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Demokratie
Kapitalismus

Schwedens Wohlfahrtsstaat nach 30 Jahren neoliberalem Experiment: "Bullerbü ist abgebrannt"

Schwedens Wohlfahrtsstaat nach 30 Jahren neoliberalem Experiment:
Eine ländliche Siedlng in Schweden, wie man sie aus Astrid Lindgrens Bullerbü kennt
Schweden wählt am Sonntag ein neues Parlament. Das Land ist nicht mehr das soziale Vorbild, das es einst war. Durch Privatisierungen ist aus dem schwedischen Wohlfahrtsstaat ein Mekka für gewinnorientierte Wohlfahrtskonzerne geworden. Ein Beitrag über die Folgen von 30 Jahre Privatisierung – und die Lehren für Österreich.

Kontext: Am 13. September 2026 wählt Schweden ein neues Parlament. Seit 2022 regiert eine rechte Minderheitsregierung aus Liberalen und Konservativen. Sie wird von den radikal rechten "Schwedendemokraten" unterstützt. Umfragen sagen auch diesmal ein knappes Rennen zwischen einer mitte-linken und rechten Mehrheit voraus. Die klar stärkste Partei dürften die Sozialdemokraten werden. Sie liegen in den jüngsten Prognosen über 30 Prozent und haben Schweden zuletzt zwischen 1996 und 1998 allein regiert. Die "Schwedendemokraten" liegen in den Umfragen am zweiten Platz - ähnlich wie bei der vorherigen Wahl könnten sie rund 19 Prozent erreichen. (red)

Schweden hat seinen Ruf zu verlieren. Über Jahrzehnte war Schweden eine Art Projektionsfläche für die, die zeigen wollten, dass ein starker Sozialstaat funktioniert: gute Schulen, Gesundheitsversorgung für alle, flächendeckender Angebot an Kindergärten. 1990 lag die schwedische Steuerquote bei fast 50 %.

Das bedeutet, dass die Hälfte der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP) demokratisch umverteilt wurde. Wenn heute in Wien oder Berlin über soziale Reformen gestritten wird, fällt der Name Schweden erstaunlich oft – meist als Beleg für einen großzügigen Sozialstaat.

Aber das idyllische Bullerbü aus Astrid Lindgrens Büchern ist abgebrannt. In meiner Studie Don’t try this at home, zeige ich, wie aus dem sozialdemokratischen Vorzeigemodell das am stärksten vermarktlichte Wohlfahrtssystem Europas wurde.

Schulen, Spitäler, Kindergärten, – vieles wird heute von gewinnorientierten, oft multinationalen Konzernen betrieben. Die Steuerquote liegt jetzt bei 40,5 Prozent. 31 Prozent der Schüler besuchen heute ein privat betriebenes Gymnasium (zwei Drittel davon von Aktiengesellschaften, die auf Gewinn optimiert sind), und etwa die Hälfte der früher öffentliche Arztpraxen sind privatisiert, so wie ein Fünftel der Kindergärten.

Bezahlt werden diese Sozialleistungen weiter aus Steuergeldern, aber die Kontrolle liegt zunehmend bei Aktiengesellschaften und Großkonzerne, statt bei Gemeinden oder der Staat.

Der Trick heißt „Wahlfreiheit”

Das ist eine Entstaatlichung. Aber so werden die Privatisierungen selten bezeichnet. Stattdessen werden sie als „Wahlfreiheit“ verkauft. Die Bürger:innen können dann angeblich frei zwischen verschiedenen Anbieter wählen.  Der Wettbewerb soll zu besserer Qualität und niedrigeren Kosten führen; alle gewinnen – so das märchenhafte Versprechen.

In der Praxis wählen aber nicht die Menschen die Anbieter:innen, sondern die Anbieter:innen ihre Kund:innen. Übergewinne können nur so erwirtschaftet werden. Um Shareholder Gewinne auszahlen zu können wird aus „Wahlfreiheit für alle” Rosinenpickerei für einzelne Unternehmer.

