Chronische Schmerzen: Auf der schwierigen Suche nach Hilfe im Gesundheitssystem

Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn Beschwerden länger als drei Monate anhalten oder immer wiederkehren und schließlich selbst zur Erkrankung werden. Wie stark diese Schmerzen das Leben bestimmen, ist sehr unterschiedlich. Manche Betroffene kommen im Alltag gut zurecht, andere sind massiv eingeschränkt und kaum belastbar.
„Chronischer Schmerz wirkt sich nicht nur körperlich und psychisch aus, sondern greift tief in das gesamte Leben der Betroffenen ein“, sagt Katharina S., die an einer Erkrankung des Bindegewebes leidet. Der Schmerz zermürbt, isoliert, macht einsam. Soziale Kontakte werden zum Kraftakt. Partnerschaften zerbrechen, Freunde gehen verloren. Wer über lange Zeit keine wirksame Hilfe findet, beginnt an sich selbst zu zweifeln. Manche ziehen sich zurück, andere resignieren oder verstummen, weil sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden.
Viele können ihre Arbeit nur noch eingeschränkt ausüben, verringern Stunden oder wechseln Tätigkeiten. Manche verlieren ihren Arbeitsplatz oder müssen sich frühzeitig aus dem Erwerbsleben zurückziehen, weil die Belastung dauerhaft nicht mehr bewältigt werden kann.
Wenn das Nervensystem Schmerz lernt
Bei chronischen Schmerzen meldet der Körper ständig Alarm. Selbst dann, wenn keine Gefahr mehr besteht. Während akute Schmerzen eine wichtige Warnfunktion haben und signalisieren, dass etwas nicht stimmt, verlieren sie bei chronischen Beschwerden diesen Sinn. Dennoch sind die Schmerzen da, ohne Sinn und Zweck.
Halten Schmerzen über lange Zeit an, verändert sich das Nervensystem. Der Schmerz „brennt“ sich ein und beeinflusst mit der Zeit Denken, Fühlen und Verhalten. Schmerzsignale werden verstärkt und selbst harmlose Reize als belastend empfunden. Was als vorübergehendes Symptom begann, wird zu einer eigenen Erkrankung.
Millionen von Einzelschicksalen
Die Zahl der Betroffenen ist hoch. Für den einzelnen Menschen ist der Schmerz aber kein statistischer Wert, sondern realer Alltag. Er bestimmt den Tag, raubt Schlaf, Konzentration und Lebensfreude.

Besonders belastend ist, dass dieses Leid unsichtbar bleibt. Chronischer Schmerz lässt sich nicht einfach messen und abbilden. Er wird auch oft infrage gestellt. Betroffene müssen sich erklären, rechtfertigen und beweisen, dass ihr Leiden real ist.
„Viele von uns versuchen weiter zu funktionieren. Sie gehen arbeiten, kümmern sich um die Familie und versuchen, Teil der Gesellschaft zu bleiben“, weiß Katharina S., die eine Selbsthilfegruppe zum Ehlers-Danlos-Syndrom leitet. Der Preis dafür ist hoch. Schmerz wird zur Privatsache, wird still erduldet oder gar heruntergespielt.
Jede:r Betroffene ist ein Einzelschicksal. Sie werden gesellschaftlich kaum wahrgenommen und hat politisch kein Gewicht. „Obwohl das Leid real, tiefgreifend und dauerhaft ist, fühlen Betroffene sich in vielen Fällen alleingelassen mit den Problemen“, weiß Dr. Martin Pinsger. Er leitet seit 15 Jahren ein Schmerzkompetenzzentrum in Bad Vöslau und kennt tausende dieser Schicksale.
Chronische Schmerzen und das lange Warten auf Hilfe
Für viele Betroffene beginnt der Leidensweg beim Hausarzt und führt durch ein Labyrinth medizinischer Fachstellen. Orthopädie, Rheumatologie, Neurologie, Psychiatrie, Physiotherapie. Jede Fachrichtung arbeitet aus ihrer eigenen Perspektive. Was zuvor untersucht oder versucht wurde, geht im System oft verloren.
