Mittlerweile ist auch Boris Johnson von der Klimakrise überzeugt

Palácio do Planalto/CC BY-SA 2.0

/ 3. Februar 2022

Der Klimakrise stand Boris Johnson bis vor kurzem skeptisch gegenüber. Doch in den letzten zwei Jahren hat er seine Meinung stark geändert. Den Sinneswandel haben elf Powerpoint-Folien und fünf Wissenschaftler:innen verursacht.

Uns steht eine kleine Eiszeit bevor - schließlich habe es in den letzten fünf Jahren viel stärker geschneit, als er es aus seiner Kindheit kannte. Schuld daran ist die Sonne. Sie durchläuft aktuell eben eine ruhigere Phase. Vor seiner Zeit als Politiker war Boris Johnson, aktueller Premierminister Großbritanniens, Journalist beim "Telegraph". Inhalte wie dieser aus einer seiner Kolumnen zeigen, dass Johnson von der Bedrohung und Existenz der Klimakrise wenig Ahnung hatte.

2021 klang Johnson wesentlich anders. Vor dem Auftakt der Klimakonferenz in Glasgow sprach er davon, dass die Klimakrise die “wichtigste internationale Aufgabe” des Landes sei. Was bringt einen konservativen Skeptiker der Klimakrise dazu, seine Meinung so deutlich zu ändern?

Elf Slides, fünf Wissenschaftler:innen, ein Premierminister

Wie sich jetzt herausgestellt hat, waren es elf Slides und fünf Wissenschaftler:innen. Sie wurden am 28. Jänner 2020 in die Downing Street 10 eingeladen, kurz nachdem Johnson sein Amt als Premier angetreten hat. Dieses Treffen habe ihn von der menschengemachten Erderwärmung überzeugt, wie Johnson später in einem Gespräch gegenüber Journalist:innen zugegeben hat: “Wenn man sich den fast senkrechten Knick nach oben im Temperaturdiagramm ansieht, ist der vom Menschen verursachte Klimawandel sehr schwer zu bestreiten. Das war ein sehr wichtiger Moment für mich.”

Dank einer Anfrage des Klimaportals Carbon Brief wissen wir, welche Inhalte die Meinung von Johnson geändert haben. Hier sind die elf Slides und eine Erklärung, was darauf zu sehen ist:

#1 Ja, das Klima verändert sich

Auf der ersten Slide wurde Johnson gezeigt, dass sich das Klima tatsächlich verändert - und zwar in eine ganz eindeutige Richtung. Dazu wurden drei Graphen der britischen Klimaforschungseinrichtung Met Office verwendet. Sie zeigen, dass die Durchschnittstemperaturen, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre und der Meeresspiegel durch den Einfluss des Menschen stark gestiegen sind. Die Karte rechts oben zeigt, wie sich die Temperatur der Erdoberfläche zwischen 2009 und 2019 im Vergleich zu dem Zeitraum von 1961 bis 1990 verändert hat. 
 

#2 Wer ist dafür verantwortlich? Der Mensch!

Das Klima verändert sich also. Doch wer ist schuld daran? (Der Mensch, wie wir auch hier gezeigt haben.) Die Erklärung dafür lieferten zwei Graphen des Weltklimarats IPCC. Die schwarze Kurve zeigt den durchschnittlichen Temperaturverlauf seit 1860, die anderen Kurven stellen Modellrechnungen dar. Im ersten Graph wurde die Entwicklung der Temperatur ohne menschliche Einflüsse berechnet. Die Modellrechnung weicht dabei aber stark von der tatsächlichen Erwärmung ab. 

In der zweiten Darstellung wurden menschliche Aktivitäten in den Modellen berücksichtigt. Erst dann ergibt sich eine Übereinstimmung mit dem Anstieg der Temperaturen. Auf natürliche Faktoren ist der also nicht zurückzuführen. Die beiden Karten zeigen die Übereinstimmung zwischen tatsächlicher Erwärmung und der Modellrechnung.
 

#3 Das Eis in der Arktis schmilzt

Die nächsten Slides sollten Johnson die Auswirkungen der Erderhitzung vor Augen führen. Die erste Folie zeigt, wie viel Eis ist in der Arktis in den letzten 40 Jahren geschmolzen ist. 3,5 Millionen km² waren es insgesamt. Pro Jahr verlor die Arktis eine Fläche an Eis, die größer als Schottland ist.

Die Folie trägt den Titel “A Tipping Point” - zu Deutsch “Ein Kipppunkt”. Doch in den E-Mails(PDF), in denen das Treffen zuvor besprochen wurde, merkt eine:r der beteiligten Wissenschaftler:innen an, dass es sich dabei eigentlich nicht um einen solchen handelt. Ob das Schmelzen des Eises in der Arktis so einen Kipppunkt darstellt, ist tatsächlich umstritten. Mehr über die Kipppunkte sollte Johnson aber später noch erfahren.

#4 Die Klimakrise sorgt für extremeres Wetter

Eine weitere Folge der Erderhitzung sind immer extremere Wetterphänomene. Auf dieser Folie sind die Entwicklungen der Extremtemperaturen und extremer Niederschläge zu sehen. 

Links sieht man, dass die gemessenen Extremtemperaturen in den letzten Jahrzehnten  stark gestiegen sind. Außerdem gab es auch wesentlich mehr Tage, an denen die Temperatur einen gewissen Schwellenwert überstiegen hat. Auf der rechten Seite wird dasselbe für extremen Regenfall gezeigt. Diese Werte haben sich allerdings nicht genauso deutlich verändert.

