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Gesundheit
Ungleichheit

Vom Partner betäubt und vergewaltigt: „Bei solchen Anzeichen müssen bei Ärzt:innen die Alarmglocken angehen“

Vom Partner betäubt und vergewaltigt: „Bei solchen Anzeichen müssen bei Ärzt:innen die Alarmglocken angehen“
Was können Ärzt:innen und Pflegekräfte tun, um Fälle von Drug Rape durch den Partner schneller zu erkennen? Die Mediziner:innen Bettina Pfleiderer und Christoph Reisinger haben Ideen. Fotos: M. Heine / Universität Münster, Matern / MedUni Wien, Screenshots Der Standard, MOMENT.at, Der Spiegel, Die Zeit, tirol.orf.at. Montage: MOMENT.at
Immer mehr Fälle werden bekannt, in denen Männer ihre Partnerinnen teils über Jahre hinweg betäubt und vergewaltigt haben. Die Betroffenen ahnten nichts von den Verbrechen – die Ärzt:innen, zu denen sie wegen den Folgen der Taten gingen, auch nicht. Zwei Mediziner:innen erklären, was passieren muss, damit solche Fälle künftig schneller ans Tageslicht kommen.

Eine Frau geht wegen starker Schwindelanfälle ins Krankenhaus, in ihrem Blut werden starke Beruhigungsmittel gefunden. Sie beteuert, sie könne sich das nicht erklären. Mehr als zehn Jahre später stellt sich heraus: Ihr Partner hat sie regelmäßig betäubt und vergewaltigt und sich mit anderen Männern darüber ausgetauscht. So geschehen in Niederösterreich. So ähnlich auch geschehen im französischen Ort Mazan und im britischen Manchester

Seit die deutschen Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh Ende 2024 ein Vergewaltiger-Netzwerk auf Telegram mit Zehntausenden Mitgliedern aufgedeckt haben, werden immer mehr derartige Fälle bekannt.

Viele Frauen, die Opfer von sogenannter chemischer Unterwerfung durch den eigenen Partner wurden, hatten gesundheitliche Beschwerden, die sich im Nachhinein durch die Verbrechen erklären ließen. Sie schliefen ohne ersichtlichen Grund bis zum Nachmittag, hatten Kopfschmerzen, Schwindelanfälle, Durchfall, gynäkologische Beschwerden, Schmerzen im Unterleib oder einen Bleigeschmack im Mund. Eine der Betroffenen war so verwirrt und hatte so viele Gedächtnislücken, dass sie eine Demenz befürchtete und Psychopharmaka verschrieben bekam.

Was muss passieren, damit Ärzt:innen in solchen Fällen in Zukunft schneller die richtigen Schlüsse ziehen und den Betroffenen helfen können?

Christoph Reisinger ist Gerichtsmediziner und Leiter der Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene (Gewaltambulanz) an der Medizinischen Universität Wien. Bettina Pfleiderer leitet an der Universität Münster das EU-Projekt „Victim Protection in Medicine“ und schult Ärzt:innen, Pflegekräfte und Medizinstudierende zu häuslicher Gewalt.

MOMENT.at: Frau Pfleiderer, Herr Reisinger, hatten Sie in Ihrer eigenen Arbeit schon mal mit einer Frau zu tun, die von ihrem eigenen Partner betäubt und vergewaltigt wurde?

Bettina Pfleiderer: Ich nicht.

Christoph Reisinger: Ich auch nicht.

MOMENT.at: Diese Art von Gewalt ist aus mehreren Gründen schwer zu erkennen: Die Betroffenen wissen selber nicht, dass an ihnen Gewalt verübt wird. Ihre Symptome sind zum Teil recht diffus. Und bis vor kurzem war diese Form von Gewalt öffentlich gar nicht bekannt. Wenn heute eine Frau mit entsprechenden Symptomen zu ihrer Hausärztin oder ihrem Gynäkologen kommt: Würde die oder der Verdacht schöpfen?

