24-Stunden-Betreuerin erhält nach Jahren der Arbeit in Österreich 0 Euro Pension

Noch ist Viktória Varga (Name von der Redaktion geändert) nicht ganz angekommen. Vier Tage sind vergangen, seit sie von ihrem Turnus wieder in ihr Zuhause in der slowakischen Kleinstadt Lučenec zurückgekehrt ist. Mit dem Handy in der Hand lässt sie sich in den Gartenstuhl fallen, im Hintergrund sind Baumkronen zu sehen. Das Bild wackelt. Ihr Blick schweift in die Ferne. „Meistens dauert es eine Woche, bis ich mich davon völlig erholt habe“, sagt sie über ihre Arbeit in Österreich.
Im rund 800 Kilometer entfernten Innsbruck pflegte sie zuletzt über zwei Jahre eine Frau, die stark dement war. Grundsätzlich gefalle ihr die Arbeit, sie mache es mit Hingabe, aber “es ist anstrengend und anspruchsvoll”. Wie in Summe 57.000 Betreuerinnen in Österreich ist sie zwei oder vier Wochen am Stück in ihrer Arbeit – geregelte Ruhezeiten gibt es für sie als Selbstständige de facto nicht.
Dabei sind die Frauen doppelt abhängig - sowohl von ihrer zu betreuenden Person als auch von Vermittlungsagenturen, die ihnen Provisionen verrechnen. Selbstständig scheinen viele der oft aus der Slowakei oder Rumänien pendelnden Betreuerinnen tatsächlich nur auf dem Papier zu sein. Dieses spezielle Branchenkonstrukt begünstigt folglich auch Missstände: Unfaire Ausstiegsklauseln, Vollmachten und nicht verrichtete SVS-Zahlungen, die Liste an schwindligen Geschäftspraktiken mancher Agenturen ist lang. Trotz eingeführten Qualitätszertifikaten scheint sich in diesem Bereich seit Jahren nur wenig zum Positiven zu verändern.
Eine gestrichene Pension
Nicht einmal dann, wenn ihr Arbeitsleben offiziell vorbei ist: Das zeigt der Fall von Viktória Varga exemplarisch.
Varga wird heuer 69 Jahre alt. Doch in den Ruhestand zu gehen, ist für sie undenkbar. “Das Geld reicht mir einfach nicht”, sagt sie. Immer noch muss sie den offenen Hauskredit abzahlen, auch die Tochter, die ebenfalls in Österreich als Betreuerin arbeitet, braucht Unterstützung. Ihr Enkel hat eine schwere körperliche Behinderung. Seit sieben Jahren ist sie außerdem Witwe. Das einzige Geld, auf das Varga zurückgreifen kann, ist die slowakische Pension, 600 Euro bekommt sie da.
Auch in Österreich hat sie ins System eingezahlt, doch von hier bekommt sie nichts. Anfang des Jahres erhielt Viktória einen Brief der Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS) – er liegt MOMENT.at vor. 30 Euro Pension wurden ihr darin zugesprochen. “Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich viel bekommen werde." Immerhin habe sie in Österreich nur fünf Jahre offiziell gearbeitet. Wie sich später im Gespräch herausstellen sollte, hat sie das durchaus auch die Jahre davor getan. Doch das Geld, das ihre Agentur für die Sozialversicherung abgezogen habe, sei nie dahin geflossen. So habe sie jahrelang de facto schwarz gearbeitet, ohne es zu wissen, wie sie behauptet – und ohne Pensionsabsicherung.
Doch selbst von diesen 30 Euro Pension sieht sie nichts. Denn wie es weiter in dem Brief heißt, muss sie davon auch den Krankenversicherungsbeitrag zahlen. Dieser macht genau 30 Euro aus.
Dreifache Krankenversicherung
Rechtlich lässt sich auf den ersten Blick nichts beanstanden. Beim Bezug von Pensionen aus mehreren Staaten greift eine seit 2010 erlassene EU-Verordnung. Die ermöglicht es Staaten, Krankenversicherungsbeiträge von Auslandspensionen einzuheben. Mit dieser Verordnung wollte man damals mehr Gerechtigkeit im Verhältnis zwischen Leistungen der Krankenversicherung und geringen Beiträgen der Pensionist:innen schaffen.
Doch im Falle von Victória Varga führte es dazu, dass sie nun drei Mal zur Kasse gebeten wird: Einmal im Falle der slowakischen Pension, einmal im Falle ihrer österreichischen Pension. Und dann noch einmal in Österreich aufgrund ihres aufrechten Gewerbes als 24-Stunden-Betreuerin, bei dem sie SVS-Abgaben zahlt, darunter auch Krankenversicherungsbeiträge.
Obwohl sie also unter die Schwelle der österreichischen “Mindestpension” fällt, muss sie mehr Abgaben zahlen als etwa eine Mindestpensionistin. Dabei stellt sich tatsächlich die Frage: Ist das gerecht?
Sozialministerium sieht mögliche Fehlbeurteilung
Auf den Fall angesprochen, sieht sich die Wirtschaftskammer (WKO) als offizielle Interessenvertretung nicht zuständig. Der Rechtsservice der Landeskammer könne “eine erste Orientierung” in solch schwierigen Fällen bieten. Für alles Weitere sei die Sozialversicherung zuständig.
Das Sozialministerium sieht hingegen eine mögliche Fehlanwendung, denn “nach Unionsrecht ist immer nur ein Staat für die Krankenversicherung zuständig”. Die vorgeschlagene Lösung: Frau Varga müsste sich an den Wohnortträger wenden und ihren Fall schildern. Dieser könne dann mit dem österreichischen Träger klären, ob die Beiträge korrekt eingehoben werden. Ob auf diesem offensichtlich nicht bekannt genug gemachten, bürokratischen Weg letztlich was rauskommt, lässt sich derzeit nicht sagen.
Kein Einzelfall
Dabei ist dies nur ein Aspekt eines weit verbreiteten Problems, von dem nicht nur Varga betroffen ist. Weitere Pensionsbescheide zeigen, dass etliche Betreuerinnen von ihren Pensionen (und jenen aus dem Herkunftsland) nicht leben können. Die Frage, wie sehr das Thema der mangelnden Pensionsabsichernug bei der WKO aufscheint, deren Mitglieder die 24-Stunden-Betreuerinnen sind, bleibt unbeantwortet.
“Auch wenn sie 15 Jahre oder länger in Österreich gearbeitet haben, steigen die meisten gerade mal mit 150 Euro aus”, sagt Simona Durisova von der inoffiziellen Interessenvertretung IG24. Viele Frauen, die über Jahre Knochenarbeit in Österreich geleistet haben, würden so in die Altersarmut rutschen. Um darauf aufmerksam zu machen, veranstalten sie am 23. Juni eine Kundgebung vor dem Sozialministerium.
Weiterarbeiten
Viktória Varga bleibt indes nicht viel Zeit zum Erholen, sie muss sich nun wieder eine neue Familie in Österreich suchen. Von der schwerkranken Frau in Innsbruck fühlte sie sich schikaniert und gemobbt, ihr ging es psychisch zusehends schlechter. Da zog sie letztlich die Reißleine.
Bei der Frage, was ihr in dieser schwierigen Situation Kraft gibt, verändert sich ihre Stimmung. “Ich sehe diese Arbeit als meine Berufung”, sagt sie und ihre Stimme bricht. Das Thema Krankheit würde sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen. “Kraft gibt mir, die Hand eines Menschen zu halten und sein Lächeln zu sehen.” Ansonsten könnte sie die Arbeit nicht machen.