#5 Diese Auswirkungen hat die Erderhitzung auf Mensch und Umwelt

Es wird also immer heißer. Aber was bedeutet das eigentlich? Auf dieser Slide wurde Johnson ein Mosaik möglicher Konsequenzen präsentiert. Die Klimakrise führt etwa zu mehr Überflutungen und einem höheren Meeresspiegel - für Großbritannien eine sehr reale Gefahr. Zudem steigt das Risiko für Flächenbrände, die Artenvielfalt leidet darunter und es wird vermehrt zu Hitzewellen kommen.

#6 Wie hängt das jetzt alles zusammen?
 

Je heißer es wird, desto wahrscheinlicher werden die großen Risiken der Klimakrise wie bedrohte Ökosysteme oder extreme Wetterereignisse. Und warum wird es heißer? Weil wir immer mehr Treibhausgase wie CO2 in die Atmosphäre ausstoßen, wie der rechte Graph zeigt. 

Das heißt: Je schneller wir den Ausstoß verringern, desto niedriger werden die Risiken der Klimakatastrophe.
 

#7 Wie könnte es weitergehen?

Bis zu dieser Slide wurde Johnson erklärt, dass es die Klimakrise gibt und dass sie negative Auswirkungen haben wird. Was erwartet die Menschheit aber in den nächsten 80 Jahren? Wie heiß soll es noch werden?

Der linke Graph auf dieser Seite zeigt, wie sich die globale Temperatur laut dem aktuellsten Prognosemodell CMIP6 (“Coupled Model Intercomparison Project”, auf Deutsch “Gekoppeltes Modellvergleichsprojekt”) bis 2100 entwickeln könnte. Die fünf Kurven stellen unterschiedliche Annahmen dar: Machen wir weiter wie bisher, steigt die durchschnittliche Temperatur bis 2100 um weitere fünf Grad. Schränken wir unseren CO2-Haushalt stark ein, können wir auch eine starke Erhitzung noch verhindern.

Auf der rechten Seite sieht man den gleichen Graphen gespiegelt, allerdings mit den Prognosen aus früheren Berechnungen. Durch die Spiegelung lassen sich beide Graphen besser vergleichen. So sieht man auf einen Blick, dass die Vorhersagen wesentlich pessimistischer wurden. 

#8 Der steigende Meeresspiegel wird zur Bedrohung
 

Der Meeresspiegel steigt wegen der Klimakrise immer weiter an - für Großbritannien ist das ein besonders bedrohliches Szenario. Viele Großstädte liegen an der Küste und nicht weit über dem heutigen Meeresspiegel. Wie extrem der Anstieg ausfallen könnte, wird auf dieser Folie gezeigt. Auch hier wird deutlich: Je mehr CO2 ausgestoßen wird, desto höher wird der Meeresspiegel und desto stärker wird auch die Küste Großbritanniens betroffen sein.
 

#9 Wie geht es in den nächsten fünf Jahren weiter

Dieser Graph zeigt einen Blick in die nähere Zukunft. Die schwarze Linie zeigt die gemessene Temperatur, die blaue Fläche die aktuellste Vorhersage für die nächsten Jahre. Die Temperatur wird demnach zwischen 0,9 und 1,6 Grad über dem vorindustriellen Level liegen. Die roten Flächen zeigen die bisherigen Vorhersagen für den jeweiligen fünf-Jahres-Zeitraum. Die Prognosen waren bisher also ziemlich genau.

#10 Auf diesen Weg hat uns die Politik gebracht
 

Ähnlich wie auf Slide #7 ist hier zu sehen, wie sich die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 im Vergleich zu vorindustrieller Zeit entwickeln könnte. Der Graph der NGO “Climate Action Tracker” rechnet dabei aber auch tatsächliche politische Pläne und versprochene Vorhaben mit ein. Mit den Plänen, die bisher umgesetzt wurden, erwärmt sich die Erde laut der damaligen Prognose bis 2100 immer noch um etwa 3 Grad. 

Wenn die Politik alle Versprechen und Zielvorgaben, die bis in den Jänner 2021 gemacht wurden, tatsächlich umsetzen würde, könnte man diesen Wert noch leicht senken. Für ein nachhaltiges Niveau fehlt aber noch einiges. 
Was diese Werte für die Menschheit überhaupt bedeuten würden, kannst du in dieser Grafik sehen:

Wir befinden uns aktuell auf dem Weg zu einer Erhitzung von 3 Grad bis 2100

#11 Bei diesen Punkten gibt es kein zurück mehr

Auf der letzten Folie wurde Johnson schließlich präsentiert, welche unterschiedlichen Kipppunkte es gibt - also jene Punkte, ab denen ein System “kippt” und wir nicht mehr zu dem vorigen Zustand zurückkehren können. Wenn wir diese Punkte einmal erreicht haben, verstärkt sich die Klimakrise praktisch von selbst. Für die Präsentation wurden diese Punkte drei unterschiedlichen Bereichen zugeteilt und jeweils beschrieben, welche Konsequenzen das für die Welt und Großbritannien haben könnte.


Was die anwesenden Wissenschaftler:innen zu Boris Johnson gesagt haben, ist leider nicht bekannt. Aber die Episode zeigt, dass sogar Menschen wie der britische Premier von Fakten überzeugt werden können. Und das gibt dann auch etwas Hoffnung.
 

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