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/ 30. Juli 2020

Weiterwachsen und trotzdem das Klima retten? Eine Studie legt nahe, dass das nicht funktionieren wird. Der Konsum der Wohlhabenden sei Hauptbeschleuniger für die Klimakrise, immer mehr zu konsumieren schlicht kapitalistische Marktlogik. Die Klimakatastrophe zu verhindern werde aber nicht möglich sein, „wenn der wohlhabende Überkonsum anhält, angespornt durch Wirtschaftssysteme, die Natur und Menschen ausbeuten“. Die AutorInnen geben Hinweise, wo wir ansetzen können.


Wir leben auf großem Fuß: In den Sommerurlaub wird geflogen, das Mobiltelefon Jahr für Jahr ausgetauscht und Zeit für ein neues Auto ist es auch schon wieder – denn das alte fährt ja schon fünf Jahre lang. Das sind nur drei typische Konsumentscheidungen von Menschen, die in wohlhabenden Ländern leben. Alle zusammen zerstören langfristig das Klima und fressen die natürlichen Ressourcen der Erde.

Und auch wer nicht fliegt, sein Telefon so lange nutzt, wie es geht und kein Auto besitzt, erzeugt durch seinen restlichen Konsum mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit immer noch mehr Treibhausgase als für den Planeten gut ist. Dabei gilt: Je wohlhabender eine Person, desto klimaschädlicher lebt und kauft sie. Das gilt auch für Österreich, wie das Momentum Institut hier zeigt.

Mehr Wachstum heißt auch: mehr Umweltschäden

Der Konsum der wohlhabenden Haushalte „ist bei weitem der stärkste Beschleuniger von Umweltbelastungen“, schreiben die AutorInnen einer jüngst in Nature veröffentlichten Überblicksstudie. Der Umweltingenieur Thomas Wiedmann von der University of  New South Wales in Sydney und die weiteren AutorInnen Manfred Lenzen (University of Sydney), Lorenz T. Keyßer (ETH Zürich) und Julia K. Steinberger (University of Leeds) zeigen darin: Das weltweite Wachstum der Wirtschaft geht noch immer Hand in Hand mit einem immer höheren Ausstoß von Treibhausgasen.

Auch grüne Technologien konnten daran nichts ändern. Der weltweit steigende Konsum habe die Gewinne fürs Klima, „die durch den technologischen Wandel zur Verringerung der Umweltbelastung entstanden sind, verringert oder zunichte gemacht“, so die WissenschaftlerInnen.

Zwar sei es „einer Reihe von Ländern des globalen Nordens in jüngster Zeit gelungen, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, während ihre Volkswirtschaften noch wachsen“. Doch sei es „höchst unwahrscheinlich“, dass es im globalen Maßstab möglich sein werde, Wachstum zu erzeugen und gleichzeitig den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

"Grünes" Wachstum der Wirtschaft? Gibt es wohl nicht

Nachhaltiges oder „grünes“ Wirtschaftswachstum gibt es also wohl nicht, legt die Studie damit nahe. Und das heißt: Es gibt keinen bequemen Weg aus der Klimakrise. Um die Klimakatastrophe noch abzuwenden, reicht es nicht aus auf den technischen Fortschritt zu setzen.

Sondern: Wir müssen unseren „Überkonsum“ beenden, weniger verbrauchen und einen „einfacheren und auf Genügsamkeit ausgerichteten Lebensstil annehmen“, so die Studie. Was das heißt, beschreiben die AutorInnen zum Beispiel so: Eine Wäscheleine anstelle eines Trockners tut es auch.

Doch man kann es erahnen: Ganz so einfach ist es nicht. Denn mindestens die Herstellerfirmen von Haushaltsgeräten würden uns überzeugen wollen, doch einen ihrer Trockner zu kaufen. Und wir selbst denken möglicherweise daran, dass die Nachbarin ja auch einen hat. Will man da zurückstehen?

Konkurrenzdruck führt zu mehr Konsum

Werbung und unser eigenes Statusdenken verführen ebenso zu mehr Konsum wie die Konkurrenz der ArbeitnehmerInnen untereinander. Denn „um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Individuen dazu gedrängt, die Zeit- und Kosteneffizienz zu erhöhen, indem sie in Autos, Küchengeräte, Computer und Smartphones investieren“, schreiben die AutorInnen.

Dazu leben besonders wohlhabende Menschen ein Konsumverhalten vor, dem viele nacheifern wollen. "Überkonsum" bedeutet dann auch, Geld auszugeben, um einen vermeintlich höheren Status nach außen sichtbar zu machen und sein eigenes Wohlbefinden zu steigern.

Das Problem: Je mehr Personen dabei mitmachen, umso höher steigt das Konsumniveau und umso teurer müssen die gekauften Statusgüter werden, "während das gesellschaftliche Wohlbefinden stagniert", so die AutorInnen.

