Windräder: Mythen und Fakten zum Leben in der Nähe von Windrädern
Ein aktuelles Beispiel dafür, ist die Diskussion rund um die geplanten Windkraftanlagen in Traismauer (Bezirk in St.Pölten). Im ORF-Niederösterreich-Format „Ein Ort am Wort“ trafen Windradgegner:innen- und Befürworter:innen aufeinander. Dabei fiel uns auf, dass viele der geäußerten Sorgen auf Mythen und Unwahrheiten beruhen.
Um die Mythen aufzudecken sind wir zu einer Windkraftanlage ins Burgenland gefahren, haben Lautstärkemessungen durchgeführt, Fachgutachten durchforstet und in der Psychologie nachgefragt, woher die Wut und Angst rund um Windräder kommt.
Mythos 1: Windräder sind sehr laut
Immer wieder wird behauptet, Windräder seien so laut, dass sie die Lebensqualität von Anwohner:innen beeinträchtigen würden. Um herauszufinden, wie laut Windräder tatsächlich sind, fuhren wir mit einem Schallpegelmessgerät ins Burgenland, wo sich zahlreiche Windräder befinden. Dort führten wir Messungen in unterschiedlichen Entfernungen zu den Anlagen durch. Das verwendete Messgerät maß den sogenannten A-bewerteten Schalldruckpegel, angegeben in Dezibel – kurz dB(A).
dB(A) ist die Maßeinheit zur Messung von Geräuschen. dB steht für Dezibel und gibt an, wie stark ein Schall ist. Das A bedeutet, dass die Messung an das menschliche Gehör angepasst ist, da wir hohe und tiefe Töne unterschiedlich wahrnehmen. Je höher der dB(A)-Wert, desto lauter wird ein Geräusch empfunden. Der gemessene Wert hängt außerdem von der Entfernung zur Schallquelle ab. Die Skala ist nicht linear, sondern logarithmisch - das heißt, je höher der Wert ist, desto mehr Unterschied macht 1 db(A) zusätzlich. Der Wert des Schalldruckpegels einer typischen Unterhaltung zwischen Menschen ist etwa 60 db(A). Wenn man diesen verdoppelt, ergibt das zum Beispiel 63 db(A).
Bereits vor Ort fiel auf, dass unsere subjektive Wahrnehmung und die öffentliche Debatte nicht immer zusammenpassten. Obwohl wir direkt unter einem Windrad standen, war zunächst vor allem eines zu hören: der Wind und vor allem die A6. Das Messgerät zeigte Werte zwischen 55 und 60 dB(A) an. Das entspricht ungefähr der Lautstärke eines normalen Gesprächs.
Um die Messergebnisse besser einordnen zu können, führten wir Vergleichsmessungen in jeweils 100 Metern Entfernung zu einem Windrad sowie zur Autobahn A6 durch. Während das Schallpegelmessgerät beim Windrad rund 50 dB(A) anzeigte, wurden an der Autobahn etwa 65 dB(A) gemessen. Die vorbeifahrenden Fahrzeuge waren damit deutlich lauter als die Windkraftanlage. Auch die Kirchenglocken in Gattendorf wurden Teil unseres Experiments: Während des Läutens erreichten sie etwa 70 dB(A) und lagen damit ebenfalls deutlich über den gemessenen Werten des Windrads.
Mythos 2: Windräder verbreiten gesundheitsschädlichen Infraschall
Ein weiterer häufig genannter Mythos lautet, dass der von Windkraftanlagen erzeugte Infraschall gesundheitsschädlich sei. Tatsächlich entsteht Infraschall bei Windkraftanlagen. Allerdings zeigen wissenschaftliche Untersuchungen bislang keine belastbaren Hinweise darauf, dass er gesundheitliche Schäden verursacht. Infraschall entsteht auch bei natürlichen Quellen wie Wind, Wasserfällen oder in einer Meeresbrandung, aber auch durch Heizungen und Klimaanlagen oder Verkehrsmittel. Tests zeigen: Bei einer rund dreistündigen Autofahrt ist man mehr Infraschallenergie ausgesetzt, als wenn man über 20 Jahre lang in der Nähe einer Windkraftanlage wohnt.
Doch was ist Infraschall überhaupt? Da geht es um einen tieffrequenten Schall mit Frequenzen unterhalb von 20 Hertz. Diese Töne liegen unterhalb des Hörbereichs des Menschen und können nicht bewusst wahrgenommen werden. Auch unser Messgerät konnte diesen Bereich nicht erfassen, da es erst ab 31,5 Hertz misst. Dass Infraschall bei Windrädern entsteht ist allerdings ohnehin unbestritten.