Reisinger: Heute aufgrund der medialen Berichterstattung schon eher als vor zwei Monaten – aber trotzdem: eher nicht. Ich würde den Kolleg:innen da auch gar keinen Vorwurf machen. Diese Taten sind einfach so unfassbar, dass man als Mediziner:in nicht in erster und wahrscheinlich auch nicht in zweiter oder dritter Linie an diese Möglichkeit denkt.

Pfleiderer: Symptome wie Schwindel können viele medizinische Gründe haben, die man erst mal abklären muss. Da denkt man an viele andere Dinge, bevor man an so eine Form von Gewalt denkt.

MOMENT.at: Und in Zukunft? Welche Rolle kann das Gesundheitspersonal künftig bei der Erkennung solcher Fälle spielen?

Reisinger: Es muss eine Schlüsselrolle spielen. Wo geht man hin, wenn man körperliche Symptome welcher Art auch immer hat? Früher oder später zu einem Arzt oder einer Ärztin.

Pfleiderer: Damit es diese Rolle spielen kann, müssen diese Inhalte im Medizinstudium verpflichtend verankert werden. Vor allem in der Gynäkologie, der Allgemeinmedizin, der Neurologie. Und auch die niedergelassenen Kolleg:innen müssen sensibilisiert werden. Sagen wir, eine Patientin klagt über Schwindel, wirkt schläfrig und hat zugleich Schmerzen in der Scheide: Wir müssen die Verbindungen im Gehirn der Ärzt:innen schaffen, dass dann die Alarmglocken angehen. Solche Fälle kann keine Fachrichtung alleine lösen, da müssen wir alle zusammenarbeiten.

Reisinger: Wenn Patient:innen mit unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit und Kraftlosigkeit kommen, fällt jedem Arzt, jeder Ärztin sofort eine Reihe von Untersuchungen ein, die man abhakt. Da braucht es auch eine Checkbox: Sind Substanzen im Spiel? Wenn einmal auf Substanzen untersucht wird, hat man schon viel gewonnen. Wenn dann dieser Test positiv ist, denkt man, die Person könnte das missbräuchlich verwendet haben, oder es könnte ärztlich verordnet worden sein. Auch da gehört noch eine zusätzliche Checkbox dazu: Wurde es gegen den Willen der Person verabreicht? Auf beiden Ebenen – Testen und korrekt Interpretieren – braucht es Aufklärungsarbeit, Lehre, Bewusstseinsbildung.

MOMENT.at: Der betroffenen Frau in Niederösterreich war einmal so schwindelig, dass sie die Treppen runtergefallen ist. Sie war im Krankenhaus, in ihrem Blut wurden Benzodiazepine gefunden, also starke Beruhigungsmittel. Sowohl sie als auch ihr Partner sagten, sie können sich das nicht erklären. Dann wurde das nicht weiterverfolgt. Erst mehr als zehn Jahre später flog der Fall auf. Im Nachhinein ist man immer schlauer, aber trotzdem: Müsste das Gesundheitspersonal in so einem Fall mehr tun?

Reisinger: Ich finde schon. Schon deshalb, weil Benzodiazepine abhängig machen und in einer gewissen Dosis sogar tödlich sein können.

MOMENT.at: Welche Möglichkeiten haben Ärzt:innen da?

Reisinger: Da kommt eigentlich schon die Anzeigepflicht für Ärzt:innen zum Tragen. Wenn eine Person sich nicht erklären kann, wie ein Medikament in ihren Körper kommt, besteht ja zumindest der Verdacht darauf, dass es ihr gegen ihren Willen verabreicht wurde. Bei einem Medikament, das abhängig machen kann, ist das eine schwere Gesundheitsschädigung. Wenn man sich nun gar nicht erklären kann, wie es in den Körper gekommen ist, wäre also der nächste Schritt, die Person zu einer Anzeige zu ermutigen oder ihr anzubieten, dass das Krankenhaus eine erstattet. In so einem Fall hat die Patientin ja wahrscheinlich auch selbst ein Interesse daran, das zu klären.

MOMENT.at: Ein Problem bei der Aufklärung von Drug Rape ist, dass manche Arten von K.o.-Tropfen nur sehr kurz nachweisbar sind.

