Schramböck und Kurz.

Kanzler Sebastian Kurz und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. // Foto: Georg Hochmuth / APA

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/ 29. Juni 2021

Am Osterwochenende - genauer gesagt am 3. April 2021 um 11:00 - hat sich Sebastian Kurz mit einer Rede an die Öffentlichkeit gewandt. Der Bundeskanzler kündigte bis dahin an, dass sich in den nächsten 100 Tagen alle Menschen in Österreich impfen lassen können, die das wollen. Das bedeutet, am 12. Juli 2021 um 11:00 sollten alle Impfwilligen einen ersten Stich mit einer Corona-Impfung (was du über die Impfung wissen musst) bekommen haben.

... keine Zeit mehr. Der Countdown ist am 12. Juli um 11:00 abgelaufen. Bis dahin wurden laut Dashboard des Gesundheitsministeriums etwa 5,02 Millionen Menschen zumindest einmal geimpft. Das sind 63,6% der impfbaren Bevölkerung bzw. etwa 56% der Gesamtbevölkerung. (47,1%  der impfbaren Bevölkerung waren vollimmunisiert.)

Warum werden nicht wirklich alle geimpft?

Von einer Impfung für alle Menschen in Österreich sind wir aus diversen Gründen weit entfernt. Einerseits würde es aufgrund der knappen Impfstoffe noch deutlich länger als bis Anfang Juli dauern, alle Menschen im Land zu impfen. Andererseits wollen sich viele Menschen auch gar nicht impfen lassen. Gruppen, die sich zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht impfen lassen wollen, aber das noch gar nicht dürfen (vor allem Unter-16-jährige), bleiben außerdem in den Gedankenspielen des Kanzlers offenbar außen vor.

Wie viele wollen sich in Österreich impfen lassen?

Die Einschränkung von Sebastian Kurz, dass alle bis Juli geimpft würden, "die das wollen" ist durchaus bedeutsam. Kurz hat in seiner Rede von 5 Millionen Menschen gesprochen.

Aber das "Wollen" ist recht vage. Die Impfbereitschaft in Österreich lag damals, je nachdem was man als "wollen" definiert, zwischen 48 und 68 Prozent. Die Uni Wien hatte das ein paar Tage nach der Kurz-Rede abgefragt. 22% gaben dabei an, bereits geimpft zu sein. 26% wollen das "sicher ehemöglichst" tun, weitere 11% auch "eher ehemöglichst". Das wären gemessen an der Gesamtbevölkerung zusammen etwa 5,2 Millionen Menschen. Gemessen an der derzeitig "impfbaren" Bevölkerung wären es 4,5 Millionen Menschen. 9% schienen grundsätzlich offen dafür aber unentschlossen. 27% schließen eine ehestmögliche Impfung (eher) aus. Der Rest machte keine Angabe.

Seit der Zulassung der Impfungen scheint die Bereitschaft übrigens stetig leicht anzuwachsen. Bei einer Wiederholung der Umfrage Ende Mai kletterte die Gesamtzahl der impfbereiten Gruppe (bereits geimpft, so schnell wie möglich, und eher so schnell wie möglich) auf 68%.  Dannach war in Medien und bei der Regierung selbst oft von 70% die Rede (das wären gemessen an der damals impfbaren Bevölkerung 5,3 Millionen Menschen).

Bemerkenswert ist aber: Diese Messlatte hat bisher kein Bundesland erreicht. Niederösterreich hat als Spitzenreiter bisher 57,7% der Bevölkerung erstgeimpft. Trotzdem gehen den Bundesländern offenbar teils schon die Impfwilligen aus.

Aber: Selbst wenn die Impfbereitschaft noch einmal etwas steigt, würde mit diesen Zahlen allen gängigen Erkenntnissen nach eine Herdenimmunität nicht erreichbar sein. Wiederkehrende Corona-Ausbrüche wären damit sehr wahrscheinlich. Immerhin: Es wäre mit all diesen Zahlen der Wert erreicht, ab dem die Corona-Neuinfektionen in Israel offenbar deutlich zurückgegangen sind. Und: Für Geimpfte ist Corona einfach deutlich weniger gefährlich.

Werden wir das 100-Tage-Ziel erreichen?

