Christliche Rechte: "Islamische Staaten haben das richtige Modell, aber die falsche Religion"

MOMENT.at: Es geht um eine christliche Strömung, die die liberale Demokratie gefährdet: Den (Neo-)Integralismus. Was fordern die Vertreter:innen und inwiefern gefährdet das die Demokratie?
Sigrid Rettenbacher: Der Integralismus zielt darauf ab, dass sich die weltliche Gewalt der geistlichen Gewalt unterordnet, also der Staat der Kirche. Vertreter:innen fordern beispielsweise, dass die Staatsbürgerschaft an der katholischen Taufe hängen soll. So werden Katholik:innen bevorzugt und erhalten mehr Rechte als Angehörige anderer Religionen oder Personen, die nicht religiös sind. Das schränkt natürlich die Rechte erheblich ein, die in einer liberalen Demokratie gegeben sind.
Der Integralismus richtet sich genau gegen diese liberalen Werte. Im Liberalismus ist die kleinste relevante Einheit das Individuum mit seinen Rechten. Integralist:innen sehen die Familie in der katholischen Form, also die Ehe zwischen Mann und Frau mit ihren Kindern, als die kleinste relevante Einheit der Gesellschaft. Da stellt sich die Frage, welchen Wert etwa alleinstehende Frauen oder gleichgeschlechtliche Paare in dieser Gesellschaft haben.
Wenn ich beispielsweise sage, dass Familie mehr ist als die Ehe zwischen Mann und Frau, ist das in den Augen von Integralist:innen wahrscheinlich nicht rechtgläubig. Im schlimmsten Fall könnte ich dann in einem integralistischen System meine Staatsbürgerschaft verlieren, da diese an der Taufe und am rechten katholischen Glauben hängt. Ein freies Zusammenleben, Meinungsfreiheit und auch Religionsfreiheit sind dann nicht mehr möglich.
MOMENT.at: Was bedeutet diese Ideologie für Frauen?
Rettenbacher: Nicht mehr das Individuum und seine Rechte sollen im Zentrum stehen, sondern natürliche Ordnungen, Hierarchien und traditionelle Rollenbilder. Das Oberhaupt der Familie ist gemäß einer solchen traditionellen Rollenvorstellung der Mann. Da die Gesellschaft von der Familie her gedacht wird, reicht es, wenn der Mann stellvertretend für die Familie wählt. Das wäre letztlich gleichbedeutend mit der Abschaffung des Frauenwahlrechts. Ein entsprechendes Video hat Pete Hegseth, „Kriegsminister“ in den USA, auf seinen Social-Media-Kanälen geteilt.
Frauen werden so wieder in eine massive Abhängigkeit getrieben. Das ist besonders traurig, wenn man bedenkt, dass gewisse Frauenrechte erst vor einigen Jahrzehnten erkämpft wurden, wie das Recht auf ein eigenes Bankkonto oder ohne Zustimmung des Mannes arbeiten zu können. Diese Rechte werden nun wieder in Frage gestellt.
MOMENT.at: Der Integralismus richtet sich aber nicht nur gegen Frauen und Frauenrechte. Die rechten Christ:innen haben noch mehr Feindbilder. Welche sind das?
Rettenbacher: Alles rund um das Thema Geschlecht und LGBTQIA. Es gibt in dieser Sichtweise nur Mann und Frau in einer heterosexuellen Beziehung. Dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sowohl medizinisch als auch sozial viel komplexer sind, wird vollkommen ausgeblendet. In den USA gibt es auch schon Beispiele, was das für LGBTQIA+-Personen im Alltag bedeutet: Wenn ein Bäcker für ein gleichgeschlechtliches Paar keine Hochzeitstorte backen möchte, weil er das nicht mit seiner Religion vereinbaren könne, dann stellt sich die Frage, welches Recht schwerer wiegt: Das Recht des gleichgeschlechtlichen Paares, nicht diskriminiert zu werden, oder das Recht auf Religionsfreiheit des Bäckers.
Wenn der Diskurs verschoben wurde, dann werden einige Bürger:innen vielleicht gleich das rechte Original wählen, also die FPÖ.
Neben der LGBTQIA+-Community sind auch jegliche Menschen gefährdet, die anderen Religionen angehören, insbesondere Migrant:innen. Letztlich läuft es auf ein religiös begründetes rassistisches System hinaus.
MOMENT.at: Sie haben nun schon ein paar Mal die USA erwähnt. Die Ideologie kommt vor allem aus den USA und strömt aber auch nach Europa. Dabei spielt Österreich eine wichtige Rolle. Inwiefern?
