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Arbeitswelt

Der Arbeitsmarkt friert ein: Warum das so ist, und was wir jetzt tun müssen

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Der Arbeitsmarkt friert ein. Vor allem junge Menschen und Frauen finden keine Jobs. Unternehmen machen den Einsteig schwer. Was passiert eigentlich, wenn du arbeiten willst, aber immer kaum noch einen Arbeitsplatz findest? Und was kann die Politik jetzt tun? Moment mal mit Barbara Blaha.

Genau darum geht es beim österreichischen Arbeitsmarkt. Die Schwierigkeiten zeigen sich besonders dort, wo Menschen “neu” hineinwollen. Also am Anfang der Berufslaufbahn, bei den Jungen, bei Leuten, die eine Zeit lang arbeitslos sind, und bei den Frauen. 

Beim Momentum Institut haben wir uns angeschaut, wie häufig Menschen, die arbeitslos sind, wieder einen Job finden. Unsere Auswertung zeigt: Dieser Zugang ist deutlich schwieriger geworden, heute kommt man fast so schwer hinein wie während Corona. Der Arbeitsmarkt verliert an Bewegung, er friert ein.

Schauen wir uns zuerst das Verhältnis von Leuten an, die einen Job suchen und wie viele offene Stellen überhaupt da sind, an. 

2023 kamen auf eine beim AMS gemeldete offene Stelle rund zwei arbeitslose Menschen. Im Durchschnitt der letzten zwölf Monate kommen bereits vier Leute die einen Job suchen auf jede offene Stelle. Das Verhältnis hat sich verdoppelt.

Auch die Daten der Statistik Austria zeigen den Rückgang deutlich. Zwischen April und Juni, also im 2. Quartal, gab es um 17 Prozent weniger offene Stellen als im Jahr davor im selben Zeitraum. Viele arbeitslose Menschen auf wenig offene Stellen heißen übrigens auch nicht, dass die Jobs weggehen, wie die warmen Semmeln. Nicht jede Person kann jeden Job machen. Eine Ausbildung lässt sich nicht über Nacht austauschen. Und ein Arbeitsplatz, dessen Schicht beginnt, bevor der Kindergarten aufsperrt, kann für eine Mutter mit Kleinkind unerreichbar sein.

Warum aber gibt es so viel weniger offene Stellen, oder anders gefragt, warum stellen Unternehmen grade so wenig Leute ein Ein Teil der Erklärung ist die fehlende Nachfrage. In einer Unternehmensbefragung vom Juli, sagten die Unternehmen, sie stellen wenig ein, weil wenig Nachfrage da ist. Das ist das mit Abstand größte Hemmnis für sie.

Wer einen Beruf hat, muss erstmal gar nichts merken

Wer bereits einen Job hat, muss diese Zurückhaltung gar nicht unbedingt mitbekommen. Eine Firma kann ihre Belegschaft ja halten und gleichzeitig eine geplante Erweiterung verschieben. Oder eine Stelle, die frei wird, weil der Kollege in Pension geht, wird länger nicht nachbesetzt. Da wird noch niemand gekündigt, alles läuft weiter wie bisher - für alle, die drin sind.  

Warum kündigen die Unternehmen nicht mehr Leute, wenn die Lage grade schwierig ist? Ein Erklärungsansatz ist “labour hoarding”, also das Halten von Personal trotz schwacher Auslastung. Betriebe versuchen die Erfahrung und ihre eingearbeitete Teams zu bewahren, damit sie später, wenn der Laden wieder richtig brummt, nicht erst mühsam neue Leute finden und einschulen müssen.

Aber: Einstieg unmöglich

Für Beschäftigte im Betrieb schaut also alles stabil aus. Für Menschen außerhalb des Betriebs gibts aber null Einstiegsmöglichkeiten. Das erklärt, warum ein Arbeitsmarkt für bereits Beschäftigte relativ stabil aussehen kann und für Arbeitssuchende gleichzeitig schwierig ist.

Besonders deutlich spüren das derzeit die Frauen hierzulande.

Im August waren 6,3 Prozent mehr Frauen arbeitslos gemeldet als ein Jahr zuvor. Bei Männern waren es 0,7 Prozent. Seit mehr als drei Jahren liegt die Frauenarbeitslosigkeit Monat für Monat über dem jeweiligen Vorjahreswert. Und die Bewegung zurück in Beschäftigung wird schwächer.