Anfangs wirkte das Ziel eigentlich nicht allzu ambitioniert. Bewahrheitet sich die gesteigerte Impfbereitschaft aber, macht sie dem Versprechen des Kanzlers wohl einen Strich durch die Rechnung. Zwar schaffte Österreich die Impfkampagne so zu beschleunigen, dass die im April in Umfragen als impfbereit erkennbaren rund 5 Millionen Menschen ungefähr zum anvisierten Zeitpunkt einen Erststich bekommen haben werden, aber wie beschrieben wurde die Gruppe größer. Mehr Leute dürften sich mit etwas Ansprache impfen lassen und die Impfung wurde ab 12 zugelassen.

Derzeit haben etwa 4,7 Millionen einen Erststich erhalten. Derzeit (Stand 29.6.) werden ungefähr 30.000 Erstimmunisierungen pro Tag vorgenommen. Die optimistischeren Planungen, 5 Millionen Menschen bis Ende Juni zu impfen, sind also nicht ganz aufgegangen. Bis zum 12. Juli sollten aber schon mit dem aktuellen Tempo noch etwa 300.000 bis 350.000 Erststiche dazukommen. Das wären die einst anvisierten 5 Millionen Menschen mit einer ersten Dosis oder eben 63% der impfbaren Bevölkerung (aktuell ist das die Bevölkerung ab 12 Jahren mit insgesamt 7,9 Mllionen Menschen). Aber: es wären nicht die zuletzt imfpwilligen 70% der Gesamtbevölkerung.

Dazu kommt: Österreich hat derzeit etwa 800.000 Impfdosen im Land, die noch nicht verimpft wurden. Sie wurden erst Ende Juni geliefert und könnten die Kampagne noch einmal beschleunigen. Natürlich werden sie aber auch für Zweitimpfungen verwendet.

Kann Sebastian Kurz eigentlich etwas dafür, wenn wir sein Ziel erreichen?

Eigentlich nicht. Österreich impft im Großen und Ganzen gleich schnell wie die Europäische Union insgesamt. Logisch, weil über die EU auch die Impfdosen-Bestellung passiert.

Corona-Impfung: Österreich impft so schnell wie die EU

Quelle: Our World in Data

Für schnellere Impfungen kann der Kanzler genauso wenig wie für eventuelle Ausfälle - auch wenn er sich bei positiven Nachrichten gerne als entscheidender Faktor verkauft.

Dass das ÖVP-geführte Finanzministerium die Impf-Einkäufe durch ein niedriges Budget bremste und Kurz das Impfen zur "Chefsache" erklärte, sich dann aber nicht um den europäischen Verteil-Mechanismus kümmerte, könnte man ihm negativ zuschreiben. Es wird aber in Wahrheit vermutlich keine große Rolle für die Impfkampagne spielen, weil das Gesundheitsministerium trotzdem sehr viel Impfstoff bestellt hat. 

Die Versuche von Kurz, die Impfkampagne mit eigenen Initiativen zu beschleunigen, waren Reinfälle. Kurz signalisierte etwa, an der EU vorbei verhandeln zu wollen oder auch den russischen Impfstoff Sputnik zu bestellen. Der umstrittene Impfstoff hat aber keine Zulassung. Auch daran, die EU mit Drohungen einer Blockade weiterer Bestellungen dazu zu bringen, Österreich mehr Impfstoffe zuzuteilen, ist Kurz entgegen der Partei-Propaganda spektakulär gescheitert.

Kurz hat also im April offenbar eine einfache Rechnung angestellt und ein eher vages und ziemlich risikoloses Versprechen abgegeben, mit dem er sich Platz in den Medien und gute PR erhoffte. Und bekam. Ob er es schlussendlich überhaupt halten kann, wird eine erstaunlich knappe Angelegenheit.

Kurz hat auch gesagt, bis Ende Juni werden alle geimpft - geht sich das aus?

Der Kanzler hat Ende April in einer Sondersendung der Zeit im Bild außerdem versprochen, die Durchimpfung der Willigen werde sich sogar bis Ende Juni ausgehen. Kurz und knapp: Das wird verfehtl Wie im vorherigen Absatz angemerkt kann Kurz da im Prinzip wenig dafür. Aber wer völlig ohne Not leere Versprechen abgibt, kommt eben in Erklärungsnot, wenn er sie nicht halten kann.

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