Suffering in Silence

Quelle: Irenee Nduwayezu/CARE

/ Sebastian Panny
/ 30. Januar

Über 50 Millionen Menschen leiden an Hunger, Unterdrückung und Gewalt - und kaum jemand berichtet darüber. Die Klimakrise schlägt dabei bereits zu. Die Hilfsorganisation CARE veröffentlicht eine Rangliste der am wenigsten beachteten humanitären Katastrophen. Wir fassen die Ergebnisse für euch zusammen.

 

Die westliche Welt solidarisierte sich 2019 mit den Protestierenden in Hongkong. Zu der Krise in Venezuela bildeten sich die Meinungen sehr schnell. Und zur Einstimmung auf das neue Jahr war plötzlich ein bewaffneter Konflikt zwischen den Atommächten USA und Iran greifbar.

Über all diese Krisen wird zurecht mehr oder weniger ausführlich berichtet. Aber viele andere, die für die Betroffenen nicht weniger schlimm sind, werden ignoriert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig ist die Region für die internationale Politik und damit für Medienberichterstattung unwichtig. Manchmal dauert eine Krise schon länger an und das Interesse sinkt. Und sofern die Auswirkungen weit weg sind, werden sie wenig beachtet.

Für den Bericht “Suffering in Silence”  wurden von CARE wurden mehr als 2,4 Millionen Newsartikel in fünf Sprachen auf ihre Berichterstattung zu 40 Krisen durchsucht. Von den Konflikten in den zehn Ländern mit den wenigsten Berichten liegen neun am afrikanischen Kontinent.

Die traurige Realität ist, dass speziell westliche Medien wenig Interesse daran zeigen, sich intensiver mit Afrika auseinanderzusetzen. Das zeigt auch ein Blick auf die letzten Jahre: Sechs der zehn Krisen kamen schon mindestens zwei Mal in dem Bericht vor. Was darüber hinaus auffällt ist der Einfluss, den die Klimakrise jetzt schon auf alle Krisenherde ausübt.

Die Ergebnisse im Überblick:

10. Tschadsee-Region

Der Tschadsee erstreckt sich über mehrere Länder, der Bericht schließt dabei Teile von Kamerun, Nigeria und Tschad mit ein. Die dortige Krise ist vielschichtig: Einerseits fliehen Menschen vor bewaffneten Konflikten aus den angrenzenden Gebieten in die Region, Versorgungsprobleme werden dadurch größer. Andererseits sinkt der Wasserspiegel des Sees konstant ab. Wegen des Klimawandels und immer stärkerer Nutzung ist er mittlerweile auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft, immer mehr Menschen wird die Lebensgrundlage entzogen. Fast 3,4 Millionen Personen fehlt der regelmäßige Zugang zu Nahrung.

Viele Menschen fliehen vor der Terrogruppe Boko Haram in die Region. Quelle: Josh Estey/CARE

9. Äthiopien


Äthiopien leider seit Jahren unter einer anhaltenden Dürre. Gleichzeitig führen lokale Überschwemmungen immer wieder zu Katastrophen. Über 80 Prozent der äthiopischen Bevölkerung sind SelbstversorgerInnen, die Klimakrise verschlimmert ihre Situation durch die verschärfte Wetterextreme. Bewaffnete Konflikte zwischen verschiedenen Volksgruppen und Dürre führen zu Flucht, meist innerhalb des Landes: Anfang 2019 gab es 3 Millionen Vertriebene in Äthiopien. Fast 8 Millionen Menschen sind schwer unterernährt.

 

8. Burkina Faso

Auch Burkina Faso leidet unter der Dürre. Noch schwerer wiegen allerdings bewaffnete Konflikte, die vielfach von islamistischen Terrormilizen durchgeführt werden. Diese haben das Land als Rückzugsort gewählt und als Ausgleich die Bevölkerung vor Anschlägen verschont - bis vor kurzem.

Dabei galt das religiöse Zusammenleben in Burkina Faso, in dem 60 Prozent der Bevölkerung islamischen und 40 Prozent christlichen Glaubens sind, bisher als vorbildlich. 2019 verloren fast 500.000 Menschen wegen der Konflikte ihr Zuhause oder ihre Lebensgrundlage. Etwa 1,5 Millionen Menschen sind momentan auf humanitäre Hilfe angewiesen.

 

7. Kenia

Die Regenzeit im Westen Kenias war 2019 die niederschlagsärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Viehbestände gingen drastisch zurück, die landwirtschaftliche Produktion sank um fast 50 Prozent. Gleichzeitig flutete seltener Platzregen Felder und Häuser. Die Folgen davon sind Konflikte um spärlicher werdende Ressourcen sowie Unterernährung: Fast 1,1 Millionen Menschen haben keinen regelmäßigen Zugang zu Nahrung.

 

6. Nordkorea

Die Bevölkerung des einzigen Landes außerhalb des afrikanischen Kontinents in dieser Liste leidet an politischer Isolation, Totalitarismus und an Naturkatastrophen. Die Folgen von Hitzewellen und Überflutungen aus dem Jahr 2018 führten im letzten Jahr zu einer Hungerkrise. Über 40 Prozent der Bevölkerung ist unterernährt, besonders ländliche Regionen sind betroffen. Fast die Hälfte der NordkoreanerInnen hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, was zu Seuchen und höherer Kindersterblichkeit führt. Erschwerend kommt hinzu, dass Hilfeleistungen von außen kaum zugelassen werden.

