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Gesundheit
Ungleichheit

Warum du diese 12 Sätze nach Morden an Frauen lieber nicht sagen solltest

Warum du diese 12 Sätze nach Morden an Frauen lieber nicht sagen solltest

Wieder hat ein Mann seine Partnerin ermordet. Und wieder hören wir die immer gleichen Reaktionen darauf.

Der Mord eines Mannes an seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Kottingbrunn lässt das stets gegenwärtige Thema von Morden an Frauen in Beziehungen bzw. bei Trennungen wieder in den Mittelpunkt rücken. Und wie immer werden dabei bekannte Stehsätze in Online-Foren geäußert. Viele Leute versuchen damit, das Geschehen zu relativieren. Die Argumente sind immer gleich, also sehen wir uns einige davon an.

1. „Nicht alle Männer sind so“

Nanona sind nicht alle Männer so – sonst gäbe es keine Frauen mehr auf der Welt. Das ist überhaupt nicht der Punkt. Der Punkt ist: Es ist mehr als Einer. Mehr als, dass es einmal ein Zufall ist, dass das passiert. Genug, das es ein Muster gibt. Genug, dass es ein Phänomen ist.

Aber ich frage mich schon wie es sein kann, dass die erste Reaktion auf ermordete Frauen nicht Entsetzen oder auch der Wunsch nach Sanktion für diese Männer ist, sondern Abwehr und Reihen schließen. Warum trifft der Hass nicht die Mörder, sondern die, die sich empören?

2. „Das sind keine Männer, sondern [x-beliebiges Schimpfwort]“

Diese Form der Abwehr und der Enthumanisierung von Tätern (alles Monster) ist verständlich und als erste Reaktion ok, hilft uns aber auch nicht weiter. Es sind Menschen, es sind Männer. Die sind nicht so geboren.

Wir kennen das auch bei Diskussionen zum Nationalsozialismus – auch da wird den TäterInnen schnell das Menschsein abgesprochen. Aber nur, wenn wir sie in der Realität verpflanzen, können wir das auch in der Realität lösen. Es ist aber viel unangenehmer, wenn wir eingestehen, dass die was mit uns gemeinsam haben.

3. „Es werden viel mehr Männer ermordet als Frauen“

Das stimmt zwar für fast alle Länder der Welt, aber nicht in Österreich. Vor allem aber werden die Männer auch nicht alle aus demselben Grund ermordet. Mordmotive sind vielfältig und oft schrecklich. Aber es werden nicht jeden Tag Männer ermordet, weil sie Männer sind. Das ist der Unterschied. Morde an Frauen sind hingegen sehr wohl ein spezifisches Phänomen innerhalb der Mordstatistik und kein Kleines. Das bedeutet aber nicht, dass es keine anderen Phänomene gibt.

4. „Jeder Fall ist einzigartig“

Nein, so funktioniert weder Sozialwissenschaft noch Kriminalarbeit. Das Gegenteil ist wahr: um Morde zu verstehen und präventiv zu handeln. wird nach Mustern und wiederkehrenden Triggern gesucht – sowohl bei Opfern als TäterInnen.

Das ist ja genau, was so aufregt: Es ist immer dasselbe: Eine Frau trennt sich oder will sich trennen. Ein Mann bringt sie (und Kinder) um oder versucht es. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Immer und immer wieder.

5. „Also ICH habe noch nie eine Frau umgebracht“ 

Ich gratuliere. Nicht alles in der Welt dreht sich um dich. 

6. „Es sind Menschen [nicht Frauen], die ermordet werden“ 

Der rhetorische Kniff, etwas von einer spezifischen auf eine allgemeine Diskursebene zu heben, verschleiert spezifische Umstände und Problemlagen. Diese speziellen Umstände führen aber dazu, dass bestimmte Gruppen verwundbarer sind als andere.

Es sind Frauen, die in dieser Situation umgebracht werden, weil sie Frauen in einer Trennungssituation sind. Das ist ein sehr konkretes Phänomen und gehört genauso benannt und gelöst. Allgemeinplätze helfen hier gar nichts.

7. „Wer weiß schon was war. Vielleicht hat sie ihn psychisch fertig gemacht?“ 

Nichts rechtfertigt einen Mord. 

8. „Das tun ja nur die Muslime“

Nein. Gewalt wird mit diesem Argument dort abgeladen, wo es nichts mit einem zu tun hat. Gewalt, das sind angeblich die Monster, die Muslime und die Ungebildeten. Das ist ein wenig hilfreicher Abwehrmechanismus.

Damit werden aber die Opfer der Nicht-Muslime, der Nicht-Monster, der Nicht-Ungebildeten einfach unsichtbar gemacht. Und unsichtbar zu sein bedeutet, keine Hilfe zu bekommen. 

9. „Warum suchen sich Frauen solche Männer?“

Zum einen kann man in einen Menschen nicht hineinschauen. Sowas kann sich erst entwickeln. Zum anderen sucht man damit wieder die Schuld beim Opfer.

10. „Das ist kein Massenphänomen“

Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann seine (Ex-)Partnerin zu ermorden – an jedem dritten Tag gelingt es. Mehr Massenphänomen wirst du bei Mord nicht finden.

11. „Alles schlimm, aber da kann man nichts machen“

Doch. ExpertInnen sagen das recht klar und es wäre leicht umsetzbar: Von ausreichenden Mitteln für Frauenhäuser und für die Männerberatung (insbesondere für Arbeit mit potenziellen Tätern zum Beispiel bei Wegweisungen) über ein funktionierendes Wegweisungsrecht bis hin zu gesellschaftlichen Änderungen mit aktiven Vätern, einer anderen Erziehung, besseren Vorbildern real und in der Popkultur, mehr Ermutigung, dass Buben und Männer sich gegen Sexismus stellen in ihren Gruppen und einem anderen Männerbild, das auch für Männer besser ist.

12. „Aber Trennungen bevorzugen Frauen, der Mann steht vor dem Nichts“

Das Gegenteil ist wahr. Frauen bleiben oft lange in Beziehungen, weil sie sich eine Trennung nicht leisten können. Weil sie Teilzeit arbeiten, weil sie lange in Karenz waren, weil sie finanziell abhängig sind, weil sie dann Alleinerzieherinnen werden, die zu einem großen Teil armutsgefährdet sind. Wenn der Mann keine Alimente zahlt, haben sie oft einfach Pech gehabt. Finanzielle Absicherung von Frauen ist so wichtig, um Frauen aus Gewaltbeziehungen zu holen.

Wenn wir uns an den Ablenkungen, Verharmlosungen und Whataboutisms abgearbeitet haben können wir ja vielleicht zur Debatte übergehen, wie wir die unhaltbaren Zustand verändern – politisch, gesellschaftlich, im persönlichen Umfeld und in der Bildung. 

 

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