Ein Blick in die aktuelle Forschung zeigt allerdings: Es gibt keine belastbaren Hinweise auf gesundheitliche Schäden durch den Infraschall von Windkraftanlagen. Auch durchgeführte Studien und Tests in Schlaflaboren zeigten keine Belastung. Sehr intensiver Infraschall kann zwar tatsächlich ermüdend wirken und könnte langfristig krank machen. Allerdings ist der Infraschall aus alltäglichen Quellen und Windrädern dafür bei weitem nicht intensiv genug.
Was manche dieser Studien zeigen ist, dass manche Menschen schlechter schlafen - allerdings nicht weil die Lautstärke der Windräder sie wirklich beeinflusst, sondern weil sie sich von Windrädern gestört fühlen. Dieses Gefühl und die Schlafprobleme verschwinden, wenn Menschen von Beginn weg in die Planung eingebunden werden. Der Kopf und die Einstellung spielt also möglicherweise mit.
Mythos 3: Pferde kriegen Kopfschmerzen
Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere werden häufig von Windradgegner:innen als mögliche Opfer der Windkraft genannt. Besonders hartnäckig hält sich die Behauptung, Pferde würden durch Infraschall krank werden. Von Kopfschmerzen oder Verdauungsproblemen ist dabei regelmäßig die Rede.
Gerade weil diese Befürchtungen immer wieder geäußert wurden, beschäftigten sich Fachleute intensiv mit dem Thema. Ein Fachgutachten des Veterinärreferats des Landes Steiermark untersuchte die vorgebrachten Bedenken und wertete den wissenschaftlichen Kenntnisstand aus. Dabei fanden sich keine Hinweise darauf, dass die von Windkraftanlagen ausgehenden Infraschall gesundheitliche Schäden bei Pferden verursachen.
Mythos 4: Massenhaft Vögel sterben
Ein weiterer häufig diskutierter Kritikpunkt betrifft den Vogelschutz. Grundsätzlich können alle Vogelarten mit Rotorblättern kollidieren. Von besonderer Bedeutung sind jedoch geschützte Arten wie der Rotmilan oder der Steinadler. Die entscheidende Frage lautet aber: Wie groß ist dieses Problem? Und das vor allem auch im Vergleich zu anderen menschengemachten Gefahren für Vögel?
In Österreich werden jedes Jahr um die 200.000 Vögel durch die Jagd getötet. Diese Zahl basiert auf dem Durchschnitt der Jahre 2019–2021 und berücksichtigt neben der Jagdstatistik auch die an die EU gemeldeten Ausnahmegenehmigungen für geschützte Vogelarten. Die Jagdstatistik allein bildet das tatsächliche Ausmaß nicht vollständig ab, weil viele – insbesondere geschützte – Vogelarten, die per Ausnahmegenehmigung getötet werden, dort gar nicht erfasst sind. Hunderttausend Vögel kommen durch Kollisionen mit Glasscheiben und Stromleitungen ums Leben. Windkraftanlagen verursachen den sogenannten „Vogelschlag“. Die verfügbaren Daten zeigen jedoch, dass ihr Anteil an der Gesamtsterblichkeit von Vögeln deutlich geringer ist, als häufig angenommen wird. Für Österreich werden rund 10.000 tote Vögel pro Jahr geschätzt, was bei 1.447 Windkraftanlagen einem Durchschnitt von etwa 7 Vögeln pro Anlage und Jahr entspricht.
Gleichzeitig wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen entwickelt, um das Risiko für Vögel zu verringern. Dazu zählen eine verbesserte Standortplanung sowie sogenannte Antikollisionssysteme. Diese erkennen mithilfe von Kameras oder Radartechnik gefährdete Vogelarten in der Nähe von Windkraftanlagen und können die Turbinen bei Kollisionsgefahr automatisch stoppen.
Mythos 5: Schattenwurf und Warnlichter
Unter Schattenwurf wird der Schatten der Rotorblätter, der bei bestimmten Sonnenständen über Gebäude oder Grundstücke fällt, verstanden. Dieser Schatten sorgt bei vielen Windradgegner:innen für Aufregung.
Natürlich wirft ein Windrad einen Schatten. Das ist kein Mythos. Für die Genehmigung von Windrädern müssen allerdings strenge Grenzwerte eingehalten werden. Bereits während der Planung wird berechnet, wie lange Schatten auf Wohngebäude fallen könnte. In Österreich wird der Schattenwurf in Wohngebieten streng geregelt: Er darf höchstens etwa 30 Minuten pro Tag und 30 Stunden pro Jahr auf Wohnhäuser fallen.