Rettenbacher: 2012 fand in Trumau eine Tagung an der Katholischen Hochschule ITI statt, bei der wichtige Vertreter des Integralismus dabei waren – wie etwa Edmund Waldstein –, die dieses Gedankengut in Europa verbreitete haben und immer noch verbreiten. Diese Tagung gilt als Geburtsstunde des Neo-Integralismus in Europa. (Anmerkung der Redaktion: Edmund Waldstein ist Mönch und ehemaliger Dozent in Heiligenkreuz. Im Blogbeiträgen forderte er die Errichtung eines katholischen Gottesstaates und er bezeichnete die Todesstrafe für Häretiker als legitim, also für Personen, die von der offiziellen Glaubenslehre abweichen. Das Stift Heiligenkreuz hat sich offiziell distanziert.)
Außerdem gibt es „Akademien“ wie Europa Aeterna, die vorgeben, wissenschaftlich zu arbeiten und mit Vorträgen und Publikationen ihre integralistische Gesellschaftsvision vorantreiben. Waldstein und Christian Machek haben außerdem den Vienna-Qom Circle for Catholic – Shi’a Dialogue on Religion, Philosophy and Political Theory (ViQo Circle) gegründet.
MOMENT.at: Wie erklären Sie sich, dass diese radikalen Inhalte zunehmend erfolgreich sind?
Rettenbacher: Es hat sicherlich damit zu tun, dass die Themen, die unsere Gesellschaft umtreiben, komplex sind. Gerade die Themen, die die christliche Rechte bekämpft: Gender und Migration. Aber die Komplexität wird im politischen Diskurs nicht adäquat abgebildet. Einige Politiker:innen oder Parteien spielen auch gezielt damit, der Komplexität nicht gerecht zu werden und bieten einfache Lösungen in einem simplen Schwarz-Weiß-Denken an. Sie behaupten, wenn sie an der Macht wären, dann wäre das alles kein Problem, was faktisch nicht der Fall sein wird. Doch in dem anhaltenden Krisenmodus, in dem wir uns befinden, ist es für einige Menschen verführerisch, eine einfache Antwort zu bekommen.
So verschiebt die christliche Rechte Diskurse und es werden Positionen wieder normal, die eigentlich hochproblematisch sind. Man kann teilweise Worte wieder in den Mund nehmen, ohne dass da ein großer Aufschrei passiert. „Remigration“ ist ein solches Beispiel. Social Media mit den undurchsichtigen Algorithmen spielt dabei auch eine Rolle. Die katholische Aktion Österreich hat zum Beispiel Anfang Juni einen Beitrag zur Regenbogenpastoral gepostet. Dass es wichtig ist, dass es Seelsorge für Homosexuelle in der Kirche gibt. Unter diesem Posting gab es über 500 Kommentare, die großteils negativ waren. Auf der Seite gibt es sonst so gut wie nie so viele Reaktionen.
Wie vernetzt das alles ist, und welche realen Konsequenzen diese Diskursverschiebungen haben können, das sieht man, wenn man die christliche Rechte, also das weitere Themenfeld, betrachtet. Der Russland-Ukraine-Konflikt wird von der russisch-orthodoxen Kirche auch als Kampf gegen die Dekadenz des Westens geframt. Dabei wird propagiert, dass man gegen die "Genderideologie" aufstehen und die christlichen Werte verteidigen müsse. Damit ist Russland ein wichtiger Partner, um dieses Gedankengut voranzutreiben.
Alles, was man mit dem Islam machen kann, kann man auch mit dem Christentum machen: Freiheitsrechte oder Frauenrechte einschränken.
MOMENT.at: Auf Social Media werden die Inhalte auch durch die sogenannte Manosphere und Tradwives verbreitet. Frauen werden immer unabhängiger und es gibt gewissermaßen eine Krise, was Männlichkeit ausmacht und welche Rollen Frauen und Männer in Beziehungen einnehmen sollen. Sehen Sie auch darin einen Grund darin?
Rettenbacher: Ich glaube schon, dass das ein wichtiges Thema ist: Gleichberechtigung und die Angst, was das mit den Männern macht. Aus der Forschung zu Diskriminierung weiß man, dass Privilegien nur für die spürbar sind, die sie nicht besitzen. Die Privilegierten hingegen sind sich ihrer eigenen Privilegien oft gar nicht bewusst und sie wollen auch nicht drüber nachdenken. Würde man darüber nachdenken, müsste man nämlich das System oder ungerechte Strukturen ändern. Deshalb ist es bequemer, nicht über die eigenen Privilegien nachzudenken.
Faktisch würde die Gleichstellung Männer zwar nicht schlechterstellen. Aber es würden Privilegien wegfallen oder aufgelöst werden, die bis jetzt selbstverständlich waren. Das kann auf Männer wie eine Schlechterstellung oder Diskriminierung wirken, faktisch ist das aber eben nicht der Fall.
