#NatsAnalyse
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Natascha Strobl

/ 12. November 2020

Alle reden über die Schulen. Zwischen "unbedingt offen" und "unbedingt zu" scheint kaum Platz für Zwischentöne. Dabei die "offen/zu"-Debatte ist nur scheinbar eine Grundsatzdebatte. Denn diejenigen, die auf offenen Schulen bestehen, so wie sie sind, sind genau jene, die Schuld sind, wenn die Schulen geschlossen werden. Die "Status quo exakt so aufrechterhalten"-Fraktion schafft die Argumente für die Schulschließungen selber.

Insofern handelt es sich um eine überdrehende und an den Bedürfnissen vorbei gehende Nulldebatte. Die eigentliche Debatte dreht sich darum, was Schulen und alle Menschen, die an Schulen lernen und arbeiten, jetzt brauchen. Manchmal muss man die Leute einfach nur fragen.

Die Antworten sind klar - und dürfen einander auch widersprechen. Was für eine Oberstufe gilt, geht für die Unterstufe vielleicht nicht. Was am Land möglich ist, ist es in der Stadt vielleicht nicht - und umgekehrt. Es gilt, diese Unterschiede und innere Zerrissenheit auszuhalten und Lösungen und Verbesserungen je nach Gegebenheiten zu finden.

Zu den am häufigst genannten Beiträgen gehören:

  • Klassen ausdünnen. Mit welchen Mitteln auch immer ist es wichtig, dass weniger Menschen in einer Klasse sitzen. Das geht durch Schichtbetrieb, Hybridunterricht, Klassenteilung, abwechselnde Wochen mit Präsenzunterricht, Projektunterricht usw. usf. 
  • Luftfilter. Es ist mittlerweile sehr klar erforscht, dass die Aerosol-Übetragung mit Luftfiltern stark eingeschränkt wird. Ein Luftfilter-Konzept für Schulklassen würde also mehr Sicherheit bringen. Das kostet Geld, braucht Platz und ist trotzdem eine Lärmbelästigung. Zudem ist unklar, ob es überhaupt die Möglichkeit gibt, so viele geeignete Luftfilter zu bekommen. ForscherInnen des deutschen Max Planck-Instituts haben ganz unkompliziert die Pläne zu einer selbstgebauten Lüftungsanlage ins Netz gestellt, die gegen das Virus hilft. Kreativität und Innovation sind also auch in der Pandemie möglich. 
  • Technische Ausstattung. Sollte es zu Schließungen kommen oder auch nur der Hybridunterricht funktionieren, dann müssen SchülerInnen aber auch LehrerInnen technisch so ausgestattet sein, dass sie arbeiten können. Das fängt bei geeigneten Laptops und Tablets an, geht über ausreichend Datenvolumen bis zu Einschulungen in diverse Kommunikationsplattformen und Hilfe bei der Digitalisierung von Lehrmaterialien bzw. dem Bereitstellen von geeigneten Konzepten.
  • Hygienemaßnahmen in der Schule. In vielen Schulen werden LehrerInnen FFP2-Masken zur Verfügung gestellt, in vielen anderen müssen sie nach wie vor selbst dafür aufkommen. FFP2-Masken sind deswegen wichtig, da sie Selbst- und Fremdschutz bedeuten. Außerdem braucht es genügend Desinfektionsmittel und die Möglichkeiten Abstand zu halten, auch in den Gängen, am Eingang oder im LehrerInnenzimmer.
  • Räume. Viele der zuvor angemerkten Dinge sind ad hoc für Schulen schwer möglich. Gleichzeitig stehen viel besser geeignete Räume leer. In Museen, Bibliotheken, Vereinsräumlichkeiten, Universitäten und Fachhochschulen, Hotels, Kinos oder Tourismus-Sehenswürdigkeiten (wie Schlössern). Auch aus der Waldpädagogik gibt es hier Ansätze, die Unterricht im Freien im und am Wald (auch bei kaltem Wetter) möglich machen. Es mag nicht überall möglich oder erreichbar sein, aber Kreativität in der Raumnutzung einer Stadt oder einer Gemeinde könnte zu Entzerrungen führen. Das könnte auch mit Projektunterricht oder neuen Unterrichtsarten verbunden sein. 
  • Lehrplan nicht wie gewohnt. Das führt dazu, dass im Lehrplan umgeschichtet werden muss. In einer Pandemie sollte es möglich sein, flexibler mit diesem umzugehen. Das betrifft vor allem auch die Abschlussklassen, die nochmal einer gesondert zu betrachtenden Vorbereitung bedürfen. 
  • Angst nehmen. Sowohl Lehrende und alle, die an der Schule arbeiten als auch SchülerInnen und Eltern sind grob verunsichert. Sie befinden sich in der unmöglichen Schere der Angst um ihre Gesundheit und Angst vor Schulschließung. Hier braucht es einerseits Kommunikation auf Augenhöhe und nicht das Ausspielen der einen Angst durch die andere und andererseits auch direkt vor Ort die Möglichkeiten, über diese Ängst gemeinschaftlich oder individuell zu sprechen, etwa mit SchulsozialarbeiterInnen oder SchulpsychologInnen.

Geschlossene Schulen fördern soziale Ungleichheiten, wie hier oder hier gut und eindringlich nachzulesen ist. Schulen sind mehr als bloße Lernstätten, sie sind Orte, an denen Kinder mit anderen Kindern interagieren und wo Kinder zusammenkommen können. Schulen müssen die sozialen Ungleichheiten der Gesellschaft oft abfangen und tun dies auch, sei es durch Schulessen oder auch nur einem ruhigen Ort zum Lernen, den viele Kinder daheim aufgrund einer beengten Wohnsituation schlicht nicht haben.

Schulen dürfen kein Experiment für Durchseuchung sein. Schulen müssen sicher sein. Nur so können sie offen gehalten werden. Eine Gesellschaft, die Kinder und LehrerInnen dazu zwingt, sich zwischen Gesundheit und Bildung zu entscheiden, hat komplett versagt.

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