Ungleichheit

Amtssprache als Barriere: Österreichs Behörden sind kaum verständlich

Viele Texte auf Behördenwebsites werden als sehr schwierig empfunden. Kommuniziert der Staat mit uns Bürger:innen tatsächlich zu kompliziert? Das lässt sich messen.

“Da braucht man ja einen Studienabschluss in Amtssprache” meinte mein Vater unlängst, als er mir ein Schreiben vom Finanzamt zeigte. Er hoffte, dass ich aus dem Schreiben schlau werde.

Aber trotz juristischer Ausbildung rufe auch ich letztendlich eine Bekannte an, die Steuerberaterin ist. Ihre Aussage bringt mich dann auch dazu, diese Recherche zu starten: “Ja, solche Schreiben sind für normale Bürger:innen meistens nicht verständlich.”

Ist das nur unser Eindruck? Oder kommuniziert der Staat mit uns Bürger:innen tatsächlich zu kompliziert? Das lässt sich messen.


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Lesbarkeit unter der Lupe

Ein gängiges Instrument dafür ist der sogenannte Flesch-Index. Er bewertet, wie leicht Texte zu lesen sind. Die Skala reicht von 0 (sehr schwer verständlich) bis 100 (sehr leicht verständlich). Werte über 60 gelten als gut lesbar, alles unter 50 wird als schwierig eingestuft. Sehr komplexe, akademische Texte liegen meist unter 30.

Für den Index ist wichtig, wie lange die Sätze und wie viele Silben die Worte haben. Er berücksichtigt weder, ob der Text viele Fachbegriffe und Fremdwöter verwendet, ob das Thema schwer zu verstehen ist, ob der Text logisch aufgebaut ist.. Auch juristische Formulierungen, abstrakte Begriffe oder fehlende Beispiele können Texte zusätzlich schwer verständlich machen. Der Flesch-Wert bildet das nicht vollständig ab. Während ein schlechter Wert also eine schlechte Grundlage für einen Text ist, ist sogar ein guter Wert noch keine Garantie, dass man den Text einfach verstehen kann.

Wie lesbar sind Behördeneiten - ein Versuch

Um herauszufinden, wie verständlich staatliche Informationen wirklich sind, habe ich die wichtigsten öffentlichen Websites untersucht und den Flesch-Index mit einem Tool für jede Seite erstellt.

Meine Recherche habe ich bei oesterreich.gv.at  begonnen. Das Portal ist die zentrale Anlaufstelle für Behördengänge und richtet sich ausdrücklich an alle Bürger:innen.

Die Ergebnisse sind erschreckend.

Da ist etwa die Seite zum Arbeitslosengeld. Tagtäglich brauchentausende Menschen in oft verzweifelten Situationen die Informationen auf dieser Seite. Sie weist einen Flesch-Score von 19 auf. Das bedeutet: sehr schwer lesbar.

Noch schlimmer wird es auf der Seite mit dem bereits sperrigen Titel Berufshaftpflicht und andere berufliche Haftpflichtversicherungen. Das ist ein wichtiges Thema für Selbstständige. Mit einem Flesch-Score von 6 ist die Seite allerdings ein schwieriger Text in akademischer Sprache.

Den niedrigsten Score erreicht die Seite über die Verleihung von Berufstiteln. Wer wissen möchte, wie man Kammersänger:in, Kommerzialrat oder -rätin wird, darf sich mit einem Flesch-Score von 0 herumschlagen. Hart verdiente Berufstitel also.

Für viel mehr Menschen wichtig, aber fast genauso schwierig zu lesen ist die Infoseite zur “Mutterschutz-Evaluierungspflicht”. Es geht dabei um den Mutterschutz am Arbeitsplatz. Hier zeigt ein Wert von 4: das ist extrem schwer zu verstehen.

Die Liste lässt sich fortsetzen, aber um unseren Leser:innen ein wenig Zeit zu sparen: fast alle Texte auf oesterreich.gv haben einen Score zwischen 0 und 59, was schwer oder eher schwer lesbar bedeutet. Nur ganz wenige erreichen einen Wert, der als gut lesbar gilt.

 

Als nächstes möchte ich das Finanzamt unter die Lupe nehmen. Weil meine Steuererklärung bald fällig ist und auch, um den Spieß mal umzudrehen.

Ich gehe dazu direkt auf die Seite zur Arbeitnehmerveranlagung

Was kann ich als Arbeitnehmer:in steuerlich geltend machen? Diese Information versteckt sich hinter einem Flesch-Score von 35. Prädikat: schwer lesbar. Und so geht es immer weiter. Kilometergeld: sehr schwer lesbar. Familienbonus plus: schwer lesbar. Fristen und Fälligkeiten: schwer lesbar. 

Um Zeit zu sparen, lässt sich sagen: gut lesbar ist auf den Seiten des Finanzministeriums nicht einmal die Seite zum Pressekontakt.

 

Wichtige Themen schwer verständlich

Schon ein wenig frustriert will ich mir Alltagsbehörden ansehen, die sehr viele Bürger:innen betreffen.

Ich beginne auf der Startseite des AMS mit dem Titel: Arbeitslos - Was tun?.

