Spitals-Touristen in der Krone: Wenn aus Zahlen Hetze wird

Man kennt das Phänomen in Österreich: Die FPÖ stellt eine parlamentarische Anfrage, kurze Zeit später macht sie eine Aussendung daraus und nur einen Tag später finden ausgewählte Zahlen daraus ihren Weg in die Boulevardmedien. Und innerhalb kürzester Zeit wird aus einem komplizierten Verwaltungs- und Versorgungsthema ein emotional aufgeladener Skandal konstruiert.
So auch diesmal. Im Vorjahr stellte die FPÖ 10 Einzelanfragen ans Gesundheitsministerium, wie oft Menschen aus ausgewählten Ländern in Österreich medizinisch behandelt werden. Anfang Jänner kamen die Antworten, am 25. macht die FPÖ eine Aussendung daraus. Am selben Tag veröffentlichte die Kronen Zeitung in der Print-Zeitung diese Aussendung inhaltlich praktisch deckungsgleich als scheinbar journalistischen Artikel eines Krone-Autoren namens Christoph Budin über angebliche „Spitals-Touristen“.
Darin beklagt sie „Kosten in Milliardenhöhe“, angeblich verursacht von Flüchtlingen und Zugewanderten. Was auf den ersten Blick wie investigative Aufklärung wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als politisch aufgeladene Skandalisierung mit klarer Richtung: Schuld an der Krise des Gesundheitssystems sollen wieder einmal „die Ausländer“ sein. Das ist Tatsachenverzerrung getarnt als Journalismus.

Zahlen ohne Kontext
Konkret bezieht sich der Artikel auf rund 22 Millionen ambulante und stationäre Behandlungen von Menschen ohne österreichischen Pass im Zeitraum von 2015 bis 2024. Diese Zahl wird isoliert präsentiert, ohne Vergleich, ohne Kontext, ohne Bezug zum Gesamtsystem.
Und genau hier beginnt das journalistische Problem. Im selben Zeitraum wurden in österreichischen Krankenhäusern insgesamt über 800 Millionen Behandlungen durchgeführt. Die von FPÖ und Krone herausgegriffenen 22 Millionen machen damit rund 2,75 Prozent aller Behandlungen aus.
Ja, richtig gelesen: Nicht einmal drei Prozent der medizinischen Leistungen sollen laut dieser Erzählung verantwortlich sein für Personalmangel, überfüllte Ambulanzen, lange Wartezeiten und steigende Kosten im gesamten Gesundheitssystem. Klingt unrealistisch und überzogen? Ist es auch.
Denn diese zweite, wichtige Zahl findet sich im Artikel genausowenig wie in der FPÖ-Aussendung. Was nicht in die Erzählung passt, wird einfach weggelassen. Stattdessen wird mit absoluten Zahlen gearbeitet, die ohne Einordnung dramatisch wirken sollen.Was bleibt, ist eine Zahlenspielerei, die ohne Vergleichsmaßstab gezielt Empörung erzeugt.
Milliarden, die niemand benennen kann
Auffällig ist auch der wiederholte Verweis auf angebliche „Kosten in Milliardenhöhe“. Die kommen nach dem Motto “Wird schon stimmen” zusammen. Diese Milliarden werden im Artikel (und in der FPÖ Aussendung) jedoch nie konkret benannt oder nachvollziehbar aufgelistet. Es fehlen genaue Beträge, es fehlt eine Aufschlüsselung nach Leistungsarten, und es fehlt eine saubere Abgrenzung zwischen öffentlichen Kassenleistungen, Wahlärzt:innen-Honoraren und privaten Ausgaben. Ein Obstsalat der Hetze, in dem Äpfel mit Birnen vermischt werden.
Besonders problematisch ist dabei die Gleichsetzung von Wahlarztkosten mit öffentlichen Gesundheitsausgaben. Wahlärzt:innen legen ihre Honorare selbst fest. Die Krankenkassen refundieren davon maximal 80 Prozent des Kassentarifs, nicht des tatsächlichen Honorars. Alles, was darüber hinausgeht, zahlen Patient:innen aus eigener Tasche. Diese Kosten pauschal dem öffentlichen Gesundheitssystem zuzuschreiben, ist sachlich falsch, wird im Krone-Artikel aber nicht klargestellt.
Spitals-Touristen: Ein Kampfbegriff ersetzt Fakten
Zentral für die politische Wirkung des Textes ist der verwendete Begriff der „Spitals-Touristen“ - kein neutraler Ausdruck, sondern ein bewusst gewählter Kampfbegriff. Er unterstellt, dass Menschen gezielt nach Österreich reisen, um hier kostenlose medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, und das System systematisch auszunutzen. Für diese Unterstellung liefert der Artikel keinen einzigen belastbaren Beweis. Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch keinen. Stattdessen werden Einzelfakten emotional aufgeladen und verallgemeinert.
Dabei sind die tatsächlichen Ursachen für die Überlastung der Spitäler seit Jahren bekannt und gut dokumentiert. Es fehlen Hausärzt:innen, Wartezeiten auf Facharzttermine und Bildgebung sind lang, es gibt zu wenig Akut- und Übergangspflege, die mobile Pflege ist unterfinanziert, und die Patientensteuerung funktioniert schlecht. Viele Menschen landen in Ambulanzen, weil sie anderswo keinen zeitnahen Zugang zu medizinischer Versorgung finden.
Diese Probleme betreffen alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen. Wer sie ethnisiert, verschiebt Verantwortung weg von politischen Entscheidungen und strukturellem Versagen hin zu gesellschaftlichen Minderheiten.
Wenn aus Chirurgie nach Kriegsverletzungen “Verschönerungen auf Steuerzahlerkosten” werden
Besonders verzerrend ist auch die selektive Darstellung einzelner medizinischer Fachrichtungen. Wenn im Artikel von plastischer Chirurgie die Rede ist, bleibt unerwähnt, dass darunter auch medizinisch notwendige Rekonstruktionen nach Folter, Kriegsverletzungen, Bomben- oder Schusswunden fallen. Ästhetische Schönheitsoperationen ohne medizinische Indikation sind für niemanden Kassenleistung, weder für Menschen mit österreichischem Pass noch für andere. Auch Suchterkrankungen werden in der Berichterstattung implizit als Kostenproblem dargestellt, ohne zu erwähnen, dass frühzeitige Behandlung medizinisch wie ökonomisch sinnvoll ist, weil sie schwere Folgeerkrankungen und langfristige Kosten verringert.
In der Frauenheilkunde und Geburtshilfe geht es nicht nur um Geburten, sondern auch um Vorsorge, um Behandlungen nach häuslicher Gewalt, um medizinische Versorgung nach weiblicher Genitalverstümmelung. Diese Leistungen als Belastung zu bezeichnen, ohne ihre medizinische Notwendigkeit zu benennen, entwertet den Kern öffentlicher Gesundheitsversorgung.
Das österreichische Gesundheitssystem basiert auf Solidarität, nicht auf einem individuellen Einzahlungskonto. Notfälle müssen immer versorgt werden. Viele Menschen ohne österreichischen Pass sind regulär versichert, arbeiten, zahlen Steuern und Sozialabgaben oder fallen unter internationale und humanitäre Verpflichtungen. Diese Realität ist komplexer als das einfache Freund-Feind-Schema, das FPÖ und Boulevardmedien bedienen, und wird deshalb ausgeblendet.