 

5. Eritrea

Ähnlich wie Nordkorea leidet Eritrea unter Isolation und Ernährungskrise - fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren weist Wachstumsdefizite wegen Mangelernährung auf. Schon in guten Jahren kann das Land nur bis zu 70 Prozent des Lebensmittelbedarfs selbst abdecken. 2018 und 2019 litten die Menschen jedoch unter Trockenheit, Dürre und Ernteausfällen. Die Konflikte mit den Nachbarländern Äthiopien und Somalia wurden offiziell zwar beendet, Landminen bleiben jedoch eine ständige Gefahr. Die katastrophale Wirtschaftslage und unbegrenzter Militärdienst sorgen zusätzlich dafür, dass junge Menschen in Scharen das Land verlassen wollen.

Wie andere Regionen Afrikas leidet Eritrea unter anhaltender Dürre. Quelle: Pixabay/Silvia Di Giovanni

4. Burundi

Die gute Nachricht ist, dass sich die Ernährungslage 2019 in Burundi gebessert hat. Das bleibt jedoch die Einzige. Burundi ist weltweit am stärksten von Unterernährung betroffen. Das Land gilt als eines der ärmsten der Welt, vergangenes Jahr sind etwa 350.000 Menschen wegen politischer Instabilität, Malaria-Epidemien und Armut in umliegende Länder geflohen.

Gesundheitsvorsorge und sanitäre Einrichtungen sind oft nicht existent. Darüber hinaus sind 90 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängig, diese gilt aber als eine der unproduktivsten in Ostafrika. Dadurch ist das Land noch weniger vor Ernährungskrisen geschützt.

 

3. Sambia

Die Temperaturen in der Region um Sambia steigen fast doppelt so schnell an, als es weltweit der Fall ist. Auch hier nehmen Wetterextreme zu. Saisonale Niederschläge waren das letzte Mal vor 40 Jahren so gering wie 2019. Damit hat sich der Trend der Vorjahre fortgesetzt. Etwa 2,3 Millionen Menschen benötigen dringend Lebensmittelhilfe.

Die Folge: Die Maisernte fiel in Teilen des Landes vollständig aus. Damit stehen nicht nur die produzierenden Familien vor dem Ruin, auch die Lebensmittelpreise steigen stark an. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Preis für das Grundnahrungsmittel Mais um 70 Prozent. Und ein Ende der Teuerung ist nicht in Sicht.

Speziell Kinder sind von Unterernährung betroffen. Quelle: Darcy Knoll/CARE

2. Zentralafrikanische Republik

2019 schloss die Regierung der Zentralafrikanischen Republik ein Friedensabkommen mit 14 bewaffneten Gruppen, das den sechs Jahre andauernden Bürgerkrieg beenden sollte. Die Lage bleibt jedoch angespannt, es kommt immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf ZivilistInnen.

Und die andauernden Konflikte haben Spuren hinterlassen. Insgesamt sind etwa 1,2 Millionen Menschen geflohen, fast die Hälfte der Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfe angewiesen und von Ernährungsunsicherheit betroffen. Und auch wer Felder besitzt, kann diese aufgrund der Konflikte oft nicht bewirtschaften.

 

1. Madagaskar

Die Insel an der Ostküste Afrikas leidet unter der Klimakrise und deren Folgen. Auch hier führen Naturkatastrophen und Dürren zu regelmäßigen Ernteausfällen. Die Lage wird erschwert durch den Herbst-Heerwurm - der Schädling wurde 2017 eingeschleppt und zerstört bis zu 50 Prozent der Ernteerträge. 80 Prozent der madagassischen Bevölkerung sind direkt von der Landwirtschaft abhängig, 2019 war fast ein Viertel der Bevölkerung auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Dem nicht genug, brach zu Beginn des Vorjahres eine Masernepidemie mit fast 130.000 Fällen aus. Auch die Pest tritt immer wieder auf, beide Krankheiten betreffen vor allem Kinder. Diese sind zusätzlich von Unterernährung betroffen, jedes zweite Kind unter fünf Jahren ist deswegen kognitiv und körperlich unterentwickelt.

 

Aufmerksamkeit hilft

Fazit: Das Ignorieren dieser Konflikte ist nicht nur tragisch, sondern folgenreich. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist wichtig dafür, wo mehr Hilfe ankommt. Das betrifft einerseits private Spenden, andererseits aber auch Entscheidung, wohin und ob Regierungen reicherer Länder öffentliche Katastrophenhilfe senden oder ob sie mehr Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit aufstellen.

In Österreich etwa wird gerne über “Hilfe vor Ort” gesprochen, die Ausgaben für Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit sind aber seit jeher besonders niedrig. 2018 sank die Ausgabenquote um fast 12%, nur 2004 war sie noch niedriger. Die Ankündigungen im aktuellen Regierungsprogramm stimmen NGOs und ExpertInnen in dieser Hinsicht leicht positiv. Erstmals gibt es zumindest ein Bekenntnis zur Entwicklung einer Strategie für die humanitäre Hilfe und auch die Ausgabenquote soll wieder erhöht werden.

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