Foto zeigt zwei Kameraleute in einer Wüste. Sie haben ihre Linsen auf einen herannahenden Sandsturm gerichtet.
Medien versagen beim Berichten über die Klimakrise (Foto: Bradley Watson/CC BY-NC-ND 2.0)
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/ 14. Oktober 2020

Langsam wird es eng. Das weltweite CO2-Budget, das uns noch bleibt, wenn wir die Erderhitzung unter 1,5 Grad halten wollen, schmilzt. Es schmilzt noch schneller dahin als unsere Gletscher unter der jedes Jahr etwas heißeren Sommersonne. 

Das gilt auch für Österreich. Vergangene Woche haben Forscher des Grazer Wegener Centers unser verbleibendes Treibhausgasbudget veröffentlicht. Es sind 700 Megatonnen und damit nur knapp neunmal so viel wie wir derzeit in einem Jahr ausstoßen. 

Das ist allerdings schon sehr großzügig: Denn wenn man nicht nur die verbleibenden Emissionen verteilt, sondern auch die bereits in der Vergangenheit ausgestoßenen ansieht, dann hat Österreich hat, wie alle westlichen Industriestaaten, seine ihm gerechterweise zustehenden Emissionen längst verbraucht.

Wir können also nicht so weitermachen, darin sind sich alle vernünftigen Menschen einig. Trotzdem wäre die Klimaverschmutzung ohne die Pandemie wohl auch in diesem Jahr nicht zurückgegangen. Klimaschutz hat weiterhin bei weitem nicht den politischen und gesellschaftlichen Stellenwert, den er einnehmen müsste. 

Der vielleicht wichtigste Grund dafür ist der komplett fehlgeleitete Diskurs rund um die Klimakrise und nötige Lösungen. Lange Zeit war Klimaschutz kaum ein Thema in den Medien. Und auch wenn sich das in den letzten Jahren zum Positiven geändert hat, dreht sich die Diskussion weiterhin oft um die falschen Fragen. Und während viele Journalist:innen einfach nur weit verbreitete schädliche Muster und Formulierungen weiterverwenden ohne sie zu hinterfragen, scheinen manche den Diskurs sogar aktiv zerstören zu wollen. 

Ein Überblick über häufige Fehler, rhetorische Tricks und boshafte Strategien.

#1 Klimaschutz als Belastung darstellen

Als das EU-Parlament letzte Woche dafür stimmte, das Klimaziel der EU bis 2030 auf eine Emissionsreduktion von minus 60 Prozent bis 2030 zu erhöhen, titelten die meisten Medien mit “EU will Klimaziele verschärfen” oder ähnlichen Formulierungen. “Verschärfung” ist ganz klar ein negatives Framing, das in unserem Gehirn eine Vielzahl an unangenehmen Reaktionen/Verknüpfungen/Reaktionen auslösen kann. Manche lässt es vielleicht an ungerechte Einschränkungen denken, manche vielleicht an Bestrafungen durch die Eltern in der eigenen Kindheit. Es kann auch an Streit erinnern und klingt jedenfalls sehr streng. Doch genau solche Assoziationen bei den Menschen auszulösen, gilt es in der Klimakommunikation zu vermeiden. Etwas, das auch vielen wohlmeinenden Journalist:innen nur allzu oft nicht klar zu sein scheint.

Ein weiteres häufiges Muster ist, dass bei Klimaschutz-Maßnahmen zuerst vor allem kurzfristige Kosten hervorgehoben werden, zum Beispiel jene für den Ausbau erneuerbarer Energien. Langfristige ökonomische Vorteile werden stattdessen viel zu oft ausgeblendet - ganz zu schweigen von anderen positiven Effekten von Klimaschutz-Maßnahmen. Etwa saubererer Luft durch weniger Abgase oder höherer Lebensqualität in Städten mit weniger Autoverkehr. Gerade die zeitliche Komponente scheint Journalist:innen Probleme zu bereiten: während Kosten, die man auch Investitionen nennen könnte, oft sofort entstehen, werden positive Nebeneffekte von Klimaschutz oft erst nach Jahren spürbar.

#2 Warme Worte wählen 

Während Klimaschutz-Maßnahmen weiterhin zu negativ dargestellt werden, spielen viele Medien die Klimazerstörung sprachlich weiterhin herunter. Auch wenn sich die Worte Klimakrise für die aktuelle Situation und sogar Klimakatastrophe als drohendes Szenario langsam verbreiten, dominieren weiterhin “Klimawandel” und “Erderwärmung”. Aber auch wenn diese in der wissenschaftlichen Literatur vorherrschen, sind sie keine “neutralen” Begriffe, wie so oft behauptet. Denn Wandel wird grundsätzlich als etwas tendenziell positives wahrgenommen und widerspiegelt keineswegs die potenziell katastrophalen, disruptiven Folgen der betriebenen Klimazerstörung. 

