Alice Weidel macht Sommerinterview im Ausland: Wien darf (nicht) Budapest werden

Es ist verwunderlich, dass Weidel sich nicht demonstrativ in Deutschland für ihr Sommergespräch filmen lässt. Bekannte Landschaftsbilder, ein eindrucksvolles Stadtbild, der deutsche Wald oder visuelle Wahlkampfhilfe für eines der Bundesländer, in denen in den nächsten Monaten gewählt wird: Das alles hätte nahegelegen.
Das hätte gerade bei ihr auch den Makel abgemildert, dass die Chefin der selbst ernannten „Patriot:innen“ gar nicht selbst in Deutschland wohnt, sondern in der steuerschonenden Schweiz lebt. Für eine stramm nationalistische Partei wie die AfD müsste man dann einen medialen Auftritt wie das Sommergespräch fast aus Deutschland führen.
Man stelle sich vor, CDU-Chef Friedrich Merz würde sein Sommergespräch in Brüssel führen oder SPD-Chef Lars Klingbeil aus Kiew zugeschaltet werden. Der Boulevard und die AfD wären im Quadrat gesprungen. Symbolpolitik heißt schließlich, seine lokale Verbundenheit besonders zu betonen.
So hohl das oft ist, so wenig darf man sich hier Fehltritte erlauben. Deshalb sind in Österreich Urlaubsfotos von Politiker:innen fast immer von den schönen Bergen und den stillen Seen und nie von den Seychellen oder aus Alaska. Nicht, weil sie nie ins Ausland reisen, sondern weil man sich diese Kritik ersparen will.
Warum ist Alice Weidel in Wien?
Weidel bricht diese an sich leicht zu befolgende Regel. Sie setzt sich für ihr Sommergespräch bewusst und klar erkennbar nach Wien. Über den Dächern sitzend schwenkt die Kamera ausladend über Stephansdom, Donau und Rathaus. Selbstverständlich ist Wien die schönste Stadt des DACH-Raums. Das wurde nun auch ganz Deutschland wieder ins Gedächtnis gerufen. Die Tourismuswerbung dankt für die Bilder zur besten Sendezeit.
Aber warum macht die in der Schweiz ansässige Weidel das? Ausgerechnet die Frau, die "Deutschland zuerst" als Motto ausgegeben hat?
Vom Machtwechsel in Budapest zur Achse Wien–Berlin
Der Grund dafür: Weidel nutzt ihre Reichweite und stützt die FPÖ. Mit der krachenden Niederlage der ungarischen Fidesz von Viktor Orbán, hat sich eine spürbare Lücke im europäischen und internationalen Rechtsextremismus aufgetan. Budapest und Ungarn waren die unumstrittenen Gastgeber auf europäischem Boden. Rechte Konferenzen, Sommercamps und viele weitere Veranstaltungen wurden aus Budapest organisiert und über undurchsichtige Geldquellen bezahlt. All dies geschah mit dem Glanz einer Regierung und eines Regierungschefs.
Wien soll nun offenbar diese Lücke füllen. Die FPÖ liegt bei knapp unter 40 Prozent - ein Bundeskanzler Herbert Kickl ist zwar 2024 bei der Partnersuche gescheitert, nach der nächsten Wahl aber zumindest nicht ganz unwahrscheinlich. Die FPÖ könnte dort ansetzen, wo Orbán aufgehört hat: Sie könnte die Macht im Staat nutzen, um rechtsextremee Netzwerke in- und außerhalb der Parlamente auszubauen.
Die AfD stärkt mit ihrer Inszenierung nicht nur die FPÖ, sondern auch sich selbst in diesem Geflecht. Schon jetzt tauschen sich beide Parteien in Österreich und Deutschland eng aus.
Vernetzung statt Politik für die Bevölkerung
Die Chefin der umfragenstärksten Partei Deutschlands begibt sich in Österreich auf Ochsentour und trifft sich mit jeder Nebenfigur und mit jeder Hinterbänklerin der FPÖ. Die FPÖ-Mitglieder posten daraufhin begeistert Fotos und kommen sich sehr wichtig vor. Genau so macht man Politik in eigener Sache.
Das hat mit Deutschland und den akuten Problemen im Land gar nichts zu tun; es geht hier um knallhartes Knüpfen von Machtnetzwerken. Ein Höhepunkt dieser Bauchpinselei ist es, das Sommergespräch in Wien abzuhalten, um zu zeigen, wie wichtig ihr diese Kontakte sind.
Deutsche Wähler:innen sollte dieses Verhalten irritieren. Im Hitze-Katastrophen Sommer und kurz vor Landtagswahlen ist es der AfD am wichtigsten, sich mit großer Symbolik der FPÖ anzudienen. Aber auch in Österreich sollten die Alarmglocken läuten: Die FPÖ rechnet fix mit großer Macht im eigenen Land - und baut jetzt schon daran, diese über die Landesgrenzen hinaus zu nutzen.





