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Ungleichheit
Fortschritt

Partnerinnen betäubt und vergewaltigt: „Wir bei Neustart haben immer wieder mit solchen Fällen zu tun“

Partnerinnen betäubt und vergewaltigt: „Wir bei Neustart haben immer wieder mit solchen Fällen zu tun“
Für die breite Öffentlichkeit sind Fälle wie diese neu – für den Bewährungshelfer Alexander Grohs nicht. Bild: Screenshots kurier.at, tagesschau.de, spiegel.de, ORF.at, theguardian.com, wdr.de, br.de. Montage: MOMENT.at
Männer, die ihre Partnerin betäuben und vergewaltigen: Das sei keine neue Form von Gewalt, sagt Alexander Grohs von der Bewährungshilfe-Organisation Neustart. Er betreue seit Jahren solche Täter. Neu sei nur die Vernetzung online. Die sei ein großes Risiko – habe aber auch einen Vorteil für die Strafverfolgung.

Ein Mann betäubt seine Partnerin, vergewaltigt sie, tauscht sich online mit anderen Tätern darüber aus: Der Fall Pelicot hat einer breiten Öffentlichkeit im Jahr 2024 erstmals bewusst gemacht, dass diese Art von Verbrechen überhaupt existiert. Dass sie nicht nur in einem kleinen Dorf in Frankreich existiert, haben wenig später die vielfach preisgekrönten Recherchen der deutschen Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh zu Vergewaltiger-Netzwerken auf Telegram gezeigt. Sie haben die Polizei auch auf die Spuren weiterer Täter gebracht.

In Niederösterreich wurde im Herbst 2025 ein Mann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er seine Partnerin betäubt und vergewaltigt und einem deutschen Chatpartner Bildmaterial davon geschickt hat. In Tirol sitzt ein weiterer mutmaßlicher Täter in Untersuchungshaft.

Für ihn sei diese Art von Verbrechen nicht neu, sagt Alexander Grohs. Er ist Sozialarbeiter und seit 2017 Leiter der Bewährungshilfe-Organisation Neustart in Niederösterreich und dem Burgenland. Im Interview erzählt er von seinem ersten derartigen Fall und erklärt, was in den Tätern vorgeht, wie man mit ihnen arbeitet und was wir als Gesellschaft tun können, um solche Verbrechen zu verhindern.

MOMENT.at: Herr Grohs, was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal vom Fall Pelicot gehört haben?

Alexander Grohs: Ich war bestürzt, aber nicht überrascht. Die Substanzen ändern sich, die gewaltigen Netzwerke sind neu – aber diese Art von Delikten gab es vermutlich schon immer. Wir bei Neustart haben jedenfalls immer wieder mit solchen Fällen zu tun.

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Was macht Neustart?
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Neustart ist eine Non-Profit-Organisation, die vor allem in den Bereichen Gewaltprävention, Bewährungshilfe und Haftentlassenenhilfe arbeitet, aber auch Prozessbegleitung für Opfer von Gewalt anbietet. Sie arbeitet mit Täter:innen, um erneute Straftaten zu verhindern – nach dem Leitsatz „Der beste Opferschutz ist die verhinderte Straftat“.

MOMENT.at: Als ich vor einem halben Jahr beim Bundeskriminalamt nach Fällen wie den in Deutschland aufgedeckten gefragt habe, hieß es, der Fall in Niederösterreich sei der erste, von dem man wisse. Aber wenn ein Täter bei Ihnen landet, muss er doch auch der Polizei bekannt sein?

Grohs: Der Aspekt mit der Online-Vernetzung ist auch für uns neu. Und manchmal sind bei der Verurteilung nicht alle Aspekte einer Tat bekannt – zum Teil auch den Täter:innen selbst nicht, weil Verdrängungsmechanismen sehr gut funktionieren können. In der Betreuung durch uns kommen dann manchmal noch neue Dinge ans Licht.

MOMENT.at: Das heißt, die Männer waren im Gefängnis, sind dann zur Bewährungshilfe zu Ihnen gekommen …

Grohs: Genau. Manche wurden wegen Sexualdelikten an der Partnerin verurteilt, aber einige Aspekte der Tat kamen erst in der Betreuung heraus. Andere waren ursprünglich wegen anderer Delikte in Haft.

