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Ungleichheit
Fortschritt

Werden Städte unsozial? “Es driftet auseinander”

Werden Städte unsozial? “Es driftet auseinander”
Was hat Stadtplanung eigentlich mit Gerechtigkeit zu tun? Der Soziologe Christoph Reinprecht erforscht seit vielen Jahren die soziale Stadt. Im Interview mit MOMENT.at erklärt er, warum Wien von außen wie eine Insel der Seligen aussieht, in Wahrheit aber auch hier die Schere auseinander geht. Und was seine Lehre aus der Covid-Krise ist. 

MOMENT: Die Städte wachsen, die Mieten steigen – manchmal klingt das wie ein Naturgesetz. Müssen wir uns damit abfinden?

Christoph Reinprecht: Städte sind keine natürlich gewachsen Einheiten, sondern geplante. Städte wuchern nicht einfach wild vor sich hin, sondern es gibt PlanerInnen und GestalterInnen dieses Wachstums. Auch in sehr attraktiven Großstädten wie New York oder Tokyo gibt es Politik, die bestimmt, ob die Lebensbedingungen in der Stadt gut sind und für wen sie gut sind. 

Ein Beispiel aus der Geschichte zeigt das ziemlich deutlich: In Wien hatte im 19. Jahrhundert jede Villa ihren eigenen Brunnen, die Abwasserentsorgung war schlecht, das Risiko einer Cholera-Epidemie war groß. Und die hätte nicht nur die Armen, sondern auch die bürgerlichen Schichten getroffen! 

Es gab nur zwei Möglichkeiten gegenzusteuern: Kanalisation und Wasserversorgung. Und damit begann etwas, das manchmal verächtlich als „rechter Gemeindesozialismus“ bezeichnet wurde. Die Grundversorgung – Wasser, Abwasser, Mobilität, Gas und Elektrizität – wurde zu einem Thema von allgemeinem Interesse. Plötzlich dachte man an die ganze Stadt und all ihre BewohnerInnen. Wir müssen bedenken: Die Stadtplanung hatte damals die Vision einer Drei-Millionen-Stadt – und alle sollten gutes Wasser bekommen. 

MOMENT: Um leistbare Wohnungen ging es für die soziale Stadt damals noch nicht.

Reinprecht: Genau! Deshalb ist dieses Beispiel so interessant. Bestimmte Infrastruktur wurde entwickelt. Dabei ging es weniger um „Goodwill“ und vielmehr um die Risiken für die Allgemeinheit. Das Wohnen wurde ausgeklammert und gewann dann im Roten Wien an Bedeutung. Heute ist das Wohnen wieder im Zentrum.

MOMENT: Warum?

Reinprecht: Die Wohnversorgung ist hochwertiger und komplexer geworden und es ist notwendig geworden, die Rahmenbedingen abzustecken. Im 19. Jahrhundert hat die zugezogene, arbeitende Bevölkerung in Baracken außerhalb des Gürtels gewohnt oder im Umfeld der Fabriken, die außerhalb der Stadtgrenzen lagen. Heute erstreckt sich die Stadt viel weiter und ist integrierter. Wohnen wurde zu einem ganz zentralen Thema, wenn es um die Teilhabe an der Stadt geht.

Die Chancen auf Bildung, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur sollen möglichst gerecht verteilt sein.

MOMENT: Was haben soziale Ungleichheit und Stadtplanung miteinander zu tun?

Reinprecht: Es geht nicht einfach nur um die Frage, wie viel Reichtum und Armut es in einer Stadt gibt, sondern vor allem auch: Wie sind die damit verknüpften Lebenschancen. Die europäischen Städte sind seit etwa hundert Jahren sehr stark von dem Gedanken einer sozial integrierten Stadt getragen. Das heißt in einer gerechten Stadt: Die Chancen auf Bildung, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur sollen möglichst gerecht verteilt sein.

MOMENT: Muss eine soziale Stadt auch sozial durchmischt sein?

Reinprecht: Das ist ein normatives Konzept. In Wien würde man sagen: Hier drückt sich die soziale Durchmischung dadurch aus, dass die Gemeindebauten über die ganze Stadt verteilt sind – selbst in Döbling steht sozialer Wohnbau neben Villenviertel. Aber wenn man genauer hinsieht, verknüpfen sich die Lebenswelten nicht. 

MOMENT: Auch in Wien unterscheidet sich die Lebenserwartung je nach Bezirk. 

Reinprecht: Nicht alles lässt sich politisch steuern. Die Lebenserwartung hängt auch mit der Art der Arbeit, den Lebensformen und vielen anderen Faktoren zusammen. 

In vielen Städten weltweit sind solche Fehlplanungen bis heute gang und gäbe. 

MOMENT: Was kann eine Stadtregierung für Chancengleichheit tun? Ist das nicht eher Sache des Bundes?

Reinprecht: Wien ist ein Sonderfall, weil hier Landeskompetenzen und Stadtkompetenzen zusammenfallen. Beim Wohnen hat Wien deshalb große Steuerungsmöglichkeiten: Wo wird gebaut? Welche Bodenpolitik wird gemacht? Die Seestadt ist ein interessantes Beispiel, weil hier zuerst die U-Bahn gebaut wurde und dann das Viertel. Das ist ein Modell für die integrierte Stadt: Es war den PlanerInnen wichtig, dass die Neubauten von Anfang an Teil einer Gesamtstadt sind. 

In Paris hat man das anders herum gemacht: Es wurden in den 1960er und 1970er Jahren neue Wohnsiedlungen gebaut und man hat dabei völlig vergessen, dass es eine Anbindung an das Zentrum braucht! Die sind ziemlich schnell gekippt. In vielen Städten weltweit sind solche Fehlplanungen bis heute gang und gäbe. 

