Was ich wirklich denke

/ Lisa Wölfl
/ 10. Oktober

Nora (35) hat wenig Geld zur Verfügung und lebt alleine. Deswegen mietet sie, wie viele Menschen, eine kleine Wohnung, die sie als Abrissbude bezeichnet. In dieser Folge von “Was ich wirklich denke” erzählt sie, wie sie vom Vermieter übers Ohr gehaut wurde und wieso sie keine Hoffnung hat, dass ihre Wohnsituation in Zukunft besser wird.

Ich bin 35 Jahre alt und lebe gern alleine. Gerade musste ich umziehen und eine neue Wohnung suchen. Ich habe keine Lust auf eine WG, möchte auch nicht mit einer Partnerin oder einem Partner zusammenziehen. Aber der Mietmarkt ist für alleinstehende Menschen extrem schwierig.

Meine alte Wohnung war eine Abrissbude. In den Ritzen und Spalten der Küche war Dreck, der Abzug im Bad war mehr Deko und als der Kühlschrank kaputt gegangen ist, habe ich gemerkt, dass mein Vermieter kein Interesse daran hatte, dass es den Mieterinnen gut geht.

"Ich habe zu viel gezahlt"

Er hat mir ans Herz gelegt, selbst einen zu besorgen. Der sei dann besser als der, den er mir kaufen würde. Gesagt, getan. Als der Vermieter dann noch wollte, dass ich den kaputten Kühlschrank selbst zum Müllplatz bringe, hatte ich genug. Ich habe ihm das Gerät vor die Haustür gestellt.

Trotzdem habe ich länger als zehn Jahre dort gewohnt, denn die Wohnung war immer noch relativ billig - 480 Euro warm. Jedes Mal war der Vertrag auf drei Jahre befristet. Am Ende habe ich dank Mietervereinigung gemerkt, dass ich zu viel Miete bezahlt habe und rund 10.000 Euro zurückbekommen.

Vor kurzem hat der Eigentümer das gesamte Haus verkauft. Mir war dann klar, dass wir früher oder später raus müssen. Aus dem Zinshaus, in dem vor allem Menschen lebten, die es nicht leicht haben, werden Eigentumswohnungen.

Ein Geisterhaus

Rechtlich gesehen hätten wir nicht ausziehen müssen. Vor kurzem wurden vom alten Eigentümer noch einige Mietverträge erneuert. Aber schon wenige Monate später sind nur noch zwei Wohnungen im Haus bewohnt. Die neuen Eigentümer haben gleich ein Gerüst aufstellen lassen und mit der Arbeit angefangen. Es wurde unangenehm. Die Haustür war dann immer offen, eine Kollegin aus dem Haus hat sich gleich unwohl gefühlt. Sie hatte Angst, dass fremde Menschen im Haus ein- und ausgehen. Jetzt ist es nur noch ein Geisterhaus.

Ich bin Sozialpädagogin, habe Kunst studiert und komme aus einer ArbeiterInnenfamilie. Mir ist klar, dass ich nie viel verdienen werde. Beim Wohnen merke ich das am stärksten. Zum Glück hatte ich damals schon eine Einstellungszusage. Ohne Job wäre es schwer geworden, eine Wohnung zu finden.

Mit 35 Jahren will ich nicht mehr in einer Abrissbude leben. Meine neue Wohnung ist besser als die alte. Sie hat 45 Quadratmeter und kostet kalt 500 Euro. Ich habe eine Fahrradabstellraum, ein Vorzimmer mit Fenster und einen Abzug, der funktioniert. Einfach ist es allerdings auch hier nicht.

"Im Endeffekt habe ich die Theke rausgerissen"

Bevor ich den Mietvertrag unterschrieben habe, sagte mir der Eigentümer, dass er die alte Küche im Vorzimmer abbauen und eine neue im Hauptzimmer installieren wird. Nachdem ich 1.500 Euro Provision gezahlt und den Vertrag unterschrieben hatte, hab ich das Endergebnis gesehen. Die Geräte waren dann tatsächlich im Hauptraum. Die Küchentheken standen aber immer noch im Vorzimmer. Plötzlich hatte ich eine 45-Quadratmeter-Wohnung mit anderthalb Küchen.

Als ich gebeten habe, die Reste von der alten Küche aus dem Vorzimmer zu entfernen, hat er mir nur angeboten, vom Mietvertrag zurückzutreten. Dass ich viel Geld an die Maklerin gezahlt habe, daran hat er nicht gedacht. Im Endeffekt hab ich die Theken selbst herausgerissen. Das war schon einmal ein schlechter Anfang.

Ich ziehe gerade noch ein. Noch ist hier Chaos. Jetzt habe ich gemerkt, dass die Duschtasse undicht ist. Was oben reinkommt, fließt unten wieder heraus. Keine Ahnung, wie ich das lösen soll.

Als Mieterin bin ich in der schwachen Position. Ich kann nicht einfach eine neue Wohnung suchen, ich habe kein Geld, um noch einmal Provision zu bezahlen und ich kenne die Anzeigen. Ein besseres Preis-Leistungsverhältnis hätte ich nicht gefunden. Trotzdem: Einmal in meinem Leben würde ich gerne einen Vermieter oder eine Vermieterin kennenlernen, der das Wohlergehen der Mieter und Mieterinnen wirklich wichtig ist. Geld bekommen sie ja genug dafür.

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