Reisinger: Ja, manche Substanzen, die als K.o.-Mittel missbraucht werden, sind mehrere Tage lang nachweisbar, andere nur ungefähr acht bis zwölf Stunden lang. Deswegen ist es entscheidend, dass Betroffene bei einem Verdacht nicht lang überlegen, sondern schnell handeln und sofort ins nächste Krankenhaus gehen.

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Was tun bei Verdacht auf „chemische Unterwerfung“ durch den Partner?
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Ob Gisèle Pelicot in Avignon, „Daniela Gruber“ in Niederösterreich oder „Marlene“ in Niedersachsen: Sie alle ahnten nicht, was ihre damaligen Partner ihnen antaten – aber sie alle hatten gesundheitliche Beschwerden, die sich im Nachhinein durch die Verbrechen erklären ließen. Dazu gehörten recht allgemeine Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindelanfälle oder Durchfall und etwas spezifischere wie extreme Müdigkeit (die Betroffenen schliefen ohne ersichtlichen Grund teils bis zum Nachmittag), Gedächtnislücken, ein Bleigeschmack im Mund, gynäkologische Beschwerden oder Schmerzen im Unterleib.

Was kannst du tun, falls du den Verdacht hast, dass du oder eine dir nahestehende Person betroffen sein könnte?

Die folgenden Empfehlungen haben wir auf Basis von Gesprächen mit der Opferanwältin Sonja Aziz und mit der Gerichtsmedizinerin Katharina Stolz, Leiterin der Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene an der Medizinischen Universität Wien, erstellt.

  • In Wien und Graz gibt es spezialisierte Gewaltambulanzen. Dort können Betroffene sich nach einer Terminvereinbarung kostenlos und ohne e-Card untersuchen lassen und bekommen Informationen zu weiteren Hilfsangeboten. Die Ärzt:innen dort sichern und dokumentieren Spuren nach gerichtlich gültigen Standards. Dusche nach einem möglichen Übergriff vor dem Besuch nicht und putze dir nicht die Zähne. Nimm Kleidung und andere Textilien mit, auf denen Spuren zu finden sein könnten (packe sie nicht in Plastik ein, sondern in einen Papiersack).
  • Ist keine dieser Ambulanzen für dich gut erreichbar, kannst du dich an jedes Krankenhaus und jeden Arzt/jede Ärztin deines Vertrauens wenden. Versuche möglichst schnell dorthin zu gelangen – viele Arten von K.o.-Tropfen lassen sich in Harn und Blut nur für kurze Zeit nachweisen.
  • Wenn du benommen aufwachst und den Verdacht hast, am Vorabend betäubt worden zu sein, kannst du noch zuhause selbst eine Urinprobe in einem Gefäß sichern und sie möglichst schnell zum Arzt oder ins Krankenhaus bringen.
  • Nicht alle Labore können Untersuchungen auf K.o.-Mittel durchführen. Das können nur forensisch-toxikologische Labore. Bitte den Arzt oder die Ärztin darum, deine Probe in ein solches spezialisiertes Labor zu schicken.
  • In Haarproben können Substanzen über einen längeren Zeitraum nachweisbar sein, vor allem, wenn sie wiederholt verabreicht werden. Um die Untersuchung einer Haarprobe einzuleiten, ist aber ein konkreter Anfangsverdacht oder eine Anzeige bei der Polizei nötig.
  • Achte darauf, ob du Verletzungen an deinem Körper findest. Wenn ja, halte sie fotografisch fest.
  • Wenn du immer wieder Beschwerden hast, die du dir nicht erklären kannst, führe Tagebuch darüber und sprich mit deinem Hausarzt oder deiner Hausärztin. Dann sind deine Symptome schon mal dokumentiert – das ist hilfreich, falls der Verdacht später konkreter wird.

MOMENT.at: Die entsprechenden Untersuchungen kann nicht jedes Labor durchführen. Ich habe gehört, dass manchmal auch nicht ganz klar ist, wer die Kosten dafür übernimmt. Sehen Sie da ein Problem?

