentum aufzublähen. Das heißt, die Menschen, die nach mir kommen, müssen wieder höhere Kredite aufnehmen. Im Endeffekt müssen alle mehr von ihrem Einkommen fürs Wohnen ausgeben und haben weniger Geld für Konsum und weniger Zeit für ihre Kinder, weil sie länger arbeiten müssen.


Du beschreibst in deinem Buch zwei Funktionen von Eigentum: Wir können darin leben oder es als Kapitalanlage nutzen. In Österreich werden immer mehr Wohnungen für InvestorInnen gebaut statt für Menschen, die darin wohnen sollen.
Genauso wie in London und fast überall. Das ist ein Problem und deswegen ist es wichtig, dass der Staat für leistbaren Wohnraum sorgt. Wir können uns nicht auf den Markt verlassen, billige Wohnungen anzubieten. Im Vereinigten Königreich ist es nochmal schlimmer als in Österreich. Dort haben die Gemeinden riesige Flächen an öffentlichen Grund verkauft. Die Privaten bauen dort Luxuswohnungen oder schauen einfach zu, wie der Wert des Grundstücks steigt.


Wenn Eigentum an Wert gewinnt, dann profitieren doch alle Menschen, die ein Haus haben. Das sind EU-weit immerhin rund 70 Prozent.
Im Vereinigten Königreich sind es 62 Prozent. Das Problem ist, dass das Vermögen ja nicht gleichmäßig aufgeteilt sind. Junge Menschen müssen sich damit abfinden, dass sie niemals ein Haus kaufen können und hohe Mieten bezahlen müssen. Also auch falls du Teil der 62 Prozent bist, erwartet deine Kinder eine düstere Zukunft, wenn wir die aufgeblähten Preise nicht in den Griff bekommen. Die jungen Menschen zahlen hohe Mieten an ältere, die schon vermögend sind.


Österreich, besonders Wien, wird oft als Vorbild gehandelt. Wie siehst du das?
Ich war überrascht und beeindruckt davon, wie umfassend MieterInnen auch am privaten Wohnungsmarkt geschützt werden. Österreich zeigt, dass es möglich ist, einen starken sozialen und gemeinnützigen Wohnungssektor zu haben. London ist ganz das Gegenteil.


Was gibt es hier noch zu tun?
In Österreich fehlt vielleicht eine Steuer auf die Wertsteigerung von Grundstücken. Es ist ja gar nicht das Haus selbst, das die Preise in die Höhe treibt, sondern der Grund, auf dem es steht. Dieser wird wertvoller, wenn die Stadt in Infrastruktur investiert - etwa wenn sie eine neue U-Bahn-Station um die Ecke baut. Wenn diese Wertsteigerung besteuert wird, würde es SpekulantInnen abschrecken. InvestorInnen würden weniger Eigentum kaufen, um damit Geld zu machen und Eigentum kann wieder der ursprünglichen Funktion dienen: Nämlich als Unterkunft. Mit den Einnahmen könnte der Staat neue Sozialwohnungen bauen.


Zur Person: Josh Ryan-Collins ist Head of Research beim UCL Institut for Innovation and Public Purpose. Als Ökonom beschäftigt er sich mit Finanz- und Bankwesen, sowie mit Wohnungsbau.

Das Interview fand im Rahmen der Veranstaltung "Betongold oder leistbares Wohnen?" der Arbeiterkammer in Wien statt.


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