Schramböck und Kurz.

Kanzler Sebastian Kurz und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. // Foto: Georg Hochmuth / APA

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/ 1. Juni 2021

Am Osterwochenende - genauer gesagt am 3. April 2021 um 11:00 - hat sich Sebastian Kurz mit einer Rede an die Öffentlichkeit gewandt. Der Bundeskanzler kündigte bis dahin an, dass sich in den nächsten 100 Tagen alle Menschen in Österreich impfen lassen können, die das wollen. Das bedeutet, am 12. Juli 2021 um 11:00 sollten alle Impfwilligen einen ersten Stich mit einer Corona-Impfung (was du über die Impfung wissen musst) bekommen haben.


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Warum werden nicht wirklich alle geimpft?

Von einer Impfung für alle Menschen in Österreich sind wir aus diversen Gründen weit entfernt. Einerseits würde es aufgrund der knappen Impfstoffe noch deutlich länger als bis Anfang Juli dauern, alle Menschen im Land zu impfen. Andererseits wollen sich viele Menschen auch gar nicht impfen lassen. Gruppen, die sich zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht impfen lassen wollen, aber das noch gar nicht dürfen (vor allem Unter-16-jährige), bleiben außerdem in den Gedankenspielen des Kanzlers offenbar außen vor.

Wie viele wollen sich in Österreich impfen lassen?

Die Einschränkung von Sebastian Kurz, dass alle bis Juli geimpft würden, "die das wollen" ist durchaus bedeutsam. Kurz hat in seiner Rede von 5 Millionen Menschen gesprochen.

Aber das "Wollen" ist recht vage. Die Impfbereitschaft in Österreich liegt, je nachdem was man als "wollen" definiert, zwischen 48 und 68 Prozent. Die Uni Wien hat das zuletzt Mitte April - also ein paar Tage nach der Kurz-Rede - abgefragt. 22% gaben dabei an, bereits geimpft zu sein. 26% wollen das "sicher ehemöglichst" tun, weitere 11% auch "eher ehemöglichst". Das wären gemessen an der Gesamtbevölkerung zusammen etwa 5,2 Millionen Menschen. Gemessen an der derzeitig "impfbaren" Bevölkerung wären es 4,5 Millionen Menschen. 9% schienen grundsätzlich offen dafür aber unentschlossen. 27% schließen eine ehestmögliche Impfung (eher) aus. Der Rest machte keine Angabe.

Seit der Zulassung der Impfungen scheint die Bereitschaft übrigens stetig leicht anzuwachsen. Wie sich die möglicherweise größere Rechte für Geimpfte auf diese Zahl noch auswirken, ist noch nicht klar.  Zuletzt (Stand 1.6.) war in Medien und bei der Regierung selbst oft von 70% die Rede (das wären gemessen an der derzeit impfbaren Bevölkerung 5,3 Millionen Menschen).

Aber: Selbst wenn die Impfbereitschaft noch einmal etwas steigt, würde mit diesen Zahlen allen gängigen Erkenntnissen nach eine Herdenimmunität nicht erreichbar sein. Wiederkehrende Corona-Ausbrüche wären damit sehr wahrscheinlich. Immerhin: Es wäre mit all diesen Zahlen der Wert erreicht, ab dem die Corona-Neuinfektionen in Israel offenbar deutlich zurückgegangen sind.

Werden wir das 100-Tage-Ziel erreichen?

Sofern bei den erhofften Lieferungen nicht sehr viel schiefgeht, dürfte das Ziel 12. Juli erreichbar sein. Eine vereinfachte Rechnung: In Österreich sind derzeit (alle folgenden Zahlen mit Stand 1.6.) etwa 5,1 Millionen Dosen verimpft. 3,6 Millionen Menschen wurden zumindest einmal geimpft, 1,5 Millionen davon schon zwei Mal.