In der Bildung bedeutet das etwa: Die Schulen suchen sich ihre Schüler:innen aus und nicht umgekehrt. Ein gewinnorientiertes Schulunternehmen geht dorthin, wo die rentabelsten Schüler sind – etwa Kinder mit gut ausgebildeten Eltern, die keine fremde Muttersprache haben, und keine Sonderbedürfnisse.

Im Gesundheitswesen sieht es ähnlich aus. Profitmaximierende Arztpraxen lassen sich in die Innenstadt oder in anderen wohlhabende Viertel nieder. Sie richten ihr Angebot an junge, eher gesunde, gut situierte Menschen. In den ärmeren Vierteln und auf dem Land entsteht somit eine Unterversorgung der Sozialleistungen.

Diese Folgen von Entstaatlichung sind keine schwedisches Besonderheit.  Man kann sich dafür auch in Großbritannien oder in den USA umsehen. Diese Folgen enstehen überall, wo öffentliche Versorgung privatisiert wird Es entspricht einer Grundlogik wenn Gewinnorientierung in der Daseinsvorsorge Einzug hält.

Österreich wird vermutlich keine Ausnahme sein. Ein Beispiel aus der Pflege gibt es ja schon. Im burgenländischen Bad Sauerbrunn wies ein privates Pflegeheim „Rosengarten” zunächst Gewinne aus. Sie wurden an die Eigentümer ausgeschüttet – aber kurz darauf Insolvenz plötzlich angemeldet. Das ist kein Einzelfall, sonder das Muster: Die Personalkosten sind in der Pflege der größte Ausgabenblock – und damit der erste Hebel für kurzfristige Gewinne. Wird beim Personal gespart und wandert Geld nach oben ab, steht am Ende ein Scherbenhaufen.

Gesundheit: Die Zwei-Klassen-Medizin ist schon da

Schwedens Erfahrung zeigt, wohin die Reise hin geht, wenn man den Betrieb des Gesundheitssystem den Konzernen überlässt: Behandelt wird, was sich rechnet, von tausenden Knieoperationen die ohne Beweis ihrer Sinnhaftigkeit durchgeführt worden sind, über digitale Angebote, die eine profitable aber künstliche erschaffenen Nachfrage befriedigen. Nicht, weil Ärzt:innen böswillig wären, sondern weil das Geschäftsmodell der gewinnorientierten Konzerne es verlangt. Sie müssen und wollen möglichst viel Erträge mit möglichst geringem Aufwand erwirtschaften.

Wie tödlich diese Logik werden kann, zeigt die bislang sauberste Studie dazu aus Stockholm. Patient:innen wurden nach Zufallsprinzip Rettungswegen zugeteilt, die entweder öffentlich oder privat betrieben werdenDann wurde verglichen, was mit den Menschen passiert ist.. Das Ergebnis: Die privaten, im Preiswettbewerb beauftragten Ambulanzen erfüllten das, was im Vertrag stand – die Ausrückzeit – tadellos. Aber eine Größe, die nicht im Vertrag stand, verschlechterte sich: die Überlebensquote.

Wer von einem privaten Rettungswagen abgeholt wurde, hatte ein um 1,4 Prozent höheres Risiko, binnen drei Jahren zu sterben – hochgerechnet wären das rund 420 zusätzliche Tote pro Jahr.  Zum Vergleich: Der gesamte Straßenverkehr in Schweden fordert 200 bis 300 Tote jährlich.

