Symbolbild: Algorithmus
Symbolbild: Algorithmus - Foto: Markus Spiske/Unsplash
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Redaktion

/ 25. Juni 2020

Eine radikale Änderung bei der Vergabe von Fördermitteln für arbeitslose Menschen steht in Österreich bevor: Das Arbeitsmarktservice (AMS) soll 2020 einen Algorithmus einsetzen, der über die Chancen der Arbeitslosen entscheidet - und sie dementsprechend stark fördert oder eben fallen lässt. 

Ein Programm (oft Algorithmus genannt) soll BewerberInnen in drei Stufen einteilen: Menschen mit guter, mittlere oder schlechter Chance, einen neuen Job zu finden. Das tut das Programm laut einer Analyse der TU Wien und dem Institut für Technikfolgen-Abschätzung anhand von Merkmalen wie"Alter, Staatsbürgerschaft, Geschlecht, Ausbildung, Betreuungspflichten und gesundheitliche Beeinträchtigung sowie vergangene Beschäftigung, Kontakte mit dem AMS und das Arbeitsmarktgeschehen am Wohnort."

Wer angesichts dieser Daten besonders gute Chancen hat, von selbst wieder Arbeit zu finden, wird nicht groß gefördert werden. Wer hingegen allein eher mittlere Chancen hat, jedoch statistisch durch eine Förderung rasch neue Arbeit finden sollte, soll auch schneller eine bekommen. Besonders effiziente Förderungen zu finden, das klingt noch einigermaßen logisch.

Umstritten wird der Algorithmus aber, wenn man sich die dritte Gruppe ansieht: Für wen das Programm besonders schlechte Chancen ermittelt, der wird im Prinzip auch vom AMS fallen gelassen und hat kaum noch Chancen auf eine Weiterbildungsmaßnahme. Dabei ist es eine wichtige Säule einer "aktiven Arbeitsmarktpolitik", gerade diese Menschen bei der Suche nach Arbeit zu unterstützen. So heißt das Konzept, das eigentlich in Österreich betrieben werden sollte. Zudem kosten genau Ausbildungsprogramme, die dieser Gruppe am besten helfen können, eben oft am meisten.

Ein Problem, das der Algorithmus lösen soll, ist das schlechte Betreuungsverhältnis am AMS. Es hat schlicht zu wenige MitarbeiterInnen. Schon vor der Coronakrise hatten BetreuerInnen dort bis zu 200 Arbeitslose zu betreuen. Eine fast unmögliche Aufgabe. Statt die Zahl der BetreuerInnen zu erhöhen, und so eine persönlichere Betreuung zu ermöglichen, soll die 1,8 Millionen Euro teure Technik den bestehenden MitarbeiterInnen nun die Einstufung abnehmen. Ausgerechnet auf eine schwache Gruppe wie Arbeitslose wird damit umstrittene Technologie losgelassen, um Sparpolitik am Personal fortsetzen zu können.

Petition gegen den Algorithmus

Eine aktuelle Petition der Grundrechts-NGO epicenter.works hat am Donnerstag gemeinsam mit Bündnispartnern - darunter auch das Momentum Institut - eine Petition und Kampagne gestartet, die die Arbeitsminister Christine Aschbacher aufruft, die Einführung des Algorithmus abzusagen. Zumindest aber solle die Einführung bis frühestens 2022 verschoben werden. 

Algorithmen haben nämlich auch Schwächen, was Ausnahmesituationen anbelangt. Die Programme lernen ihr Verhalten aus historischen Daten. Diese sind aber nicht nur dafür anfällig, vergangene Diskriminierungen fortzuschreiben, sondern können zum Beispiel auch die besondere Corona-Situation nicht berücksichtigen. Dafür sind sie sozusagen zu blöd.

Derzeit gibt es 470.000 Arbeitslose bei nur 50.000 offenen Stellen. Das ist ein nie dagewesenes Problem, für das man aus der Statistik demnach auch kaum Lösungen finden kann. Dadurch könnte die absurde Situation entstehen, dass das Programm Menschen nicht fördert, denen die Statistik gute Chancen auf Arbeit gibt, die es aber eben gar nicht gibt. Eine Köchin etwa, die ihre Arbeit verliert, würde in normalen Zeiten schnell eine neue Stelle finden können und keine Weiterbildung benötigen. Mit den existenziellen Problemen in Gastronomie und Tourismus sind die Chancen aus eigener Kraft wieder Arbeit zu finden derzeit aber in Wahrheit schlecht.

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