MOMENT.at: Wann ist Ihnen diese Art von Straftat zum ersten Mal untergekommen?

Grohs: Das ist so ungefähr zehn Jahre her. Damals ging es nicht um K.o.-Tropfen, sondern um Alkohol. Der Täter wurde wegen sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen an der Partnerin verurteilt. Es war klar, dass die Frau bei einem Teil dieser Übergriffe stark alkoholisiert und womöglich teilweise bewusstlos war. Aber erst im Zuge unserer Betreuung stellte sich heraus, dass er sie wohl durch eine Kombination mit Medikamenten gezielt betäubt hat.

MOMENT.at: Was machen Sie in so einem Fall? Verständigen Sie die Polizei?

Grohs: Wir haben eine Verschwiegenheitspflicht, außer wenn Gefahr im Verzug ist. Unsere Aufgabe ist nicht, Ermittlungen zur Vergangenheit anzustellen, sondern präventiv in die Zukunft zu arbeiten. Dafür brauchen wir das Vertrauensverhältnis. Würde ich ein Verhör starten, würde die Person dicht machen, ich würde meine eigene Arbeit blockieren. Prävention und Ermittlung, das spießt sich, beides gleichzeitig geht nicht. In dem konkreten Fall hätte das Wissen darüber auch an der Verurteilung oder am Strafmaß nichts geändert. Und die Klient:innen sagen auch nicht, „übrigens, das und das habe ich noch gemacht“, sondern sie sagen zum Beispiel, sie haben etwas gesehen oder davon gehört. Wenn jemand so etwas anspricht, hat das einen Grund – vermutlich den, dass er etwas ändern möchte. Dann arbeiten wir mit ihm daran, dass er nicht oder nicht wieder so eine Straftat begeht.

Durch die Gruppendynamik und die männliche Komplizenschaft in diesen Netzwerken werden mögliche Bedenken ausgeräumt.

MOMENT.at: Und in den Fällen, wo die Täter eigentlich wegen ganz anderer Straftaten in Haft waren?

Grohs: Dann sagt die Person, meist ein eher junger Mann, zum Beispiel: „Ich war da letztens in so einem Forum, da war eine Frau, die angeblich betäubt und vergewaltigt worden ist. Hast du so was schon mal gesehen? Was sagst du dazu?“ Dann arbeiten wir mit ihm daran. Manche Männer fühlen sich von so etwas angesprochen und spielen mit dem Gedanken an so eine Tat, wissen aber, dass das nicht okay ist. Wenn die das Gespräch mit uns suchen, ist das super, weil wir dann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit etwas verhindern können.

MOMENT.at: Wie funktioniert dieses Verhindern?

Grohs: Ich sage nicht: „Boah, so einen Mist schaust du dir an?“ Da beschäme ich mein Gegenüber, und die Person macht zu. Sondern ich führe ein Gespräch über Consent mit ihm: Was ist Consent, wie funktioniert das? Dann sagt er beispielsweise: „Naja, aber was ist, wenn die Frau nicht will, aber ich will unbedingt?“ Dann frage ich nach seinen eigenen Erlebnissen und Gefühlen zu solchen Situationen, versuche seine Haltung und sein Männlichkeitsbild herauszufinden, und arbeite mit ihm daran.

MOMENT.at: Zurück zu den Männern, die schon Täter geworden sind: Der große Unterschied zwischen Ihren bisherigen Fällen und den jetzt bekanntgewordenen ist also, dass die Frauen in Ihren Fällen etwas mitbekommen und die Täter von sich aus angezeigt haben.

Grohs: Das und der Netzwerkcharakter. Bei keinem der Fälle, von denen ich jetzt gesprochen habe, ist uns eine Verbindung zu einem Netzwerk bekannt. Früher war es viel schwieriger, auf jemanden zu treffen, der ähnliche Überlegungen, Gedanken und Ziele hat. Durch Social Media fällt die Vernetzung viel leichter, damit sinkt die Hemmschwelle. Darin sehe ich ein großes Risiko.

MOMENT.at: Wie läuft das ab?