Auch die roten Warnlichter auf Windrädern werden häufig kritisiert - sie dienen der Sicherheit des Flugverkehrs bei Dunkelheit. Viele Menschen befürchten, dass diese Lichter die ganze Nacht ununterbrochen blinken und dadurch störend wirken. Da hilft allerdings die Technologie. Bei modernen Windparks, wie dem in Gnadendorf-Stronsdorf schalten sich die Warnlichter aber nur dann ein, wenn sich tatsächlich ein Flugzeug nähert. Sonst bleiben die Lichter ausgeschaltet.
Kein Mythos, sondern Ansichtssache: Windräder verschandeln die Landschaft?
Anders als die zuvor genannten Mythen lässt sich dieser Kritikpunkt nicht objektiv beantworten. Ob Windräder schön oder hässlich sind, ist letztlich eine Frage der persönlichen Wahrnehmung.
Manche Menschen empfinden Windkraftanlagen als Symbol für Fortschritt und Klimaschutz. Andere sehen sie als störenden Eingriff in die Landschaft - vor allem, wenn sie die Fakten zum menschengemachtenKlimawandel leugnen.
Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf andere Elemente in der Landschaft: Gebäude und Straßen, Industrieanlagen oder Skilifte verändern ebenfalls das Erscheinungsbild von Regionen und der Natur. Und vor so manchem Möbelhaus steht ein kilometerweit sichtbarer roter Riesenstuhl. Letztlich bleibt die Frage, ob wir die entsprechenden Gebilde brauchen und den Eingriff in die Landschaft deshalb hinnehmen - und was die Alternativen sind.
Österreich ist derzeit von teuren Energie-Importen und fossilen Energieträgern abhängig. Der Strombedarf steigt und wird das weiter tun. Am günstigsten und nachhaltigsten lässt er sich über erneuerbare Energie decken - Windkraft spielt dabei eine wichtige Rolle.
Strom wird und wurde auch bisher nicht in “schönen” Gebäuden erzeugt. Ein Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerk oder eine Ölraffinerie würden vermutlich die wenigsten Menschen schöner finden, als ein Windrad. Die Umweltfolgen dieser Energieformen sind im Vergleich dazu aber auch noch ungleich größer.
Und auch andere erneuerbare Energieformen wie Wasserkraftwerke greifen stark in die Natur ein. Sie sind in Österreich zudem bereits stark ausgebaut und können den zusätzlichen Bedarf nicht allein decken. Und Solar-Parks erleben ähnlichen Widerstand, wie Windräder. Sie nur in bereits bebautem Gebiet zu errichten, wird nicht genügen.
Windkraft auf die 1
Um herauszufinden, woher die Ablehnung und Wut gegenüber Windrädern kommt, haben wir mit dem Psychologen Kai Sassenberg gesprochen. Er arbeitet am deutschen Leibniz-Institut für Psychologie und hat mit Kolleg:innen mehr als 6.000 Menschen in Australien, Großbritannien und den USA zu Falschinformationen über Windrädern befragt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Zustimmung zu Falschinformationen weniger vom Bildungsgrad oder wissenschaftlichen Kenntnissen abhängt als von den grundlegenden Weltanschauungen der Befragten. Besonders Menschen mit einer verschwörungstheorienahen Weltsicht neigen eher dazu, auch Falschinformationen über Windräder zu glauben.
Laut Sassenberg kann es helfen, die Bevölkerung stärker einzubinden und konkrete Vorteile aufzuzeigen. Wenn Gemeinden finanziell von Windenergien profitieren und die Menschen den Nutzen vor Ort erkennen, steigt häufig auch die Akzeptanz. Eine klare politische Kommunikation ist also wichtig.
Schlussendlich müssen wir nicht nur die Energiewende schaffen, sondern auch beantworten, wie wir sie politisch organisieren. Dazu gehört die Antwort auf die Frage: Geht der Profit an private Unternehmen oder an die Allgemeinheit? Letzteres ist möglich und hilft der Akzeptanz. Etwa wenn private Betreiber:innen die Gemeinden am Profit beteiligen müssen oder, wenn die Windkraftanlagen über demokratisierte Energiegemeinschaften oder öffentliche Unternehmen sogar direkter der Bevölkerung gehören.