Hier geben sich Boulevard-"Journalismus" und rechte Hetze die Hand. Foto: www.krone.at
Krone: Das Q steht für Qualitätsjournalismus
Der Krone-Artikel vom 25. Jänner ist kein Ausrutscher, sondern Teil eines bekannten Zusammenspiels zwischen rechtspopulistischer Politik und Boulevardjournalismus. Parlamentarische Anfragen werden als Rohmaterial für Skandale genutzt, Zahlen selektiv präsentiert, Kontext weggelassen und Emotionen gezielt angesprochen. (Ein ähnliches Beispiel haben wir im Sommer bereits zwischen Krone und FPÖ berichtet. Das Medienwatchblog Kobuk hat im Vorjahr das Zusammenspiel zwischen FPÖ und Heute aufgedröselt.)
Und das Spiel wird verlässlich weitergehen. Denn schon am 27.1. stellte dieselbe FPÖ-Abgeordnete wieder elf parlamentarische Anfragen an das Gesundheitsministerium. Sie beziehen sich auf elf Jahre und jedes einzelne Bundesland. Das Ministerium hat nun bis März Zeit, die mehr als 2.000 Fragen daraus zu beantworten. Man darf schon gespannt sein, welche Medien in den Wochen danach das Stöckchen der FPÖ aufgreifen.
Was dabei immer fehlt, ist journalistische Verantwortung. Wer Zahlen veröffentlicht muss sie auch einordnen. Wer Missstände benennt, muss Ursachen analysieren. Wer über ein überlastetes Gesundheitssystem schreibt, darf nicht jene zum Problem erklären, die es aus medizinischer Notwendigkeit in Anspruch nehmen.
Wenn aus 2,75 Prozent der Behandlungen ein gesellschaftlicher Sündenbock herbeigeschrieben wird, dann geht es nicht um Aufklärung oder Reformen, sondern um Stimmungsmache und Hetze. Und genau deshalb gilt: erst rechnen, dann verstehen, dann urteilen.
Hinweis: Die im Text genannten Zahlen und Einordnungen basieren unter anderem parlamentarischen Anfragen der FPÖ, auf öffentlich zugänglichen Gesundheitsstatistiken sowie auf fachlichen Einordnungen von Gesundheits- und Medienexpert:innen, unter anderem durch Beiträge von Florian Prutsch des Grünen Gesundheitssprechers Ralph Schallmeiner auf der Plattform Bluesky.