Reisinger: Das Bewusstsein für das Thema in den Spitälern wächst. Die Untersuchungen sind allerdings nicht ganz trivial, weil der Nachweis auch vor Gericht halten muss. Da reichen keine Schnelltests, da brauche ich den Goldstandard der Toxikologie. Das ist schon sehr speziell und ja, in manchen Fällen auch kostspielig. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das beim Gesundheitspersonal für Unsicherheiten sorgt. Jeden Tag wird im Krankenhaus Blut abgenommen und ins Labor geschickt. Aber nicht jeden Tag werden Proben zu einer K.o.-Mittel-Analyse geschickt. Alles, was man nicht jeden Tag macht, führt zu Unsicherheiten.

MOMENT.at: Wie könnte man die Lage da verbessern?

Reisinger: Erstens Bewusstseinsbildung sowohl bei den Betroffenen als auch beim Gesundheitspersonal. Das Personal muss einen solchen Verdacht ernst nehmen und auch von selbst an diese Möglichkeit denken. Und zweitens standardisierte Vorgehensweisen schaffen: Welche Proben nehme ich, wo schicke ich sie hin, was lasse ich untersuchen? Soweit ich weiß, gibt es solche Standards mittlerweile auch in den meisten Spitälern.

Pfleiderer: Österreich ist da besser aufgestellt als Deutschland, weil die Krankenhäuser hier gesetzlich verpflichtet sind, sogenannte Opferschutzgruppen zu haben. Das sind geschulte Ansprechpartner:innen zum Thema Gewalt. Vielleicht muss man die noch für diese spezielle Form von Gewalt schulen, aber dass es sie gibt, ist schon ein Riesenvorteil. Wir brauchen überall geschulte Ärzt:innen, auch auf dem Land. Manchmal fragen Ärzt:innen selbst dann nicht nach, wenn Patient:innen mit Verletzungen kommen, die eindeutig auf häusliche Gewalt hindeuten.

MOMENT.at: Warum nicht?

Pfleiderer: Meistens aus Nichtwissen oder Unsicherheit. Sie wissen nicht, wie sie danach fragen sollen und was dann passiert. Also versorgen sie nur die Verletzungen und sagen, okay, wird schon stimmen, dass die Person die Treppe runtergefallen ist.

MOMENT.at: Wie fragt man denn richtig?

Pfleiderer: Das Wichtigste ist, dass man überhaupt fragt. Man kann dabei kaum etwas falsch machen. Warum-Fragen sollte man allerdings auf keinen Fall stellen. „Warum haben Sie das gemacht?“, „Warum haben Sie jenes nicht gemacht?“, „Warum sind Sie nicht früher gekommen?“. Mit solchen Fragen betreibt man Täter-Opfer-Umkehr, und die betroffene Person verliert das Vertrauen. Danach wird sie sich nicht mehr öffnen.

MOMENT.at: Was raten Sie zum Beispiel einer Hausärztin in einer kleinen Gemeinde, die den Verdacht hat, dass eine Patientin zuhause Gewalt erlebt?

Pfleiderer: Man kann erst mal ganz unspezifische Fragen stellen, die aber zeigen, dass man etwas wahrnimmt und dass man hinschaut. „Ist bei Ihnen alles in Ordnung zuhause?“ Oder: „Gibt es bei Ihnen zuhause etwas, das Ihre Gesundheit beeinflussen könnte?“ Dann kann man schauen, wie die Person reagiert. Man kann auch sagen: „Diese Art von Verletzungen sehe ich oft, wenn jemand einem anderen wehgetan hat.“ Die Fragen nach der Situation zuhause sollte man gerade im hausärztlichen Bereich eigentlich sogar allen Patient:innen immer stellen, nicht nur auf Verdacht.

MOMENT.at: Wie meinen Sie das?

Pfleiderer: Wenn man die Frage immer stellt, fühlt man sich dabei irgendwann nicht mehr unsicher und kommt dadurch auch nicht mehr unsouverän rüber.

