Anna Zelenska-Sumkina aus Charkiw in der Ukraine zur russischen Bedrohung

Anna Zelenska-Sumkina in ihrem Auto sitzend beim Videogespräch mit MOMENT.

/ 24. Februar 2022

"Wir leben hier praktisch zwei Leben: ein normales und eines im Ausnahmezustand", sagt Anna Zelenska-Sumkina. Sie lebt in Charkiw nur wenige Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt und in ständiger Kriegsangst. Russische Truppen stehen vor der Ukraine. Die Gefahr einer Invasion ist riesig. Für MOMENT schildert die zweifache Mutter, was die jüngste Eskalation für sie bedeutet.


Wir sind noch hier. Ich würde lieber gehen. Mein Mann bittet mich zu bleiben. Er sagt: Wenn es immer weniger Ukrainer:innen hier gibt, wird es noch schlimmer. Manche hier haben kein großes Problem damit, vielleicht bald ein Teil Russlands zu sein.  Das macht mich richtig nervös. Die Feinde sind nicht nur russische Truppen vor uns. Sie könnten auch in unserem Rücken stehen. Auch meine Mutter ist ursprünglich Russin, mein Vater Ukrainer. Sie reden nicht viel über das Thema. Für andere Familien ist es belastend. Viele haben sich getrennt, weil sie unterschiedlicher Meinung über den Konflikt mit Russland waren.

Wir leben hier praktisch zwei Leben: ein normales und eines im Ausnahmezustand.

Gestern hörten wir in den Nachrichten: Wenn russische Panzer über die Grenze fahren, wird eine Sirene losgehen. Aber was passiert dann? Wenn Bomben fliegen, sollen wir Schutzräume aufsuchen. Wir haben aber keine. In unserer Wohnung ist die Toilette der sicherste Ort.

Wir leben hier praktisch zwei Leben in Charkiw: ein normales und eines im Ausnahmezustand. Wir verbringen Zeit mit Freunden. Wir gehen einkaufen. Wir bereiten uns auf alles vor. Ich hatte noch nie so viele Vorräte an Essen und Medikamenten in der Wohnung. Ich überlege, welche Spielsachen die Kinder mitnehmen können, wenn es losgeht. Das ist jetzt ein Teil unseres Lebens.

Manchmal überkommt mich Panik angesichts der Situation. Besonders, wenn ich die Nachrichten lese. Ich lese lieber und höre Radio, anstatt fernzuschauen. Die Bilder sind zu viel und um mich herum sind meine Kinder. Abends ist die Panik am größten, irgendwann schlafen wir doch ein. Am nächsten Tag geht es wieder von vorn los. Manche aus unserem Freundeskreis  verlassen jetzt die Stadt oder sogar die Ukraine. Wir haben auch Angst.

Mein Mann und ich streiten darüber: In dieser Situation jetzt etwas bauen?

Wir haben vergangenes Jahr hier einen Garten gekauft, wir wollen dort ein kleines Haus bauen. Mein Mann und ich streiten darüber: In dieser Situation jetzt etwas bauen? Selbst wenn Russland nicht einmarschiert, ist es schwierig. Mein Mann sagt, es wird jedenfalls eine psychologische Invasion geben, die uns für viele Jahre begleiten wird. Psychologisch, weil wir ständig damit rechnen, mit der Bedrohung leben müssen. So muss es sich vielleicht auch für die Menschen in Israel anfühlen.
 
Ob es eine Lösung wäre, wenn die seit Jahren abtrünnigen Regionen in der Ostukraine endgültig unabhängig würden? Ich denke, ohne sie hätten wir eine bessere politische Situation in der Ukraine. Die Kräfte dort blockieren jeden Fortschritt und wichtige Entscheidungen im Land. Gleichzeitig denkt jede:r hier, dass die Menschen im Donbass ja auch unsere Leute sind. Sie sollten bei uns bleiben, wenn sie wollen.

Wenn wir diese beiden Regionen aufgeben, wird Russland nicht aufhören. Es gibt diese Lösung nicht. Wir können Putin und Co. nicht aufhalten. Erst wenn die russische Gesellschaft dieses oligarchische System Russlands bricht, wird es Sicherheit geben für die Ukraine und für Russland.
 

Zur Person: Anna Zelenska-Sumkina (37) ist gebürtige Ukrainerin und lebt in Charkiw. Sie hat zwei Kinder und arbeitet als Englischlehrerin.

*Ergänzung: Das Gespräch führten wir am 23. Februar. In der Nacht darauf begann Russland die Ukraine mit Bomben anzugreifen. Auch aus Charkiw wurden Explsionen gemeldet. Anna Zelenska-Sumkina schrieb uns am Tag der Angriffe, sie versucht mit ihrer Familie nun doch die Stadt verlassen.

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