Wenn man sich ansieht, wie viele Frauen aus der Arbeitslosigkeit gerade wieder in einen Job finden im Verhältnis zu allen arbeitslosen Frauen, dann kann man daraus ablesen, wieviel Bewegung gerade am Arbeitsmarkt für Frauen ist.  Die Arbeitsaufnahmen liegen im Schnitt der letzten 12 Monate bei 7,1 Prozent. So niedrig war sie seit 2007 noch nie. Damals lag sie bei 11,1 Prozent. Warum ist es gerade bei den Frauen so schwierig?

Bei den Frauen kommt zum schwachen Arbeitsmarkt mit wenig Nachfrage noch eine gesetzliche Veränderung dazu. Wir steigern das Frauenpensionsalter gerade schrittweise von 60 auf 65 Jahre.

 

Und das hat natürlich Auswirkungen. Kaum wurde das Pensionsalter der Frauen erstmalig erhöht, stieg die Arbeitslosigkeit bei den 60-jährigen Frauen stark. Seit heute zieht auch die Arbeitslosigkeit  der 61-Jährigen deutlich an.

Eine Frau, die bereits arbeitslos ist und früher mit 60 in Pension hätte gehen können, bleibt jetzt länger am Arbeitsmarkt. Findet sie keine Beschäftigung, verlängert sich ihre Arbeitslosigkeit. 

Die Jobsuche dauert immer länger

Andere Frauen hingegen, die die einen Job haben, bleiben länger beschäftigt. Die AMS-Auswertung des ersten Reformjahres zeigt beide Entwicklungen: wir sehen mehr Arbeitslosigkeit und mehr Beschäftigung bei über 60-jährigen Frauen. Und wenn ich Frauen länger am Arbeitsmarkt halte, dann können auch weniger Junge nach. 

Die zweite Gruppe, die grade nicht vom Fleck kommt, sind übrigens die Jungen. Bei unter 25-Jährigen liegen die Arbeitsaufnahmen, gemessen am Arbeitslosenbestand unter dem Niveau während Corona. Wie kann das sein? Warum suchen die Jungen trotz guter Ausbildung monatelang einen Job? 

Eine Studie aus den USA liefert uns Hinweise, warum das so ist. Forschende der Universität Stanford haben amerikanische Daten von mehreren Millionen Beschäftigten ausgewertet. Ihre Studie heißt “Canaries in the Coal Mine?”. Also: Kanarienvögel im Kohlebergwerk. Die Vögel wurden früher im Bergbau als Alarmsystem unter Tage eingesetzt. Sobald der Kanarienvogel unruhig wurde, das Singen einstellte oder ohnmächtig von der Stange fiel, wussten die Bergleute, dass sie die Mine sofort verlassen mussten: Gefährliche, aber geruchlose Gase waren in der Mine ausgetreten. Die Vögel dienten als frühes Warnsignal.

Zurück zur Studie. Sie hat folgendes herausgefunden: Bei 22- bis 25-Jährigen in Berufen, deren Aufgaben besonders stark durch KI übernommen werden können, bleibt die Beschäftigung deutlich hinter der Entwicklung in weniger betroffenen Berufen zurück. Die Beschäftigung liegt inzwischen 19 Prozent unter dem Niveau, das in weniger KI-exponierten Berufen erreicht hätte.

Das Problem trifft die Jungen

Aber jetzt kommt der Clou: Bei erfahrenen Beschäftigten zeigt sich keine vergleichbare Lücke. Die Entwicklung läuft vor allem über weniger Einstellungen von jungen Menschen.

Die Forschenden betonen: Die Daten beweisen nicht, dass KI diese gesamte Lücke verursacht hat. Aber der mögliche Mechanismus betrifft eine ziemlich grundlegende Frage: Wie entsteht Berufserfahrung?

Stellen wir uns eine junge Programmiererin vor. Sie übernimmt zunächst überschaubare Aufgaben. Schreibt einen ersten Programmentwurf. Eine erfahrene Kollegin erklärt, wo der Fehler liegt. Beim nächsten Mal erkennt sie ihn selbst. Wenn eine Firma diese Einstiegsaufgaben vollständig an KI überträgt und deshalb niemanden Jungen mehr einstellt, verschwindet diese Lerngelegenheit. Die Stanford-Forschenden diskutieren genau diese Unterscheidung: standardisiertes, dokumentiertes Wissen auf der einen Seite und Erfahrungswissen, das durch Praxis entsteht, auf der anderen.

