Ein Corona-Patient auf der Intensivstation mit Pflegekräften

Die Lage auf den Intensivstationen im Osten Österreichs ist ernst: Es gibt keine freien Intensivbetten mehr.

Unsplash/Mufid Majnun 

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/ 8. April 2021

In Wien, Niederösterreich und im Burgenland sind die Intensivbetten komplett ausgelastet, die Kapazitäten erschöpft. Doch laut den offiziellen Daten sind im Osten erst 60 Prozent der Intensivbetten für Corona-PatientInnen ausgelastet. Wie kann das sein?



“Triage in Wien ist Fakt: Habe heute Morgen meine Mutter wegen einer dringender lebenswichtiger Tumor-OP ins AKH gebracht. Jetzt kam der Anruf, ich soll sie wieder abholen: OP nicht möglich, weil keine Intensivbetten,” schreibt eine Journalistin am Dienstag auf Twitter. Das Allgemeine Krankenhaus Wien und der Wiener Gesundheitsverbund haben mittlerweile bestätigt, dass die Lage auf den Intensivstationen tatsächlich so ernst ist, dass notwendige Operationen verschoben werden müssen. Tumor-Operationen würden aber weiterhin „mit höchster Priorität behandelt“ werden.

 

Corona-Lage ernst: Intensivbetten Kapazität in Ostösterreich am Ende

Tatsächlich warnen IntensivmedizinerInnen seit Wochen, dass sich die Lage auf den Intensivstationen zuspitzt. Am Dienstag wurden 578 belegte Intensivbetten gemeldet, in Wien alleine 233 - ein Höchstwert. Und laut ExpertInnen werden die Zahlen in den nächsten Wochen noch ansteigen.

Doch wer auf die öffentlichen Zahlen blickt, die von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, kurz AGES, online veröffentlicht werden, gewinnt einen anderen Eindruck. Hier ist zu lesen, dass die Intensivbetten, die für Corona-PatientInnen vorgesehen sind, österreichweit erst zu 53,8% ausgelastet sind. In Wien seien noch rund 40% frei. Alles also noch im grünen Bereich?

Laut diesen Daten wären also noch zahlreiche Intensivbetten für Corona-PatientInnen frei. Wie kann es dann sein, dass in Wien bereits wichtige Operationen verschoben werden müssen und landesweit IntensivmedizinerInnen klagen, dass die Intensivstationen völlig ausgelastete seien?

Öffentliche Zahlen rechnen Intensivbetten ein, die binnen 7 Tagen zur Verfügung stehen könnten

Die AGES-Zahlen werden seit Monaten heftig kritisiert, die Agentur bereitet laut MOMENT-Nachfrage auch eine “Adaptierung der Darstellung” vor. Denn einerseits werden hier Intensivbetten eingerechnet, die binnen 7 Tagen zu Verfügung stehen könnten. Das bringt aber Corona-PatientInnen wenig, die sich in einer akuten lebensbedrohlichen Lage befinden. Oder wie es ein Intensivmediziner auf Twitter beschreibt: “Wenn dir nach sieben Nachtdiensten ein Covid-Patient von 65-Jahren reanimationspflichtig wird und nach 40 Minuten Wiederbelebung weg stirbt, was denkt man sich da? Er hatte sein versprochenes Intensivbett, leider Pech gehabt.”

AGES-Zahlen operieren mit Intensivbetten, die es nur in der Theorie gibt

Weiters erklärt eine Infektiologin, die in einem Wiener Spital arbeitet und aus dienstrechtlichen Gründen ihren Namen nicht nennen kann, dass die öffentlichen Zahlen Intensivbetten für Corona-PatientInnen vorsehen, die es eigentlich nicht gibt: “In meinem Krankenhaus werden etwa die Betten in einem OP-Aufwachraum zu den Intensivbetten dazu gezählt. Hier gibt es Beatmungsgeräte, falls PatientInnen in eine kritische Lage geraten. In der Theorie zählt das schon im weitesten Sinne als Intensivbett. Doch einerseits sind in der Praxis diese Betten eben mit PatientInnen belegt, die nach einer Operation aufwachen, andererseits gibt es hier kein Intensiv-Personal. Diese Betten können nicht einfach Corona-IntensivpatientInnen zur Verfügung gestellt werden.” 

Pop-Up Intensivstationen fehlt das erfahrene Personal

Derzeit wappnen sich die Spitäler landesweit für den befürchteten Anstieg der Corona-IntensivpatientInnen. Nötige technische Voraussetzungen stellen dabei nicht die Herausforderung dar, sondern das Personal, wie uns die Wiener Infektiologin erklärt: “ÄrztInnen sind nicht das Problem, sondern das Pflegepersonal. In meinem Spital gibt es auch bereits eine notdürftig umfunktionierte Corona-Intensivstation. Dort arbeiten normale Krankenschwestern, die von einer Intensivschwester unterstützt werden.” 