MOMENT.at: Die Gefahren von politischem Islam sind vielen Leuten sofort klar. Die eines politischen christlichen Extremismus übersehen viele gerne. Woran liegt das?
Rettenbacher: Das bedingt sich gegenseitig. Es ist eben Teil der radikal christlichen Agenda, gegen den Islam und Migration Stimmung zu machen. Man kann auch aktuell gut beobachten, wie dieses Thema vorangetrieben wird. Im Gegensatz dazu wird das Christentum als die aufgeklärtere Religion präsentiert. Immerhin öffnete sich die Kirche mit dem 2. Vatikanum der modernen Welt, indem pluralistische, menschenrechtsbasierte Demokratien anerkannt wurden. Dabei sind gleich mehrere Punkte paradox: Radikale Christ:innen schmücken sich beispielsweise damit, dass Frauen im Christentum mehr Rechte haben als im Islam. Gleichzeitig wollen sie Frauenrechte einschränken. Blickt man zurück in die Geschichte, sieht man, dass es im Islam eine Offenheit gegenüber Homosexualität gab. Erst durch die Auseinandersetzung mit christlichen Kräften aus dem Westen entstand Homophobie. Ein anderes Beispiel ist das Kopftuch: Während in Österreich das Kopftuchverbot für muslimische Mädchen unter 14 Jahren umgesetzt wurde, ist das katholische Kopftuch in der Liturgie in einigen Kreisen wieder im Kommen – wie man etwa auch auf Social Media beobachten kann.
Alles, was man mit dem Islam machen kann, kann man auch mit dem Christentum machen: Freiheitsrechte oder Frauenrechte einschränken. Aus integralistischer Sicht haben islamische Staaten das richtige Modell, aber die falsche Religion.
MOMENT.at: Welche Rolle spielen denn großteils gemäßigtere christliche konservative Parteien wie die ÖVP? Solch radikalen Aussagen würden sie vermutlich nicht zustimmen, jedenfalls nicht offen. Sie machen aber durchaus Stimmung gegen andere Religionen, allen voran gegen den Islam.
Rettenbacher: Ich glaube, dass konservative Parteien vor allem den radikaleren Parteien in die Hände spielen, indem sie ihre Diskurse aufnehmen. Sie tragen so zur Verschiebung und Normalisierung von Diskursen bei. Wenn der Diskurs verschoben wurde, dann werden einige Bürger:innen vielleicht gleich das rechte Original wählen, also die FPÖ.
MOMENT.at: Wie groß schätzen Sie die Gefahr für europäische Demokratien ein? Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass Trumps Regierung sich nicht mehr an liberale Werte wie die Freiheit für Einzelne, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit hält – und er vielen europäischen Rechtsradikalen als Vorbild dient.
Rettenbacher: Ob tatsächlich ein christlicher Gottesstaat kommt, weiß ich nicht. Doch selbst, wenn es nicht so weit kommt, müssen wir die kleinen Schritte dahin ernst nehmen und davon gab es bereits einige. So wurde in Deutschland eine liberale Verfassungsrichterin von konservativen Kräften verhindert. (Anmerkung der Redaktion: Frauke Brosius-Gersdorf sollte 2025 auf Vorschlag der SPD in Deutschland zur Verfassungsrichterin gewählt werden. Wegen ihrer liberalen und progressiven Haltung machten die Konservativen so viel Druck, dass Brosius-Gersdorf ihre Kandidatur schließlich zurückzog.)
Ein weiteres Beispiel ist Ungarn, wo autoritäre Kräfte herrschten und Freiheitsrechte eingeschränkt haben. Die Auswirkungen des illiberalen Systems von Viktor Orban müssen nun mühsam wieder behoben werden. Das ist ein langer Prozess.
Was sich auch beobachten lässt, ist, dass das Recht des Stärkeren wieder salonfähig gemacht wird. J.D. Vance in den USA etwa hat die Nächstenliebe auf fragwürdige Weise uminterpretiert, nach dem Motto: „Wir sind uns selbst näher. Erst schauen wir auf uns.“ Das ist für Minderheiten natürlich schwierig. Es ist gut, dass die liberale Demokratie immer im Blick hat, dass auch Minderheiten ein Lebensrecht haben und sich in einer Gesellschaft frei entfalten können müssen.
Zur Person: Sigrid Rettenbacher ist promovierte Theologin und forscht und lehrt an der Privaten Pädagogische Hochschule der Diözese Linz und der University of Portland. Sie ist außerdem Vorsitzende der österreichischen Sektion der European Society of Women in Theological Research (ESWTR).