Täglich werden in den jüngsten 7 Tagen im Schnitt etwa 70.000 Dosen verabreicht. Konservativ angenommen: Wenn das so bleibt, würden das bis 12. Juli immerhin etwa 2,9 Millionen weitere Stiche sein. Insgesamt wären das 8 Millionen. Wenn 2,1 Millionen davon als Zweitimpfung für die derzeit Erstgeimpfen verwertet werden, blieben 0,8 Millionen für neue Erstimpfungen. Damit würde deren Zahl auf 4,4 Millionen ansteigen. Das wären 58% der aktuell impfbaren Bevölkerung und damit ziemlich genau die Menschen, die noch im April (eher) impfbereit waren.

Steigt diese Zahl tatsächlich auf 70%, wird sich das Ziel mit dem derzeitigen Tempo nicht aber mit realistischeren Annahmen wohl ungefähr erreichen lassen. In Österreich rechnet man nämlich in den kommenden Wochen mit mehr Impfstoff-Lieferungen als bisher. Laut dem Dashboard des Gesundheitsministeriums werden bis Ende Juni noch 3,6 Millionen Impfdosen erwartet. Werden die auch geliefert, wären das im Juni noch bis zu 120.000 Dosen pro Tag. Hält das ungefähr, hätte man Mitte Juli wohl bereits mehr Impfungen im Land, als Menschen, die sich impfen lassen wollen. Die Regierung plant derzeit mit 5 Mio. Erststichen bis Ende Juni.

Kann Sebastian Kurz eigentlich etwas dafür, wenn wir sein Ziel erreichen?

Eigentlich nicht. Österreich impft im Großen und Ganzen gleich schnell wie die Europäische Union insgesamt. Logisch, weil über die EU auch die Impfdosen-Bestellung passiert.

Corona-Impfung: Österreich impft so schnell wie die EU

Quelle: Our World in Data

Für schnellere Impfungen kann der Kanzler genauso wenig wie für eventuelle Ausfälle - auch wenn er sich bei positiven Nachrichten gerne als entscheidender Faktor verkauft.

Dass das ÖVP-geführte Finanzministerium die Impf-Einkäufe durch ein niedriges Budget bremste und Kurz das Impfen zur "Chefsache" erklärte, sich dann aber nicht um den europäischen Verteil-Mechanismus kümmerte, könnte man ihm negativ zuschreiben. Es wird aber in Wahrheit vermutlich keine große Rolle für die Impfkampagne spielen, weil das Gesundheitsministerium trotzdem sehr viel Impfstoff bestellt hat. 

Die Versuche von Kurz, die Impfkampagne mit eigenen Initiativen zu beschleunigen, etwa an der EU vorbei zu verhandeln und den russischen Impfstoff Sputnik zu bestellen, waren bisher jedenfalls nicht erfolgreich. Der umstrittene Impfstoff hat keine Zulassung. Auch daran, die EU mit Drohungen einer Blockade weiterer Bestellungen dazu zu bringen, Österreich mehr Impfstoffe zuzuteilen, ist Kurz entgegen der Partei-Propaganda spektakulär gescheitert.

Kurz hat also im April offenbar eine einfache Rechnung angestellt und ein eher vages und ziemlich risikoloses Versprechen abgegeben, mit dem er sich Platz in den Medien und gute PR erhoffte. Und bekam.

Kurz hat auch gesagt, bis Ende Juni werden alle geimpft - geht sich das aus?

Der Kanzler hat Ende April in einer Sondersendung der Zeit im Bild außerdem versprochen, die Durchimpfung der Willigen werde sich sogar bis Ende Juni ausgehen. Kurz und knapp: Aktuelle Meldungen aus den Bundesländern zeigen, dass Österreich dieses Ziel verpassen wird. Wie im vorherigen Absatz angemerkt kann Kurz da im Prinzip wenig dafür. Aber wer völlig ohne Not leere Versprechen abgibt, kommt eben in Erklärungsnot, wenn er sie nicht halten kann.

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