Noch positiver ist “Erderwärmung”, denn das Wort “Wärme” ruft in uns ein geradezu körperlich spürbares gute Gefühl hervor. Nicht umsonst kann man sich für etwas erwärmen. Und auch das 1,5-Grad-Ziel ist kein ideales Framing – schließlich ist es nicht unser Ziel, die Erde um 1,5 Grad aufzuheizen. Passender wäre “Limit”. 

Solche problematischen Frames ziehen sich durch den gesamten Klimadiskurs. Sie sind nicht totzukriegen und werden auch von vielen an Aufklärung interessierten Autor:innen unhinterfragt verwendet.

#3 Verantwortung verzerren

Je mehr über individuelles Verhalten gesprochen wird, desto weniger werden strukturelle Ursachen sowie Fehlentscheidungen oder Bremsen von Politik und Konzernen in den Blick genommen.

Und für die funktioniert das gut. Der Diskurs über die Zerstörung des Weltklimas wird seit Jahrzehnten von Ölkonzernen und anderen Akteur:innen mitbestimmt, für die ein Umstieg auf erneuerbare Energien und Änderungen an der Struktur unserer Wirtschaft eine Gefahr ihres Geschäftsmodells darstellt. 

So ist es auch BP zu verdanken, dass wir heute selbstverständlich über den “CO2-Fußabdruck” als unseren Beitrag zur Erderhitzung reden. Eine vom Ölkonzern finanzierte Werbekampagne übertrug das Konzept des ökologischen Fußabdrucks auf klimaschädliche Emissionen und machte ihn mit einem CO2-Rechner populär. 

Diese Strategie funktioniert bis heute, wird auch von Politiker:innen angewendet, wenn sie von “Mitmach-Klimaschutz” sprechen. Es ist populärer zu sagen, dass wir alle recyceln oder weniger Avocados essen sollen, um die Umwelt zu schonen, anstatt das mit Gesetzen sicherzustellen.

#4 Radikalität oder Pragmatismus unterstellen

In viele Redaktionen scheint die Dringlichkeit der Klimakrise nach wie vor nicht vorgedrungen zu sein. Anders ist es kaum zu erklären, dass jene, die schnelle Lösungen im Einklang mit dem wissenschaftlichen Konsens fordern, als “radikal” abgewertet werden. Währenddessen gelten Klimaschutz-Bremser als “Pragmatiker:innen” oder “Realist:innen”. Dabei sie oft nicht mit den wichtigsten Klima-Fakten vertraut. Obwohl Radikalität, also ein Ansetzen an den Wurzeln des Problems Klimakrise, genau das ist, was wir jetzt brauchen, benutzen es viele Journalist:innen weiterhin als eine Art Schmähbegriff. 

Radikalität wird auch bei Aktionen der Klimabewegung nicht gern gesehen. Werden Orte der Klimazerstörung besetzt - wie Kohle-Tagebaue oder bei Straßenblockaden in Städten - wird oft mit negativer Schlagseite berichtet. Der Fokus liegt auf dem Ablauf der Aktionen, vor allem auf Gewalt. Dabei kommt es allzu oft zu einem Gleichsetzen von unverhältnismäßiger Gewalt durch die Polizei gegen Teilnehmer:innen mit Sachbeschädigung. 

Forderungen und Positionen der Bewegung stattdessen werden oft gar nicht oder nur am Rande thematisiert.

#5 Klimaschutz als Interesse von einzelnen Gruppen darstellen

Klimaschutz ist im Sinne von uns allen. Doch auch das spiegelt sich nicht immer in den Medien wider, im Gegenteil. Viel zu oft wird ein Gegensatz von "radikalen Aktivist:innen" gegen "die Wirtschaft" oder ähnliches aufgebaut. Angemessene Klimapolitik wird so delegitimiert, ganz als ob Fridays for Future und Co sie als Selbstzweck aus reinem Eigeninteresse fordern würden. So wird auch das Bremsen von Klimaschutz zur legitimen politischen Position. Politiker:innen, die so argumentieren, dürfen sich als Bewahrer:innen von Arbeitsplätzen und Wohlstand inszenieren. 

Richtig schmutzig wird es oft, wenn sich vor allem konservative oder rechte Medien (aber nicht nur diese) auf Vertreter:innen der Klimabewegung einschießen. Stichwort: “Langstrecken-Luisa”. Fliegen oder Plastik verwenden dürfen Luisa Neubauer oder Greta Thunberg natürlich nicht – wenn man für Klimaschutz ist, muss man schließlich in einer Tonne leben und Jutesack tragen. Alles andere sei pure Heuchelei. Ein Hervorstreichen von vermeintlichen Makeln im eigenen Verhalten von Aktivist:innen untergräbt deren inhaltlichen Positionen und Forderungen - ganz egal wie sehr wissenschaftsbasiert und rational diese sein mögen. 