So entsteht eine Versorgung, in der vieles parallel läuft, aber kaum koordiniert wird. „Patient:innen investieren Zeit, Energie und oft viel Geld, ohne spürbare Fortschritte. Für viele ist das zermürbend“, sagt Karl D., der an Fibromyalgie erkrankt ist. Manche verlieren das Vertrauen in die Medizin und ziehen sich zurück oder versuchen ihr Glück bei fragwürdigen Heilsversprechenden.
Akutmedizin ist für chronische Schmerzen nicht gemacht
Laut Erhebungen der Allianz Chronischer Schmerz in Österreich vergehen von den ersten Symptomen bis zur Erstellung einer Diagnose im Durchschnitt etwa 2,5 Jahre. Nahezu ein Drittel konsultiert mehr als drei Ärzt:innen, bevor eine passende Diagnose gestellt wird.
Dass viele Betroffene jahrelang durch das Gesundheitssystem irren, ist oft kein individuelles Versagen. Es spiegelt strukturelle Engpässe: Schmerzambulanzen sind vielerorts nicht ausreichend verfügbar oder wurden zurückgefahren.
„Österreichweit ist die Versorgung leider nach wie vor unzureichend. Die wenigen spezialisierten Kassenärzt:innen sind überlastet. Eigene Schmerzkliniken existieren nicht. In den meisten Krankenhäusern fehlt eine eigene, dauerhaft etablierte multimodale Schmerzstation“, kritisiert Pinsger.
Die medizinische Versorgung ist stark auf Akutmedizin ausgerichtet, auf schnelle Eingriffe und klar abgrenzbare Befunde. Chronische Schmerzen passen in dieses System nur schlecht. Multimodale Angebote, in denen medizinische Behandlung, Bewegungstherapie und psychologische Unterstützung miteinander verbunden werden, gibt es bislang nur vereinzelt.
Teure Auswege, wenig beachtete Lösungen
Wer es sich leisten kann, weicht auf Wahlärzt:innen und private Therapien aus. Wer weniger Geld hat, wartet länger oder bleibt ohne ausreichende Unterstützung. Die Kassen bezahlen es auch nicht, wenn sich jemand eine zweite Meinung einholt. So wird Hilfe bei chronischem Schmerz auch zu einer sozialen Frage.
Konstruktive Lösungen liegen seit Jahren auf dem Tisch: Schmerzzentren mit unterschiedlichen Mediziner:innen auf Kasse und ein besseres Zusammenspiel medizinischer, psychotherapeutischer und sozialer Angebote könnten Leid verkürzen, Chronifizierung verhindern und langfristig sogar Kosten sparen. In einer Studie aus 2023 heißt es jedoch, dass 70 Prozent der Betroffenen in Österreich keine Möglichkeit auf eine „zeitgerechte und leitlinienkonforme“ Behandlung haben. Immerhin wurde 2025 in Wien das erste kassenfinanzierte Schmerzzentrum Österreichs eröffnet.
Warum es oft viele Jahre dauert, bis Menschen mit Schmerzen die richtige Diagnose oder Hilfe erhalten, hat mehrere Gründe.
- Unzureichende Versorgung: Spezialisierte Angebote sind rar und Termine mitunter schwer zu bekommen. Viele wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen oder warten monatelang auf Hilfe. Besonders für schwer betroffene Patient:innen gibt es zu wenige gut erreichbare Anlaufstellen. Bei privaten Spezialist:innen ist die Versorgung dann auch noch teuer.
- Fehlendes Wissen und Erfahrung: Viele Betroffene versuchen zunächst, ihre Schmerzen selbst in den Griff zu bekommen. Sie hoffen auf Besserung, nehmen frei erhältliche Medikamente oder warten ab. Ärztliche Hilfe wird dadurch häufig erst spät in Anspruch genommen. Gleichzeitig fällt es vielen schwer, ungesunde Gewohnheiten zu verändern, selbst wenn sie spüren, dass ihr Lebensstil die Beschwerden verstärkt.