Grohs: Es gibt da eine Entgrenzung, eine Enthemmung. Niemand steht in der Früh auf und denkt sich spontan, „aha, das könnte ich doch mal probieren“. Die Männer haben diese Gedanken, sie überlegen, dann schauen sie im Netz nach, finden Missbrauchsmaterial, sehen die Kommentare dazu, schreiben jemanden an, bekommen eine Einladung in den Chat und so weiter. Sie bekommen den Eindruck: wenn das so viele machen und wenn Leute im Internet offen darüber reden, dann ist es gar nicht so schlimm. Dann ist es etwas „Normales“. Durch die Gruppendynamik und die männliche Komplizenschaft in diesen Netzwerken werden mögliche Bedenken ausgeräumt. Auch dass die Taten gefilmt und online gestellt werden, nehme ich als neuen Trend wahr, der durch die Netzwerke und den Gruppendruck dort verstärkt wurde.

MOMENT.at: Das gab es bei den Tätern, mit denen Sie gearbeitet haben, nicht?

Grohs: Nicht dass ich wüsste. Aber in diesen Netzwerken muss man teilweise als „Eintrittskarte“ eigenes Bildmaterial hochladen. Dann erhält man Wertschätzung und Anerkennung von den anderen Tätern und steigt in der Hierarchie auf, so dass man dann schon aus diesem Grund immer weitermacht. Einen Vorteil haben diese Netzwerke übrigens auch, nämlich für die Strafermittlung: Wenn Ermittler:innen sie beobachten und analysieren, können sie Täter und Opfer aufspüren.

Es geht nicht um Sexualität. Es geht um maximale Kontrolle, um die hundertprozentige Objektivierung des Gegenübers.

MOMENT.at: Wer sind eigentlich die Männer, die so etwas machen?

Grohs: Das sind keine Monster, wie man es sich oft vorstellt. Es sind Personen, die sozial gut integriert sind, arbeiten gehen, teilweise einen hohen Bildungsgrad und eine große Sozialkompetenz haben, im Gemeinwesen engagiert sind. Ganz normale Nachbarn. Nicht umsonst sind in diesen Fällen das soziale Umfeld und sogar die Opfer selbst oftmals überrascht. Es gehört ja zu den Mustern der aktuellen Fälle, dass die Polizei erst durch einen Zufallsfund oder durch Ermittlungen im Netz auf belastendes Material stößt. Dann klopft sie an die Tür, und das Opfer erfährt erst dadurch, dass es Opfer geworden ist.

MOMENT.at: Und psychologisch? Was geht in diesen Männern vor?

Grohs: Sie haben zumeist sehr starre patriarchale Vorstellungen, und dabei ist der Kontrollaspekt sehr stark ausgeprägt. Manchmal wird so darüber gesprochen, als sei das eine sexuelle Eigenart oder ein „Verlust der Triebkontrolle“. Auch die Täter erklären sich das so, weil sie sich der Dynamiken im Hintergrund nicht bewusst sind. Aber es geht hier nicht um Sexualität. Es geht um patriarchale Macht und um maximale Kontrolle, um die hundertprozentige Objektivierung des Gegenübers. Ich betäube die Person, die mir vermutlich von allen Menschen am meisten vertraut. Ich habe die absolute Verfügungsgewalt über sie, kann theoretisch darüber entscheiden, lebt sie oder nicht – mehr Kontrolle als das gibt es nicht.

MOMENT.at: Wie entsteht so ein Verlangen in einem Menschen?

Grohs: Da braucht es ein entsprechendes Bild von Männlichkeit und ein entsprechendes negatives Frauenbild. Deswegen müssen wir als Gesellschaft sehr früh ansetzen. Man hört ja oft, wir haben bei der Gleichberechtigung so große Fortschritte gemacht – aber wenn man sich anschaut, wie viele Männer offenbar auf diese Netzwerke zugreifen, dann sind wir noch lange nicht weit genug (Anm. der Red.: Die größte der von den Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh aufgedeckten Telegram-Gruppen hatte über 70.000 Mitglieder). Nicht jede Person, die danach sucht oder Mitglied in diesen Netzwerken ist, wird selbst solche Verbrechen an der eigenen Partnerin begehen. Aber es ist schon schlimm genug, wenn dieses Missbrauchsmaterial gesehen wird, weil jeder Blick darauf nochmal ein Übergriff auf das Opfer ist.

