Eine Shell-Tankstelle bei Nacht. Streichen Mineralölkonzerne wie Shell gerade hohe Gewinne ein?
/ 17. März 2022

“Es drängt sich der Verdacht auf, dass sich ein paar Öl-Konzerne auf Kosten der Leute eine goldene Nase verdienen”, twitterte Vizekanzler Werner Kogler am Dienstag. Der Grund? Obwohl der Ölpreis wieder sinkt, bleiben die Preise an den Tankstellen konstant hoch. Wir erklären dir der Reihe nach, was es damit auf sich hat.

Wie kommt der Spritpreis zustande?

Die Spritpreise werden einerseits vom Preis für Rohöl am Weltmarkt bestimmt. Hinzu kommen noch Kosten für die Verarbeitung in den Raffinerien, Vertriebskosten und ein Gewinnaufschlag, den Mineralölkonzerne wie die OMV, Shell oder BP bekommen.

Dann kommen noch Steuern hinzu: Die Mineralölsteuer (MöSt.) erhöht den Preis pro Liter Diesel und Benzin um 39,7 Cent bzw. 48,2 Cent. Auf den Gesamtpreis wird dann noch eine Mehrwertsteuer (MwSt.) von 20 Prozent fällig.

Warum steigt der Spritpreis gerade?

Die Ölpreise steigen als Folge des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen gegen Russland, denn Russland ist der zweitgrößte Erdölproduzent der Welt. Das führt zu Unruhen am Markt, aber: Es liegt auch der Verdacht nahe, dass sich die Mineralölkonzerne auf Kosten der Kund:innen bereichern. Diese vorübergehend hohen Gewinne werden als “windfall profit” bezeichnet. Solche werden durch Preisabsprachen möglich, wenn einige wenige den Markt dominieren. Einen Markt mit wenig Wettbewerb gibt es in Österreich jedenfalls.

Innerhalb von nur 14 Tagen haben die Mineralölkonzerne Österreichs ihre Gewinne von durchschnittlich 20 Cent pro Liter auf über 50 Cent erhöht, wie eine Berechnung des Momentum Instituts zeigt. Überschlagen sind das 2,7 Millionen Euro zusätzlich für die Mineralölkonzerne. Und das pro Tag. Einen so deutlichen Aufschlag gab es zumindest in den letzten vier Jahren noch nie. Nun soll die Bundeswettbewerbsbehörde prüfen, ob dies an Preisabsprachen liegen könnte. Die Prüfung könnte aber monatelang dauern.

Mineralölkonzerne erhöhten ihren Gewinnaufschlag um das 1,5-fache.

Außerdem beeinflussen die Sanktionen und der Angriffskrieg auf die Ukraine Nachfrage und Angebot. Einige Unternehmen kaufen wegen der Sanktionen weniger Öl aus Russland. Das schmälert das Angebot auf den heimischen Märkten. Gleichzeitig führt der Krieg und die damit verbundenen Unsicherheiten zu einem Anstieg der Nachfrage. Denn ein mögliches Öl-Embargo könnte dazu führen, dass zukünftig gar kein Öl mehr aus Russland gekauft wird. Dann würde sich das Angebot noch mehr verknappen und die Preise würden noch stärker steigen. Um sich dagegen abzusichern, wird jetzt schon viel Öl gekauft.

Weniger ausschlaggebend ist der Wechselkurs zwischen Dollar und Euro. Dadurch schwanken die Spritpreise um ein paar Cent pro Liter. Aber das war schon immer so. Auch der Tanktourismus in grenznahen Regionen fällt nicht ins Gewicht. Dort sind die Preise immer ein paar Cent höher, weil Kund:innen aus Ländern mit noch höheren Spritpreisen zum Tanken kommen.

Warum sollten wir die Steuern auf Treibstoff nicht senken?

Wenn das Problem für den Benzinpreis die hohen Gewinne der Konzerne sind, dann wäre eine Senkung der Mehrwertsteuer die falsche Politikmaßnahme. Dem Staat entgeht dadurch wichtiges Geld, um wichtige Maßnahmen gegen die wirtschaftlichen Probleme der gegenwärtigen Krise zu finanzieren. Die Mineralölkonzerne könnten dann die Steuersenkung aber sogar für die Erhöhung der eigenen Gewinne nutzen. Etwa, wenn sie die Preise trotzdem hoch halten, oder sie nicht ganz so stark senken. Damit zahlen die Konsument:innen dann zwar weniger Geld an den Staat, aber dafür weiterhin mehr an die Mineralölkonzerne.

Haben wir zu wenig Öl?

Nein. Und zumindest kurz- bis mittelfristig muss man sich um die Versorgung auch keine Sorgen machen. Russland ist zwar nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Erdölexporteur der Welt, aber Österreich selbst bezieht nur zehn Prozent seines Erdöls aus Russland. Es hat außerdem strategische Öl-Reserven für rund 90 Tage, um Engpässe ausgleichen zu können - nur ein kleiner Teil davon wurde im März freigegeben.