Corona-IntensivpatientInnen müssen nicht nur rund um die Uhr überwacht, sondern auch regelmäßig gewendet werden, was bis zu sechs gut eingespielte Personen bewerkstelligen müssen. Dies ist extrem anstrengend und der Grund, weshalb die IntensivpflegerInnen längst ausgebrannt sind. Viele schmeißen ihren Job hin. Allein im Krankenhaus Eisenstadt hat rund ein Fünftel des Corona-Intensivpersonals gegen Ende des Vorjahres gekündigt.

Doch auch für die PatientInnen haben die Pop-Up-Intensivbetten Nachteile, wie die Infektiologin erklärt: “Es ist nicht nur für das Personal eine enorme Belastung, sondern natürlich leidet auch die Qualität der Betreuung. Ich bin überzeugt, dass PatientInnen in diesen notdürftig aus dem Boden gestampften Stationen schlechtere Überlebenschancen haben, als auf regulären Intensivstation. Untersucht wird das aber nicht.”

Wie schlimm ist es nun aber wirklich in den Corona-Stationen?

Auf die AGES-Zahlen ist nur bedingt Verlass. Der Informatiker und Pädagoge Alexander Brosch war über diesen Missstand so verärgert, dass er selbst aus den öffentlich verfügbaren Daten Grafiken gebaut hat und auf seinem Blog für jedes Bundesland veröffentlicht - diese werden nun dankbar von Expertinnen der Corona-Kommission verwendet.

Brosch hat die Anzahl der Corona-IntensivpatientInnen den Belastungsgrenzen, die auch die Corona-Kommission für ihre Einschätzung verwendet, gegenübergestellt. Denn auch für die Belastung der Intensivstationen hat die Kommission Ampelfarben festgelegt. Der jeweilige Belastungsgrad der Intensivstationen pro Bundesland wird aber weder von der AGES, noch vom ORF kommuniziert. "Die Bevölkerung hört immer nur, wenn die kritische Grenze von 33% erreicht ist und wundert sich, warum das AGES Dashboard noch freie Betten anzeigt", erklärt Brosch seine Motivation, die Grafiken zu veröffentlichen. Dabei hat er auch die laut AGES angeblich für Corona PatientInnen noch „freien“, beziehungsweise „reservierten“ Betten eingezeichnet, über die sich IntensivmedizinerInnen nur wundern.

So sind die Grafiken zu lesen

Im Normalbetrieb sind rund 10% aller Intensivbetten frei. Kommen zu den regulären IntensivpatientInnen also noch einmal rund 10% an Corona-PatientInnen (rote Linie) zu, dann kann das Gesundheitssystem diese noch gut versorgen. Dieser Bereich ist in den Grafiken grün hinterlegt. Steigt die PatientInnenzahl noch weiter an, so wird es eigentlich schon kritisch, denn dann müssen bereits geplante Operationen verschoben werden.

Die Corona-Kommission hat festgelegt, dass es wirklich dramatisch wird, wenn zu den regulären IntensivpatientInnen nochmals über 33% Corona-IntensivpatientInnen hinzukommen. Dieser Bereich ist hier rot hinterlegt. Dieser Schwellenwert ist sehr hoch angesetzt. Im Ernstfall reicht es nun nicht mehr, Operationen aufzuschieben, ÄrztInnen müssen nun mitunter eine Triage einleiten und entscheiden, welchen PatientInnen die höchsten Überlebenschancen haben und ein Bett bekommen.

Die rote Linie zeigt also die Entwicklung der Corona-IntensivpatientInnen an, die Hintergrundfarbe, wie kritisch die Corona-Kommission diese Entwicklung einstuft. Die grüne Linie zeigt hingegen an, wann laut den AGES-Zahlen erst eine kritische Auslastung erreicht wäre. In der Realität gibt es aber längst keine “reservierten” oder freien Betten mehr. 

Die Lage im Osten Österreichs ist also schon in im tiefroten Bereich, während auf dem AGES-Dashbord zu lesen ist, dass erst 60 Prozent der Corona-Intensivbetten in Wien belegt seien.

Auch im Burgenland sind laut AGES erst 60 Prozent der Intensivbetten belegt, die in den imaginären Zahlenspielen für Corona-IntensivpatientInnen reserviert sind.

Genauso ernst ist die Lage in Niederösterreich. Auch hier sollen noch 40 Prozent der Betten frei sein, die für Corona-PatientInnen vorgesehen sind.

 

Die öffentlichen Zahlen, die über die belegten Intensiv-Betten Auskunft geben sollen, sind unrealistisch. Sie verharmlosen den Ernst der Lage. Nun sollen Bundesländer, die noch mehr Kapazitäten haben, IntensivpatientInnen aus Ostösterreich übernehmen. 

Die Bettenknappheit ist auch für Unfallopfer oder akut schwer Erkrankte ein Problem. Ein Wiener Intensivmediziner ruft auf: “Bitte bleiben Sie zu Hause und üben sie vor allem keinen Extremsport aus, lassen Sie ihr Motorrad in der Garage stehen. Hätten Sie einen Unfall, gäbe es mitunter kein freies Bett für Sie auf den Intensivstationen.”

 

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