- Nicht ernst genommen werden: Wenn keine klare Ursache gefunden wird, ist das nicht nur entmutigend. Betroffene hören auch oft, die Beschwerden seien übertrieben oder eingebildet. In dieser Zeit bleiben Schmerzen unbehandelt, verfestigen sich und erschweren eine spätere Besserung zusätzlich. Wertvolle Zeit verloren geht.
Schwierige Ursachenfindung bei chronischen Schmerzen
Schmerzen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. In vielen Fällen gibt es einen körperlichen Auslöser. Mit der Zeit spielt jedoch oft auch die seelische Belastung eine Rolle. Wer über lange Zeit Schmerzen hat, leidet nicht selten zusätzlich unter Erschöpfung oder Depressionen. Diese seelischen Folgen können den Schmerz weiter verstärken.
Es gibt auch Fälle, in denen seelische Belastungen der eigentliche Auslöser der Schmerzen sind und sich im Körper ausdrücken. Für ältere Betroffene ist eine solche Erklärung oft schwer anzunehmen. Sie fühlen sich missverstanden und machen sich weiter auf die Suche nach einer rein körperlichen Ursache.
In den meisten Fällen liegt bei Menschen mit dauerhaften Schmerzen jedoch zumindest ein körperlicher Auslöser vor, oft sogar mehrere. Seelische Probleme entstehen dann häufig im Laufe der Zeit als Folge der ständigen Schmerzbelastung. Was Ursache ist und was Folge, lässt sich nicht immer klar trennen. Genau das macht die Suche nach einer passenden Behandlung so schwierig.
"Das ist doch bloß psychisch"
Hier ein Beispiel: Katharina weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine körperliche Erkrankung vorschnell ins Psychische verschoben wird. Über viele Jahre hatte sie Schmerzen im Bauch, in den Gelenken und Muskeln. Oft schmerzte der ganze Körper. Sie wusste, dass etwas nicht stimmte, doch niemand konnte ihr sagen, was es war.
Erst nach fast zwanzig Jahren erhielt sie schließlich eine Diagnose: Ehlers Danlos Syndrom. Eine angeborene Erkrankung des Bindegewebes. Für Katharina war dieser Moment eine Erleichterung. Nicht, weil die Krankheit damit verschwunden wäre, sondern weil ihr Leiden endlich einen Namen hatte. Schwarz auf weiß. Der Beweis, dass sie sich ihre Schmerzen nicht einbildete und keine Simulantin war.
Der Weg bis dahin war geprägt von Zweifeln und Kränkungen. Immer wieder wurde ihr gesagt, die Beschwerden seien psychisch oder psychosomatisch. „Ich wusste aber, dass das nicht stimmt“, sagt Katharina. „Heute weiß ich auch, dass viele Betroffene solche Vermutungen hören müssen. Dabei ist die Ursache körperlich. Die seelischen Probleme kommen oft erst später, als Folge von jahrelangen Schmerzen und fehlender Unterstützung. Wir erwarten kein Mitleid. Aber wir wollen ernst genommen werden. Von Ärztinnen und Ärzten und auch im Privatem. Das ist das Mindeste“, fordert Katharina.
Therapie breit anlegen
Wer jahrelang unter Schmerzen lebt, hofft oft auf das erlösende Medikament, die eine besondere Therapie. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nur selten. Chronischer Schmerz lässt sich meist nicht einfach „wegmachen“.
„Medikamente können zwar entlasten und manchmal einen Spielraum schaffen. Entscheidend ist jedoch, was abseits der Medikamente passiert. Ob es gelingt, den eigenen Körper wieder vorsichtig in Bewegung zu bringen. Ob jemand da ist, der zuhört und hilft, damit Angst und Mutlosigkeit nicht übermächtig werden. Und ob es möglich wird, den Alltag so zu verändern, dass nicht ständig neue Überforderung entsteht, sondern auch Platz für Erholung bleibt“, sagt Pinsger.
