Was ich wirklich denke
Alexandra fordert mehr Entscheidungskompetenz für Pflegekräfte: "Momentan können wir nicht als Gruppe wahrgenommen werden, die ihre eigenen Entscheidungen trifft."
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/ 9. Juni 2020

Andreas K. (Name von der Redaktion geändert) hat ein Catering-Unternehmen. Die Krise hat ihn nicht nur wirtschaftlich ruiniert, sondern auch so belastet, dass er an Suizid dachte.  Wie er wieder Lebensmut fand, erzählt er hier.

 

Ich hatte bereits den Baum ausgesucht, auf dem ich mich aufhängen wollte. Es war nicht nur wegen Corona. Ich habe gerade eine fürchterliche Scheidung hinter mir, musste aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und leide sehr darunter, dass ich meine Kinder nur noch sporadisch sehen kann. Das war nur einer von mehreren Schicksalsschlägen, die mir in den Monaten vor dem Shutdown widerfahren sind. Weiters habe ich auch zwei gute Freunde verloren, einer starb an Krebs, der andere an einem Unfall. Mit dem Totalumsatzausfall, den mein Cateringunternehmen nun erlitten hat, sind dann auch die letzten Nerven bei mir gerissen.

 

Mutter brachte mich ins Krankenhaus

Ich habe nur noch geweint. Nichts gegessen. Ich habe einfach keine Hoffnung mehr gehabt. Ohne Familie, pleite und als erwachsener Mann wieder bei der Mutter eingezogen - erbärmlicher ging es in meinen Augen nicht. Mama war es aber, die erkannt hat, dass es wirklich schlecht um mich steht. Sie hat mich ins Spital gebracht. Es wäre fast zu spät gewesen. Ich musste insgesamt fünf Wochen auf der Psychiatrie bleiben. Ich bekam Medikamente, auch solche, die mich stark gedämpft haben. Ich geniere mich heute dafür, aber ich wollte sogar noch im Dämmerzustand meinem Leben ein Ende setzen, so verzweifelt war ich.

 

Keine Gesprächstherapie 

Im Krankenhaus selbst habe ich nur bei der Chefvisite mit einem Psychiater gesprochen. Und da ging es nur um die medikamentöse Einstellung. Therapeutische Gespräche oder Gruppensitzungen gab es wegen Corona keine. Aber immerhin haben mir die Tabletten geholfen. Langsam bekam ich danke der Antidepressiva wieder einen Lebenswillen. Bis auf ein bisschen Kunsttherapie gab es aber absolut nichts zu tun. Ich habe selbst im Krankenzimmer  hunderte Liegestütze gemacht und bin im Stiegenhaus auf- und abgelaufen. Denn Sport tut mir gut. Nun bin ich seit zwei Wochen wieder draußen, noch immer hatte ich kein einziges vertiefendes Gespräch mit einem Therapeuten. Ich muss mich nun selbst um eine Gesprächstherapie auf Kassenkasse bemühen - privat kann ich mir das nämlich in der derzeitigen Situation wirklich nicht leisten. Nun habe ich erfahren, dass es kostenlose Gesprächsangebote wie etwa im Kriseninterventionszentrum Wien gibt - aber in Krankenhaus wurde ich da einfach schlecht informiert.

 

Kaum finanzielle Hilfe vom Staat

Schon eine Woche bevor alle Lokale und Geschäfte im März schließen mussten, wurden alle Catering-Aufträge storniert. In der Woche direkt vor dem Shutdown hätte ich fünf große Veranstaltungen gehabt. Mit dem Geld, das ich damit verdient hätte, hätte ich jetzt ein halbwegs gutes, finanzielles Polster. Doch nun habe ich gerade nur noch 28 Euro, die ich von meinem Konto abheben kann. Der bereits ausgedehnte Überziehungsrahmen ist schon ausgeschöpft. Überbrückungskredit hab ich keinen bekommen - auch wenn die Regierung dafür haftet, geben die Banken nix her. Vom Härtefallfonds habe ich gerade einmalig 500 Euro bekommen. Wie soll man davon bitte leben? Es geht nicht nur um die privaten Kosten, ich habe auch ein Lager, für das ich Miete bezahlen muss. Meine Mitarbeiter musste ich alle kündigen, das hat mich natürlich auch belastet. Aber die Kurzarbeit hätte ich mir nie leisten können. Ich habe zwar unter zehn Mitarbeiter, aber die Gehälter müssen monatelang vorgestreckt werden, ehe das Geld für die Kurzarbeit vom AMS fließt. Das hätte mich vollends ruiniert! 

 

Bevölkerung glaubt, Regierung hilft ausreichend

Wenn ich mit Bekannten spreche, dann höre ich immer, dass ich doch vom Staat bestimmt viel Geld bekomme, es gibt doch so viele Unterstützungsprogramme. Das würde die Regierung doch immer in jeder Pressekonferenz betonen. Die Leute sind dann immer ganz erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, dass das einfach nicht stimmt. Ich bin nicht der einzige, der die Auszahlungen aus den Härtefallfonds als schlechten Witz empfindet. Für mich war das gerade mal eine Sterbehilfe. 

Unbürokratisch ist hier gar nichts. Aber immerhin habe ich jetzt wieder so viel Kraft, dass ich mich durch diesen Dschungel an Formularen und Förderansuchen kämpfen kann und nicht sofort auf der Stelle wieder verzweifle.

 

Leidest du unter Depressionen oder hast Suizidgedanken? Bitte wende dich an die Telefonseelsorge, kostenlos stehen dir Berater rund um die Uhr unter 142 zur Verfügung. Es gibt auch Beratungen über Chat und Mail.

Auch die Experten des Kriseninterventionszentrums stehen für eine Beratung und therapeutische Gespräche von Montag bis Freitag unter +43 1/ 406 95 95 zur Verfügung. Auch hier ist eine anonyme E-Mail Beratung möglich.

Die psychologischen Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen ist Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr unter +43 1 /504 8000 erreichbar

 

Mehr zum Thema: Krise und Psyche: Zu wenig Hilfe für seelische Leiden

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