Auch hier wenig überraschend: Die meisten Texte liegen irgendwo zwischen sehr schwer und schwer lesbar. Aber: zum ersten Mal während meiner Recherche stoße ich auf leicht lesbare Seiten: Informationen für Ukrainer:innen sowie Auszahlungstermine erreichen Werte für leicht lesbare Texte.

Fast alles sonst liegt leider trotzdem auf akademischem Level. Besonders die Informationen über Beratungsangebote für Frauen schneiden schlecht ab.

 

Weiter geht es zur Pensionsversicherungsanstalt. Hier finden Bürger:innen Informationen zu Pension, Pflegegeld und Reha. 

Ich beginne auf der Seite “Pension leicht erklärt”, die ironischerweise laut Flesch-Score (46), ähem, schwer zu verstehen ist. Auch Infos zu Pflegegeld und Reha liegen alle zwischen schwer und sehr schwer lesbar. Auch “Reha und Prävention leicht erklärt” werden in Wahrheit als “schwer lesbar” eingestuft.

Die Pensionsversicherungsanstalt betont auf Anfrage, dass sie klare Verständlichkeitsrichtlinien verfolgt. Texte würden nach Kriterien wie Einfachheit, Gliederung und Kürze erstellt und sollten sich an „einfacher Sprache“ auf dem Niveau B1 orientieren. Dazu zählen laut PVA unter anderem kurze Sätze, aktive Formulierungen und alltagsnahe Wörter.

Zusätzlich setzt die PVA auf Elemente wie „Einfach erklärt“-Seiten, Zusammenfassungen, FAQs und Glossare, um Inhalte zugänglicher zu machen.

Gleichzeitig zeigt die Lesbarkeitsanalyse, dass viele dieser Inhalte weiterhin als schwer verständlich eingestuft werden. Die PVA verweist darauf, ihre Angebote laufend weiterzuentwickeln und Rückmeldungen zur Verbesserung aufzunehmen.

 

Komplizierte Infos in Wien und Niederösterreich

Als nächstes möchte ich mir die Websites der Stadt Wien ansehen. Ich starte also auf wien.gv.at. Hier finden die Wiener:innen auf zehntausenden Seiten Infos zu fast allen wichtigen Themen - von A wie Amtswege bis zu Z wie Zusammenleben. Aber auch hier schneiden die allermeisten Texte irgendwo zwischen schwer und sehr schwer lesbar ab. Wirklich einfach ist auf jeden Fall nichts.

Die Stadt Wien antwortet auf unsere Anfrage, dass sie sich seit mehreren Jahren mit verständlicher Sprache beschäftigt. Wie verständlich die Nutzer:innen die Seite finden, erhebe die Stadt Wien in Befragungen bisher nicht. Ziel sei es aber, Inhalte auf dem Niveau „Einfacher Sprache“ (B1) zu formulieren. Um das zu erreichen seien seit 2018 mehr als 1.000 Mitarbeiter:innen geschult worden. Und es gebe eigene Leitlinien für verständliche Kommunikation.

Gleichzeitig räumt die Stadt ein, dass die Vielzahl an Themen und Angeboten eine „fortwährende Herausforderung“ darstellt. Auch spezielle Angebote in „Leichter Sprache“ werden nur in einzelnen Fällen umgesetzt. “Leichte Sprache” ist hier ein Fachbegriff. Es meint eine sehr stark vereinfachte Form der Sprache mit kurzen Sätzen und einfachen Wörtern, die besonders für Menschen mit Lernschwierigkeiten gut verständlich ist.

Aber unsere Test zeigen, viele Inhalte sind auf wien.gv.at weiterhin schwer verständlich.

 

Das ist keinesfalls alleine ein Wien-Problem.  Auch ein schneller Check beim Land Niederösterreich zur Wohnbeihilfe zeigt: das meiste ist schwer bis sehr schwer lesbar. 

Auf dieser Seite finde ich auch meinen Lieblingssatz. Es geht um den Zeitpunkt eines möglichen Antrages:

Die Höhe der monatlichen Rückzahlung des Förderungsdarlehens oder der Ausleihung muss bereits feststehen (z. B. bei halbjährlicher Rückzahlung im Nachhinein besteht bereits ab dem ersten Monat Anspruch auf den Wohnzuschuss/ die Wohnbeihilfe, auch wenn der Betrag erst im sechsten Monat (halbjährlich) fällig ist).

Wer in diesem Worte-Dschungel den Überblick behält, hat ihn sich verdient. Für alle anderen gilt: Verständliche Sätze sehen anders aus.

Wie könnte das einfacher gehen? Wir haben als Beispiel den Monster-Satz von oben genommen. So oder ähnlich würde der auch funktionieren, wenn man dieselben Infos vermitteln möchte:

Wie viel von ihrem Darlehen Sie pro Monat zurückzahlen, muss beim Antrag schon feststehen.

Ein Beispiel: Wenn Sie Ihre Raten nur alle sechs Monate zahlen, haben Sie trotzdem schon ab dem ersten Monat Anspruch auf Wohnbeihilfe. 