Langsame, kleine Schritte vorwärts
Wirksam ist vor allem eine Behandlung, die Wissen vermittelt, Angst abbaut und das Nervensystem schrittweise wieder beruhigt. Wer versteht, dass chronischer Schmerz häufig durch ein überempfindliches Nervensystem aufrechterhalten wird und nicht automatisch auf neue Schäden an Organen, Knochen oder Gewebe hinweist, kann wieder Vertrauen in Bewegung gewinnen. Dieses Umlernen ist mühsam, aber es gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen, um die ständige Übererregung des Körpers allmählich zu verringern.
„Viele Betroffene wissen, dass kleine, konsequente Schritte mit der Zeit mehr bewirken als immer neue Therapieversuche. Nicht von heute auf morgen, sondern langsam, über Wochen und Monate hinweg und mit vielen Rückschlägen dazwischen. Ziel sollte nicht die schnelle Heilung sein, das Ende aller Schmerzen, sondern wieder Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen. Schmerz macht das Leben eng, dagegen muss man aktiv angehen und sich das Leben Schritt für Schritt zurückerobern“, sagt Wolfgang Pichler, Psychotherapeut in Wels.
Selbstverantwortung ist nötig
Chronische Erkrankungen brauchen einen umfassenden Zugang und aktive Mitwirkung. Medikamente ersetzen keine Veränderungen im Alltag, keine Bewegung und keine Auseinandersetzung mit Stress, Lebenssituation oder inneren Mustern. Ohne diese Schritte bleibt Therapie Stückwerk.
Konkret beginnt Eigenverantwortung bei überschaubaren, realistischen Schritten. Regelmäßige, angepasste Bewegung hilft, den Körper aus der Schonhaltung zu holen und Vertrauen zurückzugewinnen. Ebenso wichtig sind Schlafrhythmus, Pausen und ein bewusster Umgang mit Belastung. Viele Betroffene profitieren davon, Stressquellen zu erkennen und abzubauen, Prioritäten neu zu ordnen und Grenzen klarer zu setzen. Nein sagen zu Anforderungen, die man nicht mehr tragen kann oder will, ist wichtig. Auch Ernährung, Fasten, Atemübungen und Entspannungstechniken, können dazu beitragen, Schmerzen besser zu regulieren. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Kontinuität und das Dranbleiben an dem, was guttut.
Doch all das setzt Zeit, Geld, Energie und Zugang zu Unterstützung voraus, die vielen Menschen fehlen. Wer arbeitet, Kinder betreut, Angehörige pflegt, mit Geldsorgen lebt oder monatelang auf Termine wartet, hat oft weder die Zeit noch die Kraft, sich konsequent um die eigene Gesundheit zu kümmern. Auch fehlende Therapieplätze, lange Wartelisten und hohe Selbstkosten schränken die Möglichkeiten massiv ein. Gerade deshalb braucht es ein gut erreichbares medizinisches Angebot und ausreichend Therapieplätze, damit Unterstützung nicht vom Zufall oder vom Geldbeutel abhängt.
Es kann besser werden
Auch unter guten Bedingungen bleibt Heilung ein persönlicher Prozess. Unterstützung kann den Weg erleichtern, gehen müssen ihn Betroffene selbst. Wichtig ist, dass Menschen dabei ernst genommen werden und verlässliche Begleitung erfahren.
Wenn man merkt, dass man ernsthafte Unterstützung bekommt und dass das eigene Handeln etwas bewirkt, entsteht Zuversicht. Kleine Erfolge, ein besserer Tag, weniger Angst vor dem nächsten Schmerzschub. Mit der Zeit spürt man, dass man chronischen Schmerzen nicht hilflos ausgeliefert ist. Wer dran bleibt, erlebt irgendwann das erhebende Gefühl, wieder mehr Kontrolle über den eigenen Körper zu gewinnen.