Reisinger: In Österreich kann man einmal im Jahr eine kostenlose Vorsorgeuntersuchung machen. Da gibt es ein Programm mit Fragen, zum Beispiel „Wie oft machen Sie körperliche Bewegung?“. Da müsste eine Frage wie „Fühlen Sie sich zuhause sicher?“ oder „Gibt es etwas in Ihrem privaten Umfeld, das negative Auswirkungen auf Ihre Gesundheit haben könnte?“ standardmäßig dazugehören.

Pfleiderer: Das ist eine sehr gute Anregung. Die Zuständigen in der Politik oder der Ärztekammer sollten eine solche Frage mit aufnehmen. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen von häuslicher Gewalt betroffen sind, dann muss das rein in das Screening. Die Prävention muss so früh ansetzen, dass betroffene Personen nicht irgendwann bei Ihnen in der Gewaltambulanz landen.

MOMENT.at: Herr Reisinger, im Nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen gibt es einige Maßnahmen, die sich auf den Gesundheitsbereich beziehen. Zum Beispiel sollen für ärztliche Untersuchungsgespräche bundesweit einheitliche Leitlinien für Fragen zum Thema Gewalt geschaffen werden, die Weiterbildungsangebote zum Thema Gewalt gegen Frauen sollen überprüft werden, Medizinstudierende sollen mehr über Gerichtsmedizin lernen. Sind diese Maßnahmen sinnvoll und ausreichend?

Reisinger: Politisch hat sich in Österreich beim Gewaltschutz wirklich viel getan. Seit drei, vier Jahren merkt man einen extremen Einsatz, um Gewalt im sozialen Nahraum einzudämmen und Betroffene und deren Rechte zu stärken. Die Gewaltambulanzen zum Beispiel sind großteils auf politischen Wunsch hin entstanden und werden von mehreren Ministerien gefördert. Die Punkte im Nationalen Aktionsplan halte ich allesamt für sinnvoll und wichtig, und ich beobachte auch, dass sie mit der nötigen Konsequenz umgesetzt werden.

MOMENT.at: Wenn wir nochmal konkret an Männer denken, die ihre Partnerinnen betäuben und dann Sexualdelikte an ihnen begehen: Bräuchte es spezifisch für diese Form von Gewalt weitere Maßnahmen?

Reisinger: Dass man dafür völlig neue Maßnahmen erfinden müsste, sehe ich nicht. Wenn es national etablierte Strukturen wie Gewaltambulanzen, Opferschutzgruppen, Gewaltschutzzentren und Frauenhäuser gibt und die untereinander gut vernetzt sind, hilft das bei der Eindämmung jeder Art von Gewalt – auch für neue Formen. Es braucht etablierte Pfade, wie man beim Verdacht auf K.o.-Mittel vorgeht. Und ein Bewusstsein dafür, dass es diese Form der Gewalt gibt.

Pfleiderer: Das Problem ist nicht, dass wir keine Werkzeuge haben, sondern dass das Wissen um diese Werkzeuge noch nicht überall angekommen ist. Wir müssen es auch in die Spitäler abseits der großen Städte und in den niedergelassenen Bereich bringen. Damit die Ärzt:innen dort erkennen, wann es wichtig ist, zu handeln, und weniger Angst haben, es zu tun.

MOMENT.at: Wie kommt das Wissen dorthin – zu dem Hausarzt oder der Gynäkologin mit Praxis in einem kleinen Ort am Land?

Reisinger: Das sehe ich auch als Aufgabe der Gewaltambulanzen. Teil unseres Jobs ist es, Schulungen abzuhalten, um unser Wissen und unsere Kompetenzen in die Fläche zu bringen, weil wir selbst eben nicht überall sein können. Im Zuge dieser Schulungen sollten wir auf diese neue Form von Gewalt zusätzlich eingehen.

Pfleiderer: In Deutschland sind Ärzt:innen verpflichtet, sich in einem gewissen Ausmaß fortzubilden, aber die Themen sind nicht vorgegeben. Ich finde, Schulungen zum Thema häusliche Gewalt müssten verpflichtend sein. Jeder niedergelassene Arzt und jede niedergelassene Ärztin müsste regelmäßig dazu geschult werden. Das würde viel verbessern.

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