Bildung im Pflichtschulbereich ist Landespolitik und Wien kann maßgeblich steuern, wo und welche Schulen entstehen. Auch Privatschulen können gesteuert und reglementiert werden. Und bei der Gesundheit ist in Wien bei den Primärversorgungszentren in den letzten Jahren sehr viel passiert. 

MOMENT: Wien wird im Ausland – jüngst auch von der Unesco – als Vorbild in Sachen Wohnbaupolitik gesehen. Verdient?

Reinprecht: Faszinierend an Wien ist, dass es im Vergleich zu anderen Städten einen sehr hohen Anteil an reguliertem Wohnsektor hat. Wir haben etwa zur Hälfte Gemeindebauten und geförderten Wohnbau. Dazu kommt aber noch jener private Sektor, der durch das Mietrechtsgesetz geregelt ist. Wenn man das zusammenzählt, kommt man auf ein Dreiviertel des Wohnungsmarkts. Von außen betrachtet ist das einzigartig. 

Es macht aber natürlich einen großen Unterschied, wo Sie wohnen: ob mit einem alten Mietvertrag im Gemeindebau, in einer geförderten Neubauwohnbau mit Pool in der Seestadt Aspern, oder in einer privaten, meist befristeten Mietwohnung. 

Es ist noch nicht so arg wie in Berlin, aber die Preissteigerungen sind enorm. Auch der geförderte Bereich ist – von den recht günstigen, aber sehr kleinen Smart-Wohnungen abgesehen – teuer geworden. Die berühmten systemrelevanten Krankenpfleger oder Supermarkt-Kassiererinnen können sich das nicht mehr leisten! Das ist ein echtes Problem. 

MOMENT: Vor einigen Jahren haben sie vor Armutsinseln gewarnt, die auch in Wien entstehen könnten. Wie hat sich das entwickelt?

Reinprecht: Wir haben jüngst eine Sozialraumanalyse gemacht. Innerhalb von fünf Jahren sind reiche Gegenden noch reicher geworden. Auf der anderen Seite hat sich die Lage in manchen einkommensschwachen Gegenden verschärft: Der Anteil von niedrigverdienenden und arbeitslosen Menschen hat sich dort erhöht. Es driftet auseinander. Die Schere geht also auf wie überall sonst, nur von außen wirkt es wie eine Insel der Seligen. 

Den eigenen Wohnraum an die Pandemie anzupassen ist in einer kleinen Wohnung gar nicht möglich. 

MOMENT: Welche Auswirkungen hat die Covid-Krise? 

Reinprecht: Der Bezug zur Stadt hat sich verändert. Man durfte den öffentlichen Raum nicht mehr wie gewohnt nutzen – oder nur so halb-legitim und verschämt wie manche Jugendliche, die sich abends heimlich treffen. Manche sagen, das gibt sich alles wieder, wenn die Einschränkungen vorbei sind. Aber die Bedingungen haben sich verändert: Der öffentliche Raum unterliegt einem sehr starken Ökonomisierungsdruck. Wenn der Bürgermeister über für alle zugängliche Schanigärten spricht, ist das nachvollziehbar, aber problematisch, weil es den Kommerz betont. Der öffentliche Raum muss mehr sein, abgesehen davon, dass sich das nicht jeder leisten kann. 

MOMENT: Der französische Intellektuelle Henri Lefebvre schrieb in seinem Buch „Recht auf Stadt“ schon 1968, die Bewohner der Städte seien zunehmend gezwungen „sich in Schachteln, Käfigen oder Wohnmaschinen einschließen zu lassen.“ Hat sich das jetzt bewahrheitet?

Reinprecht: Gärten und Parks galten immer als Allgemeingut, auch weil es in den privaten Räumen oft nicht genug Platz zum Leben gibt. Ich befürchte, dass die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes nach Corona zunehmen wird. Erstens, weil man die lokale Gastronomie stärken will. Und zweitens, weil der öffentliche Grünraum insgesamt unter Druck ist. Viele private Neubauten haben Gärten und Loggias. Das darf nicht auf Kosten des allgemeinen Grünraums sein. 

Während des ersten Lockdowns hat es einen riesigen Unterscheid gemacht, ob man in einer engen „Wohnmaschine“ wohnt oder mehr Platz hat. Wir haben Befragungen gemacht, die gezeigt haben, dass die Sehnsucht nach Natur und Bewegung insgesamt sehr zugenommen hat. Jene, die es sich leisten können, haben Lösungen gefunden: Sie sind innerhalb Wiens übersiedelt, ins Umland gezogen oder haben sich außerhalb von Wien Wochenendhäuschen gekauft. Die Kluft ist gewachsen. 

Den eigenen Wohnraum an die Pandemie anzupassen – Stichwort Homeschooling und Homeoffice – ist in einer kleinen Wohnung gar nicht möglich. 

MOMENT: Es gibt Kinder, die wochenlang eingesperrt waren. Was kann die Stadt bei der nächsten Pandemie besser machen?

Reinprecht: Gerade beim ersten Lockdown hat es die Stadt versäumt, auf die Menschen zuzugehen. Die Erfahrungen anderer Katastrophen haben gezeigt, wie wichtig die direkte Kommunikation ist. Gerade die Kinder wurden absolut vergessen. 

Und: Wir brauchen unbedingt wieder mehr gemeinsamen, großflächigen Grünraum. Die kühlen Straßen sind eine nette Idee. Aber das reicht doch nicht! Wir brauchen großflächigen Platz, sich in der Stadt im Grünen zu bewegen. Das ist eine Lehre aus der Covid-Krise. Es ist schön zu sehen, dass auch vorher nicht besonders stark frequentierte Parks – wie beispielsweise der Auer-Welsbach-Park – plötzlich voller Menschen sind.

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