Bildung wird in Österreich vererbt: Eine Person hält sich einen Stapel Bücher vor das Gesicht und steht vor einer Wand. Bildung wird in Österreich vererbt, Arbeiterkinder stehen vor Mauern, die Akademikerkinder nicht kennen.

Bildung wird in Österreich vererbt. Arbeiterkinder stehen vor Mauern, die Akademikerkinder nicht kennen.

Foto: Sioara Photograpy/Unsplash

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/ 9. Dezember 2020

Bildung wird in Österreich immer noch sehr stark vererbt. Einen Elternteil zu haben, der studiert hat, macht es viel wahrscheinlicher, selbst einmal ein Studium zu beginnen. 

Aufgrund der Schulpflicht beginnen sowohl Akademikerkinder (das sind Kinder mit mindestens einem Akademiker/einer Akademikerin als Elternteil) Arbeiterkinder zu 100 Prozent in der Volksschule.

Die Zahlen: Wie Bildung in Österreich vererbt wird

Die Wahrscheinlichkeit, es zur Matura zu schaffen, ist bei Arbeiterkindern aber dann nicht einmal mehr halb so hoch. Nur 19% der Akademikerkinder verlassen die Schule vor der Matura, aber 63% der Nicht-Akademikerkinder biegen auf dem Weg dazwischen in andere Richtungen ab. Für ein Land wie Österreich - das ohnehin schon einen niedrigen und nur langsam wachsenden Anteil an AkademikerInnen hat - ist das ein harter Verlust.

Bildung wird in Österreich vererbt

Die Matura schafft eigentlich die Berechtigung, ein Studium zu beginnen. Trotzdem verschlechtert sich die Quote für Arbeiterkinder beim "kleinen" Schritt dazwischen noch einmal. Wer eine Matura gemacht hat, steigt mit einer Wahrscheinlichkeit von 83% in ein solches Studium ein, wenn ein Elternteil AkademikerIn ist, aber nur zu 59%, wenn die Eltern selbst nicht studiert haben.

Auch die Schulwahl nach der Schulpflicht spielt hier bereits mit. Wer eine AHS-Matura erreicht, startet in 9 von 10 Fällen danach ein Studium. Wer eine BHS (etwa HTL oder HAK) absolvierte, tat das nur noch in weniger als 6 von 10 Fällen. Ohne Schulbesuch wird die Durchlässigkeit noch geringer: Laut Studierenden-Sozialerhebung des IHS hat nur einer von 10 Studierenden in Österreich eine andere Berechtigung zum Studium als eine Matura.

Die Folge: Ein Bachelorstudium beginnen Akademikerkinder dreimal so oft wie Arbeiterkinder.

Vererbte Bildung hat auch an den Unis noch großen Einfluss

Bis zum Beginn eines Masterstudiums verschlechtert sich die Quote weiter: Die Wahrscheinlichkeit für Arbeiterkinder fällt auf 7%. Anders gesagt beginnt nur eines von 14 Arbeiterkindern einen Master - dasselbe gilt immerhin für eines von vier Akademikerkindern.

Die Zahlen beim Eintritt in ein Doktoratsstudium bestätigen die Entwicklung ein weiteres Mal. Knapp eines von 150 Kindern, das keinen Elternteil mit akademischem Abschluss hat, beginnt ein Doktorat/PhD-Studium. 

Datenwüste Österreich bei Bildung und sozialen Fragen

Diese eigentlich sehr grundlegenden Zahlen zur sozialen Durchlässigkeit des Bildungswesens werden in Österreich übrigens nicht direkt erhoben und waren auf Nachfrage weder der Statistik Austria noch dem Bildungsministerium oder diversen Forschungsinstituten bekannt. Das Momentum Institut musste sich zur Annäherung auf Nachfrage mehrerer NutzerInnen auf Sozialen Medien aus unterschiedlichsten Quellen zusammenstückeln und Berechnungen anstellen.

Einmal mehr fehlen in Österreich sehr grundlegende Daten, die politische und sozial gerechte Handlungen auf Faktenbasis erschweren.

Bildungstrichter: Vergleich mit Deutschland schwierig

Aufgrund der eigenen Berechnung und den begrenzt verfügbaren Zahlen ist auch der Vergleich dieses "Bildungstrichters" mit Deutschland schwierig. Dort sind die Zahlen für die AbsolventInnen statt die der jeweiligen StudienanfängerInnen verfügbar.

Benachteiligungen für Nicht-Akademikerkinder sind leider auch in Deutschland quer durch alle Ebenen und schon lange vor dem Studienbeginn sehr klar zu sehen. Die Durchlässigkeit ist aber etwas höher. Auffällig ist, dass ungeachtet der Eltern mehr Kinder ein Masterstudium abschließen und promovieren als in Österreich überhaupt damit beginnen.

Was bedeutet das?

Diese eindrücklichen Zahlen sind eine Kombination aus vielen verschiedenen Faktoren. Es ist bekannt, dass Kinder aus bildungsferneren Haushalten es schon in der Schule schwerer haben und das auch durch die sozialen Netzwerke und finanzielle Möglichkeiten beeinflusst wird. In der Coronakrise wurde diese Ungerechtigkeit nur noch dramatischer und offensichtlicher.

Eine bessere Bildungspolitik löst also nicht automatisch alle sozialen Probleme und ungerechten Ungleichheiten. Eine gerechtere und bessere Sozialpolitik löst auch Bildungsprobleme. Hier braucht es schon während der Schulpflicht begleitende politische Maßnahmen, um Kindern (und ihren Eltern) alle Möglichkeiten für ihre Zukunft einerseits zu geben und andererseits die Chancen daraus auch aufzuzeigen. Jedes Kind sollte wissen, dass es ein Studium beginnen kann, wenn es möchte. Stattdessen ist der soziale und finanzielle Aufstieg durch Bildung oft Glück.

Aber auch Kinder aus nicht-akademischen Elternhäusern, die es bis an die Universitäten schaffen, steigen immer wieder viel häufiger und früher aus dem Studium aus. Da AkademikerInnen im Schnitt mehr Einkommen haben, scheint naheliegend, dass es nicht nur die persönlichen Erfahrungen der Eltern sind, die den Vorsprung oder Rückstand der Bildungskarrieren der Kinder bestimmen - sondern auch die finanziellen Mittel der Eltern.

UG-Novelle droht Problem zu verschärfen.

Kinder aus finanziell schwächeren Familien müssen öfter neben dem Studium arbeiten. Bildungsminister Heinz Fassmann (ÖVP) reformiert nun das Universitätsgesetz ("UG-Novelle") - und macht die Hürden für sie noch höher.

In den ersten Semestern müssen Studierende künftig eine Mindestleistung erbringen. Das ist logischerweise einfacher, wenn man einem familiären Startvorteil in Sachen Hochschulerfahrung hat - und vor allem, wenn man eben auch nicht nebenbei arbeiten muss. Kinder aus finanziell schwächeren Familien sind von dieser Hürde also wahrscheinlicher betroffen.

Was sozial ungerechte Schikanen für Studierende bringen sollen, ist grundlegend unklar. Möchte man ausgeglichenere Chancen für den späteren Bildungsweg schaffen, sind stattdessen treffsichere Unterstützungen gefragt.

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