Ein EU-weiter Importstopp von russischem Erdöl würde Österreich natürlich empfindlich treffen, wäre aber bewältigbar. Auch der unwahrscheinliche Fall, dass uns Russland das Öl abdreht, wäre natürlich eine ähnlich schwierige Situation. Die EU insgesamt bezieht ein Viertel ihres Öls aus Russland. Andere Lieferanten wie Kasachstan, Irak, Libyen, Ägypten oder Algerien könnten einspringen, wohl aber nicht alles davon ausgleichen.

Wie lange steigen die Preise schon?

Schon seit Anfang 2021 steigen die Preise. Im Frühjahr und Sommer kostete der Liter durchschnittlich 1,30 Euro. Im Herbst und Winter ging es schon in Richtung 1,50 Euro. Seit Ende Februar dieses Jahres sind die Preise im Höhenflug und derzeit bei etwa zwei Euro pro Liter.

Warum ist das schon seit einem Jahr so?

Durch den Wirtschaftsaufschwung nach den vielen Corona-Lockdowns ist die Nachfrage nach Erdöl gestiegen. Gleichzeitig konnten die Fördermengen nicht schnell genug hochgefahren werden. Beides treibt den Ölpreis in die Höhe, und damit auch den Preis für Benzin und Diesel. Auch der Anstieg im Wechselkurs von Euro zu Dollar erhöht den Preis um ein paar Cent. Hinzu kommt, dass die Treibstoffpreise zuvor äußerst günstig waren. Im Jahr 2020 kostete der Liter nur etwas mehr als einen Euro.

Hat Russland uns das Öl abgedreht?

Nein. Russland ist auf die Einnahmen aus Erdöl- und Erdgas-Exporten angewiesen. Seit Kriegsbeginn hat der russische Mineralölkonzern Gazprom seine Produktion sogar hochgefahren. Das Land droht aber mit Lieferpausen oder einer Verdoppelung der Ölpreise auf 300 US-Dollar pro Fass Rohöl. Dies würde zu deutlich höheren Preisen auf dem Weltmarkt führen.

Wird der Spritpreis weiter steigen?

Prognosen sind immer schwierig, aber vermutlich nicht. Eher könnte der Preis sich auf einem höheren Niveau einpendeln. Einige Mineralölkonzerne wie Shell oder BP haben sich bereits aus Russland zurückgezogen. Auch der wichtige Service-Dienstleister Haliburton bietet seine Dienste in Russland nicht mehr an. Deshalb wird mittelfristig weniger Öl gefördert werden. Auch die Verteilung des Öls nach Europa wird durch Lieferschwierigkeiten verzögert. All das hält den Preis hoch.

Die Preise für Rohöl sinken am Weltmarkt aber bereits wieder. Ein Fass Öl kostete am 16. März weniger als 100 US-Dollar. Das ist um 30 Dollar weniger als noch vor einer Woche. Sobald die Mineralölkonzerne die Preissenkungen an die Kund:innen weitergeben, wird der Preis für Benzin und Diesel wieder deutlich sinken.

Wer gewinnt da gerade?

Die großen Gewinner sind Mineralölkonzerne wie die OMV, Shell und BP. Sie verwandeln das Rohöl in den Raffinerien zu Diesel und Benzin, und verkaufen es teurer weiter. Die Tankstellen selbst beziehen in der Regel eine feste Provision pro verkauftem Liter. Sie sind kaum imstande, die Preise zu erhöhen.

Wie sehr Mineralölkonzerne profitieren, hängt davon ab, wann und wie stark sie die Preissenkungen für Rohöl an die Kund:innen weitergeben werden. Fest steht: Die Gewinnaufschläge sind beispiellos, und es fließen derzeit täglich 2,7 Millionen Euro zusätzlich in deren Kasse. Dass dahinter viel Kalkül steckt, verdeutlicht ein Beispiel: Shell hat Anfang des Monats russisches Öl zu Spottpreisen eingekauft. Trotzdem werden Benzin und Diesel um rund zwei Euro pro Liter angeboten. Die Gewinne daraus will Shell nach heftiger Kritik aber in einen humanitären Fonds für die Ukraine einzahlen.

Der längerfristige Vergleich (2017 bis diesen Montag) mit wöchentlichen Daten bestätigt das Bild. So hoch war die Marge der Mineralölkonzerne (plus Tankstellen) noch nie. Statt 0,196 Cent (pro Liter) im vierjährigen Durchschnitt explodiert sie auf 57 Cent (rote Linie).

Wer verliert dabei?

Die Verlierer sind am Ende die, die auf das Auto angewiesen sind, weil sie keine Möglichkeit zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel haben. Und das Klima. Dieses gerät immer dann in den Hintergrund, wenn andere Themen dringlicher scheinen. Es braucht deshalb aus sozialen und ökologischen Gründen auch sofortige und langfristige Maßnahmen gegen die Abhängigkeit von Öl bei der Energieversorgung und im Verkehr.

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