Wie Künstliche Intelligenz Sexismus und Hass befeuert

In ihrem Buch “The New Age of Sexism. How the AI Revolution Is Reinventing Misogyny” beschreibt Laura Bates eindrücklich, wie Künstliche Intelligenz alte Formen von Diskriminierung neu befeuert. Denn neue Technologien seien nicht einfach nur neutraler Fortschritt. Sie sind - auch - Resultat einer stark männlich dominierten Techbro-Blase. Bates liegt mit ihren Schlussfolgerungen goldrichtig. Das kann man tagtäglich beobachten, wenn man die Schlagzeilen rund um Technik und deren missbräuchliche Verwendung verfolgt.
KI übernimmt Vorurteile, reproduziert Sexismus und kann Hass in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit verbreiten. KI lernt von uns. Und “uns” meint in diesem Fall eben vor allem von (weißen) Männern. Denn das sind jene, die vorwiegend Künstliche Intelligenz entwickeln, die die Unternehmen anführen und die wichtigen Entscheidungen treffen. In andern Worten: Der Branche fehlt (seit jeher) Vielfalt. Dass die USA derzeit von einer reaktionären politischen Riege dominiert werden, mit der die milliardenschweren Techbros eng vernetzt sind, verschärft das Problem.
Denn anstatt mehr auf ausgewogene Teams und Führungsebenen zu achten, wird Diversität eher zurückgefahren. Manchmal sogar aktiv bekämpft. Viele Techkonzerne haben seit der Wiederwahl von Donald Trump Diversity-Programme in ihren Abteilungen gestrichen. Das zementiert die Schieflage nun noch stärker ein.
Weitreichende Folgen
Es ist natürlich nicht automatisch so, dass Männer grundsätzlich “schlechtere” KI entwickeln oder Frauen automatisch “fairere”. Aber: Bestimmte Erfahrungen, Perspektiven und Risiken können in einseitig besetzten Teams leichter übersehen werden. Wer entscheidet, welche Daten verwendet werden? Wer legt fest, was als problematisch gilt? Wer bestimmt, wann eine KI diskriminiert und wann ein Ergebnis bloß als statistischer Ausreißer abgetan wird? Solche Fragen sind nicht nur technischer Natur. Sie sind politisch. Sie beeinflussen, wer die Macht darüber hat, wie wir die Welt heute und in Zukunft sehen.
Und leider scheint es, dass derzeit einiges aus dem Ruder läuft: Mit KI-generierten Nacktbildern, gefälschten Pornovideos und sexualisierten Deepfakes werden vor allem Frauen und Mädchen zur Zielscheibe. Ihr Gesicht wird auf fremde Körper montiert, ihre Identität für Demütigungen missbraucht. Dafür braucht es weder ihre Zustimmung noch besondere technische Kenntnisse. Die Werkzeuge werden immer einfacher, die Verbreitung immer schneller. Davon sind Durchschnittsbürgerinnen ebenso betroffen wie exponierte, bekannte Persönlichkeiten. Erst kürzlich wurde ermittelt, in welchem Ausmaß Deepfakes auch Politikerinnen betreffen. Im Rahmen einer EU-weiten Erhebung wurden sexualisierte Darstellungen von 138 Betroffenen entdeckt. Eine davon die österreichische EU-Abgeordnete Lena Schilling.
Brandbeschleuniger
Auch KI-gesteuerte Brillen wie Metas Smart Glasses sorgen für viel Unbehagen. Sie werden von zahlreichen Männern besonders gern verwendet, um sexualisierte Aufnahmen von Frauen zu machen. Und zwar ohne deren Wissen. Schon bisher war Upskirting ein großes Problem - dabei wird Frauen mit Handys oder Kameras unter den Rock gefilmt. Die Aufnahmen landen danach oft im Internet. Mit smarten Brillen lassen sich anzügliche Videos und Bilder - etwa im Schwimmbad oder am Strand - noch viel “unauffälliger” machen. In der englischsprachigen Welt nennt man die Geräte deshalb mittlerweile auch “Pervert Glasses”.
Hinzu kommt Online-Hass, der durch Künstliche Intelligenz eine neue Reichweite bekommt. Chatbots können frauenfeindliche Stereotype vervielfältigen, manipulative Inhalte formulieren und Hetzkampagnen mit geringem Aufwand massenhaft verbreiten. Besonders perfide: KI kann Hass nicht nur verstärken, sie kann ihn auch tarnen: als vernünftige Analyse, als vermeintlich neutrale Statistik oder als scheinbar fundierte Erklärung. Etwa dafür, warum Frauen angeblich weniger geeignet sein sollen, Machtpositionen zu übernehmen. Viele KI-Inhalte klingen plausibel, oft wird aber von der Technologie “halluziniert”, also etwas erfunden.
KI braucht Regeln
Was also tun? Die Technologie soll natürlich nicht einfach nur verteufelt werden. Im Idealfall könnte sie uns ja tatsächlich das Versprechen einlösen und unser Leben vereinfachen. Dazu braucht sie aber Regeln und Regulierung. Und sie braucht mehr Vielfalt unter jenen, von denen sie gestaltet, gebaut und trainiert wird.
Wenn wir zulassen, dass eine überwiegend männlich geprägte Branche Technologien entwickelt, die Millionen oder Milliarden Menschen beeinflussen, werden wir auch in Zukunft in einem Strudel aus Diskriminierung und Ungleichbehandlung gefangen sein.
Dabei sollte technologischer Fortschritt auch gesellschaftlichen Fortschritt ermöglichen. Diese Ebene gilt es mitzudenken, sie wird zu oft vergessen. Unabhängige Kontrollen, nachvollziehbare Entscheidungen, klare Haftungsregeln und wirksame Möglichkeiten, sich gegen diskriminierende Systeme zu wehren sind Grundvoraussetzungen, damit Künstliche Intelligenz zum Gewinn für unsere Gesellschaft wird. Und zwar für alle und nicht nur ein paar wenige.