Der Grund dafür ist belegt: Die Firmen sparten am Personal – mehr Überstunden, weniger Erfahrung, höhere Fluktuation. Der Wettbewerb optimierte, was gemessen wurde, und ließ verkommen, was eigentlich der Zweck der Ambulanzen war. Das Überleben der Menschen zu sichern. Stockholm hat die Rettungsdienste inzwischen wieder in öffentliche Hand zurückgeholt.Kosten sparen und Übergewinne abschöpfen, dieser Mechanismus wird in Schweden sehr deutlich. Eine Warteliste für Versorgungsdienste, eine volle Belegung, ein sicherer Auftrag der öffentlichen Hand – für Investor:innen ist das wie selbst Geld zu drucken. Je länger die Warteliste desto mehr zukünftige Erträge. Umfassende, universelle Versorgung leisten diese Geschäftsmodelle nicht; sie picken sich profitable Teile heraus, solange es sich lohnt.

Privatschulen und Profit-Kindergärten: die Tür, die man nicht mehr zubekommt

Am radikalsten war Schweden bei den Schulen. Bildung wurde zum Markt über ein Gutscheinsystem. Kinder bekommen einen virtuellen Rucksack mit Geld um ihre Ausbildung dann von Dienstleistern zu kaufen – „das Geld folgt dem Kind”, ein Konzept aus der Werkstatt des neoliberalen Vordenkers Milton Friedmans  Richtig profitabel wurde das erst, als der Staat die Finanzierung auf 100 Prozent anhob.

Die privaten Schulen werben vor allem um Kinder, die einfach zu unterrichten sind. Kinder mit mehr Förderbedarf bleiben zurück. Nicht die Schüler:innen – zumindest nicht alle - suchen sich also die Schule aus, sondern die Schulen die Schüler:innen. Weil pro Kind grundsätzlich dieselbe Pauschale fließt, ist das rentabelste Kind das billigste – eines ohne besonderen Förderbedarf, ohne Verhaltensauffälligkeiten, ohne fremde Erstsprache, mit Frühstück am Morgen und Eltern, die bei den Hausaufgaben helfen können. Ein Kind aus einer einkommensschwachen Familie, mit Lernschwierigkeiten oder Sprachförderbedarf wäre dagegen ein Verlustgeschäft.

Weil Schulen ihre Zeugnisse selbst vergeben (es gibt in Schweden keine staatliche Matura), wurden gute Noten zum Werbemittel: eine Noteninflation ist mittlerweile durch PISA und staatliche Kommissionen gut dokumentiert. Bei sinkendem Leistungsniveau werden die Noten in den Privatschulen besser.

Wie diese Auslese praktisch funktioniert, zeigt Schweden: Beliebte Freischulen nehmen nach Wartezeit und Wartelisten auf. Und wieder: diese Wartelisten sind für Bildungskonzerne wie “Geld auf der Bank” um zukünftige Erträge abzuschöpfen. Diese Bildungsanbieter haben kein eigenes Interesse daran an diesen kaputten System etwas zu ändern.

Bei der größten Bildungsanbieter-Kette liegt die Warteschlange im Schnitt bei über zwei Jahren – wer sein Kind nicht praktisch vom Kreißsaal weg anmeldet, hat keine Chance; ein im Januar geborenes Kind ist gegenüber einem im Dezember geborenen im strukturellen Vorteil. Das bevorzugt Mittelschichtsfamilien, die gut informiert und organisiert sind und benachteiligt Neuankömmlinge. Eine staatliche Kommission und die damalige Bildungsministerin nannten die Warteschlangen-Auswahl offen eine Einladung zur Segregation.

Subtile Vertreibung und Ausschlüsse

Andere Schulen sortieren subtiler: über den Standort im wohlhabenden Viertel oder indem sie kostspieligen Förderunterricht gar nicht erst anbieten. Dann gehen Familien mit Förderbedarf von selbst woanders hin.  Die öffentliche Schule verkommt so zur Restschule.

Am anderen Ende zeigt sich, was dabei herauskommt. Schwedens Universitäten klagen seit Jahren, dass Studienanfänger:innen weniger wissen.