#6 Tempo rausnehmen

"Wir haben noch zehn Jahre, um den Klimawandel zu stoppen", oder ähnliches liest man mit Bezug auf Berichte wie den IPCC Report zum 1,5-Grad-Limit immer wieder. Diese Formulierung mag vielleicht für Menschen dringend klingen, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Für die meisten heißt es aber schlicht, dass wir heute noch nichts tun müssen. In Wirklichkeit dürfen wir keine Zeit mehr verlieren, um Maßnahmen umzusetzen, die so gut wie alle Lebensbereiche betreffen werden – und die uns viel Lebensqualität bringen können.

#7 Distanz aufbauen

Neben der zeitlichen Komponente bauen viele Berichte auch räumlich und emotional Distanz zwischen Publikum und dem Thema Klimakrise auf. Zum Beispiel, wenn Fotos mit Motiven gewählt werden, die weit weg sind – wie der klassische Eisbär oder schmelzende Eismassen in Grönland. Dabei sind die Folgen der Klimakrise längst auch in Europa angekommen. Ebenso werden erfolgreiche Lösungsansätze viel zu selten ins Bild gesetzt - genauso wie die Menschen, die an ihnen arbeiten.

#8 Klimaschutz auf andere Länder abschieben

Wenn Österreich seine Emissionen senkt, macht das global keinen Unterschied. Das liest man immer wieder. Schließlich seien andere Länder wie China und Indien weit größere CO2-Verursacher und würden kaum Klimaschutz betreiben. 

Doch diese Argumentation ignoriert, dass die Länder der EU und die USA gemeinsam 50 Prozent der historischen Emissionen zu verantworten haben und deren Pro-Kopf-Emissionen weit über jenen aller Staaten im Globalen Süden liegt. Vor allem dann, wenn man sie auf Basis des Konsums betrachtet, also auch Importe von CO2-intensiven Produkten mit einberechnet. 

Genauso falsch ist es, zu behaupten, dass einzelne Sektoren, wie z. B. der Flugverkehr, keinen Unterschied machen würden, weil sie nur für einen einstelligen Prozentsatz der globalen Emissionen verantwortlich sind. Folgt man dieser Argumentation, kann man jeden Sektor so weit herunterbrechen, dass er klein und unwichtig wirkt.

Noch unsinniger ist es, das Bevölkerungswachstum, vor allem in afrikanischen oder asiatischen Ländern, für die steigenden Emissionen verantwortlich zu machen. Denn sowohl pro Kopf als auch absolut bleiben die meisten Staaten des Südens unter der kritischen Grenze für ein Einbremsen der Klimakrise. Im Gegensatz dazu haben die global gesehen reichsten 10 Prozent – also fast ausschließlich Menschen in westlichen Industriestaaten – mehr als die Hälfte aller Emissionen seit 1990 zu verantworten. In Ländern wie Österreich wird also eine Lebensweise als normal – und alternativlos – dargestellt, die nicht nur extrem ungerecht ist, sondern auch niemals verallgemeinerbar wäre

#9 Auf die Wundertechnologie hoffen

Das wohl am öftesten verwendete Argument gegen eine Abkehr von Flügen, Fleisch und SUVs ist die Hoffnung auf Innovation und Technologien, die es uns in Zukunft ermöglichen würden, effektiven Klimaschutz zu betreiben ohne die Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft verändern zu müssen. Doch auch wenn technische Lösungen und Forschung daran wichtig sind, werden sie viel zu oft zum Bremsen von heute umsetzbaren Maßnahmen missbraucht. Und schließlich haben wir bereits genügend Technologien, die wir brauchen um unsere Emissionen massiv zu senken.

Die meisten Journalist:innen tragen nicht bewusst zum Verschleppen von Klimaschutz bei. Eine traurige Wahrheit ist, dass es vielfach noch immer an Informiertheit und Bewusstsein über die Dringlichkeit fehlt. Dass es anders geht, zeigt die Corona-Pandemie. Natürlich gibt es auch hier immer wieder Probleme in der Berichterstattung. Aber sie zeigt, dass sich die Medienlandschaft großteils binnen Monaten intensiv in ein komplett neues Thema einarbeiten und über dieses täglich ausführlich und wissenschaftsbasiert berichten kann – und so zu einem breiten Konsens über notwendige Maßnahmen beiträgt. Genau das muss auch das Ziel in der Klimadebatte sein, und zwar schnell. Denn langsam wird es eng.

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