 

Verständliche Sprache ist Pflicht

Dabei ist verständliche Sprache keine freiwillige Übung, sondern rechtlich und politisch verankert und verpflichtend.

In der Europäischen Union sind öffentliche Stellen verpflichtet, ihre Websites barrierefrei zugänglich zu machen. Grundlage dafür ist in Österreich das Web-Zugänglichkeits-Gesetz. Behörden müssen digitale Inhalte so gestalten, dass sie für alle Menschen zugänglich sind. Unabhängig von individuellen Einschränkungen und Textverständnis.

“Barrierefreiheit” ist dabei nicht nur technisch gemeint. Sie umfasst ausdrücklich auch die “Verständlichkeit” von Inhalten. Inhalte sollen klar formuliert, nachvollziehbar aufgebaut und möglichst einfach geschrieben sein. Also das Gegenteil von dem, was ich auf österreichischen Behördenseiten gefunden habe.

Dabei geben sich Behörden selbst oft einen anderen Anstrich, sprechen regelmäßig von „bürgernaher Kommunikation“ und „niederschwelligem Zugang“ zu Informationen. Das offizielle Portal oesterreich.gv.at versteht sich selbst als zentrale Anlaufstelle für alle Bürger:innen, unabhängig von Bildung, Vorwissen oder Lebenssituation.

Das passt aber nicht zu den Ergebnissen dieser Recherche, wenn zentrale Informationen zu Arbeitslosengeld, Mutterschutz oder Steuerfragen schon in grundlegenden Tests fast alle als „schwer“ oder „sehr schwer lesbar“ eingestuft werden.

 

Einfache Sprache als Frage sozialer Gerechtigkeit

Dabei wirkt sich komplizierte Sprache auf viele Menschen aus. In Österreich haben laut Schätzungen zwischen 700.000 und 1,9 Millionen Menschen Probleme beim Lesen. Besonders betroffen sind Menschen mit geringerer formaler Bildung, die Deutsch nicht als Erstsprache sprechen oder ältere Menschen. Auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen brauchen einfache Sprache und Formulierungen.

Die helfen auch Menschen in belastenden Lebenssituationen - zum Beispiel bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder finanziellen Schwierigkeiten. In so einer Lage haben Betroffene oft weniger Ressourcen, sich durch komplizierte Texte zu arbeiten. Das kann wirklich jede:n irgendwann betreffen.

Gerade dort, wo staatliche Unterstützung besonders wichtig ist, ist die Sprache leider oft eine Hürde. Wer Informationen nicht versteht, kann Rechte schwerer wahrnehmen, Fristen verpassen oder Leistungen gar nicht erst beantragen.

Dass verständliche Sprache entscheidend ist, betonen auch Organisationen, die täglich mit Betroffenen arbeiten.

„Verständliche und einfache Sprache ist eine zentrale Voraussetzung für den gleichberechtigten Zugang zu Informationen“, sagt Karin Wagner von der Lebenshilfe Österreich. “Und damit auch zur Teilhabe in der Gesellschaft”. Komplexe Texte führten dazu, dass Menschen wichtige Informationen nicht nutzen können – und Rechte und Pflichten oft nur unzureichend wahrnehmen.

Auch die Caritas sieht darin ein strukturelles Problem. „Informationen erfüllen ihren Zweck nur dann, wenn sie tatsächlich verstanden werden können“, sagt Melanie Wenger-Rami, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit. Gerade im Behördenkontakt gehe es oft um existenzielle Fragen wie soziale Absicherung oder Aufenthaltsstatus.

Wenn Texte zu komplex formuliert sind, entstehen laut Caritas reale Hürden: Fristen werden versäumt, Verfahren falsch eingeschätzt oder Ansprüche gar nicht geltend gemacht. Verständliche Sprache sei daher „ein wesentlicher Beitrag zu sozialer Teilhabe“.

Besonders deutlich zeigt sich das laut Caritas im Asylbereich. Viele Betroffene versuchen, sich selbstständig über ihre Rechte zu informieren. Dabei stoßen sie aber oft aber auf sprachliche Barrieren und komplexe, juristisch geprägte Texte.

Auch der ÖZIV Bundesverband - eine Interessenvertretung für Menschen mit Behinderungen - sieht hier klaren Handlungsbedarf. Zwar gebe es vereinzelt Angebote in einfacher Sprache, „aber bei weitem nicht alle“. Besonders kritisch sei die Kommunikation über Bescheide und Schreiben: Diese seien für viele Menschen „definitiv ungeeignet“.

Die Forderung der Organisationen ist eindeutig: Verständliche Sprache sollte nicht die Ausnahme sein, sondern Standard.

Verständlichkeit ist damit keine Frage der Höflichkeit, sondern eine Frage des Zugangs und damit auch der sozialen Gerechtigkeit.

 

Es stimmt schon, dass das nicht immer so einfach ist. Mein eigener Text erreicht einen Flesch-Score von 54. Also knapp über der Grenze zwischen schwer und mittelschwer. Auch wenn wir uns um Verständlichkeit schon immer bemühen, können wir also auch noch was lernen. Aber unsere Behörden sicher auch.

 


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