Ein Risiko für Wirtschaft und Unternehmen

Daraus ergibt sich ein ziemliches Risiko. Unternehmen benötigen später weiterhin erfahrene Fachkräfte, arbeiten aber derzeit immer weniger Nachwuchs ein. Wer heute die Einstiegsstellen streicht, braucht morgen über den Fachkräftemangel nicht heulen. 

Und was macht das mit Menschen, die trotz intensiver Suche länger ohne Beschäftigung bleiben? 

Der Unterschied zwischen einem Arbeitsplatzverlust, wenn die Wirtschaft burmmt und man schnell wieder was findet und der Jobsuche auf einem eingefrorenem Arbeitsmarkt  ist erheblich. Eine kurze Unterbrechung ist leicht überbrückbar. Bleibt der Zugang aber länger verschlossen, verlängert sich die Zeit mit geringerem Einkommen, und ich kann über Monate wenn nicht Jahre keine Berufserfahrung sammeln. Es hat auch eine Auswirkung für alle, die schon einen Job haben. Wenn sich auf dem Arbeitsmarkt so wenig rührt, dann wird mir ein Jobwechsel nur schwer gelingen. Das weiß aber auch der Chef, meine Forderung nach einer Lohnerhöhung muss er deshalb viel weniger erfüllen.

Was könnte man jetzt tun um den Arbeitsmarkt wieder in Bewegung bringen? Drei Ideen dafür: 

Erstens: Mehr Nachfrage muss her!

Bund, Länder und Gemeinden können mit öffentlichen Investitionen Nachfrage schaffen. Wenn eine Gemeinde ihre Schule saniert, bekommen Unternehmen Aufträge. Dann brauchen sie auch wieder mehr Personal. Werden wir ganz konkret: Ein Hitzeschutzpaket zur Sanierung der Schulen und Kindergärten hierzulande wäre dringend nötig. Die Europäische Union erlaubt gerade zusätzliche Investitionen im Klimabereich, die zum Schuldenstand deshalb nicht dazugezählt werden. Trotz Sparbudget könnten wir auf diese Weise knapp 3.000 Schulen und Kindergärten hitzefit machen, würden jede Menge CO2 einsparen und ordentliche Jobs schaffen.  

Zweitens: Die Arbeitszeit muss runter!

Gerade im Zusammenhang mit KI stellt sich eine politische Verteilungsfrage. Wenn die KI uns Arbeit abnimmt, stellt sich eine Frage: Was passiert mit der gewonnenen Zeit? Ein Unternehmen könnte mehr produzieren. Es könnte mit weniger Personal auskommen. Oder kürzere Arbeitszeiten vereinbaren. Der arbeitsmarktpolitische Gedanke dahinter: Sinkt der Bedarf an Arbeitsstunden, könnte eine kürzere Normalarbeitszeit dazu beitragen, die Beschäftigung auf mehr Menschen zu verteilen. 

Und für Menschen, die trotzdem länger keinen Arbeitsplatz finden, gibt es einen weiteren Ansatz:

Drittens: die Arbeitsplatzgarantie.

Wer lange keinen Job findet, bekommt einen. Sinnvoll und öffentlich.  

Statt Arbeitslosigkeit könnten wir auch eine Jobgarantie finanzieren. (Was ist eine Jobgarantie?) Im Marienthal in Niederösterreich gab es dazu bereits ein Pilotprojekt. (Mehr dazu von MOMENT.at: Interview mit dem Studienautor. Die Geschichten von Menschen in einer Jobgarantie. Mehr zu den Hintergründen des Experiments.)

Findet sich kein Arbeitgeber, gibt es ein Arbeitsplatzangebot in einem Sozialunternehmen mit Bezahlung nach Kollektivvertrag. Aufgaben und Begleitung wurden an die Möglichkeiten der Leute angepasst. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet - und siehe da: es gab einen deutlichen Rückgang der Langzeitarbeitslosigkeit, die Leute hatten mehr Einkommen und es ging ihnen besser. Und all das ist so teuer nicht. Die Forschenden schätzen die zusätzlichen öffentlichen Nettokosten auf durchschnittlich 237 Euro pro teilnehmender Person und Monat, gerechnet über die gesamte Programmlaufzeit. 

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