MOMENT.at: Gibt es außer dem extremen Verlangen nach Kontrolle noch etwas, was bei diesen Tätern anders ist als bei anderen Sexualstraftäter:innen?

Grohs: Die meisten Täter:innen – vor allem auch bei Gewalt- und Sexualdelikten – sind sich bewusst, dass das, was sie tun, eine Straftat ist. Diese Täter aber framen das eigene Tun nicht als Gewalt. Weil der Schamfaktor so stark ist, brauchen sie Muster, mit denen sie sich selbst erklären können, warum das, was sie tun, nicht so schlimm ist. Der übliche Rechtfertigungsmechanismus bei chemischer Unterwerfung: „Sie kriegt es ja gar nicht mit, und wenn sie nicht darunter leidet, ist es keine Gewalt.“ Zum Teil sagen Täter sogar: „Ich war so nett, ich habe sie betäubt, damit sie es nicht mitbekommt.“ Je länger diese Muster wirken und je länger und öfter jemand solche Delikte begeht, desto mehr verinnerlicht die Person diese Rechtfertigungen. Wenn man – wie in den jetzt bekanntgewordenen Fällen – erst nach Jahren draufkommt, ist es schwierig, das aufzubrechen und die Täter dahin zu bringen, dass sie erkennen, was sie überhaupt getan haben.

Prävention geht nicht nur von Justiz, Polizei, Opferschutz und Täter:innenarbeit aus, sondern im Idealfall von uns allen.

MOMENT.at: Ganz polemisch gefragt: Ist es dann überhaupt möglich, jemanden, der diese Art von Verbrechen begangen hat, so weit zu bringen, dass er keine Gefahr mehr für Frauen darstellt?

Grohs: Wenn es entsprechende Auflagen und Kontrollmaßnahmen gibt, ist die Rückfallquote bei Sexualdelikten niedriger als bei fast allen anderen Deliktarten. Das stimmt uns zuversichtlich. In der Bewährungshilfe arbeiten wir mit Sexualstraftäter:innen meist drei, oft auch fünf Jahre lang. Zusätzlich müssen sie oft auch eine Therapie machen. Durch die Kombination von Betreuung und Kontrolle ist bei den meisten ein Zugang möglich. Die Täter:innenarbeit ist absolut nicht dafür da, die Täter:innen zu verstehen im Sinne von „etwas zu entschuldigen“. Sondern dafür, dass sie erkennen, was dazu geführt hat, dass sie straffällig geworden sind. Und eine stärkere Motivation entwickeln, das zu ändern.

MOMENT.at: Welche Ansatzpunkte gibt es, um diese Art von Verbrechen erstens möglichst zu verhindern und zweitens schneller zu entdecken?

Grohs: Das eine ist, dass Menschen auf Warnsignale achten, vor allem Frauen. Regelmäßige Erinnerungslücken, Blackouts, Unwohlsein nach dem Aufwachen – das sollte man abklären.

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Was tun bei Verdacht auf „chemische Unterwerfung“ durch den Partner?
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Ob Gisèle Pelicot in Avignon, „Daniela Gruber“ in Niederösterreich oder „Marlene“ in Niedersachsen: Sie alle ahnten nicht, was ihre damaligen Partner ihnen antaten – aber sie alle hatten gesundheitliche Beschwerden, die sich im Nachhinein durch die Verbrechen erklären ließen. Dazu gehörten recht allgemeine Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindelanfälle oder Durchfall und etwas spezifischere wie extreme Müdigkeit (die Betroffenen schliefen ohne ersichtlichen Grund teils bis zum Nachmittag), Gedächtnislücken, ein Bleigeschmack im Mund, gynäkologische Beschwerden oder Schmerzen im Unterleib.

Was kannst du tun, falls du den Verdacht hast, dass du oder eine dir nahestehende Person betroffen sein könnte?

Die folgenden Empfehlungen haben wir auf Basis von Gesprächen mit der Opferanwältin Sonja Aziz und mit der Gerichtsmedizinerin Katharina Stolz, Leiterin der Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene an der Medizinischen Universität Wien, erstellt.