Auf Wachstum zu verzichten widerspricht der Marktlogik

Es sei die kapitalistische Marktlogik, die verhindere hier auszusteigen: Unternehmen können es sich in der Regel nicht leisten, auf ihr eigenes Wachstum zu verzichten. Gewinne werden investiert, um effizienter zu produzieren, Kosten zu minimieren und neue Produkte zu entwerfen, damit VerbraucherInnen mehr kaufen.

„Solange ein Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil hat, besteht ein starker Anreiz, so viel wie möglich zu verkaufen“, heißt es in der Studie.

Dazu kommt: Weil wir immer produktiver arbeiten, braucht es immer mehr gesamtwirtschaftliches Wachstum, um die Beschäftigung konstant zu halten. Ohne Wachstum stiege diese "technologische Arbeitslosigkeit" und dann hätten die Staaten ein Problem. Sie könnten weniger Steuern einnehmen und müssten mehr in die sozialen Sicherungssysteme stecken.

Staaten konkurrieren darum, KapitalgeberInnen anzulocken

Folglich hätten auch sie ein Interesse daran, unseren Konsum hoch zu halten und für Wachstum zu sorgen. Staaten konkurrieren zudem untereinander darum, den KapitalgeberInnen die günstigsten Bedingungen zu bieten, "während die KapitalistInnen die Mittel haben, politische Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen", so die StudienautorInnen.

Angesichts dessen sei es nicht verwunderlich, warum die Überzeugung so weit verbreitet und so tief verwurzelt sei, "dass Wirtschaftswachstum alle möglichen gesellschaftlichen Probleme löst und dass es durch eine Form von angeblich grünem oder nachhaltigem Wachstum praktisch endlos gemacht werden kann", so die Studie.

Ihr Schluss: "Die bestehenden Gesellschaften, Wirtschaften und Kulturen fördern die Ausweitung des Konsums." Und: „Der strukturelle Imperativ für Wachstum in wettbewerbsfähigen Marktwirtschaften hemmt notwendige gesellschaftliche Veränderungen.“

Konzepte für eine Welt ohne Zwang zum Wachstum

Die AutorInnen beleuchten abschließend Modelle, die unsere Art zu wirtschaften ökologisch machen können. Die meisten Konzepte gehen nicht davon aus, dass es möglich sein wird zu wachsen und gleichzeitig das Klima zu retten: von "Öko-Sozialismus" und "Degrowth" bis zu Modellen von "pragmatischem Postwachstum" und dem "Wohlstand ohne Wachstum".

Dabei fordern die als "radikal" bezeichenten Ansätze das kapitaltische System heraus, während "reformistische" den Wandel weg vom Paradigma des ewigen Wachstums innerhalb des bestehenden marktwirtschaftlichen Systems zu schaffen.

Ein Schritt: Abschied vom BIP als Maß für Wohlergehen

Die AutorInnen schlagen konkrete politische Schritte vor, um einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik näher zu kommen. So müsse das BIP als Maß für das Wohlergehen einer Nation ausrangiert werden. Stattdessen könnte es durch eine Vielzahl alternativer Indikatoren ersetzt werden.

Jeder weiß, dass das BIP das falsche Maß ist, um Fortschritt zu bewerten", sagte dazu die britische Ökonomin Kate Raworth im Interview mit MOMENT. Sie hat das Modell der nachhaltigen Donut-Ökonomie entworfen, auf das sich auch die Studien-AutorInnen beziehen.

Sie schreiben: Werden ausreichende Maßnahmen gesetzt, um Umwelt und Klima zu schützen sei schließlich damit zu rechnen, dass das BIP schrumpft. Daneben sollten BürgerInnen mehr in demokratische Prozesse eingebunden werden. Lokale Selbstverwaltung sollte erleichtert werden, sozialen Experimenten Raum gegeben werden.

Mehr Gleichheit und Umverteilung durch geeignete Steuerpolitik

Einen weiteren starken Hebel sehen die AutorInnen darin, für mehr Gleichheit und Umverteilung zu sorgen. Etwa mittels einer geeigneten Steuerpolitik, durch Arbeitsplatzgarantien, einem Grundeinkommen und Höchstgrenzen des Einkommens.

Öffentliche Dienstleistungen könnten ausgebaut, von den AutorInnen als neoliberal bezeichnete Reformen rückgängig gemacht werden. Möglicherweise müsste der Staat regulativ eingreifen, um bestimmte Produkte oder zerstörerische Industrien verbieten, "die auf einem Erbe von Eigeninteressen, Lobbyarbeit und staatlich geförderten Subventionen gedeihen."
 

Link zur Originalstudie: Scientists’ warning on affluence

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