Zwei Drittel der Hochschullehrenden geben an, dass die Schreibfähigkeit der Studierenden nur teilweise oder gar nicht den Anforderungen. entspreche Der Grund liegt im Geschäftsmodell: Weil Noten großzügig verschenkt werden und eine „leichte Schule” für Eltern zum Verkaufsargument geworden ist. Manche Schulen laufen dazu mit einem Minimum an geprüften Lehrkräften, die die Noten bloß formal unterschreiben. Der Unterricht wird großteils von nicht qualifiziertem Personal gehalten – oder sogar in „Stunden ohne Lehrkraft“.

Das alles führt außerdem zu einer strukturellen Bevorzugung von oberen Mittelschichtkindern, die in der richtigen Gegend wohnen und in die richtige - in dem Fall “leichte” Schule gehen. Denn im schwedischen Aufnahmesystem der Hochschulen zählt nicht das Wissen, sondern der Notenschnitt.

Wer fair benotet wird, hat einen Nachteil

Eine echte Leistung von Schüler:innen in “richtigen”, öffentlichen Schulen wird damit zur Hürde gegenüber großzügigerer Benotung in Privatschulen. Als die Handelshochschule Stockholm feststellte, dass die Gymnasialnoten zu unzuverlässig geworden waren, führte sie 2025 kurzerhand eine Zusatzhürde ein: Wer sich bewerben will, muss seither ein Mindestergebnis im standardisierten Hochschultest vorweisen – egal, wie gut das Zeugnis ist.

Für Österreich ist die relevanteste Lehre vielleicht nicht das Schulsystem selbst, sondern eher die Kinderbetreuung. Wo Kindergartenplätze knapp sind, drängen private, gewinnorientierte Anbieter am schnellsten hinein – Schweden erlebt gerade eine breite Übernahme der Kinderbetreuung von privaten Anbietern. Die Lehre ist deutlich: lieber Gemeinden, gemeinnützige Träger oder nicht-gewinnorientierte Elternkooperativen Kindergärten anbieten lassen. Denn hat man die profitorientierte Unternehmen einmal im System, bekommt man sie schwer wieder heraus. Die Übergewinne finanzieren nämlich das Lobbying gegen jede Rücknahme. Das ist der eigentliche Kern: Privatisierung verändert nicht nur, wer eine Leistung erbringt – sie verschiebt Machtstrukturen, und die halten.

Kriminelle drängen ins neoliberale System

Und es geht eine Stufe weiter. Wo pro Kind öffentliches Geld an Private fließt und die Kontrolle schwach ist, kann die Kinderbetreuung sogar zum Werkzeug der organisierten Kriminalität werden. In Schweden betreiben Personen mit Verbindungen zu kriminellen Netzwerken Kindergärten – nicht, um Kinder zu betreuen, sondern um an die staatlichen Zuschüsse zu kommen und Geld aus ihren Netzwerken zu waschen. Behörden dokumentieren Fälle, in denen Betreiber:innen zuvor in Ermittlungen aufgetaucht oder bei der Vollstreckungsbehörde verschuldet waren – und trotzdem eine „pädagogische” Einrichtung mit kommunalem Geld eröffnen konnten.

Große Summen wanderten auf Privatkonten oder in sachfremde Zwecke ab, die Betreuung war Nebensache. Es ist derselbe Hebel wie überall im vermarktlichten Wohlfahrtsstaat, nur zynischer: Schwedens Schulinspektion wurde 2024 eigens der Auftrag erteilt, „ungeeignete oder kriminelle Akteure” aus dem Bildungswesen fernzuhalten – weil Schul- und Kita-Betrieb zum Straftatwerkzeug geworden war.

Die eigentliche Lehre

„Sparen im System” ist das Mantra, das jede Kürzung begleitet. Es ist in Österreich so wenig aufgegangen wie die Marktversprechen in Schweden. Frisches Geld bringt die Privatisierung dem Staat auch nicht: Was Investor:innen einzahlen, wollen sie mit Aufschlag zurück. Die Engstelle bleibt immer das Personal – und dort wird zuerst gespart.

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