  • In Wien und Graz gibt es spezialisierte Gewaltambulanzen. Dort können Betroffene sich nach einer Terminvereinbarung kostenlos und ohne e-Card untersuchen lassen und bekommen Informationen zu weiteren Hilfsangeboten. Die Ärzt:innen dort sichern und dokumentieren Spuren nach gerichtlich gültigen Standards. Dusche nach einem möglichen Übergriff vor dem Besuch nicht und putze dir nicht die Zähne. Nimm Kleidung und andere Textilien mit, auf denen Spuren zu finden sein könnten (packe sie nicht in Plastik ein, sondern in einen Papiersack).
  • Ist keine dieser Ambulanzen für dich gut erreichbar, kannst du dich an jedes Krankenhaus und jeden Arzt/jede Ärztin deines Vertrauens wenden. Versuche möglichst schnell dorthin zu gelangen – viele Arten von K.o.-Tropfen lassen sich in Harn und Blut nur für kurze Zeit nachweisen.
  • Wenn du benommen aufwachst und den Verdacht hast, am Vorabend betäubt worden zu sein, kannst du noch zuhause selbst eine Urinprobe in einem Gefäß sichern und sie möglichst schnell zum Arzt oder ins Krankenhaus bringen.
  • Nicht alle Labore können Untersuchungen auf K.o.-Mittel durchführen. Das können nur forensisch-toxikologische Labore. Bitte den Arzt oder die Ärztin darum, deine Probe in ein solches spezialisiertes Labor zu schicken.
  • In Haarproben können Substanzen über einen längeren Zeitraum nachweisbar sein, vor allem, wenn sie wiederholt verabreicht werden. Um die Untersuchung einer Haarprobe einzuleiten, ist aber ein konkreter Anfangsverdacht oder eine Anzeige bei der Polizei nötig.
  • Achte darauf, ob du Verletzungen an deinem Körper findest. Wenn ja, halte sie fotografisch fest.
  • Wenn du immer wieder Beschwerden hast, die du dir nicht erklären kannst, führe Tagebuch darüber und sprich mit deinem Hausarzt oder deiner Hausärztin. Dann sind deine Symptome schon mal dokumentiert – das ist hilfreich, falls der Verdacht später konkreter wird.

Sensibel und vorsichtig sein bei Kontrolle in der Beziehung, auch wenn sie als Liebe oder Interesse getarnt wird – wenn der Partner zum Beispiel den uneingeschränkten Zugriff auf das Handy will oder die Frau immer erklären muss, wo sie ist und was sie macht. Und wenn eine Person sich jemandem anvertraut: dem Opfer glauben. Kein Victim Blaming betreiben. Nicht sagen, „naja, dann trink halt nicht so viel“. Ein anderer Punkt ist die gesellschaftliche Prävention.

MOMENT.at: Was meinen Sie damit?

Grohs: Diese Art von Delikten will man sich nicht einmal vorstellen. Die Gesellschaft verdrängt und tabuisiert sie. Der Fall Pelicot hat sie ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und auch gezeigt, dass die Täter aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Wenn über das Thema berichtet wird, wenn die Gesellschaft offen darüber redet, es richtig einordnet und klar benennt, dass solche Übergriffe Gewalt sind und durch nichts zu entschuldigen – dann wird ein potenzieller Täter sein Verhalten eher schon zu Beginn der Entwicklung hinterfragen und sich Hilfe suchen. Zum Beispiel bei Männerberatungen oder Therapeut:innen, auch wenn es da leider nicht so viele Angebote gibt. Aber bei diesem Thema sind wir auch alle gefragt.

MOMENT.at: Was müssen wir tun?

Grohs: Wenn jemand in einer Runde Witze darüber macht, Anspielungen – dann nicht mitlachen oder so tun, als ob man es nicht gehört hat. Sondern es ansprechen: Wie meinst du das? Hellhörig und aufmerksam sein. Zivilcourage zeigen. Hinblicken, wenn uns etwas seltsam vorkommt, vor allem auch bei schambehafteten Themen. Prävention geht nicht nur von Justiz, Polizei, Opferschutz und Täter:innenarbeit aus, sondern im Idealfall von uns allen.

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